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Walzbachtal unter Druck: Wie die Gemeinde mit klammen Kassen und großen Herausforderungen kämpft

In Aktuelles
Juli 16, 2025

Walzbachtal – Die finanzielle Lage der baden-württembergischen Gemeinde bleibt angespannt. Trotz kurzfristiger Lichtblicke zeigen aktuelle Zahlen, dass der Spielraum für Investitionen und freiwillige Leistungen schwindet. Wie kam es dazu – und welche Wege stehen der Kommune offen?

Die Haushaltslage im Überblick

Die finanzielle Situation in Walzbachtal hat sich in den vergangenen Jahren kontinuierlich zugespitzt. Bereits 2021 und 2022 schloss die Gemeinde ihre Haushaltsjahre mit Defiziten im Millionenbereich ab. Im aktuellen Haushaltsjahr 2025 beläuft sich das erwartete Defizit auf rund acht Millionen Euro – bei einer Gesamtverschuldung von mittlerweile über 16,5 Millionen Euro.

Diese Entwicklung ist nicht ohne Folgen: Das Eigenkapital der Gemeinde liegt bei rund 27,8 Millionen Euro und könnte – folgt man den Prognosen – bis zum Jahr 2029 vollständig aufgebraucht sein. Die Pro-Kopf-Verschuldung pendelte sich zuletzt zwischen 1.864 und 2.020 Euro ein. Im Vergleich zu anderen Kommunen in Baden-Württemberg mit ähnlicher Einwohnerzahl (rund 9.800) liegt Walzbachtal damit deutlich über dem Durchschnitt.

Wie hoch ist die Pro‑Kopf‑Verschuldung in Walzbachtal?

Die Pro‑Kopf‑Verschuldung lag 2021 bei etwa 2.020 Euro, 2022 sank sie leicht auf rund 1.864 Euro. Angesichts steigender Kreditaufnahmen ist für 2025 jedoch erneut mit einem Anstieg zu rechnen.

Gründe für die Schieflage: Einnahmen brechen ein

Gewerbesteuereinbruch als Hauptursache

Einer der wesentlichen Faktoren für die Finanzschwäche ist der massive Rückgang der Gewerbesteuereinnahmen. Zwischen 2023 und 2025 verzeichnete Walzbachtal einen Rückgang um 2,8 Millionen Euro – ein dramatischer Einbruch, der vor allem auf geringere Gewinne wichtiger lokaler Unternehmen zurückzuführen ist. Branchen wie Bau, Zement und Metallverarbeitung sind besonders betroffen, darunter auch das Zementwerk und das Präzisionswerk Prefag.

Warum sinken die Gewerbesteuereinnahmen in Walzbachtal?

Lokale Unternehmen verzeichnen seit Jahren sinkende Gewinne. Die globale Konjunkturkrise, hohe Energiekosten und strukturelle Veränderungen belasten die Wirtschaftskraft in der Region. Weniger Gewinn bedeutet geringere Steuerzahlungen – und damit sinkende Einnahmen für die Gemeinde.

Kreisumlage steigt: Der Haushalt ächzt

Ein weiterer Belastungsfaktor ist die Kreisumlage, die 2025 bei 27,5 % liegt – mit Aussicht auf einen Anstieg auf bis zu 32 % in den kommenden Jahren. Das bedeutet: Ein immer größerer Anteil der kommunalen Einnahmen wird an den Landkreis abgeführt. Für Walzbachtal ergibt sich daraus eine zusätzliche Belastung von rund 3,8 Millionen Euro bis 2028.

Wie stark belastet die Kreisumlage den Walzbachtaler Haushalt?

Zwischen 2023 und 2028 erhöht sich die Kreisumlage um voraussichtlich 3,8 Millionen Euro. Diese Umlage ist nicht verhandelbar – sie wird vom Kreis erhoben und muss gezahlt werden, unabhängig von der Haushaltslage der Kommune.

Haushalt 2025: Licht und Schatten

Einmalige Mehreinnahmen

Trotz des düsteren Gesamtbildes gibt es auch positive Aspekte. Durch höhere Zuweisungen aus dem kommunalen Finanzausgleich, Einnahmen aus Holzverkäufen und Kinderbetreuungsentgelten konnte die Gemeinde zusätzliche Mittel in Höhe von rund 380.000 Euro generieren. Auch Zinserträge aus kurzfristigen Geldanlagen sorgen für Entlastung – hier rechnet man mit rund 180.000 Euro für das Jahr 2025.

Kosteneinsparungen durch Verzögerungen

Weitere Entlastung bringen Verzögerungen bei Projekten sowie nicht vollständig ausgeschöpfte Personalmittel. So konnten rund 600.000 Euro im Personaletat und etwa 620.000 Euro bei Projektausgaben eingespart werden. Dennoch sind diese Einsparungen größtenteils temporärer Natur und können den strukturellen Druck nicht auffangen.

Was wird trotz allem umgesetzt?

Welche freiwilligen Projekte werden trotz knapper Finanzen umgesetzt?

Trotz der angespannten Lage investiert Walzbachtal weiterhin in zukunftsweisende Projekte: Die Sanierung der Oberlinschule schlägt mit 2,85 Millionen Euro zu Buche, Kitas werden ausgebaut, Digitalisierungsmaßnahmen an Schulen vorangetrieben und das Seniorenprojekt „Begleitet Wohnen zu Hause“ weiter unterstützt. Auch Maßnahmen zum Erhalt der Streuobstwiesen bleiben auf der Agenda.

Strategien zur Haushaltskonsolidierung

Vorschläge aus der Kommunalpolitik

Ein Vorschlag aus der CDU-Fraktion: die Senkung der Gewerbesteuerumlage von 35 % auf 30 %. Ziel sei es, die heimische Wirtschaft zu entlasten und die Attraktivität des Standorts zu steigern. Andere Fraktionen fordern hingegen mehr strukturelle Veränderungen auf Landesebene und eine faire Kostenverteilung bei Pflichtaufgaben wie Kinderbetreuung, ÖPNV und Flüchtlingsintegration.

Transparenz und Beteiligung als Steuerungselemente

Bürgermeister Timur Özcan setzt stark auf transparente Kommunikation – unter anderem über Social Media. Dort informiert er regelmäßig über Haushaltsentscheidungen, erklärt komplexe Sachverhalte in einfacher Sprache und sammelt Feedback der Bürger. Auch die digitale Veröffentlichung aller Haushaltsunterlagen gehört zur Strategie der Beteiligung und Akzeptanzförderung.

Bürgerengagement als unterschätzte Ressource

Gibt es in Walzbachtal bürgerschaftliche Spar- oder Nachhaltigkeitsinitiativen?

Ja – der Reparaturtreff im Ortsteil Jöhlingen ist ein Paradebeispiel. Hier reparieren Bürger defekte Elektrogeräte gemeinsam – mit Erfolg: Viele Altgeräte erhalten ein zweites Leben, die Müllmengen sinken, und die Gemeinde spart langfristig Entsorgungskosten. Auch das soziale Netzwerk „Begleitet Wohnen zu Hause“ trägt dazu bei, dass ältere Menschen länger eigenständig leben können – mit weniger Kosten für Pflege und Betreuung.

Das Ehrenamt als Stabilisator

Der Seniorenbeirat, das Jugendforum, freiwillige Feuerwehr und Vereine wie das Soziale Netz Walzbachtal leisten einen immensen Beitrag zur Aufrechterhaltung der sozialen Infrastruktur. Ihr ehrenamtliches Engagement ersetzt teils kostenintensive Dienstleistungen – ein kaum messbarer, aber effektiver Beitrag zur Haushaltsentlastung.

Kooperationen und regionale Synergien

Interkommunale Zusammenarbeit im Fokus

Ein weiteres, bislang wenig beachtetes Potenzial liegt in der verstärkten Zusammenarbeit mit Nachbargemeinden. So wird der Abwasserverband Walzbach beispielsweise gemeinsam mit der Gemeinde Weingarten betrieben. Solche Modelle könnten auch auf andere Bereiche ausgeweitet werden – etwa in der Verwaltung, im Beschaffungswesen oder bei Bauprojekten – um Kosten zu senken und Synergien zu nutzen.

Ein Blick über den Tellerrand

Wie steht Walzbachtal im Landesvergleich da?

Walzbachtal gehört zur Größenklasse der Kommunen mit 5.000 bis 10.000 Einwohnern. Laut Gemeindefinanzbericht 2024 verzeichnen Gemeinden dieser Größe in Baden-Württemberg durchschnittlich Einnahmesteigerungen von 9,5 %, bei gleichzeitigem Ausgabenanstieg von 8,6 %. Das zeigt: Der strukturelle Druck betrifft viele – doch Walzbachtal sticht durch die Dynamik des Defizits besonders hervor.

Eine Gemeinde vor der Weggabelung

Die finanzielle Lage Walzbachtals lässt sich weder verharmlosen noch durch Einmaleffekte auflösen. Die Kombination aus sinkenden Gewerbesteuereinnahmen, steigender Kreisumlage, wachsendem Investitionsbedarf und unzureichender staatlicher Kompensation zwingt die Kommune zu strukturellen Reformen. Dennoch: Inmitten der Haushaltskrise zeigt sich eine resiliente Gemeinde, die kreative Lösungen sucht, bürgerschaftliches Engagement nutzt und auf Dialog setzt. Es bleibt die Hoffnung, dass mit nachhaltiger Planung, politischer Unterstützung und gemeinschaftlichem Willen die Trendwende gelingt – und Walzbachtal wieder mehr als nur sparen kann.

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Als Autor für das Magazin "Nah am digitalen Rand" verbinde ich meine Germanistik-Expertise mit einem unstillbaren Interesse für redaktionell spannende Themen. Meine Leidenschaft gilt der Erforschung und dem Verständnis der digitalen Evolution unserer Sprache, ein Bereich, der mich stets zu tiefgründigen Analysen und Artikeln inspiriert.