Ein geschnitztes Gedächtnis kehrt heim Universität Tübingen gibt Māori-Heiligtum „Pou der Hinematioro“ nach 250 Jahren zurück

06. Februar 2026 | 13:46 Uhr |

Tübingen / Ūawa, 6. Februar 2026: Still und aufrecht steht das geschnitzte Holzbild im Museumssaal von Schloss Hohentübingen. Generationen von Besucherinnen und Besuchern sind achtlos an ihm vorbeigegangen. Doch für andere ist es weit mehr als ein Ausstellungsstück: Es ist ein Ahnenbild, ein Träger von Geschichte, Identität und spiritueller Kraft. Nach über 250 Jahren fern seiner Herkunft wird das Māori-Heiligtum „Pou der Hinematioro“ nun nach Neuseeland zurückkehren.

Mit der Entscheidung, das bedeutende Māori-Heiligtum an seine Ursprungsgemeinschaft zu übergeben, setzt die Universität Tübingen ein Zeichen von internationaler Tragweite. Das geschnitzte Ahnenbild, bekannt als „Pou der Hinematioro“, soll nach Abschluss einer letzten Ausstellung im Frühjahr 2026 an die Māori-Gemeinschaft Te Aitanga-a-Hauiti zurückgegeben werden. Es ist ein Schritt, der weit über den musealen Alltag hinausreicht – und ein weiteres Kapitel in der wachsenden Debatte um koloniale Sammlungen, Provenienzforschung und kulturelle Verantwortung europäischer Institutionen markiert.

Ein Māori-Heiligtum mit tiefer spiritueller Bedeutung

Der „Pou der Hinematioro“ ist kein gewöhnliches Artefakt. Gefertigt aus rotem Holz, etwa einen Meter hoch und reich verziert, gehört er zu den sogenannten Pou – aufrecht stehenden Holzskulpturen, die in der Māori-Kultur eine zentrale Rolle spielen. Solche Figuren repräsentieren Ahnen, Führungspersönlichkeiten oder spirituelle Schutzwesen und sind integraler Bestandteil traditioneller Versammlungshäuser. Sie dienen nicht der reinen Betrachtung, sondern verkörpern Präsenz, Erinnerung und Verbindung zwischen den Generationen.

Der Pou aus Tübingen steht für Hinematioro, eine historisch belegte und hochverehrte Anführerin der Te Aitanga-a-Hauiti im 18. Jahrhundert. Sie galt als mächtige Frau mit weitreichendem Einfluss entlang der Ostküste der Nordinsel Neuseelands. In der mündlichen Überlieferung der Māori ist sie nicht nur politische Akteurin, sondern auch spirituelle Bezugsperson. Der Pou, der ihren Namen trägt, ist damit ein zentrales Māori-Heiligtum, dessen Bedeutung weit über kunsthistorische Kategorien hinausgeht.

Von der Südsee nach Europa

Die Geschichte des Ahnenbildes ist zugleich die Geschichte seiner Entwurzelung. Im Jahr 1771 gelangte der „Pou der Hinematioro“ während einer der pazifischen Expeditionen des britischen Seefahrers James Cook nach Europa. Unter welchen Umständen das Objekt Neuseeland verließ, ist bis heute nicht eindeutig dokumentiert. Sicher ist jedoch, dass es Teil eines umfangreichen Transfers von Kulturgütern war, der im Zeitalter der europäischen Expansion vielfach ohne Zustimmung der betroffenen Gemeinschaften erfolgte.

Über Umwege kam der Pou zunächst nach Großbritannien, später in den Besitz privater Sammler und schließlich 1937 in die Ethnologische Sammlung der Universität Tübingen. Dort blieb das Māori-Heiligtum jahrzehntelang weitgehend unbeachtet – katalogisiert, eingelagert, seiner ursprünglichen Bedeutung beraubt. Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts rückte das Objekt wieder in den Fokus wissenschaftlicher Aufmerksamkeit.

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Wissenschaftliche Wiederentdeckung und behutsame Annäherung

In den 1990er-Jahren begann der damalige Kustos der Sammlung, Volker Harms, mit einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Ahnenbild. Provenienzforschung, kunsthistorische Einordnung und der Abgleich mit historischen Reiseberichten führten schließlich zu einer klaren Identifikation: Es handelte sich um den lange verschollenen „Pou der Hinematioro“. Damit war zugleich klar, dass es sich nicht nur um ein Sammlungsobjekt, sondern um ein zentrales Māori-Heiligtum handelte.

Die wissenschaftliche Arbeit blieb nicht auf Archive beschränkt. Frühzeitig suchte die Universität Tübingen den Kontakt zu Vertreterinnen und Vertretern der Te Aitanga-a-Hauiti. Daraus entwickelte sich über Jahre hinweg ein Dialog, der von gegenseitigem Respekt und wachsendem Vertrauen geprägt war. Delegationen aus Ūawa reisten nach Tübingen, um das Ahnenbild zu sehen, Zeremonien abzuhalten und seine Präsenz wieder spürbar zu machen.

Zwischen Ausstellung und Rückgabe

Ein wichtiger Meilenstein war das Jahr 2019, als der „Pou der Hinematioro“ erstmals seit seiner Entnahme vorübergehend nach Neuseeland zurückkehrte. Die Rückkehr erfolgte im Rahmen einer zeitlich begrenzten Leihgabe und hatte vor allem symbolischen Charakter. Für die Gemeinschaft der Te Aitanga-a-Hauiti war sie dennoch von enormer Bedeutung: Das Māori-Heiligtum konnte wieder im eigenen kulturellen Kontext erfahren werden.

Im Jahr 2024 stellte die neuseeländische Regierung schließlich ein formelles Rückgabeersuchen. Dieses wurde von der Universität Tübingen geprüft und positiv beschieden. Die Entscheidung zur endgültigen Restitution fiel im Bewusstsein der besonderen historischen Verantwortung, die mit dem Besitz kolonialer Kulturgüter verbunden ist.

Kulturelle Verantwortung und politische Einordnung

Die Rückgabe des Māori-Heiligtums ist Teil eines größeren gesellschaftlichen und politischen Diskurses. In Deutschland wie international wächst das Bewusstsein dafür, dass zahlreiche Objekte in ethnologischen Sammlungen unter Bedingungen erworben wurden, die heutigen ethischen Maßstäben nicht standhalten. Die Frage nach dem Umgang mit diesen Beständen ist längst keine rein akademische mehr.

Aus Sicht der Landespolitik ist die Entscheidung der Universität Tübingen ein wichtiges Signal. Sie zeigt, dass wissenschaftliche Einrichtungen bereit sind, sich ihrer Geschichte zu stellen und Konsequenzen zu ziehen. Dabei geht es nicht um Schuldzuweisungen, sondern um Anerkennung historischer Zusammenhänge und um die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

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Auch innerhalb der Universität wird die Rückgabe des „Pou der Hinematioro“ als wegweisend verstanden. Sie soll nicht der letzte Fall bleiben, sondern Maßstäbe für den zukünftigen Umgang mit sensiblen Sammlungsbeständen setzen. Voraussetzung dafür ist eine sorgfältige Provenienzforschung und der offene Dialog mit den Herkunftsgesellschaften.

Die Stimme der Herkunftsgemeinschaft

Für die Te Aitanga-a-Hauiti ist die Rückkehr des Māori-Heiligtums weit mehr als ein politischer oder kultureller Akt. Der Pou steht für die lebendige Verbindung zu den Ahnen und für das Fortbestehen der eigenen Identität. Seine Rückkehr bedeutet, dass ein Teil der eigenen Geschichte wieder vollständig wird.

Vertreter der Gemeinschaft betonen immer wieder, dass der Wert des Ahnenbildes nicht in seiner materiellen Beschaffenheit liege, sondern in seiner spirituellen Dimension. Der „Pou der Hinematioro“ sei Träger von mauri – von Lebensenergie – und damit ein aktiver Bestandteil des kulturellen Lebens. Diese Bedeutung könne nur dort vollständig gelebt werden, wo das Objekt auch kulturell verankert sei.

Letzte Station: Ausstellung in Tübingen

Bevor das Māori-Heiligtum Deutschland endgültig verlässt, ist es noch einmal öffentlich zu sehen. Die Ausstellung „Te Pou o Hinematioro. Celebrating Māori Heritage, Culture and Connection“ im Museum der Universität Tübingen beleuchtet nicht nur die Geschichte des Objekts, sondern auch den langen Weg der Annäherung zwischen Institution und Herkunftsgemeinschaft.

Die Ausstellung versteht sich bewusst nicht als Abschiedsschau, sondern als Teil eines Prozesses. Sie thematisiert Fragen von kultureller Zugehörigkeit, kolonialem Erbe und internationaler Zusammenarbeit – und macht deutlich, dass Rückgaben wie diese nicht Verlust, sondern Gewinn bedeuten können: an Vertrauen, an Wissen und an gegenseitigem Verständnis.

Ein Schritt mit Signalwirkung

Wenn der „Pou der Hinematioro“ im Frühjahr 2026 nach Ūawa zurückkehrt, endet nicht nur die Reise eines einzelnen Objekts. Die Rückgabe des Māori-Heiligtums steht exemplarisch für einen Wandel im Umgang mit kolonialen Sammlungen. Sie zeigt, dass Geschichte nicht abgeschlossen ist, sondern fortgeschrieben wird – durch Entscheidungen in der Gegenwart.

Was einst als ethnologisches Exponat betrachtet wurde, wird wieder das, was es immer war: ein lebendiges Symbol von Herkunft, Würde und Erinnerung. Die Universität Tübingen gibt damit nicht nur ein Objekt zurück, sondern anerkennt die Geschichte und das Recht jener Gemeinschaft, für die dieses Māori-Heiligtum bis heute von zentraler Bedeutung ist.

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Als Autor für das Magazin "Nah am digitalen Rand" verbinde ich meine Germanistik-Expertise mit einem unstillbaren Interesse für redaktionell spannende Themen. Meine Leidenschaft gilt der Erforschung und dem Verständnis der digitalen Evolution unserer Sprache, ein Bereich, der mich stets zu tiefgründigen Analysen und Artikeln inspiriert.