
Hermsdorf/Thüringen, 23. Februar 2026. In Ostthüringen hat ein Heizkraftwerk seine Steuerungslogik grundlegend verändert: Die Anlage reagiert nicht mehr allein auf den lokalen Wärmebedarf, sondern orientiert sich zusätzlich an den aktuellen Strompreisen. Möglich wird das durch die intelligente Verknüpfung von Kraft-Wärme-Kopplung, Wärmepumpen und einer Power-to-Heat-Technologie. Das Projekt gilt als Beispiel dafür, wie sich kommunale Energieversorgung und Strommarkt enger verzahnen lassen – und wirft zugleich Fragen nach Skalierbarkeit und Regulierung auf.
Das smarte Heizkraftwerk im thüringischen Hermsdorf steht für einen tiefgreifenden Wandel in der Energiebranche. Jahrzehntelang folgte der Betrieb solcher Anlagen einer klaren Logik: Wärmebedarf bestimmt die Produktion, Strom fällt als Koppelprodukt an. Nun kehrt sich dieses Verhältnis teilweise um. Marktpreise an der Strombörse fließen in Echtzeit in die Betriebssteuerung ein. Das Kraftwerk entscheidet situativ, ob es Strom erzeugt, Strom aufnimmt oder verstärkt Wärme produziert.
Vom klassischen Heizkraftwerk zum flexiblen Energiesystem
Die Anlage in Hermsdorf arbeitet seit 2003 in Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) und versorgt rund 3.500 Haushalte sowie Gewerbebetriebe mit Fernwärme. Das Grundprinzip der KWK ist effizient: Ein Brennstoff wird genutzt, um gleichzeitig Strom und Wärme zu erzeugen. Die Abwärme der Stromproduktion geht nicht verloren, sondern fließt in das Fernwärmenetz. Damit lassen sich Wirkungsgrade erzielen, die deutlich über denen konventioneller Stromkraftwerke liegen.
Doch die Rahmenbedingungen haben sich verändert. Der deutsche Strommarkt ist geprägt von stark schwankenden Preisen. Wind- und Solaranlagen speisen wetterabhängig ein, zeitweise im Überfluss. In Phasen hoher Einspeisung sinken die Börsenpreise teils drastisch. Genau hier setzt das neue Konzept des smarten Heizkraftwerks an.
Im Herbst 2023 wurde die Anlage technisch erweitert. Neben den bestehenden Blockheizkraftwerken kamen Großwärmepumpen und eine Power-to-Heat-Komponente hinzu. Eine digitale Leitwarte verknüpft interne Betriebsdaten mit externen Strommarktsignalen. Das System berechnet fortlaufend, welche Betriebsweise ökonomisch und energetisch sinnvoll ist.
Reaktion auf Strompreise in Echtzeit
Das Prinzip ist klar: Bei niedrigen Strompreisen – etwa bei starkem Windaufkommen – kann das Heizkraftwerk elektrische Energie aufnehmen und mittels Power-to-Heat in Wärme umwandeln. Die erzeugte Wärme wird in das Fernwärmenetz eingespeist. Steigen die Preise, schalten sich die Blockheizkraftwerke stärker zu und speisen Strom ins Netz ein.
So wird das smarte Heizkraftwerk zu einem aktiven Marktteilnehmer. Es produziert nicht mehr statisch, sondern flexibel. Die Anlage nutzt Preissignale der Strombörse als Steuerungsinstrument. Dieser Mechanismus trägt dazu bei, Stromüberschüsse sinnvoll zu verwerten und das Netz zu stabilisieren.
Für die Betreiber bedeutet das eine neue Form der Wirtschaftlichkeit: Einnahmen und Kosten hängen stärker vom Marktgeschehen ab. Gleichzeitig erhöht sich die Komplexität der Steuerung erheblich. Ohne digitale Messtechnik, Echtzeitdaten und automatisierte Algorithmen wäre eine solche Betriebsweise kaum möglich.
Sektorkopplung als Schlüsselbegriff der Energiewende
Das smarte Heizkraftwerk in Thüringen steht exemplarisch für ein energiepolitisches Leitmotiv der vergangenen Jahre: die Sektorkopplung. Gemeint ist die Verbindung von Strom-, Wärme- und zunehmend auch Verkehrssektor. Ziel ist es, erneuerbare Energien effizienter zu integrieren und Energieflüsse flexibel zu steuern.
Gerade der Wärmesektor gilt als entscheidend für das Gelingen der Energiewende. In Deutschland entfällt ein erheblicher Teil des Endenergieverbrauchs auf Heizung und Warmwasser. Fernwärmenetze, wie sie in Hermsdorf betrieben werden, bieten hier strukturelle Vorteile: Sie ermöglichen die zentrale Einbindung unterschiedlicher Erzeugungsformen.
Das smarte Heizkraftwerk nutzt diese Infrastruktur, um Strommarkt und Wärmeversorgung zusammenzuführen. Überschüssiger Strom wird nicht abgeregelt, sondern in thermische Energie umgewandelt. Umgekehrt kann bei hohen Preisen gezielt Strom eingespeist werden. Damit entsteht ein dynamisches Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage.
Technische Komponenten im Überblick
- Blockheizkraftwerke für gleichzeitige Strom- und Wärmeerzeugung
- Großwärmepumpen zur Nutzung elektrischer Energie für Wärme
- Power-to-Heat-Anlage zur Umwandlung von Stromüberschüssen
- Digitale Steuerung mit Anbindung an Strommarktdaten
Diese Kombination macht das smarte Heizkraftwerk zu einem hybriden System. Es kann innerhalb kurzer Zeit zwischen verschiedenen Betriebsmodi wechseln. Voraussetzung ist eine präzise Abstimmung zwischen Netzbetreiber, Energieversorger und technischer Leitstelle.
Digitalisierung verändert die Energieversorgung
Die Transformation des Heizkraftwerks wäre ohne Digitalisierung nicht denkbar. Intelligente Messsysteme erfassen kontinuierlich Erzeugung, Verbrauch und Temperaturverläufe im Fernwärmenetz. Gleichzeitig fließen Preisindikatoren vom Strommarkt in die Leitwarte ein. Softwaregestützte Prognosen berücksichtigen Wetterdaten, Lastgänge und historische Verbrauchswerte.
Das Ergebnis ist eine automatisierte Entscheidungslogik. Das smarte Heizkraftwerk reagiert innerhalb von Minuten auf veränderte Marktbedingungen. Diese Flexibilität entlastet das Stromnetz, insbesondere in Zeiten hoher Einspeisung aus Wind- und Solarparks.
Der Wandel geht jedoch über Technik hinaus. Er verändert auch Geschäftsmodelle kommunaler Versorger. Einnahmen aus der Stromvermarktung gewinnen an Bedeutung. Gleichzeitig steigt der Bedarf an IT-Kompetenz und Datenmanagement. Energieversorgung wird zunehmend zu einer datengetriebenen Aufgabe.
Chancen für Netzstabilität und Kostenstruktur
Durch die Integration von Strompreissignalen kann das smarte Heizkraftwerk dazu beitragen, Lastspitzen abzufedern. In Zeiten negativer oder sehr niedriger Preise wird Strom nicht verschwendet, sondern in Wärme umgewandelt. Das entlastet das Übertragungsnetz.
Für Endkunden im Fernwärmenetz eröffnet sich perspektivisch die Chance auf stabilere Preisstrukturen. Denn flexible Produktion kann betriebliche Kosten senken. Ob und in welchem Umfang diese Effekte an Verbraucher weitergegeben werden, hängt allerdings von regulatorischen Rahmenbedingungen und langfristigen Vertragsstrukturen ab.
Herausforderungen und regulatorischer Rahmen
So überzeugend das Konzept wirkt, es ist kein Selbstläufer. Ein smartes Heizkraftwerk operiert in einem komplexen regulatorischen Umfeld. Strom- und Wärmemarkt unterliegen unterschiedlichen gesetzlichen Vorgaben. Fördermechanismen, Netzentgelte und Abgaben beeinflussen die Wirtschaftlichkeit erheblich.
Zudem erfordert die flexible Fahrweise hohe Investitionen in Technik und Steuerung. Nicht jedes bestehende Heizkraftwerk lässt sich ohne Weiteres umrüsten. Wirtschaftlich sinnvoll ist ein solcher Umbau vor allem dort, wo bereits ein gut ausgebautes Fernwärmenetz existiert.
Hinzu kommt die Frage der Skalierbarkeit. Während einzelne Anlagen wie in Hermsdorf als Modellprojekt fungieren, stellt sich die Herausforderung, vergleichbare Konzepte in anderen Regionen umzusetzen. Dafür braucht es Investitionssicherheit und klare politische Leitplanken.
Kommunale Energieversorgung im Umbruch
Das Beispiel aus Thüringen zeigt, wie sich kommunale Versorger strategisch neu ausrichten. Das smarte Heizkraftwerk ist nicht nur technische Innovation, sondern Ausdruck eines Strukturwandels. Energie wird nicht länger ausschließlich produziert und verteilt – sie wird gesteuert, optimiert, gehandelt.
Für die Region Hermsdorf bedeutet das eine Modernisierung der Infrastruktur. Für den Energiemarkt insgesamt liefert das Projekt einen praktischen Beleg dafür, wie Sektorkopplung und Digitalisierung ineinandergreifen können.
Ein Modell für die Energiezukunft?
Das smarte Heizkraftwerk in Thüringen steht am Schnittpunkt von Energiewende, Digitalisierung und Marktintegration. Es zeigt, dass auch mittelgroße Anlagen flexibel auf Strompreise reagieren können, ohne die Versorgungssicherheit zu gefährden.
Ob dieses Modell flächendeckend Schule macht, hängt von wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen ab. Klar ist: Die Zukunft der Energieversorgung wird weniger starr, stärker vernetzt – und zunehmend intelligent gesteuert. Hermsdorf liefert dafür einen realen Anwendungsfall, der über die Region hinaus Beachtung findet.



