
Mailand/Cortina d’Ampezzo, 6. Februar 2026 – Ein Stadion im Schein tausender Lichter, jubelnde Ränge und ein Moment, der bewusst langsamer inszeniert war als vieles andere an diesem Abend. Als die olympischen Feuer entzündet wurden, lag für Sekunden jene Stille über Mailand und Cortina, die große Ereignisse erst greifbar macht. Der Auftakt der Olympischen Winterspiele 2026 setzte nicht auf Überwältigung allein, sondern auf Symbolik – und auf das Gewicht sportlicher Geschichte.
Mit einer aufwendig choreografierten Eröffnungsfeier im Mailänder San-Siro-Stadion haben die XXV. Olympischen Winterspiele offiziell begonnen. Rund 60.000 Zuschauer im Stadion und ein weltweites Millionenpublikum erlebten einen Abend, der italienische Kultur, olympische Tradition und zeitgenössische Inszenierung miteinander verband. Der formelle Startschuss fiel mit der Entzündung des olympischen Feuers – erstmals nicht an einem einzigen Ort, sondern zeitgleich in Mailand und im alpinen Cortina d’Ampezzo.
Diese doppelte Flamme steht sinnbildlich für das Konzept der Spiele, die sich auf mehrere Regionen Norditaliens verteilen. Sie markiert zugleich einen historischen Einschnitt in der olympischen Ritualgeschichte – und einen bewussten Bruch mit der Konzentration auf einen einzigen symbolischen Mittelpunkt.
Eine Eröffnung zwischen kulturellem Selbstbewusstsein und olympischer Tradition
Der Abend im San Siro begann mit einem klaren Bekenntnis zur Gastgeberrolle Italiens. Die Eröffnungsfeier verzichtete weitgehend auf technische Effekte um ihrer selbst willen und setzte stattdessen auf musikalische Dramaturgie, klassische Motive und präzise gesetzte Bilder. Beiträge international bekannter Künstler trafen auf Elemente italienischer Hochkultur, ergänzt durch Choreografien, die Landschaften, Städte und historische Bezüge des Landes aufgriffen.
Besondere Aufmerksamkeit galt den musikalischen Darbietungen: Opernklänge, moderne Arrangements und klassische Instrumentalpassagen wechselten sich ab, ohne den Ablauf zu überfrachten. Der bewusste Rhythmus der Inszenierung ließ Raum für Übergänge, für Stille und für jene Momente, in denen sich Sportereignisse in kollektive Erinnerung einschreiben.
Im Zentrum stand dabei weniger der spektakuläre Effekt als die narrative Linie: Italien als Gastgeber, der seine kulturelle Tiefe ebenso zeigt wie seine sportliche Gegenwart. Diese Linie führte konsequent hin zu jenem Moment, der jede Olympiade definiert – der Entzündung des olympischen Feuers.
Zwei Flammen, ein Zeichen: Das olympische Feuer in Mailand und Cortina
Erstmals in der Geschichte der Olympischen Winterspiele wurde das olympische Feuer parallel an zwei Orten entzündet. Diese Entscheidung war nicht allein organisatorisch begründet, sondern bewusst symbolisch gewählt. Mailand als urbane Metropole, Cortina d’Ampezzo als traditionsreicher Wintersportort – beide stehen für unterschiedliche Facetten der Spiele, die sich nun in einem gemeinsamen Ritual verbinden.
Mailand: Der Arco della Pace als Bühne für Ski-Geschichte
Am Arco della Pace, einem der markantesten Monumente Mailands, entzündeten zwei der größten Namen des italienischen Skisports die Flamme: Alberto Tomba und Deborah Compagnoni. Beide stehen für unterschiedliche Generationen, beide für außergewöhnliche Erfolge – und beide für jene Phase, in der Italien im alpinen Skisport internationale Maßstäbe setzte.
Tomba, dreifacher Olympiasieger und bis heute eine der prägenden Figuren des alpinen Skirennsports, brachte das Gewicht der Vergangenheit in diesen Moment ein. Compagnoni, mehrfache Olympiasiegerin und über Jahre hinweg prägende Athletin im Weltcup, ergänzte ihn um jene Konstanz und Eleganz, die ihre Karriere auszeichnete. Gemeinsam entzündeten sie die Flamme, die bis zum Ende der Winterspiele brennen wird.
Die Wahl dieser beiden Persönlichkeiten war mehr als eine Geste der Ehrung. Sie schlug eine Brücke zwischen den großen Erfolgen der Vergangenheit und dem Anspruch, den Italien als Gastgeber an die kommenden Wettkämpfe formuliert.
Cortina d’Ampezzo: Sofia Goggia und der Blick nach vorn
Parallel dazu richteten sich die Blicke nach Cortina d’Ampezzo. Auf der Piazza Angelo Dibona entzündete Sofia Goggia das zweite olympische Feuer. Die Abfahrts-Olympiasiegerin von 2018 und Silbermedaillengewinnerin von 2022 zählt zu den bekanntesten aktiven Wintersportlerinnen des Landes – und zu jenen Athletinnen, die den italienischen Medaillenhoffnungen auch bei diesen Spielen Gewicht verleihen.
Die Übergabe der Fackel durch Gustav Thöni, selbst eine Ikone des alpinen Skisports, verlieh dem Moment zusätzliche Tiefe. Vergangenheit und Gegenwart trafen sichtbar aufeinander. Für Goggia, die ihre sportliche Karriere stets eng mit den alpinen Regionen Italiens verbunden hat, wurde die Zeremonie zu einem der emotionalen Höhepunkte vor Beginn der Wettkämpfe.
Cortina, Austragungsort zahlreicher alpiner Wettbewerbe, rückte mit diesem Moment ins Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit – nicht als Nebenbühne, sondern als gleichwertiger Teil des olympischen Gesamtkonzepts.
Internationale Präsenz und politische Signale
Die Eröffnungsfeier wurde auch politisch aufmerksam verfolgt. Staats- und Regierungsvertreter aus zahlreichen Ländern nahmen an den Zeremonien teil. Italiens Staatspräsident eröffnete die Spiele offiziell, flankiert von internationalen Gästen aus Politik und Diplomatie. Die Präsenz hochrangiger Vertreter unterstrich den Stellenwert der Winterspiele als globales Ereignis über den Sport hinaus.
Zugleich blieb der Abend nicht völlig frei von Spannungen. In Teilen Mailands kam es zu kleineren Protestaktionen, die sich gegen Sicherheitsmaßnahmen und die Auswirkungen der Spiele auf die Stadt richteten. Sie blieben jedoch randständig und änderten nichts am kontrollierten Ablauf der Veranstaltung.
Die Organisatoren setzten sichtbar auf Ordnung, Sicherheit und klare Abläufe – ein Kontrast zur emotionalen Aufladung der Bilder, der den Abend dennoch nicht kühl wirken ließ.
Der Auftakt eines langen Wettbewerbsprogramms
Mit der Entzündung der olympischen Feuer ist der formale Beginn der Winterspiele vollzogen. In den kommenden gut zwei Wochen werden Athletinnen und Athleten aus rund 90 Nationen in 16 Sportarten um Medaillen kämpfen. Die Wettbewerbe verteilen sich auf mehrere Austragungsorte in Norditalien, von den alpinen Regionen bis in urbane Arenen.
Die Eröffnungsfeier setzte dabei bewusst keinen sportlichen Akzent im engeren Sinne. Sie verstand sich als Übergang: vom Warten auf die Spiele hin zum sportlichen Alltag, der nun beginnt. Parade der Nationen, Flaggen, Hymnen – all das folgte dem vertrauten Protokoll, erhielt jedoch durch die doppelte Flamme eine neue Lesart.
Olympisches Feuer entzündet zu sehen, bedeutete an diesem Abend nicht nur den Start eines Turniers, sondern auch das Sichtbarwerden eines Konzepts, das Vielfalt zulässt, ohne den gemeinsamen Kern aufzugeben.
Ein Symbol, das trägt
Die Bilder aus Mailand und Cortina werden bleiben: zwei Flammen, entzündet von Sportlern, die für Erfolg, Kontinuität und Gegenwart stehen. Sie markieren keinen radikalen Neubeginn, sondern eine behutsame Weiterentwicklung olympischer Rituale. Genau darin liegt ihre Stärke.
Wenn in den kommenden Tagen Medaillen vergeben, Rekorde gebrochen und Träume erfüllt oder zerstört werden, wird das olympische Feuer als stiller Begleiter präsent sein. Es erinnert daran, dass hinter jedem Wettkampf mehr steht als das Ergebnis – und dass große Sportereignisse ihre Wirkung oft in jenen Momenten entfalten, in denen sie innehalten, statt zu beschleunigen.



