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Extremes Wetter DWD warnt vor Lebensgefahr: Müssen Arbeitnehmer bei extremem Wetter zur Arbeit?

In Umwelt
Januar 08, 2026

8. Januar 2026 – Der Wind heult durch Straßenschluchten, Regen verwandelt Gehwege in spiegelnde Flächen, Warnmeldungen blinken auf den Displays. Der Deutsche Wetterdienst spricht von Lebensgefahr. Für viele Beschäftigte beginnt der Tag nicht mit dem Blick auf den Kalender, sondern mit einer existenziellen Frage: Darf – oder muss – ich mich jetzt überhaupt auf den Weg zur Arbeit machen?

Extreme Wetterlagen sind längst kein Ausnahmephänomen mehr. Orkanböen, Starkregen, Glatteis oder schwere Gewitter treffen Deutschland immer häufiger und oft überraschend. Mit jeder neuen Warnung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) wächst die Unsicherheit bei Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern: Gilt die Arbeitspflicht auch dann, wenn staatliche Stellen ausdrücklich vor Lebensgefahr warnen? Die Antwort ist komplex, juristisch klar umrissen – und im Alltag dennoch voller Grauzonen.

Warnungen des Deutschen Wetterdienstes: Orientierung, keine Anordnung

Der Deutsche Wetterdienst ist die offizielle meteorologische Institution der Bundesrepublik Deutschland. Zu seinen Kernaufgaben gehört es, Wetterentwicklungen zu beobachten, vorherzusagen und die Bevölkerung vor gefährlichen Wetterereignissen zu warnen. Diese Warnungen sind abgestuft und reichen von allgemeinen Hinweisen bis hin zu Warnungen vor extremem Unwetter, bei denen ausdrücklich auf mögliche Gefahren für Leib und Leben hingewiesen wird.

Entscheidend ist dabei: Eine DWD-Warnung ist ein Instrument der Information und Vorsorge, keine rechtliche Weisung. Sie richtet sich an die Bevölkerung ebenso wie an Behörden, Rettungsdienste und kommunale Stellen. Ziel ist es, Risiken transparent zu machen und Menschen in die Lage zu versetzen, verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen – etwa Aufenthalte im Freien zu vermeiden oder Fahrten zu verschieben.

Für das Arbeitsrecht entfalten diese Warnungen jedoch keine unmittelbare Bindungswirkung. Weder suspendieren sie automatisch die Arbeitspflicht, noch begründen sie pauschal ein Recht, zu Hause zu bleiben. Genau an dieser Stelle beginnt das Spannungsfeld zwischen meteorologischer Warnlage und arbeitsrechtlicher Realität.

Was die Warnstufen konkret bedeuten

  • Amtliche Warnung (Gelb): Wetterlagen mit potenziellen Risiken, erhöhte Aufmerksamkeit empfohlen.
  • Warnung vor markantem Wetter (Orange): Deutlich spürbare Wetterereignisse mit möglicher Gefährdung.
  • Amtliche Unwetterwarnung (Rot): Weitreichende Gefahren, erhebliche Beeinträchtigungen wahrscheinlich.
  • Warnung vor extremem Unwetter (Violett): Außergewöhnliche Wetterereignisse mit akuter Lebensgefahr.

Insbesondere die höchste Warnstufe sorgt regelmäßig für Verunsicherung. Wenn der DWD empfiehlt, Aufenthalte im Freien zu vermeiden, scheint der Arbeitsweg plötzlich selbst zum Risiko zu werden. Doch rechtlich bleibt die Lage differenziert.

Arbeitspflicht trotz Unwetter: Der Grundsatz des Wegerisikos

Im deutschen Arbeitsrecht gilt ein klarer Grundsatz: Arbeitnehmer sind verpflichtet, ihre Arbeitsleistung zu erbringen und den Arbeitsplatz zu erreichen. Dieses Prinzip gilt grundsätzlich unabhängig von äußeren Umständen wie Verkehrsstörungen, Streiks oder eben widrigen Wetterbedingungen. Juristisch wird dies als Wegerisiko bezeichnet. Es liegt beim Arbeitnehmer, den Weg zur Arbeit so zu organisieren, dass er pünktlich und arbeitsfähig erscheint.

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Das bedeutet konkret: Regen, Schnee, Sturm oder Glatteis entbinden nicht automatisch von der Arbeitspflicht. Beschäftigte müssen in solchen Situationen mehr Zeit einplanen, alternative Routen wählen oder frühere Verkehrsmittel nutzen. Selbst massive Beeinträchtigungen des Verkehrs gelten arbeitsrechtlich zunächst als persönliches Risiko.

Auch eine offizielle Warnung des Deutschen Wetterdienstes ändert an diesem Grundsatz zunächst nichts. Die Warnung informiert über Gefahren, hebt aber nicht die arbeitsvertraglichen Pflichten auf. Arbeitgeber dürfen daher grundsätzlich erwarten, dass ihre Mitarbeiter erscheinen – selbst bei schwierigen Wetterverhältnissen.

Die Grenze der Zumutbarkeit

Dieser Grundsatz findet dort seine Grenze, wo der Arbeitsweg objektiv unzumutbar oder lebensgefährlich wird. Das Arbeitsrecht verlangt nicht, dass Arbeitnehmer ihre Gesundheit oder ihr Leben aufs Spiel setzen. In extremen Wetterlagen kann daher eine Situation entstehen, in der das Wegerisiko faktisch endet.

Eine solche Grenze ist erreicht, wenn die Gefährdungslage nicht mehr nur abstrakt, sondern konkret ist: etwa bei Orkanböen, die das Umstürzen von Bäumen wahrscheinlich machen, bei starkem Glatteis mit akuter Unfallgefahr oder bei Überflutungen, die Verkehrswege unpassierbar machen. In diesen Fällen kann eine sogenannte begründete Arbeitsverhinderung vorliegen.

Ob diese Schwelle erreicht ist, lässt sich nicht pauschal festlegen. Entscheidend sind immer die konkreten Umstände: die Intensität der Wetterlage, der individuelle Arbeitsweg, verfügbare Alternativen und die zeitliche Dauer der Gefahr. Eine allgemeine Warnung allein reicht nicht aus, sie kann jedoch ein starkes Indiz für eine objektive Gefährdung sein.

Kommunikation statt Konfrontation

In der Praxis spielt neben der rechtlichen Bewertung vor allem die Kommunikation eine zentrale Rolle. Wer sich aufgrund einer extremen Wetterwarnung nicht auf den Weg zur Arbeit machen kann, sollte den Arbeitgeber unverzüglich informieren. Transparenz ist hier entscheidend, um Missverständnisse und arbeitsrechtliche Konflikte zu vermeiden.

Viele Unternehmen reagieren in solchen Situationen pragmatisch: Homeoffice-Lösungen, flexible Arbeitszeiten oder das Nachholen von Arbeitsstunden sind gängige Mittel, um Sicherheit und betriebliche Interessen miteinander zu vereinbaren. Rechtlich verpflichtend sind solche Lösungen jedoch nur dann, wenn entsprechende Vereinbarungen bestehen.

Fehlt eine solche Regelung, bleibt es bei der Einzelfallabwägung. Eine eigenmächtige Entscheidung, der Arbeit fernzubleiben, birgt Risiken – insbesondere dann, wenn sich im Nachhinein herausstellt, dass der Arbeitsweg objektiv doch zumutbar gewesen wäre.

Lohnanspruch bei extremem Wetter

Ein besonders sensibler Punkt ist die Frage der Vergütung. Grundsätzlich gilt: Ohne Arbeitsleistung kein Lohn. Kann ein Arbeitnehmer aufgrund einer extremen Wetterlage nicht erscheinen, weil der Weg unzumutbar oder gefährlich ist, besteht in der Regel kein Anspruch auf Entgeltfortzahlung. Die Arbeitsleistung wurde nicht erbracht, das Wegerisiko liegt beim Arbeitnehmer.

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Anders stellt sich die Lage dar, wenn nicht der Arbeitsweg, sondern der Betrieb selbst betroffen ist. Muss ein Unternehmen etwa wegen Stromausfällen, Überflutungen oder Sturmschäden schließen, greift das sogenannte Betriebsrisiko. In diesem Fall trägt der Arbeitgeber das Risiko des Arbeitsausfalls – und ist weiterhin zur Lohnzahlung verpflichtet.

Diese Unterscheidung ist für viele Beschäftigte schwer nachvollziehbar, aber arbeitsrechtlich klar verankert. Sie zeigt, wie stark das System zwischen individueller Verantwortung und betrieblicher Sphäre differenziert.

Warn-Apps, Sirenen und Eigenverantwortung

Mit Warnsystemen wie der WarnWetter-App des Deutschen Wetterdienstes oder Katwarn haben sich die Informationswege in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Push-Nachrichten informieren heute in Echtzeit über gefährliche Wetterlagen. Diese Systeme erhöhen die Sensibilität für Risiken – ersetzen aber keine individuelle Abwägung.

Auch wenn eine App vor Lebensgefahr warnt, bleibt die Entscheidung über den Arbeitsweg zunächst eine persönliche. Arbeitnehmer müssen die Informationen einordnen, ihre Situation bewerten und verantwortungsvoll handeln. Das Arbeitsrecht erwartet keine Heldentaten, aber auch keine vorschnellen Rückzüge.

In der Realität bedeutet das: Wer sich unsicher ist, sollte frühzeitig das Gespräch suchen, mögliche Alternativen prüfen und Entscheidungen dokumentieren. Eine nüchterne Einschätzung der Lage ist dabei ebenso wichtig wie der Blick auf die eigene Sicherheit.

Wenn Warnungen Alltag werden

Extreme Wetterwarnungen des DWD sind längst kein seltenes Ereignis mehr. Sie stellen Beschäftigte und Arbeitgeber vor neue Herausforderungen und machen deutlich, dass traditionelle arbeitsrechtliche Konzepte zunehmend unter Druck geraten. Die Frage, ob man bei Lebensgefahr zur Arbeit muss, lässt sich nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten.

Fest steht: Eine Warnung vor Lebensgefahr ist ein ernstes Signal, aber kein Freibrief. Sie verschiebt die Verantwortung nicht automatisch, sondern verlangt eine sorgfältige Abwägung. Zwischen Arbeitspflicht und Selbstschutz verläuft eine schmale Linie – und sie wird in Zeiten extremer Wetterereignisse immer häufiger überschritten.

Der Umgang mit extremem Wetter offenbart ein Grunddilemma moderner Arbeitsgesellschaften. Einerseits bestehen klare arbeitsrechtliche Pflichten, andererseits wächst das Bewusstsein für Risiken, die sich nicht ignorieren lassen. Der Deutsche Wetterdienst liefert die Faktenlage, das Arbeitsrecht setzt den Rahmen – doch die Entscheidung fällt oft im Moment, allein, vor der Haustür. Dort, wo Pflichtbewusstsein auf Selbstschutz trifft, zeigt sich, dass Recht und Realität nicht immer deckungsgleich sind.

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Als Autor für das Magazin "Nah am digitalen Rand" verbinde ich meine Germanistik-Expertise mit einem unstillbaren Interesse für redaktionell spannende Themen. Meine Leidenschaft gilt der Erforschung und dem Verständnis der digitalen Evolution unserer Sprache, ein Bereich, der mich stets zu tiefgründigen Analysen und Artikeln inspiriert.