
Berlin, 5. Februar 2026 – Es ist ein kalter Wintermorgen am Nollendorfplatz, doch die Farben über der ikonischen U-Bahn-Kuppel leuchten wie eh und je. Regenbogenstreifen spannen sich über den Verkehrsknotenpunkt in Schöneberg, ein vertrautes Bild für viele, ein Ankunftsort für andere. Nun bekommt dieser Ort einen Namen, der längst gelebte Realität widerspiegelt – und politisch aufgeladen ist.
Der Berliner Nollendorfplatz wird künftig offiziell als „Regenbogenkiez“ gekennzeichnet. Was auf den ersten Blick wie eine formale Ergänzung auf Stationsschildern wirkt, ist bei genauerem Hinsehen ein bewusst gesetztes Zeichen: für Sichtbarkeit, für Anerkennung, für eine jahrzehntelang gewachsene queere Stadtkultur. Die Entscheidung der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), den Zusatz „Regenbogenkiez“ in die Beschilderung der U-Bahnstation aufzunehmen, markiert einen weiteren Schritt in der öffentlichen Würdigung eines Viertels, das weit über Berlin hinaus als Symbol queeren Lebens gilt.
Ein Platz, der Geschichte trägt
Der Nollendorfplatz ist mehr als ein Verkehrsknotenpunkt. Er ist einer jener Berliner Orte, an denen sich Stadtgeschichte verdichtet. Schon in den 1920er-Jahren entwickelte sich rund um den Platz und die angrenzenden Straßen ein vielfältiges homosexuelles Leben. Bars, Treffpunkte und kulturelle Orte boten Raum für Selbstentfaltung in einer Zeit, in der dies alles andere als selbstverständlich war. Diese Offenheit wurde mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten brutal beendet. Verfolgung, Zerschlagung von Netzwerken und Deportationen ließen das queere Leben im Kiez verstummen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg begann ein langsamer Neubeginn. Besonders in den 1970er- und 1980er-Jahren wurde Schöneberg erneut zu einem Zentrum schwuler und lesbischer Emanzipation. Der Nollendorfplatz entwickelte sich zum Orientierungspunkt – für Menschen aus der Stadt, aus der Bundesrepublik, später aus aller Welt. Heute steht der Regenbogenkiez für diese Kontinuität ebenso wie für die Brüche, die seine Geschichte geprägt haben.
Die Regenbogenkuppel als sichtbares Zeichen
Ein prägendes Symbol dieser Entwicklung ist die U-Bahn-Station selbst. Seit 2014 zieren dauerhaft Regenbogenfarben die Kuppel des denkmalgeschützten Bahnhofs. Sie sind bewusst unübersehbar – ein farbliches Statement im Berliner Stadtbild. Die Kuppel wurde seither zu einem Ort der Identifikation, zu einem Treffpunkt, zu einem fotografierten Wahrzeichen. Dass nun auch der Name der Station den Regenbogenkiez sichtbar macht, schließt eine Lücke zwischen Symbolik und offizieller Benennung.
Die BVG bestätigte Anfang Februar, dass die Station künftig mit dem Zusatz „Regenbogenkiez“ versehen wird. Fahrgäste werden diesen Namen auf Schildern, Lageplänen und in der digitalen Fahrgastinformation lesen können. Der ursprüngliche Stationsname bleibt erhalten, ergänzt um eine Bezeichnung, die den kulturellen und gesellschaftlichen Kontext des Ortes aufgreift.
Politischer Beschluss mit Signalwirkung
Der Weg zu dieser Entscheidung war kein spontaner. Bereits 2024 hatte die CDU-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof-Schöneberg einen Antrag eingebracht, der genau diese Zusatzbezeichnung forderte. Ziel war es, die besondere Bedeutung des Viertels für die queere Community offiziell anzuerkennen und die Sichtbarkeit queeren Lebens im öffentlichen Raum zu stärken.
Der queerpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Klaus Hackenschmied, sprach im Zusammenhang mit der Entscheidung von einem bewussten politischen Signal. Der Regenbogenkiez sei ein Ort der Geschichte, der Gegenwart und der Identität, dessen Bedeutung nicht länger nur informell oder touristisch benannt, sondern auch institutionell sichtbar gemacht werden solle. In Zeiten zunehmender queerfeindlicher Übergriffe sei Sichtbarkeit kein Selbstzweck, sondern Ausdruck von Solidarität und Haltung.
Auch aus der Berliner Landespolitik kam Zustimmung. Verkehrssenatorin Ute Bonde (CDU) erklärte, die BVG-Beschilderung trage dazu bei, den Regenbogenkiez als festen Bestandteil der Stadtkarte zu verankern. Es gehe nicht darum, Stadtteile umzubenennen, sondern darum, ihre gewachsene Identität sichtbar zu machen.
Zwischen Anerkennung und Alltagsrealität
Der neue Namenszusatz wird in der queeren Community überwiegend positiv aufgenommen, doch er löst nicht alle Diskussionen. Manche Stimmen weisen darauf hin, dass Symbolpolitik allein nicht ausreiche. Der Regenbogenkiez sei zwar international bekannt, stehe aber auch vor Herausforderungen: steigende Mieten, Verdrängung von Szeneorten, zunehmender Druck durch Kommerzialisierung. Die Gefahr, dass aus gelebter Vielfalt eine Kulisse werde, ist Teil der Debatte.
Andere verweisen darauf, dass gerade die offizielle Anerkennung helfen könne, das Viertel zu schützen – als kulturellen Raum, als Erinnerungsort, als lebendiges Quartier. Die Benennung als Regenbogenkiez mache sichtbar, dass es sich nicht um ein beliebiges Ausgehviertel handelt, sondern um einen historisch gewachsenen Schutz- und Freiraum.
Ein Kiez mit internationaler Strahlkraft
Der Regenbogenkiez rund um den Nollendorfplatz ist längst ein fester Bestandteil des Berliner Selbstverständnisses als offene, diverse Metropole. Jährlich zieht das lesbisch-schwule Stadtfest hunderttausende Besucherinnen und Besucher an. Straßen werden gesperrt, Bühnen aufgebaut, Informationsstände reihen sich an Bars und Cafés. Für ein Wochenende wird der Kiez zur großen Freiluftbühne queerer Kultur.
Auch jenseits dieser Großereignisse prägt der Regenbogenkiez den Alltag. Lokale Buchhandlungen, Beratungsstellen, Bars, Clubs und Vereine schaffen ein dichtes Netzwerk. Viele dieser Orte sind nicht nur Treffpunkte, sondern auch soziale Anlaufstellen – insbesondere für Menschen, die neu in der Stadt sind oder Unterstützung suchen.
Tourismus, Erinnerung, Gegenwart
Stadtführungen widmen sich gezielt der queeren Geschichte Schönebergs. Sie erzählen von den Anfängen in der Weimarer Republik, von Verfolgung und Neubeginn, von politischem Aktivismus und kultureller Selbstbehauptung. Der Nollendorfplatz fungiert dabei häufig als Start- oder Endpunkt – als geografischer und symbolischer Mittelpunkt.
Der Namenszusatz Regenbogenkiez fügt sich in diese Erzählung ein. Er erleichtert Orientierung, stärkt die internationale Wiedererkennbarkeit und verankert die Geschichte im Alltag der Stadt. Für viele Besucherinnen und Besucher wird damit bereits bei der Ankunft klar, dass sie einen besonderen Ort betreten.
Sichtbarkeit als Schutz und Verpflichtung
Die Entscheidung kommt in einer Zeit, in der Fragen nach Sicherheit und Akzeptanz erneut an Dringlichkeit gewinnen. Queerfeindliche Übergriffe, Vandalismus gegen Regenbogensymbole und verbale Anfeindungen gehören auch in Berlin zur Realität. Sichtbarkeit ist in diesem Kontext nicht nur Ausdruck von Stolz, sondern auch ein Mittel der Prävention. Ein klar benannter Regenbogenkiez signalisiert: Dieser Ort gehört zur Stadt, seine Geschichte ist anerkannt, seine Bewohnerinnen und Bewohner sind nicht allein.
Gleichzeitig schafft Sichtbarkeit Erwartungen. Der Regenbogenkiez steht nicht nur für Feiern und Farben, sondern auch für politische Verantwortung. Fragen nach Schutzkonzepten, nach Unterstützung für Beratungsangebote, nach dem Erhalt kultureller Orte bleiben auf der Agenda. Die Benennung ist ein Schritt – nicht das Ende eines Prozesses.
Ein Name, der bleibt
Mit der offiziellen Kennzeichnung des Nollendorfplatzes als Regenbogenkiez schreibt Berlin ein weiteres Kapitel seiner Stadtgeschichte. Es ist ein leiser Akt, ohne Zeremonie, ohne großes Spektakel – und gerade deshalb wirkungsvoll. Der Name fügt sich in den Alltag ein, in Durchsagen, auf Schildern, in Stadtplänen. Er erinnert daran, dass Vielfalt kein Randthema ist, sondern Teil der urbanen Identität.
Der Regenbogenkiez ist damit nicht neu erfunden, sondern benannt. Er bleibt ein Ort der Begegnung, der Erinnerung und der Auseinandersetzung. Und er zeigt, dass Sichtbarkeit im Stadtbild mehr sein kann als Dekoration: ein politisches Bekenntnis, eingebettet in den Rhythmus einer Stadt, die sich ihrer Geschichte bewusst ist – und sie weiterträgt.



