
Neumünster / Wattenbek – 4. Februar 2026. – Der Wald ist still an diesem Wintermorgen. Nur das Knacken von Ästen, das rhythmische Suchen der Stiefel im Unterholz, durchbricht die Ruhe. Mehr als elf Jahre nach dem Verschwinden von Horst Linnemann hoffen Ermittler nun, im Wattenbeker Gehege eine Antwort auf eine der hartnäckigsten ungeklärten Fragen Schleswig-Holsteins zu finden.
Was im Dezember 2014 mit einer Vermisstenanzeige begann, hat sich über die Jahre zu einem der bekanntesten Cold-Cases der Region entwickelt. Der Fall Horst Linnemann, Sohn eines Arztes aus Neumünster, ist geprägt von langen Phasen der Stille, von Spuren, die versandeten, und von der quälenden Ungewissheit für Angehörige und Ermittler gleichermaßen. Nun aber richtet sich der Blick erneut auf ein Waldgebiet nördlich der Stadt – und auf die Hoffnung, dass die Suche nach der Wahrheit nicht vergeblich ist.
Der Tag des Verschwindens
Am 15. Dezember 2014 wird Horst Linnemann, damals 28 Jahre alt und Student des Maschinenbaus, zuletzt lebend gesehen. Nach übereinstimmenden Erkenntnissen der Ermittler verabschiedet er sich am Mittag von seiner damaligen Freundin in einer Wohnung im Neumünsteraner Stadtteil Faldera. Es ist ein scheinbar gewöhnlicher Tag, ohne bekannte Anzeichen eines bevorstehenden Bruchs.
Doch am Abend kehrt Linnemann nicht zurück. Telefonisch ist er nicht erreichbar. Seine Freundin meldet ihn schließlich bei der Polizei als vermisst. Für die Beamten beginnt damit eine Suche, die zunächst von der Hoffnung getragen ist, der junge Mann könne freiwillig untergetaucht oder in eine Notsituation geraten sein.
Linnemann ist zu diesem Zeitpunkt mit einem dunkelblauen VW Golf IV unterwegs, amtliches Kennzeichen NMS-ZX 88. Das Fahrzeug wird fünf Tage später, am 20. Dezember 2014, in Hamburg aufgefunden. Der Wagen ist verschlossen, Hinweise auf einen Unfall oder ein Verbrechen ergeben sich zunächst nicht. Von Horst Linnemann selbst fehlt jede Spur.
Ein frühes Umdenken der Ermittler
Mit dem Auffinden des Fahrzeugs verschiebt sich der Fokus der Ermittlungen. Schon wenige Monate später gehen die Behörden nicht mehr von einem freiwilligen Verschwinden aus. Im Juli 2015 äußert die Kriminalpolizei erstmals öffentlich den Verdacht, Horst Linnemann könne Opfer eines Gewaltverbrechens geworden sein.
Nach damaligem Ermittlungsstand nehmen die Beamten an, dass Linnemann getötet und seine Leiche anschließend im Raum Neumünster versteckt worden sein könnte. Auch die Möglichkeit, der Leichnam sei angezündet und vergraben worden, wird geprüft. Konkrete Beweise dafür gibt es jedoch nicht.
Es folgen groß angelegte Suchaktionen. Spürhunde werden eingesetzt, Kleingartenanlagen durchsucht, Bagger graben an Stellen, die Hinweise versprechen. Doch trotz intensiver Maßnahmen bleibt die Suche erfolglos. Der Name Horst Linnemann verschwindet zunehmend aus den Schlagzeilen, nicht aber aus den Akten der Polizei.
Ein Fall wird zum Cold Case
Die Jahre vergehen, ohne dass sich entscheidende neue Erkenntnisse ergeben. Zwei Männer aus dem Umfeld des Vermissten geraten zeitweise ins Visier der Ermittler. Beide sind damals ebenfalls Mitte zwanzig. Gegen sie richtet sich ein Tatverdacht, der sich jedoch nicht erhärten lässt. Es kommt zu keiner Anklage.
Auch eine ausgelobte Belohnung von 1.500 Euro für sachdienliche Hinweise bringt keine entscheidende Wendung. Der Fall Horst Linnemann gilt zunehmend als festgefahren. Für die Familie bedeutet dies vor allem eines: eine anhaltende Ungewissheit darüber, was ihrem Sohn, Bruder und Freund widerfahren ist.
Innerhalb der Polizei jedoch bleibt der Fall präsent. Mit der Einrichtung spezialisierter Cold-Case-Einheiten in mehreren Bundesländern erhält auch dieser Vermisstenfall neue Aufmerksamkeit. Moderne Auswertungsmethoden, neue forensische Ansätze und die erneute Befragung von Zeugen sollen helfen, alte Spuren neu zu lesen.
Die Cold Case Unit übernimmt
Im Jahr 2024 übernimmt die Cold Case Unit des Landeskriminalamts Schleswig-Holstein offiziell die Ermittlungen. Die Beamten sichten tausende Seiten Aktenmaterial, rekonstruieren zeitliche Abläufe, prüfen frühere Zeugenaussagen und gleichen diese mit neuen Hinweisen ab.
Was genau schließlich den Ausschlag gibt, bleibt aus ermittlungstaktischen Gründen unter Verschluss. Fest steht jedoch: Anfang 2026 sehen die Ermittler erstmals seit Jahren wieder einen konkreten Ansatz, der Hoffnung auf einen Durchbruch macht.
Dieser Ansatz führt sie in das Wattenbeker Gehege, ein ausgedehntes Waldgebiet zwischen Neumünster und Bordesholm. Ein Ort, der bislang nicht im Zentrum der öffentlichen Suche stand, nun aber als möglicher Ablageort der Leiche in den Fokus rückt.
Suche im Wattenbeker Gehege
Seit dem 3. Februar 2026 durchkämmen rund 30 Einsatzkräfte das Waldgebiet systematisch. Das Areal ist abgesperrt, Spaziergänger werden umgeleitet. Die Ermittler arbeiten mit klaren Suchrastern, untersuchen den Boden, das Unterholz, alte Senken und schwer zugängliche Bereiche.
Das Wattenbeker Gehege ist als Naherholungsgebiet bekannt, mit dichtem Baumbestand und teils unübersichtlichem Gelände. Gerade diese Struktur macht es aus Sicht der Ermittler plausibel, dass hier über Jahre hinweg etwas verborgen geblieben sein könnte.
Die Suche ist auf mehrere Tage angelegt. Nach Angaben der Polizei soll sie mindestens bis Donnerstag andauern. Ob technische Hilfsmittel wie Bodenradar oder spezialisierte Suchhunde zum Einsatz kommen, wird nicht im Detail bestätigt.
Zwischen Hoffnung und Vorsicht
Die Ermittler äußern sich zurückhaltend. Man sei „vorsichtig optimistisch“, heißt es aus Polizeikreisen. Zu oft in der Vergangenheit habe sich eine Spur als Sackgasse erwiesen. Gleichzeitig betonen die Beamten, dass die aktuelle Maßnahme auf konkreten, neuen Hinweisen beruhe.
Für die Familie von Horst Linnemann ist die Situation besonders belastend. Jede neue Suche weckt Hoffnung – und die Angst vor einer endgültigen Gewissheit. Öffentlich äußern sich die Angehörigen derzeit nicht.
Der Fall Horst Linnemann im Überblick
Der Vermisstenfall weist mehrere Besonderheiten auf, die ihn bis heute beschäftigen:
- Das plötzliche Verschwinden ohne bekannte Vorankündigung oder Abschiedszeichen
- Das spätere Auffinden des Fahrzeugs in einer anderen Stadt
- Frühe Hinweise auf ein mögliches Tötungsdelikt ohne Leichenfund
- Mehrere überprüfte Tatverdächtige ohne belastbare Beweise
- Jahrelange Ermittlungen ohne abschließende Klärung
All diese Aspekte machen den Fall Horst Linnemann zu einem klassischen Cold Case – und zugleich zu einem der emotional aufgeladensten Vermisstenfälle der Region.
Appell an mögliche Zeugen
Parallel zur Suche im Wald wendet sich die Polizei erneut an die Öffentlichkeit. Gesucht werden Hinweise, die bislang möglicherweise als unbedeutend erschienen:
- Beobachtungen rund um den 15. Dezember 2014 in Neumünster und Umgebung
- Hinweise zu Aufenthalten oder Fahrten mit dem VW Golf von Horst Linnemann
- Kenntnisse über Garagen, Abstellräume oder abgelegene Orte, die Linnemann genutzt haben könnte
- Auffällige Beobachtungen im Bereich des Wattenbeker Geheges in den Jahren nach dem Verschwinden
Die Ermittler betonen, dass auch scheinbar nebensächliche Informationen entscheidend sein können – insbesondere in einem Fall, der über Jahre hinweg ungelöst geblieben ist.
Ein offenes Kapitel der Kriminalgeschichte
Mehr als elf Jahre nach dem Verschwinden von Horst Linnemann steht der Fall an einem Punkt, der sowohl von Hoffnung als auch von Ernst geprägt ist. Sollte es gelingen, im Wattenbeker Gehege sterbliche Überreste zu finden, wäre dies ein Wendepunkt – für die Ermittlungen, für die Familie und für die Frage nach Verantwortung und Schuld.
Bis dahin bleibt der Wald ein Ort der Suche. Und der Name Horst Linnemann steht weiterhin für ein Schicksal, das noch immer nicht vollständig erzählt ist.



