Milliardenloch im Gesundheitssystem KBV-Chef Gassen fordert Streichung freiwilliger Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung zur Entlastung der GKV-Finanzen

23. Februar 2026 | 14:36 Uhr |

Berlin, 23. Februar 2026 – Angesichts wachsender Finanzprobleme der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) fordert der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, die vollständige Streichung freiwilliger Leistungen der Krankenkassen. Nach seiner Einschätzung könnten dadurch bis zu einer Milliarde Euro pro Jahr eingespart werden. Die Forderung trifft auf Zustimmung, aber auch auf deutliche Kritik – und wirft grundsätzliche Fragen zur Prioritätensetzung im Gesundheitssystem auf.

Die Debatte um die finanzielle Stabilität der gesetzlichen Krankenversicherung gewinnt an Schärfe. Während steigende Ausgaben, demografischer Wandel und wachsende Versorgungsansprüche die GKV unter Druck setzen, richtet Andreas Gassen den Blick auf einen Bereich, der bislang politisch eher am Rand diskutiert wurde: die freiwilligen Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen.

Der KBV-Chef fordert, sämtliche Zusatzangebote zu streichen, die über den gesetzlich festgelegten Leistungskatalog hinausgehen. Diese sogenannten Satzungsleistungen seien in Zeiten knapper Kassen nicht mehr vertretbar. Wenn Geld fehle, müsse zuerst bei Leistungen angesetzt werden, die nicht zwingend zur medizinisch notwendigen Versorgung gehören.

Freiwillige Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung im Fokus

Die gesetzlichen Krankenkassen bieten neben dem verbindlichen Leistungskatalog zahlreiche freiwillige Leistungen an. Sie sollen Versicherte ansprechen, Wettbewerb ermöglichen und Prävention fördern. Doch genau hier sieht Gassen ein strukturelles Problem. In einem Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland machte er deutlich, dass diese Zusatzangebote aus seiner Sicht zur Disposition stehen müssen, wenn die GKV-Finanzen stabilisiert werden sollen.

Er sprach von „Nice-to-have“-Leistungen, die bei finanziellen Engpässen als Erstes gestrichen werden sollten. Nach seiner Rechnung ließe sich durch eine vollständige Abschaffung dieser freiwilligen Leistungen ein Einsparvolumen von knapp einer Milliarde Euro jährlich erzielen. Dieses Geld solle stattdessen in die Kernversorgung fließen.

Was zählen Krankenkassen zu freiwilligen Leistungen?

Freiwillige Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung sind Angebote, die nicht gesetzlich vorgeschrieben sind, sondern von den Kassen eigenständig beschlossen werden. Dazu gehören unter anderem:

  • Zuschüsse zur professionellen Zahnreinigung
  • Erstattungen für alternative Heilmethoden wie Homöopathie oder anthroposophische Medizin
  • Präventionsprogramme und Gesundheitskurse
  • Bonusprogramme für gesundheitsbewusstes Verhalten

Diese Leistungen sind von Kasse zu Kasse unterschiedlich ausgestaltet und gelten als Wettbewerbsinstrument im GKV-System. Sie sollen Versicherte binden und neue Mitglieder gewinnen. Kritiker bemängeln seit Jahren, dass der Nutzen mancher Angebote wissenschaftlich nicht eindeutig belegt sei.

Finanzdruck auf die GKV: Hintergrund der Forderung

Die gesetzliche Krankenversicherung steht vor erheblichen finanziellen Herausforderungen. Steigende Arzneimittelausgaben, höhere Vergütungen im Krankenhausbereich, wachsende Personalkosten und eine alternde Bevölkerung treiben die Ausgaben in die Höhe. Gleichzeitig wächst die Zahl der Beitragszahler nicht im gleichen Maße.

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Vor diesem Hintergrund wird seit Monaten über Reformen diskutiert. Beitragssatzanpassungen, höhere Bundeszuschüsse oder strukturelle Veränderungen im Leistungsumfang stehen im Raum. Gassen positioniert sich klar: Bevor an der Vergütung ärztlicher Leistungen gespart werde, müsse die GKV ihre freiwilligen Ausgaben überprüfen.

Er kritisierte, es könne nicht sein, dass Kassen Honorare für durch den Gemeinsamen Bundesausschuss beschlossene Leistungen kürzen wollten, während gleichzeitig hohe Summen für werbewirksame Zusatzangebote ausgegeben würden. Damit verlagert sich die Debatte von der reinen Finanzfrage auf die Grundsatzebene der Prioritätensetzung im Gesundheitssystem.

Spannungsfeld zwischen Wettbewerb und Solidarprinzip

Das System der gesetzlichen Krankenversicherung basiert auf dem Solidarprinzip. Beiträge orientieren sich am Einkommen, Leistungen am medizinischen Bedarf. Freiwillige Leistungen hingegen dienen auch dem Wettbewerb zwischen den Kassen. Sie sind Ausdruck eines marktwirtschaftlichen Elements innerhalb des solidarischen Systems.

Die Kritik Gassens zielt genau auf diese Schnittstelle. Aus seiner Sicht darf Wettbewerb nicht zulasten der Kernversorgung gehen. Wenn die Finanzlage angespannt ist, müsse der gesetzlich definierte Leistungskatalog Vorrang haben.

Gleichzeitig argumentieren Vertreter einzelner Krankenkassen, dass freiwillige Leistungen präventive Wirkung entfalten und langfristig Kosten sparen könnten. Programme zur Zahnprophylaxe oder zur Förderung gesunder Lebensweisen könnten spätere Behandlungen vermeiden. Eine pauschale Streichung sei deshalb nicht zwingend wirtschaftlicher.

Reaktionen aus Politik und Gesundheitswesen

In der Gesundheitspolitik wird die Forderung differenziert bewertet. Einige sehen darin einen konsequenten Schritt, um die GKV-Finanzen zu stabilisieren. Andere warnen vor einem politischen Signal, das Prävention und individuelle Gesundheitsförderung schwächen könnte.

Auch innerhalb des Gesundheitssystems gehen die Einschätzungen auseinander. Während ärztliche Vertreter die Sicherung der Regelversorgung in den Mittelpunkt stellen, betonen Krankenkassenvertreter die Bedeutung innovativer Versorgungsmodelle und ergänzender Angebote.

Wirtschaftliche Dimension der Einsparungen

Die von Gassen genannte Einsparsumme von knapp einer Milliarde Euro pro Jahr ist im Kontext des Gesamtvolumens der gesetzlichen Krankenversicherung zu betrachten. Die GKV bewegt sich im dreistelligen Milliardenbereich. Eine Milliarde Euro entspricht damit einem spürbaren, aber nicht strukturell durchgreifenden Anteil.

Dennoch wäre eine solche Summe politisch relevant. Sie könnte kurzfristig zur Stabilisierung der Beitragssätze beitragen oder zumindest zusätzlichen Druck aus dem System nehmen. Ob die Einsparungen tatsächlich in voller Höhe realisierbar wären, hängt von der konkreten Ausgestaltung und Umsetzung ab.

Grundsatzdebatte über Prioritäten im Gesundheitssystem

Die Diskussion über freiwillige Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung ist mehr als eine technische Haushaltsfrage. Sie berührt die Frage, welche Leistungen die Solidargemeinschaft finanzieren soll – und wo individuelle Verantwortung beginnt.

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Während manche Zusatzangebote wie Fitnesszuschüsse oder Gesundheits-Apps eher als Komfortleistungen gelten, stehen andere Maßnahmen wie Präventionsprogramme im Grenzbereich zwischen freiwilliger Leistung und gesundheitspolitischer Strategie. Eine pauschale Bewertung ist daher schwierig.

Gassen hat mit seinem Vorstoß eine Debatte angestoßen, die über die aktuelle Finanzlage hinausweist. Sie zwingt Politik, Kassen und Leistungserbringer dazu, den Kernauftrag der gesetzlichen Krankenversicherung neu zu definieren: medizinisch notwendige Versorgung für alle – oder ein breiteres Leistungsangebot mit präventivem Anspruch?

Wie es weitergehen könnte

Die Bundesregierung hat eine Finanzkommission eingesetzt, die Vorschläge zur Stabilisierung der gesetzlichen Krankenversicherung erarbeiten soll. Ergebnisse werden in den kommenden Monaten erwartet. Ob die vollständige Streichung freiwilliger Leistungen Teil dieser Überlegungen wird, ist offen.

Klar ist jedoch: Die Diskussion über die GKV-Finanzen wird sich nicht allein auf Beitragssätze oder Bundeszuschüsse beschränken. Sie wird auch den Leistungsumfang betreffen. Und damit rückt die Frage nach freiwilligen Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung stärker in den Mittelpunkt als je zuvor.

Ein System unter Druck

Die gesetzliche Krankenversicherung steht vor strukturellen Herausforderungen, die sich nicht kurzfristig lösen lassen. Steigende Ausgaben, medizinischer Fortschritt und demografische Veränderungen verlangen nach klaren Prioritäten. Die Forderung von KBV-Chef Andreas Gassen, freiwillige Leistungen konsequent zu streichen, markiert einen möglichen Weg – und zugleich einen Konfliktpunkt.

Ob die Politik diesen Kurs einschlägt oder nach alternativen Lösungen sucht, wird sich in den kommenden Monaten entscheiden. Sicher ist nur: Die Zukunft der gesetzlichen Krankenversicherung wird nicht ohne Einschnitte oder Reformen auskommen. Die Frage ist, an welcher Stelle sie ansetzen – bei Beiträgen, bei Strukturen oder bei freiwilligen Leistungen.

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Als Autor für das Magazin "Nah am digitalen Rand" verbinde ich meine Germanistik-Expertise mit einem unstillbaren Interesse für redaktionell spannende Themen. Meine Leidenschaft gilt der Erforschung und dem Verständnis der digitalen Evolution unserer Sprache, ein Bereich, der mich stets zu tiefgründigen Analysen und Artikeln inspiriert.