
SULAWESI, Indonesien – 24. Januar 2026. In den stillen Tiefen einer Kalksteinhöhle auf der Insel Muna in Indonesien haben Forschende ein uraltes Kunstwerk entdeckt, das älter ist als alles, was Archäologen bislang kennen. Das Werk, kaum mehr als ein schwacher Abdruck an einer Felswand, erzählt von Menschen, die vor beinahe 70 000 Jahren lebten – und vielleicht schon damals ein Bedürfnis nach Ausdruck hatten. Tausende Generationen später eröffnet dieser Fund neue Fenster in die Frühgeschichte künstlerischer Äußerung.
In einer sensationellen Entdeckung haben internationale Archäologenteams in einer Höhle auf der indonesischen Insel Muna – nahe der großen Insel Sulawesi – eine Felszeichnung entdeckt, die als die bislang älteste bekannte Höhlenkunst der Welt gilt. Es handelt sich um eine in rotem Ocker dargestellte Hand-Schablone, deren Alter auf mindestens 67 800 Jahre datiert wurde und damit frühere Funde deutlich übertrifft.
Ein Rekordfund in der Archäologie
Das Kunstwerk wurde an den Wänden der Liang Metanduno-Höhle gefunden, einem Kalksteinsystem, das zum geologisch und archäologisch bedeutenden Karstgebiet im südöstlichen Sulawesi gehört. Die Handzeichnung besteht aus einem Negativ-Handabdruck: Pigment wurde vermutlich um die ausgestreckte Hand eines Menschen herum geblasen, sodass ein Umriss entstand. Die Fingerspitzen erscheinen stellenweise besonders schmal und fast krallenartig – ein Merkmal, das bislang in keiner anderen prähistorischen Höhlenkunstregion beobachtet wurde und auf ein bewusstes stilistisches Element hinweisen könnte.
Mittels spezieller Uran-Thorium-Datierung der mikroskopisch dünnen Kalkstein-Versinterungen, die sich über dem Kunstwerk gebildet haben, konnten Forschende ein Mindestalter von 67 800 Jahren ermitteln. Dieser Altersnachweis erschien in der Fachzeitschrift Nature und übertrifft frühere Altersrekorde – darunter eine spanische Höhlenzeichnung, die auf etwa 66 700 Jahre datiert wurde, sowie weitere Felskunstwerke in Indonesien, die bislang „nur“ rund 51 200 Jahre alt waren.
Datierungsmethoden und wissenschaftliche Bedeutung
Die Wissenschaftler nutzten moderne Laser-Uran-Serienmethoden, um Altersschichten von Kalzit zu analysieren – ein Verfahren, das zu den zuverlässigsten zählt, wenn es um die Alterbestimmung von prähistorischer Kunst geht. Die so gewonnenen Daten zeigen eindeutig, dass das Bild mindestens 67 800 Jahre alt ist. Damit gehört es nicht nur zu den ältesten künstlerischen Ausdrucksformen der Menschheitsgeschichte – es ist nach heutigem Stand der älteste gesicherte Nachweis für Höhlenkunst weltweit.
„Diese Entdeckung zeigt uns, dass unsere Vorfahren schon vor nahezu 70 000 Jahren in der Lage waren, symbolische Kunstwerke zu schaffen“, sagte einer der leitenden Archäologen, der an der Datierung beteiligt war. Solche Werke gelten als Ausdruck komplexen Denkens und sozialer Kommunikation, Fähigkeiten, die lange Zeit vor allem in späteren menschlichen Kulturen erwartet wurden.
Impuls für neue Erkenntnisse über frühe Menschen
Indonesien, insbesondere die Region Sulawesi und die benachbarte Insel Muna, war in den vergangenen Jahren wiederholt Schauplatz wichtiger prähistorischer Entdeckungen. Bereits früher waren in den Karstregionen Reste von bildlicher Kunst gefunden worden, darunter narrative Szenen mit menschenähnlichen Figuren und Tieren sowie Handabdrücke, die auf ein künstlerisches Erschaffen vor über 50 000 Jahren hinwiesen. Doch der neue Fund setzt nun einen bislang unerreichten Altersmaßstab und verändert das Bild von der geografischen und zeitlichen Entwicklung künstlerischen Ausdrucks in der Frühzeit.
Die Funde lassen zudem Rückschlüsse auf Wanderungsbewegungen früher Menschen zu. Viele Forscher verbinden die datierten Höhlenmalereien mit frühen Homo sapiens-Populationen, die aus Afrika kommend über Südostasien nach Australien und Neuguinea – das im Pleistozän durch den Landmassenverbund Sahul verbunden war – gelangt sein könnten. Die Existenz einer kunstschaffenden Gemeinschaft vor mehr als 65 000 Jahren unterstützt damit Modelle, die eine frühe Besiedlung dieser Landmassen nahelegen.
Weitere Entdeckungen in der Region
Neben diesem herausragenden Handabdruck sind in der weiteren Region bereits weitere artefakte Höhlenkunstwerke bekannt geworden:
- Felsbilder mit menschlich-tierischen Interaktionen, die auf über 51 000 Jahre datiert wurden.
- Darstellungen von Tieren wie dem Sulawesi-Warzenschwein, die mindestens 45 000 Jahre alt sind.
- Zahlreiche weitere Handabdrücke und Malereien, deren Altersbestimmung noch aussteht oder jüngere Schichten repräsentiert.
Diese Funde erschließen ein reiches Panorama prähistorischer Kreativität in Südostasien, das lange Zeit in der Forschung im Schatten der europäischen Höhlenkunst stand.
Neue Perspektiven auf frühmenschliche Kultur
Die Bedeutung des jüngsten Fundes geht weit über das Alter einzelner Bilder hinaus: Er wirft ein neues Licht auf die kognitiven und kulturellen Fähigkeiten unserer frühesten Vorfahren. Während traditionelle Theorien oft voraussetzten, dass symbolische Kunst erst deutlich später entstand und sich zunächst in Europa entwickelte, zeigen die indonesischen Funde, dass Menschen bereits vor nahezu 70 000 Jahren in Südostasien visuelle Ausdrucksformen entwickelten und damit kulturelle Intentionen kommunizierten.
Die einzigartigen stilistischen Merkmale, wie die schmalen Fingerspitzen des Handabdrucks, lassen Forscher darüber spekulieren, ob diese Darstellungen möglicherweise auch symbolische, soziale oder religiöse Bedeutungen hatten – auch wenn konkrete Interpretationen angesichts der zeitlichen Distanz weiterhin schwer fallen. Die bloße Existenz solcher Darstellungen dokumentiert jedoch eindeutig, dass die Urheber über abstraktes Denken und planvolle künstlerische Technik verfügten.
Ein Blick in die Tiefen der Zeit
Der Fund der ältesten bekannten Höhlenkunst der Welt in einer Kalksteinhöhle auf Muna ist mehr als ein Rekord: Er ist ein Fenster in die Gedankenwelt von Menschen, die lange bevor bekannte Hochkulturen entstanden, ihre Hände gegen Steinwände pressten und damit – noch ohne Worte – einen bleibenden Eindruck hinterließen. Diese Zeichnung, zart und verblasst, spricht bis heute von einem frühen Drang nach Ausdruck und lässt erahnen, dass Kreativität und kulturelle Identität wesentlich älter sind, als wir einst glaubten.