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Künstlerin der deutschen Kulturlandschaft Angelika Mann ist tot – Abschied von der Sängerin und Schauspielerin

In Kultur
Januar 23, 2026

Berlin, 23. Januar 2026 – Der Tod von Angelika Mann markiert mehr als das Ende eines Künstlerlebens. Mit ihr geht eine Bühnenfigur, die Generationen begleitet, provoziert, getröstet und begeistert hat. Über Jahrzehnte hinweg war ihre Stimme präsent – mal laut, mal leise, immer unverwechselbar. Nun ist Angelika Mann im Alter von 76 Jahren gestorben.

Die Nachricht vom Tod der Sängerin und Schauspielerin verbreitete sich am Mittwoch schnell. Die Familie bestätigte, dass Angelika Mann nach langer, schwerer Krankheit gestorben ist. Für viele kam diese Nachricht nicht unerwartet – und traf dennoch mit voller Wucht. Denn mit Angelika Mann ist eine Künstlerin gegangen, deren Lebensweg eng mit der deutsch-deutschen Kulturgeschichte verbunden war.

Frühe Jahre in Berlin: Begabung, Disziplin und der lange Weg zur Bühne

Angelika Mann wurde am 13. Juni 1949 in Berlin geboren. Sie wuchs in einer Ärztefamilie auf, gemeinsam mit ihrem jüngeren Bruder. Die musikalische Begabung zeigte sich früh: Klavierunterricht, intensives Üben, ein feines Gespür für Rhythmus und Klang prägten ihre Kindheit. Dennoch führte ihr erster beruflicher Weg nicht direkt auf die Bühne.

Nach der Schule absolvierte Mann zunächst eine Ausbildung zur Apothekenfacharbeiterin. Ein sicherer Beruf, angepasst an die Erwartungen der Zeit – aber nicht an ihr inneres Bedürfnis. Die Musik blieb präsent, drängte nach Ausdruck. Ende der 1960er Jahre entschied sie sich endgültig für den künstlerischen Weg.

Zwischen 1969 und 1973 ließ sie sich an der Musikschule Friedrichshain in Ost-Berlin zur Sängerin und Pianistin ausbilden. Diese Jahre legten das Fundament für eine Karriere, die sich nie auf ein einziges Genre festlegen ließ. Früh trat sie in Tanzlokalen, Kulturhäusern und kleinen Bühnen auf – Orte, an denen sich künstlerische Freiheit und staatliche Kontrolle oft scharf gegenüberstanden.

„Die Lütte“: Eine Bühnenfigur von großer Präsenz

Mit 1,49 Metern Körpergröße war Angelika Mann eine der kleinsten Figuren auf der Bühne – und zugleich eine der eindrucksvollsten. Der Spitzname „die Lütte“ begleitete sie über Jahrzehnte. Er war liebevoll gemeint, fast ironisch, denn ihre Stimme, ihre Gestik und ihre Bühnenenergie füllten jeden Raum mühelos.

In den 1970er Jahren entwickelte sich Angelika Mann zu einer festen Größe der DDR-Kulturszene. Sie arbeitete mit dem Komponisten Reinhard Lakomy zusammen und wurde Teil eines musikalischen Umfelds, das weit über Unterhaltung hinausging. Besonders prägend war ihre Mitwirkung an der Kinderschallplatte „Traumzauberbaum“, deren Lieder bis heute in vielen Haushalten präsent sind.

Parallel dazu stand sie mit Künstlern wie Manfred Krug und Uschi Brüning auf der Bühne, war Frontfrau der Rockband „Obelisk“ und moderierte Musiksendungen im DDR-Fernsehen. Angelika Mann war nicht nur Interpretin, sondern Vermittlerin, Grenzgängerin zwischen Jazz, Rock, Chanson und Kabarett.

Zwischen Anpassung und Aufbruch: Der Bruch mit der DDR

Trotz ihres Erfolgs wuchs in den frühen 1980er Jahren die innere Distanz zum politischen System. Künstlerische Einschränkungen, subtile Zensur, die ständige Gratwanderung zwischen Ausdruck und Anpassung hinterließen Spuren. 1984 stellte Angelika Mann einen Ausreiseantrag – ein Schritt, der Mut erforderte und Konsequenzen hatte.

Ein Jahr später verließ sie gemeinsam mit ihrem Ehemann die DDR. Der Wechsel in den Westen bedeutete keinen Neuanfang auf leerem Feld, aber doch einen Bruch mit Sicherheiten. Angelika Mann nahm diese Herausforderung an – nicht als politische Geste, sondern als persönliche Notwendigkeit.

Neue Bühnen, neue Rollen

In West-Berlin fand Angelika Mann rasch Anschluss an die Theaterlandschaft. Ihre markante Stimme, ihre Präsenz und ihre Erfahrung öffneten Türen. Am Theater des Westens übernahm sie die Rolle der Lucy in Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“ – eine Figur, die ihr lag: selbstbewusst, kantig, widersprüchlich.

Es folgten Engagements unter anderem am Schauspiel Köln sowie Gastspiele in vielen Städten. Nach der Wiedervereinigung kehrte Angelika Mann auch regelmäßig auf ostdeutsche Bühnen zurück. Der Bruch von einst wurde zur biografischen Klammer: Ost und West blieben in ihrem Werk stets miteinander verbunden.

Film, Musik, Bühne: Eine Karriere ohne Schubladen

Auch abseits der großen Theaterbühnen blieb Angelika Mann präsent. Sie wirkte in Filmproduktionen mit, unter anderem in „Der Einstein des Sex“, und entwickelte eigene Soloprogramme. Diese Abende verbanden Musik, Erzählung und persönliche Reflexion – oft mit Humor, manchmal mit Melancholie, immer mit direkter Ansprache des Publikums.

Angelika Mann verstand Kunst als Dialog. Sie suchte Nähe, auch Reibung. Ihre Programme waren keine Nostalgieschauen, sondern lebendige Auseinandersetzungen mit Biografie, Zeitgeschichte und Gegenwart. Dabei blieb sie sich selbst treu: unbequem, ehrlich, leidenschaftlich.

Im Jahr 2019 feierte sie ihr 50. Bühnenjubiläum. Ein halbes Jahrhundert künstlerischer Arbeit – getragen von Disziplin, Neugier und der Fähigkeit zur Erneuerung. Noch in diesen Jahren stand sie regelmäßig auf der Bühne, auch wenn die körperlichen Kräfte bereits nachließen.

Krankheit, Öffentlichkeit und Haltung

2022 machte Angelika Mann öffentlich, dass sie an Brustkrebs erkrankt ist. Sie entschied sich bewusst für Offenheit. Nicht als Inszenierung, sondern als Teil ihres Lebens, das sie stets öffentlich gelebt hatte. Auftritte mit Perücke, Gespräche über Therapie und Erschöpfung – all das wurde Teil ihres späten künstlerischen Weges.

Die Krankheit bremste sie, brachte sie aber nicht zum Schweigen. So lange es möglich war, blieb Angelika Mann aktiv. Sie sprach über Angst und Hoffnung, über Endlichkeit und Würde. Auch darin zeigte sich ihre Haltung: nichts beschönigen, nichts dramatisieren, aber alles ernst nehmen.

Am 23. Januar 2026 starb Angelika Mann im Alter von 76 Jahren. Sie hinterlässt ihre Tochter, die ebenfalls als Sängerin und Schauspielerin tätig ist, sowie ein Werk, das sich nicht auf einzelne Erfolge reduzieren lässt.

Was bleibt, wenn eine Stimme geht

Angelika Mann ist tot – diese nüchterne Feststellung beschreibt nur einen Teil der Wirklichkeit. Denn geblieben sind Lieder, Rollen, Erinnerungen. Geblieben ist eine Künstlerin, die sich nie angepasst hat, ohne sich zu verlieren. Eine Frau, die klein war und doch Raum füllte. Eine Stimme, die auch dann noch nachhallt, wenn sie verstummt ist.

In der deutschen Kulturlandschaft hinterlässt Angelika Mann eine spürbare Lücke. Nicht, weil sie unersetzlich war – sondern weil sie unverwechselbar blieb. Ihr Leben erzählt von künstlerischer Beharrlichkeit, von Brüchen und Neubeginnen, von der Kraft der Bühne als Ort der Wahrheit. Angelika Mann ist tot. Ihre Wirkung aber bleibt.

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Als Autor für das Magazin "Nah am digitalen Rand" verbinde ich meine Germanistik-Expertise mit einem unstillbaren Interesse für redaktionell spannende Themen. Meine Leidenschaft gilt der Erforschung und dem Verständnis der digitalen Evolution unserer Sprache, ein Bereich, der mich stets zu tiefgründigen Analysen und Artikeln inspiriert.