Am Stuttgarter Marienplatz stehen seit Kurzem zwei sogenannte Ecotriis. Die begrünten Klimaschirme sollen auf stark versiegelten Flächen Schatten schaffen, die Umgebung kühlen und die Aufenthaltsqualität verbessern. Neu ist dabei nicht nur die Pflanzenkonstruktion selbst: Die Anlagen sind inzwischen digital vernetzt und können über eine internetgestützte Technik überwacht und gesteuert werden. Damit wird der Marienplatz zu einem sichtbaren Beispiel dafür, wie Stadtbegrünung und digitale Infrastruktur im Kampf gegen zunehmende Hitzebelastungen zusammenfinden.
Stuttgart, 14. Juni 2026 – Wenn die Temperaturen in den Sommermonaten steigen, geraten dicht bebaute Innenstädte zunehmend unter Druck. Asphalt, Beton und versiegelte Plätze speichern Wärme über Stunden hinweg und geben sie selbst in den Abendstunden nur langsam wieder ab. Besonders Stuttgart gilt aufgrund seiner topografischen Lage und der hohen Bebauungsdichte vieler Stadtteile als eine Stadt, die sich intensiv mit den Folgen zunehmender Hitzetage auseinandersetzen muss.
Vor diesem Hintergrund rücken neue Konzepte für mehr Stadtgrün in den Fokus. Am Marienplatz im Stuttgarter Süden sind nun zwei sogenannte Ecotriis installiert worden. Die Konstruktionen verbinden Begrünung, Beschattung und digitale Technik. Ziel ist es, dort für Kühlung zu sorgen, wo klassische Bäume häufig nicht oder nur mit erheblichem Aufwand gepflanzt werden können.
Ecotriis sollen Hitzeinseln im Stadtgebiet entschärfen
Der Ecotrii erinnert auf den ersten Blick an einen überdimensionalen Sonnenschirm. Seine eigentliche Funktion geht jedoch deutlich darüber hinaus. Die Konstruktion dient als Träger für Kletterpflanzen, die im Laufe ihres Wachstums ein dichtes grünes Dach bilden. Dieses spendet nicht nur Schatten, sondern trägt auch zur natürlichen Kühlung der Umgebung bei.
Die Wirkung basiert auf einem Prinzip, das in der Natur seit jeher eine zentrale Rolle spielt: der Verdunstungskühlung. Pflanzen geben Wasser über ihre Blätter an die Umgebungsluft ab. Dabei entsteht ein kühlender Effekt, der insbesondere an heißen Tagen spürbar werden kann. In Städten gewinnt dieser natürliche Mechanismus zunehmend an Bedeutung, weil viele öffentliche Plätze kaum über ausreichend Grünflächen verfügen.
Mit einer Spannweite von rund 4,5 Metern und einer begrünten Fläche von etwa 18 Quadratmetern schafft ein einzelner Ecotrii vergleichsweise schnell eine größere Schattenzone. Während junge Stadtbäume oft viele Jahre benötigen, um eine ähnliche Wirkung zu entfalten, soll die mobile Konstruktion bereits deutlich früher einen Beitrag zur Verbesserung des Mikroklimas leisten.
Eine Antwort auf begrenzte Flächen in der Innenstadt
Die Idee stammt von den Stuttgarterinnen Rosa Pöttinger und Miriam Köpf. Ihr Ansatz entstand aus einer Herausforderung, mit der zahlreiche Kommunen konfrontiert sind: Der Wunsch nach mehr Stadtgrün trifft vielerorts auf räumliche und technische Grenzen.
Unter Straßen und Plätzen verlaufen Versorgungsleitungen, Kanäle oder technische Infrastruktur. Hinzu kommen Tiefgaragen und stark versiegelte Flächen, die die Pflanzung großer Bäume erschweren. Selbst wenn ausreichend Platz vorhanden scheint, können hohe Baukosten oder technische Einschränkungen eine Umsetzung verhindern.
Die Ecotriis sollen genau diese Lücke schließen. Sie sind nicht als Ersatz für Stadtbäume gedacht, sondern als Ergänzung an Standorten, an denen herkömmliche Begrünungsmaßnahmen nur eingeschränkt möglich sind. Dadurch entsteht eine zusätzliche Option für Kommunen, öffentliche Räume an die Folgen des Klimawandels anzupassen.
Marienplatz wird zum sichtbaren Pilotstandort
Der Marienplatz zählt zu den bekanntesten öffentlichen Plätzen im Stuttgarter Süden. Mit den neu installierten Ecotriis erhält der Standort nun eine weitere Funktion: Er wird zum Demonstrationsort für innovative Maßnahmen der Klimaanpassung.
Die beiden Anlagen wurden im Bereich hinter den Wasserspielen aufgestellt. Dort sollen sie künftig nicht nur Schatten spenden, sondern auch zeigen, wie mobile Begrünung in dicht bebauten Stadtquartieren eingesetzt werden kann.
Unterstützt wurde das Projekt von mehreren lokalen Akteuren. Das Theater Rampe sowie der Marienplatzfest-Verein engagierten sich für die Umsetzung vor Ort. Gleichzeitig markiert die Installation einen wichtigen Entwicklungsschritt für das junge Unternehmen hinter dem Konzept.
Finanziell begleitet wird das Vorhaben durch den Klima-Innovationsfonds der Landeshauptstadt Stuttgart. Das Förderprogramm unterstützt Projekte, die neue Ansätze für Klimaschutz und Klimaanpassung im urbanen Raum entwickeln. Für die Weiterentwicklung des Ecotrii-Konzepts wurde eine Förderung in sechsstelliger Höhe bewilligt.
Warum die digitale Vernetzung eine Schlüsselrolle spielt
Die sichtbarste Veränderung am Marienplatz ist das grüne Erscheinungsbild der neuen Anlagen. Eine der wichtigsten Innovationen befindet sich jedoch im Inneren der Konstruktionen.
Die Ecotriis verfügen über eine internetgestützte Steuerungs- und Überwachungstechnik. Damit wird die Versorgung der Pflanzen digital begleitet. Das System ist darauf ausgelegt, Bewässerung und Betrieb an unterschiedliche Witterungsbedingungen anzupassen und wichtige technische Daten fortlaufend zu erfassen.
Gerade in längeren Trockenphasen kann eine zuverlässige Wasserversorgung entscheidend sein. Die digitale Vernetzung soll dabei helfen, den Pflegeaufwand zu reduzieren und gleichzeitig sicherzustellen, dass die Pflanzen auch während besonders heißer Perioden ausreichend versorgt werden.
Für Städte eröffnet dies zusätzliche Möglichkeiten. Denn je mehr Begrünungsmaßnahmen im öffentlichen Raum installiert werden, desto wichtiger werden effiziente Betriebs- und Wartungskonzepte. Die Kombination aus Stadtgrün und digitaler Überwachung gilt deshalb als ein Ansatz, um solche Systeme langfristig wirtschaftlich betreiben zu können.
Stadtbegrünung wird zum Baustein der Klimaanpassung
Die Diskussion über Stadtbegrünung hat in den vergangenen Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen. Viele Kommunen suchen nach Wegen, um öffentliche Räume widerstandsfähiger gegenüber Hitzeperioden zu machen. Dabei geht es nicht allein um die optische Aufwertung von Plätzen, sondern zunehmend um konkrete klimaökologische Effekte.
Begrünte Flächen können zur Kühlung beitragen, Aufenthaltsräume angenehmer gestalten und die Lebensqualität in dicht bebauten Stadtquartieren verbessern. Gleichzeitig stoßen klassische Lösungen in Innenstädten häufig an bauliche Grenzen. Mobile Systeme wie die Ecotriis werden deshalb als ergänzende Möglichkeit betrachtet, zusätzliche Grünstrukturen zu schaffen.
Besonders interessant ist dabei die Verbindung mehrerer Funktionen in einer einzigen Konstruktion. Schatten, Begrünung, Verdunstungskühlung und digitale Steuerung greifen ineinander und bilden ein Gesamtsystem, das auf die Anforderungen moderner Stadtentwicklung zugeschnitten ist.
Ein Projekt mit Strahlkraft über Stuttgart hinaus
Das Interesse an dem Konzept reicht inzwischen über die Grenzen der Landeshauptstadt hinaus. Delegationen aus dem In- und Ausland haben sich bereits über die Entwicklung informiert. Dabei steht nicht nur die technische Umsetzung im Mittelpunkt, sondern auch die Frage, wie Städte künftig mit zunehmender Hitzebelastung umgehen können.
Der Marienplatz wird damit zu einem Ort, an dem sich die Auswirkungen städtischer Klimaanpassung unmittelbar beobachten lassen. Während die Pflanzen in den kommenden Monaten weiter wachsen und das grüne Dach zunehmend dichter wird, liefert die digitale Infrastruktur fortlaufend Erkenntnisse über Betrieb und Pflege.
Die beiden Ecotriis sind deshalb weit mehr als neue Schattenspender im öffentlichen Raum. Sie stehen exemplarisch für einen Wandel in der Stadtplanung, bei dem Begrünung, Klimaanpassung und digitale Technologien immer stärker miteinander verknüpft werden. Ob sich dieses Modell langfristig etabliert, wird die Praxis zeigen. Für Stuttgart ist der Marienplatz jedoch schon jetzt ein sichtbares Beispiel dafür, wie urbane Räume auf die Herausforderungen heißer werdender Sommer reagieren können.













