Handschellen klicken Ludwigsburg: Zeuge macht Falschaussage im Raserprozess und wird im Gerichtssaal festgenommen

20. Dezember 2025 | 07:54 Uhr |

Ludwigsburg/Stuttgart, 20. Dezember 2025 – Ein leises Murmeln, dann plötzlich Bewegung. Polizeibeamte treten vor, Handschellen klicken, ein Mann wird aus dem Saal geführt. Für einen Moment steht die Zeit still im Gerichtssaal des Landgerichts Stuttgart.

Was als routinierter Verhandlungstag im Ludwigsburger Raserprozess begann, entwickelte sich binnen Minuten zu einer Szene, die selbst erfahrene Juristen selten erleben.

Im laufenden Strafprozess um ein tödliches Autorennen in Ludwigsburg ist am Freitagvormittag ein 36-jähriger Zeuge direkt im Gerichtssaal vorläufig festgenommen worden. Der Mann steht im Verdacht, vor Gericht eine uneidliche Falschaussage gemacht zu haben. Die Maßnahme markiert einen außergewöhnlichen Moment in einem Verfahren, das ohnehin von hoher juristischer Brisanz, öffentlicher Aufmerksamkeit und emotionaler Schwere geprägt ist.

Die Festnahme erfolgte noch während der laufenden Hauptverhandlung. Nach Angaben aus Justizkreisen reagierten Staatsanwaltschaft und Gericht damit auf erhebliche Widersprüche zwischen früheren Aussagen des Zeugen und seinen aktuellen Angaben vor der Schwurgerichtskammer.

Ungewöhnlicher Zugriff während der Verhandlung

Der Zugriff erfolgte offen und ohne Verzögerung. Beamte nahmen den Zeugen im Sitzungssaal in Gewahrsam, nachdem sich der Verdacht erhärtet hatte, dass er vor Gericht bewusst von früheren Aussagen abgewichen war. Bereits zuvor hatte der Mann einen angesetzten Zeugentermin unentschuldigt versäumt, was die Sorge vor einem Entziehen aus dem Verfahren verstärkte.

Nach der Festnahme wurde der 36-Jährige einem Haftrichter vorgeführt. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft Stuttgart erließ dieser zunächst einen Haftbefehl wegen angenommener Fluchtgefahr. Gleichzeitig setzte das Gericht den Haftbefehl außer Vollzug. Der Zeuge kam somit wieder auf freien Fuß, muss jedoch Auflagen erfüllen, um für weitere Verfahrensschritte verfügbar zu bleiben.

Solche Szenen sind selbst in umfangreichen Strafverfahren selten. Die Festnahme eines Zeugen im Gerichtssaal gilt als letztes Mittel, wenn Zweifel an der Wahrheitsfindung und der Verfahrenssicherung nicht anders auszuräumen sind.

Widersprüche im Kern der Aussage

Im Zentrum des Vorwurfs steht eine Aussage, die der Zeuge in einer früheren polizeilichen Vernehmung gemacht haben soll. Demnach habe er dem Hauptangeklagten vor dem Unfall mehrfach geraten, langsamer zu fahren und sein riskantes Fahrverhalten zu beenden. Vor Gericht wollte der Mann diese Darstellung jedoch nicht mehr bestätigen.

Die Abweichung blieb nicht unbemerkt. Die Vorsitzende Richterin wies den Zeugen mehrfach eindringlich auf seine Wahrheitspflicht hin. Dennoch blieb dieser bei seiner neuen Version. Die Staatsanwaltschaft wertete die Diskrepanz als so gravierend, dass sie den Verdacht einer uneidlichen Falschaussage sah – mit entsprechenden strafrechtlichen Konsequenzen.

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Eine uneidliche Falschaussage kann mit Freiheitsstrafe oder Geldstrafe geahndet werden. Sie untergräbt nicht nur die Glaubwürdigkeit eines einzelnen Zeugen, sondern gefährdet die Integrität des gesamten Strafverfahrens.

Der Ludwigsburger Raserprozess und seine Tragweite

Der Prozess selbst zählt zu den aufsehenerregendsten Strafverfahren der Region. Er geht zurück auf einen schweren Verkehrsunfall am 20. März dieses Jahres in Ludwigsburg. Zwei Brüder im Alter von 32 und 35 Jahren sollen sich nach Überzeugung der Ermittlungsbehörden ein illegales Autorennen geliefert haben – mitten in einer innerstädtischen Tempo-50-Zone.

Nach den bisherigen Feststellungen sollen die Fahrzeuge mit Geschwindigkeiten von bis zu 150 Kilometern pro Stunde unterwegs gewesen sein. Infolge des Rennens kam es zur Kollision mit dem Auto zweier junger Frauen im Alter von 22 und 23 Jahren. Beide Frauen starben noch am Unfallort. Sie galten als unbeteiligte Verkehrsteilnehmerinnen.

Mordanklage gegen den Hauptangeklagten

Der jüngere der beiden Brüder steht wegen Mordes vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, durch sein extrem rücksichtsloses Fahrverhalten den Tod der beiden Frauen zumindest billigend in Kauf genommen zu haben. Der ältere Bruder ist ebenfalls angeklagt, allerdings mit abweichender rechtlicher Bewertung.

Die Schwurgerichtskammer hat seit Prozessbeginn eine Vielzahl von Beweisen erhoben. Neben technischen Gutachten und Unfallrekonstruktionen spielen Zeugenaussagen eine zentrale Rolle. Hinzu kommen ausgewertete Chatverläufe, die Rückschlüsse auf Absprachen und das Verhalten der Beteiligten vor der Fahrt zulassen sollen.

Zeugenaussagen unter besonderer Beobachtung

Bereits in früheren Verhandlungstagen hatte das Gericht mehrfach deutlich gemacht, wie ernst es mögliche Falschaussagen nimmt. Mehrere Zeugen wurden ausdrücklich darauf hingewiesen, dass widersprüchliche oder bewusst falsche Angaben strafrechtliche Folgen nach sich ziehen können.

  • Zeugen sind gesetzlich verpflichtet, vollständig und wahrheitsgemäß auszusagen.
  • Abweichungen von früheren Aussagen werden sorgfältig geprüft.
  • Bei Verdacht auf Falschaussage kann ein eigenes Ermittlungsverfahren eingeleitet werden.

Die Festnahme des 36-jährigen Zeugen ist vor diesem Hintergrund ein deutliches Signal. Sie zeigt, dass die Justiz im Ludwigsburger Raserprozess bereit ist, konsequent einzugreifen, um die Wahrheitsfindung zu sichern.

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Atmosphäre im Gerichtssaal

Der Moment der Festnahme hinterließ sichtbare Spuren im Sitzungssaal. Angehörige der Opfer, die den Prozess regelmäßig verfolgen, reagierten erschüttert. Auch unter Prozessbeobachtern und Medienvertretern war die Überraschung groß. Für einige Minuten ruhte die Verhandlung, bevor sie mit anderen Punkten fortgesetzt wurde.

Der Raserprozess ist für die Hinterbliebenen der beiden getöteten Frauen eine enorme emotionale Belastung. Jeder Verhandlungstag bringt neue Details ans Licht, jedes Wort im Zeugenstand wird aufmerksam verfolgt. Vor diesem Hintergrund wiegt der Verdacht einer Falschaussage besonders schwer.

Ein Verfahren unter besonderer öffentlicher Beobachtung

Illegale Autorennen mit tödlichem Ausgang stehen seit Jahren im Fokus von Politik und Justiz. Der Ludwigsburger Raserprozess gilt als exemplarisch für die Frage, wie konsequent der Rechtsstaat auf extreme Verkehrsdelikte reagiert. Die Mordanklage unterstreicht den Anspruch, gefährliches Raserei-Verhalten nicht als bloßes Verkehrsdelikt zu behandeln.

Die Festnahme eines Zeugen im Gerichtssaal fügt dem Verfahren nun eine weitere Dimension hinzu. Sie lenkt den Blick auf die Rolle von Mitfahrern, Beobachtern und Mitwissern – und auf ihre Verantwortung gegenüber Gericht und Gesellschaft.

Wahrheitspflicht als Fundament des Rechtsstaats

Der Zugriff im Gerichtssaal macht deutlich, wie zentral die Wahrheitspflicht im Strafprozess ist. Ohne verlässliche Zeugenaussagen kann kein Gericht Schuld oder Unschuld mit der gebotenen Sicherheit feststellen. Gerade in einem Verfahren von solcher Tragweite ist die Glaubwürdigkeit jedes einzelnen Beitrags von entscheidender Bedeutung.

Der Ludwigsburger Raserprozess wird in den kommenden Verhandlungstagen weitergehen. Ob und welche Konsequenzen die mutmaßliche Falschaussage für den festgenommenen Zeugen haben wird, ist offen. Sicher ist jedoch: Der Moment der Festnahme hat das Verfahren nachhaltig geprägt – als eindringliche Mahnung, dass die Suche nach Wahrheit keine Kompromisse kennt.

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Als Autor für das Magazin "Nah am digitalen Rand" verbinde ich meine Germanistik-Expertise mit einem unstillbaren Interesse für redaktionell spannende Themen. Meine Leidenschaft gilt der Erforschung und dem Verständnis der digitalen Evolution unserer Sprache, ein Bereich, der mich stets zu tiefgründigen Analysen und Artikeln inspiriert.