
Berlin, 19. Januar 2026 – Die Ozeane sind in Bewegung, politisch wie ökologisch. Jahrzehntelang galten große Teile der Weltmeere als rechtsfreier Raum. Nun tritt ein internationales Abkommen in Kraft, das Ordnung schaffen soll – und Hoffnung weckt, dass die fragile Balance der Hochsee künftig besser geschützt wird.
Mit dem Inkrafttreten des internationalen Hochseeschutzabkommens beginnt eine neue Phase globaler Meerespolitik. Erstmals existiert ein rechtsverbindlicher Rahmen, der die Nutzung und den Schutz der internationalen Gewässer umfassend regelt. Das Abkommen schließt eine zentrale Lücke im internationalen Seerecht und setzt verbindliche Maßstäbe für den Umgang mit jenen Ozeanflächen, die außerhalb nationaler Hoheitsgebiete liegen.
Diese sogenannten Hohen See umfassen rund zwei Drittel der weltweiten Meeresfläche. Sie sind Lebensraum für eine enorme biologische Vielfalt, zugleich aber seit Jahrzehnten zunehmendem Druck ausgesetzt: durch industrielle Fischerei, Schifffahrt, Umweltverschmutzung, Rohstoffinteressen und die Folgen des Klimawandels. Bislang fehlte ein global einheitliches Regelwerk, das diesen Entwicklungen wirksam Grenzen setzt.
Ein historischer Schritt im internationalen Seerecht
Das Hochseeschutzabkommen ergänzt das bestehende Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen um einen entscheidenden Baustein. Während das geltende Seerecht vor allem Zuständigkeiten innerhalb nationaler Ausschließlicher Wirtschaftszonen definiert, blieb der größte Teil der Ozeane rechtlich fragmentiert geregelt. Verschiedene sektorale Abkommen existierten nebeneinander, ohne einen übergreifenden Schutzanspruch.
Mit dem neuen Vertrag ändert sich diese Situation grundlegend. Er verpflichtet die Vertragsstaaten dazu, die biologische Vielfalt der internationalen Gewässer zu bewahren und deren Nutzung nachhaltig zu gestalten. Damit wird erstmals anerkannt, dass die Hochsee kein unbegrenzter Raum wirtschaftlicher Interessen ist, sondern ein globales Gemeingut mit ökologischer Verantwortung.
Was das Hochseeschutzabkommen konkret regelt
Der Vertrag schafft einheitliche Regeln in Bereichen, die bislang nur unzureichend oder gar nicht reguliert waren. Dazu zählen insbesondere:
- die Ausweisung und Verwaltung von Meeresschutzgebieten in internationalen Gewässern,
- verbindliche Umweltverträglichkeitsprüfungen für geplante Aktivitäten mit potenziellen Umweltrisiken,
- der Umgang mit marinen genetischen Ressourcen und deren nachhaltige Nutzung,
- Mechanismen zur Unterstützung von Entwicklungs- und Schwellenländern beim Meeresschutz.
Das Hochseeschutzabkommen etabliert damit erstmals ein kohärentes Schutzinstrument für jene Meeresräume, die bislang weitgehend ungeregelt blieben. Es geht nicht um pauschale Nutzungsverbote, sondern um ein geregeltes Miteinander von Schutz, Forschung und wirtschaftlicher Nutzung.
Ratifikation und internationale Beteiligung
Voraussetzung für das Inkrafttreten des Hochseeschutzabkommens war die Ratifikation durch mindestens 60 Staaten. Diese Schwelle wurde im Herbst 2025 erreicht. Inzwischen haben deutlich mehr Länder den Vertrag ratifiziert, darunter zahlreiche Mitgliedsstaaten der Europäischen Union sowie weitere bedeutende Seefahrts- und Küstenstaaten.
Einige Staaten haben das Abkommen zwar unterzeichnet, den formalen Ratifizierungsprozess jedoch noch nicht abgeschlossen. Dennoch gilt die internationale Unterstützung als ungewöhnlich breit. Beobachter werten dies als Zeichen dafür, dass der politische Stellenwert des Meeresschutzes in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen ist.
Bedeutung für Biodiversität und Klimaschutz
Die ökologische Bedeutung der Hochsee ist kaum zu überschätzen. Die internationalen Gewässer beherbergen komplexe Ökosysteme, die nicht nur unzähligen Arten als Lebensraum dienen, sondern auch eine zentrale Rolle im globalen Klimasystem spielen. Ozeane speichern Wärme, binden Kohlendioxid und beeinflussen Wetter- und Strömungsmuster weltweit.
Das Hochseeschutzabkommen setzt genau hier an. Es verknüpft den Schutz der biologischen Vielfalt mit dem Ziel einer nachhaltigen Nutzung mariner Ressourcen. Damit folgt es einem Ansatz, der ökologische Stabilität als Voraussetzung für langfristige wirtschaftliche Nutzung begreift.
Das 30-Prozent-Ziel als politischer Maßstab
Ein zentrales politisches Leitmotiv ist das internationale Ziel, bis zum Jahr 2030 mindestens 30 Prozent der weltweiten Meeresflächen unter Schutz zu stellen. Ohne effektive Regelungen für die Hochsee war dieses Vorhaben bislang kaum realistisch umsetzbar. Das Hochseeschutzabkommen liefert nun die rechtliche Grundlage, um auch außerhalb nationaler Gewässer Schutzgebiete einzurichten.
Diese Meeresschutzgebiete sollen besonders sensible Ökosysteme bewahren und gleichzeitig als Rückzugsräume für bedrohte Arten dienen. Ihre konkrete Ausgestaltung wird in den kommenden Jahren zu den wichtigsten Aufgaben der Vertragsstaaten gehören.
Die tragenden Säulen des Hochseeschutzabkommens
Inhaltlich stützt sich das Abkommen auf mehrere miteinander verknüpfte Elemente, die gemeinsam eine neue Schutzarchitektur für die internationalen Gewässer bilden:
Meeresschutzgebiete
Staaten können auf Basis des Abkommens Gebiete auf der Hohen See als schützenswert ausweisen. In diesen Zonen können bestimmte Aktivitäten eingeschränkt oder untersagt werden, um ökologische Funktionen langfristig zu sichern.
Umweltverträglichkeitsprüfungen
Großprojekte und wirtschaftliche Vorhaben müssen künftig systematisch auf ihre möglichen Auswirkungen auf die Meeresumwelt geprüft werden. Damit soll verhindert werden, dass irreversible Schäden entstehen, bevor politische Entscheidungen getroffen werden.
Marine genetische Ressourcen
Der Zugang zu genetischem Material aus der Hochsee wird erstmals international geregelt. Ziel ist eine nachhaltige Nutzung, bei der wissenschaftlicher Fortschritt und wirtschaftlicher Nutzen nicht zulasten der Umwelt gehen.
Kapazitätsaufbau und Wissenstransfer
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Unterstützung weniger entwickelter Staaten. Sie sollen Zugang zu wissenschaftlichem Know-how, Technologie und finanziellen Ressourcen erhalten, um sich aktiv am globalen Meeresschutz beteiligen zu können.
Zwischen Anspruch und Umsetzung
Trotz seiner historischen Bedeutung steht das Hochseeschutzabkommen erst am Anfang seiner praktischen Wirkung. Die eigentliche Herausforderung beginnt mit der Umsetzung der vereinbarten Regeln. Schutzgebiete müssen definiert, Kontrollmechanismen etabliert und internationale Abstimmungsprozesse organisiert werden.
Auch die Durchsetzung der neuen Vorgaben auf hoher See gilt als anspruchsvoll. Internationale Gewässer sind schwer zu überwachen, Zuständigkeiten komplex. Dennoch sehen Fachleute im Abkommen einen entscheidenden Fortschritt, weil es erstmals verbindliche Standards setzt, an denen staatliches Handeln gemessen werden kann.
Ein globales Signal mit langfristiger Wirkung
Das Hochseeschutzabkommen markiert einen Wendepunkt in der internationalen Umweltpolitik. Es steht für die Einsicht, dass globale Herausforderungen globale Regeln benötigen – und dass der Schutz der Ozeane nicht länger aufgeschoben werden kann. Ob das Abkommen sein volles Potenzial entfaltet, wird sich in den kommenden Jahren zeigen.
Fest steht jedoch schon jetzt: Mit den neuen Regeln für die Hochsee hat die Staatengemeinschaft ein starkes Signal gesetzt. Die internationalen Gewässer sind kein rechtsfreier Raum mehr, sondern Teil einer gemeinsamen Verantwortung für den Zustand des Planeten – und für die Zukunft kommender Generationen.