Erinnerung im Kurzformat Shoah Stories: Wie Holocaust-Gedenken mit Kurzvideos neue Zielgruppen erreicht

26. Januar 2026 | 14:16 Uhr |

Berlin, 26. Januar 2026 – Das Gedenken an den Holocaust verändert sich leise, aber grundlegend. Zwischen Wischbewegungen, kurzen Clips und endlosen Feeds entsteht eine neue Form der Erinnerung, die sich an den Mediengewohnheiten junger Generationen orientiert.

Unter dem Titel „Shoah Stories“ wird Holocaust-Gedenken in kurze Videoformate übersetzt, die an TikTok erinnern – getragen von Gedenkstätten, Bildungsinstitutionen und wissenschaftlicher Begleitforschung.

Mit Shoah Stories ist ein Projekt entstanden, das eine zentrale Herausforderung der Erinnerungskultur aufgreift: Wie lässt sich die Geschichte des Holocaust in einer Zeit vermitteln, in der klassische Dokumentationen, Bücher oder Ausstellungen viele junge Menschen kaum noch erreichen? Die Antwort der Initiatoren lautet nicht Vereinfachung, sondern Anpassung des Zugangs. Shoah Stories setzt auf kurze, visuell erzählte Inhalte, die sich an der Logik sozialer Plattformen orientieren, ohne deren Beliebigkeit zu übernehmen.

Die Videos sind bewusst knapp gehalten, meist nur wenige Sekunden oder Minuten lang. Sie erzählen von historischen Orten, erklären zentrale Begriffe oder geben Einblicke in persönliche Erinnerungen von Überlebenden. Dabei geht es nicht um Unterhaltung, sondern um Aufmerksamkeit – als erster Schritt hin zu vertiefter Auseinandersetzung.

Ein digitales Archiv für das Holocaust-Gedenken

Shoah Stories versteht sich nicht als Social-Media-Kampagne, sondern als digitales Archiv. Über zwanzig internationale Gedenkstätten, Museen und Bildungsorganisationen liefern Inhalte, die dauerhaft abrufbar bleiben sollen. Anders als bei einzelnen Kurzvideos auf Plattformen wie TikTok oder Instagram, die schnell wieder im Strom neuer Inhalte verschwinden, werden die Beiträge hier thematisch gebündelt und kontextualisiert.

Das Projekt reagiert damit auf eine Entwicklung, die Bildungsforscher seit Jahren beobachten: Ein wachsender Teil junger Menschen informiert sich primär über Kurzvideos. Für die Holocaust-Bildung bedeutet das eine Zäsur. Shoah Stories will diesen Medienwandel nicht ignorieren, sondern nutzen – mit klaren journalistischen und pädagogischen Standards.

Internationale Zusammenarbeit als Fundament

Koordiniert wird Shoah Stories vom Anne Frank Zentrum in Berlin, finanziell unterstützt von der Alfred Landecker Foundation. Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt unter anderem von der Hebräischen Universität Jerusalem. Ziel ist es, nicht nur Inhalte zu verbreiten, sondern deren Wirkung systematisch zu untersuchen.

Diese internationale Kooperation spiegelt sich auch in der Vielfalt der Beiträge wider. Während einige Videos konkrete historische Orte vorstellen, etwa ehemalige Konzentrationslager oder Gedenkstätten, widmen sich andere grundlegenden Fragen: Was bedeutete Entrechtung im Alltag? Wie funktionierte nationalsozialistische Propaganda? Oder wie erinnern sich Überlebende Jahrzehnte später an einzelne Momente ihres Lebens?

Das ist auch interessant:  Angelika Mann ist tot – Abschied von der Sängerin und Schauspielerin

Holocaust-Bildung für den Unterricht

Ein zentrales Element von Shoah Stories ist die enge Verzahnung mit schulischer Bildung. Die Plattform stellt ergänzende Materialien für Lehrkräfte bereit, die auf nationale Lehrpläne abgestimmt sind. So sollen die Videos nicht isoliert konsumiert, sondern in Unterrichtseinheiten eingebettet werden.

Dazu gehört ein sogenanntes Educator Toolkit, das Hintergrundinformationen, Diskussionsfragen und didaktische Hinweise enthält. Die kurzen Clips dienen damit als Einstieg – nicht als Ersatz – für vertiefende historische Arbeit. Gerade im schulischen Kontext soll verhindert werden, dass das Holocaust-Gedenken auf wenige Schlaglichter reduziert wird.

Kurzvideo-Formate zwischen Reichweite und Verantwortung

Die Entwicklung von Shoah Stories ist eng verbunden mit Erfahrungen aus sozialen Netzwerken. In den vergangenen Jahren haben zahlreiche Gedenkstätten begonnen, auf Plattformen wie TikTok aktiv zu werden. Im Rahmen einer internationalen Initiative wurden Dutzende Organisationen bei der Produktion kurzer Videos zur Geschichte des Holocaust unterstützt. Diese Inhalte erzielten teils Millionen Aufrufe und erreichten Zielgruppen, die zuvor kaum Berührung mit dem Thema hatten.

Gleichzeitig zeigte sich ein strukturelles Problem: Die Inhalte waren stark vom jeweiligen Algorithmus abhängig und oft nur kurz sichtbar. Shoah Stories setzt genau hier an und verlagert die Videos in einen dauerhaften, kuratierten Raum. Das Holocaust-Gedenken soll so aus der Flüchtigkeit sozialer Medien herausgelöst werden.

Zeitzeugnisse im digitalen Raum

Ein besonderer Stellenwert kommt den Beiträgen von Holocaust-Überlebenden zu. In knappen, direkten Statements berichten sie von persönlichen Erlebnissen: von der Ankunft in Konzentrationslagern, vom Verlust von Familienmitgliedern oder von Momenten des Überlebens. Diese Videos sind oft schlicht gehalten, ohne Effekte oder Inszenierung.

Gerade diese Unmittelbarkeit macht ihre Wirkung aus. Für viele junge Nutzerinnen und Nutzer sind es erste Begegnungen mit Zeitzeugnissen überhaupt. Die Kürze der Formate soll dabei keine Verkürzung der Geschichte bedeuten, sondern einen emotionalen Zugang schaffen, der Neugier weckt.

Debatten um Erinnerungskultur im digitalen Zeitalter

Die Verbindung von Holocaust-Gedenken und TikTok-ähnlichen Formaten ist nicht unumstritten. Kritiker warnen vor einer möglichen Trivialisierung historischer Verbrechen, wenn komplexe Zusammenhänge in wenigen Sekunden dargestellt werden. Auch die Gefahr von Missverständnissen oder aus dem Kontext gerissenen Aussagen wird diskutiert.

Das ist auch interessant:  Älteste Höhlenkunst der Welt entdeckt: 67 800 Jahre alter Handabdruck in Indonesien

Die Verantwortlichen von Shoah Stories betonen deshalb die Bedeutung redaktioneller Kontrolle. Alle Inhalte stammen von anerkannten Institutionen, werden geprüft und in einen klaren historischen Rahmen eingebettet. Die wissenschaftliche Begleitforschung untersucht zudem, wie die Videos wahrgenommen werden und welche Lernprozesse sie tatsächlich anstoßen.

Forschung als Bestandteil des Projekts

Die Zusammenarbeit mit der Hebräischen Universität Jerusalem soll Erkenntnisse darüber liefern, wie junge Menschen auf Kurzvideo-Formate zur Holocaust-Bildung reagieren. Untersucht wird unter anderem, ob die Videos zu weiterführendem Interesse führen und wie sie im Vergleich zu klassischen Bildungsangeboten wirken.

Parallel dazu finden Workshops und Schulungen für Mitarbeitende von Gedenkstätten statt. Sie sollen dabei helfen, Inhalte zu produzieren, die sowohl den Anforderungen digitaler Plattformen als auch den ethischen Maßstäben der Erinnerungskultur gerecht werden.

Holocaust-Gedenken zwischen Generationenwechsel und Medienwandel

Das Projekt Shoah Stories entsteht vor dem Hintergrund eines tiefgreifenden Wandels. Die Zahl der lebenden Holocaust-Überlebenden nimmt stetig ab, persönliche Begegnungen werden seltener. Gleichzeitig verändern sich die Mediengewohnheiten rasant. Erinnerungskultur steht damit vor der Aufgabe, neue Formen zu finden, ohne ihren Kern zu verlieren.

Shoah Stories versteht sich als Antwort auf diesen doppelten Umbruch. Das Holocaust-Gedenken soll nicht museal erstarren, sondern im digitalen Raum präsent bleiben – sichtbar, auffindbar und anschlussfähig für junge Generationen.

Eine neue Form der historischen Vermittlung

Ob kurze Videos langfristig geeignet sind, die Tiefe und Komplexität der Geschichte des Holocaust zu vermitteln, ist offen. Klar ist jedoch: Sie verändern den Einstieg in das Thema. Shoah Stories setzt nicht auf Vollständigkeit, sondern auf Zugänglichkeit. Das Projekt will Aufmerksamkeit schaffen und einen ersten Kontakt ermöglichen.

In einer digitalen Öffentlichkeit, in der Desinformation und antisemitische Narrative ebenfalls kursieren, setzt Shoah Stories auf überprüfbare Inhalte und institutionelle Verantwortung. Das Holocaust-Gedenken wird damit nicht vereinfacht, sondern in eine neue mediale Sprache übersetzt – als Versuch, Erinnerung im 21. Jahrhundert lebendig zu halten.

Avatar
Redaktion / Published posts: 3598

Als Autor für das Magazin "Nah am digitalen Rand" verbinde ich meine Germanistik-Expertise mit einem unstillbaren Interesse für redaktionell spannende Themen. Meine Leidenschaft gilt der Erforschung und dem Verständnis der digitalen Evolution unserer Sprache, ein Bereich, der mich stets zu tiefgründigen Analysen und Artikeln inspiriert.