Russlandpolitik und Energiekrise
Habeck wirft früheren Regierungen schwere Fehler im Umgang mit Russland vor

Russlandpolitik und Energiekrise

Robert Habeck übt scharfe Kritik an der Russlandpolitik früherer Bundesregierungen. Der ehemalige Bundeswirtschaftsminister wirft den Regierungen unter Angela Merkel und Gerhard Schröder vor, Deutschlands Abhängigkeit von russischem Erdgas trotz wachsender Sicherheitsrisiken ausgebaut zu haben. In einem aktuellen Podcast spricht der Grünen-Politiker über Warnungen aus den USA, politische Versäumnisse und die Frage, warum er selbst nach Beginn des Ukrainekrieges zunächst gegen umfassende Gassanktionen war.
Berlin, 13. Oktober 2026 – Die deutsche Russlandpolitik der vergangenen Jahrzehnte steht erneut in der Kritik. Robert Habeck, früherer Bundeswirtschaftsminister und einer der prägenden Politiker der Grünen, wirft den Regierungen unter Angela Merkel und Gerhard Schröder schwerwiegende Fehleinschätzungen im Umgang mit Moskau vor. Über Jahre habe Deutschland seine wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland vertieft, während die sicherheitspolitischen Risiken zunehmend sichtbar geworden seien.
Im Podcast „Bengalos im Bundestag“ spricht Habeck mit dem Journalisten Jan Schipmann über die politischen Entscheidungen, die Deutschland in eine weitreichende Abhängigkeit von russischem Erdgas führten. Wie die WELT berichtet, kritisiert er insbesondere den Umgang mit den Ostseepipelines Nord Stream und die Rolle wirtschaftlicher Interessen bei der deutschen Energiepolitik.
Sein Vorwurf reicht über einzelne Regierungsentscheidungen hinaus. Deutschland habe sich zu lange darauf verlassen, wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Russland unabhängig von dessen geopolitischem Verhalten fortsetzen zu können. Die Folgen dieser Politik wurden spätestens 2022 sichtbar, als der russische Angriff auf die Ukraine die deutsche Energieversorgung unter erheblichen Druck setzte.
Im Zentrum von Habecks Kritik steht die politische Bewertung der Energiebeziehungen zu Russland. Die Bundesregierung habe Pipelineprojekte und langfristige Gaslieferungen über Jahre überwiegend unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet. Sicherheitspolitische Bedenken seien nach seiner Einschätzung nicht ausreichend in die Entscheidungen eingeflossen.
Besonders deutlich wird das am Ausbau der Ostseepipelines Nord Stream 1 und Nord Stream 2. Beide Projekte standen für eine Energiepolitik, die auf enge Lieferbeziehungen mit Russland setzte. Günstiges Erdgas galt als wichtiger Faktor für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie. Die damit verbundene Abhängigkeit wurde später zu einem erheblichen Risiko.
Habecks Vorwürfe richten sich allerdings nicht allein gegen Angela Merkel. Auch die Regierung von Gerhard Schröder und die energiepolitischen Entscheidungen über mehrere Legislaturperioden hinweg nimmt er in den Blick. Seine Kritik betrifft damit einen politischen Kurs, der von unterschiedlichen Regierungskoalitionen getragen wurde.
Nach Habecks Darstellung hatten wirtschaftliche Interessen erheblichen Einfluss auf die damalige Russlandpolitik. Vor allem energieintensive Unternehmen profitierten von russischen Gaslieferungen und unterstützten den Ausbau der entsprechenden Infrastruktur.
Damit beschreibt der frühere Wirtschaftsminister eine enge Verbindung zwischen politischen Entscheidungen und industriellen Interessen. Die Versorgung mit vergleichsweise günstigem Erdgas war für zahlreiche Unternehmen von großer Bedeutung. Die Frage, welche geopolitischen Abhängigkeiten daraus entstanden, habe nach seiner Bewertung nicht das notwendige Gewicht erhalten.
Dennoch unterscheidet Habeck zwischen seiner persönlichen Haltung gegenüber Merkel und seiner Kritik an deren Regierungspolitik. Er hat seine Wertschätzung für die frühere Bundeskanzlerin ausdrücklich betont. Seine Vorwürfe zielen auf politische Entscheidungen und deren langfristige Folgen, nicht auf eine persönliche Auseinandersetzung.
Besondere Aufmerksamkeit verdienen Habecks Aussagen über Gespräche mit amerikanischen Sicherheitsvertretern. Nach seiner Darstellung wurde er nach seinem Amtsantritt als Bundeswirtschaftsminister auf Warnungen hingewiesen, die amerikanische Stellen bereits gegenüber früheren Bundesregierungen ausgesprochen hätten.
Prüfstatus: partly confirmed
Die Hinweise sollen sich auf Risiken im Verhältnis zu Russland bezogen haben. Habeck führt sie als Beispiel dafür an, dass die Gefahren der deutschen Energieabhängigkeit keineswegs erst mit dem russischen Großangriff auf die Ukraine erkennbar geworden seien.
Wie konkret diese Warnungen ausfielen, bleibt allerdings offen. Aus den bislang vorliegenden Informationen geht nicht vollständig hervor, welche amerikanischen Stellen beteiligt waren, wann die Hinweise übermittelt wurden und welche Reaktionen sie innerhalb der damaligen Bundesregierung auslösten.
Habecks Schilderung ist deshalb als Aussage eines früheren Regierungsmitglieds einzuordnen. Eine unabhängige Überprüfung der einzelnen Vorgänge würde zusätzliche Dokumente oder bestätigte Angaben der beteiligten Stellen erfordern.
Politisch ist der Vorwurf dennoch erheblich: Sollte die Bundesregierung frühzeitig über konkrete Risiken informiert gewesen sein, stellt sich die Frage, welchen Einfluss diese Erkenntnisse auf die deutsche Energie- und Sicherheitspolitik hatten.
Wie eng die wirtschaftlichen Beziehungen tatsächlich waren, zeigen die offiziellen Daten zur deutschen Gasversorgung. Nach Angaben der Bundesnetzagentur stammten 2021 rund 52 Prozent der deutschen Erdgasimporte aus Russland. Moskau war damit Deutschlands wichtigster Gaslieferant.
Diese Größenordnung verdeutlicht die Ausgangslage, vor der die Bundesregierung nach Beginn des russischen Angriffskrieges im Februar 2022 stand. Ein kurzfristiger Ausfall erheblicher Liefermengen hätte Unternehmen, Energieversorger und private Haushalte gleichermaßen getroffen.
Innerhalb eines Jahres veränderte sich die Versorgungslage grundlegend. Der russische Anteil an den deutschen Gasimporten sank 2022 auf 22 Prozent. Zugleich mussten alternative Lieferwege erschlossen und vorhandene Bezugsquellen stärker genutzt werden.
Deutschland ersetzte fehlende russische Liefermengen teilweise durch zusätzliche Importe aus Norwegen, Belgien und den Niederlanden. Gleichzeitig ging der Verbrauch deutlich zurück. Die Bundesnetzagentur bewertete die Versorgungslage Ende September 2022 weiterhin als angespannt, die Gasversorgung war zu diesem Zeitpunkt jedoch gewährleistet.
Die Entwicklung zeigt zweierlei: Die Abhängigkeit von Russland war beträchtlich. Zugleich gelang es, die Bezugsquellen unter hohem Anpassungsdruck innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit zu verändern. Welche wirtschaftlichen Folgen ein vollständiger Lieferstopp bereits unmittelbar nach Kriegsbeginn gehabt hätte, lässt sich daraus allerdings nicht eindeutig ableiten.
Habeck spart seine eigene Rolle in der Energiekrise nicht aus. Im Podcast erklärt er, weshalb er in den ersten sechs Monaten nach Beginn des russischen Angriffskrieges gegen umfassende Sanktionen auf russisches Erdgas war.
Der damalige Wirtschaftsminister sah die Versorgungssicherheit Deutschlands gefährdet. Ein abrupter Wegfall russischer Lieferungen hätte nach seiner Einschätzung gravierende wirtschaftliche Schäden verursachen können. Die Bundesregierung musste deshalb zwischen dem politischen Ziel, Russland wirtschaftlich unter Druck zu setzen, und der Sicherung der heimischen Energieversorgung abwägen.
Gerade dieser Rückblick verleiht seiner Kritik an früheren Regierungen eine zusätzliche Dimension. Habeck beschreibt nicht nur die langfristigen Folgen der deutschen Russlandpolitik, sondern auch die unmittelbaren Handlungsspielräume, die ihm selbst nach Beginn des Krieges blieben.
Seine damalige Zurückhaltung gegenüber Gassanktionen begründet er mit einer Abhängigkeit, die über Jahre entstanden war. Eine kurzfristige politische Entscheidung konnte die bestehenden Lieferbeziehungen und die darauf ausgerichtete Energieversorgung nicht ohne erhebliche Risiken ersetzen.
Die wirtschaftlichen Gefahren eines sofortigen Lieferstopps waren damit ein zentraler Faktor seiner Entscheidungen. Ob ein solches Szenario tatsächlich zu den von ihm befürchteten Schäden geführt hätte, bleibt eine rückblickend nicht abschließend zu beantwortende Frage.
Die Kritik des früheren Wirtschaftsministers ist nicht neu. Bereits im Dezember 2024 hatte Habeck im Deutschen Bundestag die energiepolitischen Entscheidungen früherer Bundesregierungen deutlich angegriffen.
Damals verwies er unter anderem auf russische Beteiligungen an deutscher Energieinfrastruktur und den Ausbau der Abhängigkeit durch Nord Stream 2. Das Vertrauen auf dauerhaft stabile Beziehungen zu Wladimir Putin bewertete er als schwerwiegende historische Fehleinschätzung.
Die aktuellen Podcastäußerungen setzen diese Argumentation fort. Neu hinzu kommen seine ausführlicheren Schilderungen zu amerikanischen Sicherheitswarnungen und zur eigenen Verantwortung während der Energiekrise.
Der politische Hintergrund bleibt aktuell. Anfang Oktober 2026 warnten die Spitzen der deutschen Nachrichtendienste in einer öffentlichen Anhörung des Parlamentarischen Kontrollgremiums des Bundestages erneut vor den sicherheitspolitischen Gefahren durch Russland. Dabei ging es insbesondere um geheimdienstliche Aktivitäten, mögliche Eskalationen und den Druck auf europäische Staaten.
Diese Einschätzungen verdeutlichen die anhaltende Bedeutung der deutschen Russlandpolitik. Sie belegen allerdings nicht automatisch, welche Informationen früheren Regierungen im Einzelnen vorlagen oder wie diese bewertet wurden.
Habecks Kritik führt zurück zu einer Grundsatzentscheidung deutscher Politik: Über Jahre setzte die Bundesrepublik auf enge wirtschaftliche Beziehungen zu Russland und baute gleichzeitig ihre Abhängigkeit von dessen Energielieferungen aus. Als der Krieg gegen die Ukraine begann, wurde diese Verflechtung zu einer unmittelbaren Herausforderung für die deutsche Wirtschaft.
Die offiziellen Zahlen zeigen das Ausmaß der damaligen Gasabhängigkeit. Sie erklären jedoch nicht allein, warum bestimmte Entscheidungen getroffen wurden und welche Alternativen den verantwortlichen Regierungen tatsächlich offenstanden.
Habeck sieht in der früheren Russlandpolitik ein schwerwiegendes Versäumnis, an dem politische und wirtschaftliche Akteure beteiligt waren. Eine aktuelle Reaktion Angela Merkels auf seine jüngsten Aussagen ist bislang nicht belegt.
Damit bleibt die politische Aufarbeitung offen. Entscheidend ist nicht allein, wer den Ausbau der Gasbeziehungen unterstützte, sondern auch, welche Sicherheitsrisiken bekannt waren und welchen Stellenwert sie in den damaligen Entscheidungen erhielten. An diesen Fragen wird sich die Bewertung der deutschen Russlandpolitik langfristig messen lassen.
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