
Stuttgart, 09. Februar 2026 – Leises Murmeln, gespannte Blicke, ein Moment zwischen Erinnerung und Gegenwart: Wenn sich Ende Februar die Delegierten der CDU in Stuttgart versammeln, wird eine Frau anwesend sein, deren Name über anderthalb Jahrzehnte untrennbar mit der Partei verbunden war. Angela Merkel kehrt zurück zu einem CDU-Parteitag – nicht als Rednerin, nicht als Machtfaktor, sondern als Ehrengast. Es ist eine Rückkehr mit Symbolkraft, eingebettet in eine Partei im Umbruch.
Angela Merkel wird am 20. Februar 2026 erstmals seit dem Ende ihrer Kanzlerschaft wieder persönlich an einem Bundesparteitag der Christlich Demokratischen Union teilnehmen. Die frühere Parteivorsitzende und langjährige Regierungschefin folgt damit einer Einladung der CDU-Spitze nach Stuttgart. Ihre Anwesenheit ist ausdrücklich als Ausnahme deklariert, zugleich aber politisch aufgeladen: Nach Jahren der demonstrativen Zurückhaltung betritt Merkel wieder jenen Raum, in dem sie einst die Richtung vorgab.
Der CDU-Parteitag in der baden-württembergischen Landeshauptstadt steht organisatorisch im Zeichen der Wiederwahl des Parteivorsitzenden, politisch jedoch in einem deutlich größeren Kontext. Die Union ringt um Geschlossenheit, Profil und strategische Klarheit – und tut dies in einer Phase, in der die Erinnerung an die Merkel-Jahre in der Partei ebenso präsent ist wie der Wunsch nach Abgrenzung von ihnen.
Eine bewusst gesetzte Ausnahme
Seit ihrem Ausscheiden aus dem Kanzleramt im Dezember 2021 hatte Angela Merkel Einladungen zu Bundesparteitagen der CDU konsequent ausgeschlagen. Ihre Begründung war stets dieselbe: Sie wolle sich nicht in aktuelle innerparteiliche Debatten einmischen und halte Abstand für geboten. Diese Linie galt sowohl für den Parteitag 2022 als auch für spätere Zusammenkünfte der Union.
Dass Merkel nun dennoch erscheint, wird von ihrem Umfeld als klar begrenzte Ausnahme beschrieben. Die frühere Kanzlerin werde bis einschließlich der Wahl des Parteivorsitzenden am ersten Tag des Parteitags anwesend sein, hieß es aus Parteikreisen. Ein eigener Redebeitrag ist nicht vorgesehen. Auch inhaltliche Stellungnahmen oder politische Interventionen gelten als ausgeschlossen.
Gerade diese Zurückhaltung macht den Auftritt bemerkenswert. Merkel kommt nicht, um zu prägen oder zu korrigieren. Sie kommt, um sichtbar zu sein – als Teil der Parteigeschichte, nicht als Akteurin der Gegenwart. In einer Partei, die sich in den vergangenen Jahren spürbar von ihrem politischen Stil entfernt hat, ist das allein eine Aussage.
Letzter Parteitag als aktive Politikerin
Zuletzt hatte Angela Merkel im November 2019 persönlich an einem CDU-Bundesparteitag teilgenommen. Damals fand die Versammlung in Leipzig statt, Merkel war noch Bundeskanzlerin und nahm als Parteigröße mit Autorität und Einfluss teil. Der folgende Parteitag im Januar 2021 musste pandemiebedingt digital abgehalten werden – eine physische Präsenz war damals nicht möglich.
Mit dem Parteitag 2026 in Stuttgart endet somit eine mehr als sechsjährige Phase ohne reale Teilnahme Merkels an einem zentralen Parteitreffen der CDU. Allein dieser zeitliche Abstand verleiht dem Moment historische Tiefe.
Der politische Kontext der Rückkehr
Die Rückkehr Angela Merkels auf einen CDU-Parteitag fällt in eine Phase, in der sich das politische Koordinatensystem der Union sichtbar verschoben hat. Seit der Wahl eines neuen Parteivorsitzenden Anfang 2022 verfolgt die CDU einen deutlich schärferen politischen Kurs, insbesondere in der Innen- und Migrationspolitik. Diese Neuausrichtung wurde nicht selten explizit als Abkehr vom sogenannten Merkel-Kurs verstanden.
Zwischen der ehemaligen Kanzlerin und der aktuellen Parteiführung besteht seit Jahren ein distanziertes Verhältnis. Merkel hatte sich mehrfach kritisch zu politischen Entscheidungen der Unionsfraktion geäußert, vor allem dann, wenn parlamentarische Mehrheiten unter Einbeziehung der AfD zustande kamen. Zugleich zeigte sie sich differenziert in der Bewertung einzelner politischer Linien und vermied pauschale Abrechnungen.
Dass Merkel trotz dieser Spannungen nun als Ehrengast erscheint, wird parteiintern als Zeichen institutioneller Kontinuität interpretiert. Die CDU präsentiert sich in Stuttgart bewusst als Partei mit Geschichte – und mit der Fähigkeit, unterschiedliche politische Epochen unter einem organisatorischen Dach zu vereinen.
Beobachtet, aber nicht intervenierend
Für viele Delegierte dürfte der Auftritt Merkels dennoch ambivalent sein. Die frühere Kanzlerin steht für eine Ära, die von Stabilität, Pragmatismus und internationaler Verankerung geprägt war – zugleich aber auch für politische Entscheidungen, die in der Partei bis heute umstritten sind. Ihre bloße Präsenz wird Erinnerungen wachrufen, ohne Antworten auf aktuelle Fragen zu liefern.
Genau darin liegt die Besonderheit dieses Moments: Merkel wird gesehen werden, nicht gehört. Sie wird beobachtet, nicht befragt. In einer Partei, die sich programmatisch neu aufstellt, ist das eine ungewöhnliche Konstellation.
Parteitag im Schatten wichtiger Wahlen
Der CDU-Parteitag in Stuttgart ist nicht nur innerparteilich von Bedeutung. Er findet in zeitlicher Nähe zu mehreren richtungsweisenden Landtagswahlen statt. In Baden-Württemberg selbst wird wenige Wochen später ein neuer Landtag gewählt, weitere Wahlen in ostdeutschen Bundesländern folgen im Laufe des Jahres.
In Umfragen verzeichnen rechtspopulistische Parteien in mehreren Regionen hohe Zustimmungswerte. Für die CDU bedeutet das einen Spagat zwischen Abgrenzung, Mobilisierung und strategischer Öffnung zur politischen Mitte. Der Parteitag dient damit auch als Bühne für Geschlossenheit und Selbstvergewisserung.
Angela Merkels Anwesenheit fügt sich in dieses Bild ein. Sie verkörpert eine Phase, in der die CDU über Jahre hinweg Wahlerfolge erzielte und als staatstragende Kraft wahrgenommen wurde. Ob diese Erinnerung mobilisierend wirkt oder eher als Mahnung gelesen wird, bleibt offen.
Weitere prominente Gäste
Merkel wird in Stuttgart nicht die einzige ehemalige Führungspersönlichkeit der CDU sein. Auch frühere Parteivorsitzende und Spitzenpolitiker haben ihr Kommen angekündigt oder werden erwartet. Dazu zählen unter anderem:
- frühere Parteivorsitzende in Delegiertenfunktion
- ehemalige Ministerpräsidenten und Bundesminister
- amtierende Funktionsträger aus Bund und Ländern
Die gleichzeitige Präsenz mehrerer Generationen von Parteiführung unterstreicht den Anspruch der CDU, Tradition und Erneuerung miteinander zu verbinden. Für Beobachter entsteht so ein dichtes politisches Panorama, in dem Vergangenheit und Gegenwart sichtbar aufeinandertreffen.
Symbolik ohne Inszenierung
Auffällig ist, wie bewusst unspektakulär Angela Merkels Rückkehr angelegt ist. Es gibt keine Ankündigung einer Rede, keine programmatische Einbindung, keine Inszenierung. Die frühere Kanzlerin wird als Ehrengast geführt, nicht als politische Instanz.
Diese Zurückhaltung entspricht Merkels nachamtlichem Selbstverständnis. Seit ihrem Rückzug aus der aktiven Politik tritt sie nur punktuell öffentlich auf, etwa bei internationalen Konferenzen, Buchvorstellungen oder staatlichen Anlässen. Parteipolitische Debatten meidet sie konsequent.
Gerade deshalb wird ihr Erscheinen auf dem CDU-Parteitag aufmerksam registriert werden. In einer politischen Kultur, die stark auf Signale und Symbolik reagiert, genügt manchmal die bloße Anwesenheit, um Wirkung zu entfalten.
Ein stiller Moment der Parteigeschichte
Wenn Angela Merkel durch die Reihen der Delegierten geht, wird dies kein Comeback im klassischen Sinn sein. Es ist eher ein kurzer Blick zurück – und zugleich ein Beleg dafür, dass politische Karrieren auch nach ihrem formalen Ende nachwirken. Der CDU-Parteitag in Stuttgart wird ohne sie entschieden, aber nicht ohne sie erinnert werden.
Für die Union ist dieser Moment mehr als eine Randnotiz. Er markiert die Fähigkeit, mit der eigenen Geschichte umzugehen, ohne von ihr dominiert zu werden. Angela Merkels Rückkehr als Ehrengast ist kein politischer Paukenschlag, sondern ein leiser, kontrollierter Akt – und gerade deshalb von nachhaltiger Bedeutung.
Zwischen Erinnerung und Neubeginn
Der Parteitag wird enden, die Tagesordnung abgearbeitet, die Wahlen vollzogen sein. Angela Merkel wird Stuttgart wieder verlassen, so zurückhaltend, wie sie gekommen ist. Zurück bleibt eine Partei, die sich weiter neu erfinden muss – und eine Szene, die zeigt, dass politische Geschichte nicht einfach verschwindet, sondern gelegentlich wieder den Raum betritt. Still, beobachtend, präsent.



