
Nuuk / Berlin, 7. Januar 2026 – Eis, Weite, Stille. Und plötzlich weltpolitischer Lärm. Mitten im arktischen Winter rückt Grönland erneut ins Zentrum globaler Aufmerksamkeit. Aussagen aus Washington über einen möglichen Kauf der Insel haben diplomatische Verwerfungen ausgelöst – und erinnern an eine Idee, die älter ist als der Kalte Krieg.
Die Debatte ist zurück. Und sie ist schärfer als je zuvor. Die Vereinigten Staaten prüfen erneut, ob Grönland – das autonome Gebiet des Königreichs Dänemark – Teil der USA werden könnte. Was lange als politischer Exot galt, wird nun von hochrangigen Regierungsvertretern offen thematisiert. Die Reaktionen aus Europa fallen entsprechend deutlich aus. Dänemark, Grönland selbst und mehrere NATO-Partner weisen die Überlegungen entschieden zurück. Die Kontroverse berührt grundlegende Fragen: nach Souveränität, internationalem Recht, geopolitischer Macht – und nach der Zukunft der transatlantischen Beziehungen.
US-Interesse an Grönland: Sicherheit, Strategie, Signalwirkung
Washington spricht offen über einen Kauf
Auslöser der aktuellen Eskalation sind öffentliche und interne Äußerungen aus der US-Regierung. Demnach gilt der Kauf Grönlands in Washington erneut als strategische Option. Außenminister Marco Rubio soll in Gesprächen mit Abgeordneten erklärt haben, das Ziel sei ein Erwerb der Insel, nicht deren gewaltsame Einnahme. Gleichzeitig ließ das Weiße Haus offen, ob militärische Optionen grundsätzlich ausgeschlossen seien. Formulierungen, wonach „alle Mittel auf dem Tisch“ lägen, sorgten international für Irritation.
Offiziell begründet die US-Regierung ihr Interesse mit nationaler Sicherheit. Grönland liege an einem geopolitischen Knotenpunkt zwischen Nordamerika, Europa und der Arktis. In Zeiten wachsender Spannungen mit Russland und zunehmender chinesischer Präsenz im hohen Norden sei die Insel von strategischer Bedeutung. Die Argumentation folgt einem bekannten Muster: Kontrolle über Infrastruktur, Lufträume und Seewege soll sicherstellen, dass geopolitische Rivalen keinen Vorteil erlangen.
Arktis im Fokus globaler Machtpolitik
Der Blick nach Norden ist kein Zufall. Durch den Klimawandel verändert sich die Arktis schneller als jede andere Region der Erde. Schmelzende Eismassen öffnen neue Schifffahrtsrouten, verkürzen Handelswege und machen Rohstoffvorkommen zugänglicher. Seltene Erden, Öl, Gas und strategische Metalle rücken in den Fokus internationaler Begehrlichkeiten. Grönland, flächenmäßig die größte Insel der Welt, spielt dabei eine Schlüsselrolle.
Für die USA ist Grönland zudem militärisch relevant. Die Pituffik Space Base – früher als Thule Air Base bekannt – gilt als zentraler Bestandteil der amerikanischen Raketenfrühwarn- und Weltraumüberwachung. Seit Jahrzehnten ist die US-Armee dort präsent. Die aktuelle Debatte geht jedoch weit über militärische Nutzungsrechte hinaus: Sie stellt die territoriale Zugehörigkeit selbst infrage.
Deutliche Zurückweisung aus Nuuk und Kopenhagen
„Nicht zum Verkauf“: Grönlands klare Haltung
Die Reaktion aus Grönland ließ nicht lange auf sich warten. Die Regierung in Nuuk stellte unmissverständlich klar, dass die Insel nicht zum Verkauf stehe. Grönland sei kein Objekt geopolitischer Verhandlungen, sondern die Heimat einer eigenen Bevölkerung mit dem Recht auf Selbstbestimmung. Auch Dänemarks Regierung wies die US-Überlegungen scharf zurück und sprach von einer inakzeptablen Infragestellung territorialer Souveränität.
In Kopenhagen wurde zudem vor den Folgen für das internationale System gewarnt. Die offene Diskussion über einen möglichen Erwerb – begleitet von Andeutungen militärischer Optionen – sei mit den Grundprinzipien des Völkerrechts unvereinbar. Besonders brisant: Sowohl die USA als auch Dänemark sind Mitglieder der NATO. Ein Konflikt zwischen Bündnispartnern würde die Allianz in eine beispiellose Krise stürzen.
Europa schließt die Reihen
Auch andere europäische Staaten stellten sich demonstrativ hinter Dänemark und Grönland. In mehreren Hauptstädten wurde betont, dass territoriale Integrität und Selbstbestimmung nicht verhandelbar seien. Hinter vorgehaltener Hand wächst die Sorge, dass das Vorgehen Washingtons das Vertrauen innerhalb der transatlantischen Partnerschaft dauerhaft beschädigen könnte.
Die NATO selbst äußerte sich zurückhaltend, doch Diplomaten sprechen von einer „ernsten Belastungsprobe“. Das Bündnis basiert auf gegenseitiger Solidarität – nicht auf territorialen Ansprüchen unter Partnern.
Ein alter Gedanke mit langer Geschichte
Vom 19. Jahrhundert bis in den Kalten Krieg
So überraschend die aktuelle Debatte wirkt, neu ist die Idee nicht. Bereits im 19. Jahrhundert zeigten die USA Interesse an Grönland. Nach dem Kauf Alaskas 1867 wurde die Insel als möglicher nächster Schritt gesehen. Konkreter wurde es nach dem Zweiten Weltkrieg: 1946 boten die Vereinigten Staaten Dänemark 100 Millionen Dollar in Gold für Grönland an. Das Angebot wurde abgelehnt.
Im Kalten Krieg gewann die Insel weiter an Bedeutung. Die Nähe zur Sowjetunion machte Grönland zu einem strategischen Vorposten. 1951 schlossen die USA und Dänemark ein Verteidigungsabkommen, das den Aufbau und Betrieb amerikanischer Militärbasen erlaubte. Dieses Abkommen bildet bis heute die Grundlage der US-Präsenz auf der Insel.
Autonomie statt Abhängigkeit
Seit 2009 verfügt Grönland über weitreichende Autonomierechte. Viele politische Kräfte auf der Insel streben langfristig sogar die vollständige Unabhängigkeit von Dänemark an. Ein Anschluss an die USA spielt in diesen Überlegungen kaum eine Rolle. Umfragen und politische Stellungnahmen zeigen eine klare Mehrheit gegen eine US-Übernahme.
Für viele Grönländer steht weniger die Frage im Vordergrund, zu wem sie gehören, sondern wie sie ihre wirtschaftliche und politische Eigenständigkeit ausbauen können – ohne neue Abhängigkeiten.
Völkerrechtliche Grenzen und politische Realität
Ohne Zustimmung kein Szenario
Völkerrechtlich ist die Lage eindeutig. Ein Verkauf oder eine Abtretung Grönlands wäre nur mit Zustimmung Dänemarks und der grönländischen Selbstverwaltung möglich. Jede Form von Zwang oder militärischem Druck stünde im klaren Widerspruch zu internationalen Normen. Die offene Diskussion über solche Optionen sorgt daher für erhebliche Irritationen.
Juristen und Diplomaten betonen, dass Staaten im 21. Jahrhundert keine Territorien mehr wie Waren behandeln können. Die internationale Ordnung beruht auf Regeln, nicht auf Machtlogik allein.
Grönlands Perspektive im Überblick
- Starkes Bekenntnis zur Selbstbestimmung der Bevölkerung
- Klare Ablehnung eines Verkaufs an die USA
- Fokus auf Autonomie, wirtschaftliche Entwicklung und internationale Kooperation
Transatlantische Beziehungen unter Druck
Die erneute Debatte über den Kauf Grönlands trifft Europa in einer Phase ohnehin angespannter Beziehungen zu Washington. Handelsfragen, Sicherheitspolitik und unterschiedliche geopolitische Prioritäten haben das Verhältnis bereits belastet. Der Vorstoß in der Arktis verstärkt den Eindruck, dass sich die USA zunehmend unilateral positionieren.
Für viele europäische Beobachter ist der Fall Grönland ein Symbol: Er zeigt, wie fragil die Balance zwischen Machtpolitik und regelbasierter Ordnung geworden ist. Gerade deshalb fällt die Reaktion so deutlich aus.
Grönland als Prüfstein der Weltordnung
Die aktuelle Kontroverse ist mehr als ein Streit um eine Insel. Sie ist ein Prüfstein für das internationale System. Sie zeigt, wie stark geopolitische Interessen, Sicherheitsdenken und wirtschaftliche Erwartungen aufeinanderprallen. Und sie macht deutlich, dass selbst unter Verbündeten Grundfragen neu verhandelt werden.
Grönland steht dabei sinnbildlich für eine Welt im Wandel: Eine Region, die lange am Rand der globalen Aufmerksamkeit lag, rückt ins Zentrum politischer Machtspiele. Ob diese Spiele die bestehenden Regeln respektieren oder untergraben, wird darüber entscheiden, wie stabil die internationale Ordnung in den kommenden Jahren bleibt.