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Profitabel – und dennoch vor dem Aus NEFF Werk Bretten vor dem Aus: Schließung trotz schwarzer Zahlen sorgt für Debatte

In Bretten
Januar 19, 2026

Bretten, 19. Januar 2026 – Ein grauer Wintermorgen im Kraichgau, vor den Werkstoren herrscht ungewöhnliche Stille. Was hier seit Generationen gearbeitet, gelernt und produziert wurde, steht vor dem Ende. Die geplante Schließung des NEFF Werks Bretten trifft eine Stadt, eine Region – und eine Industrie im Kern.

Die Entscheidung der BSH Hausgeräte GmbH, das traditionsreiche NEFF Werk Bretten bis spätestens zum ersten Quartal 2028 zu schließen, hat weit über Baden-Württemberg hinaus Aufmerksamkeit ausgelöst. Besonders brisant ist dabei ein Umstand, der den Konflikt zuspitzt: Nach Angaben von Arbeitnehmervertretern arbeitet das Werk wirtschaftlich stabil und schreibt schwarze Zahlen. Die Produktionslinien sind ausgelastet, die Qualität der gefertigten Einbaugeräte gilt konzernintern als hoch. Dennoch soll der Standort aufgegeben werden. Die Werksschließung von NEFF in Bretten ist damit zu einem Symbol für eine tiefgreifende industriepolitische Debatte geworden.

Das NEFF Werk Bretten – wirtschaftlich stabil, strategisch entbehrlich?

Das NEFF Werk Bretten ist einer der traditionsreichsten Produktionsstandorte der deutschen Hausgeräteindustrie. Seit dem späten 19. Jahrhundert wird hier gefertigt, seit den 1980er-Jahren als Teil der BSH Hausgeräte GmbH. Heute arbeiten rund 980 Menschen in der Produktion und angrenzenden Bereichen. Für Bretten ist das Werk nicht nur Arbeitgeber, sondern identitätsstiftender Industriekern.

Nach Darstellung von Betriebsrat und Gewerkschaft ist die wirtschaftliche Lage des Standorts solide. Die Produktion laufe effizient, Investitionen in Prozesse und Qualität hätten sich ausgezahlt. Genau dieser Umstand nährt den Unmut vieler Beschäftigter: Warum trifft es einen Standort, der wirtschaftlich funktioniert?

Die Perspektive des Konzerns

Die BSH Hausgeräte GmbH verweist auf strukturelle Veränderungen im europäischen Markt für Haushaltsgeräte. Sinkende Nachfrage in Teilen Europas, eine anhaltende Schwäche im Wohnungsneubau, steigender Preis- und Wettbewerbsdruck sowie ein verändertes Konsumverhalten hätten eine umfassende Überprüfung des Produktionsnetzwerks erforderlich gemacht. Ziel sei es, Überkapazitäten abzubauen und die langfristige Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.

In diesem Zusammenhang sei die Entscheidung gefallen, sowohl das NEFF Werk Bretten als auch die Waschmaschinenproduktion im brandenburgischen Nauen perspektivisch zu schließen. Die Produktion solle stärker gebündelt und auf andere Standorte verlagert werden. Der Konzern betont, dass es sich um eine strategische Maßnahme handele, nicht um eine Bewertung der Leistungsfähigkeit der Belegschaft in Bretten.

Zugleich hebt BSH hervor, in den vergangenen Jahren erhebliche Mittel in deutsche Standorte investiert zu haben. Mehrere hundert Millionen Euro seien in Modernisierung, Digitalisierung und Forschung geflossen. Auch künftig wolle man in Innovation und Entwicklung investieren – allerdings in einer veränderten Struktur.

Widerspruch aus der Belegschaft

Für viele Beschäftigte im NEFF Werk Bretten bleibt diese Argumentation schwer nachvollziehbar. Die IG Metall spricht von einer Entscheidung, die sich nicht aus der operativen Realität vor Ort erklären lasse. Wenn ein Werk profitabel arbeite, ausgelastet sei und qualitativ hochwertige Produkte liefere, stelle sich zwangsläufig die Frage nach den tatsächlichen Kriterien der Standortentscheidung.

Besonders kritisch wird der Zeitpunkt der Kommunikation gesehen. Betriebsrat und Gewerkschaft bemängeln, dass sie erst sehr kurzfristig über die Schließungspläne informiert worden seien. Von echter Mitbestimmung könne unter diesen Umständen keine Rede sein. Die Ankündigung habe viele Beschäftigte unvorbereitet getroffen und große Verunsicherung ausgelöst.

Industriestandort unter Druck: Bretten und die Folgen

Die Bedeutung des NEFF Werks Bretten reicht weit über die Werkstore hinaus. Zulieferbetriebe, Handwerksunternehmen, Logistikdienstleister und der lokale Einzelhandel sind eng mit dem Standort verflochten. Die Industrie- und Handelskammer Karlsruhe warnt vor erheblichen Folgewirkungen für die gesamte Region, sollte die Werksschließung wie geplant umgesetzt werden.

In Bretten selbst wird die Entscheidung als tiefer Einschnitt wahrgenommen. Das Werk steht für Ausbildungsplätze, für soziale Stabilität, für industrielle Kontinuität. Eine Schließung würde nicht nur Arbeitsplätze kosten, sondern auch Know-how und industrielle Wertschöpfung aus der Region abziehen.

Ein Beispiel für größere Entwicklungen

Aus Sicht regionaler Wirtschaftsvertreter fügt sich die NEFF Werksschließung in ein größeres Bild ein. Viele Industrieunternehmen in Baden-Württemberg stehen unter Druck durch hohe Energiepreise, steigende Lohnkosten, komplexe Regulierung und zunehmenden internationalen Wettbewerb. Selbst wirtschaftlich gesunde Standorte gerieten dabei in den Sog strategischer Neuausrichtungen.

Das NEFF Werk Bretten wird so zum exemplarischen Fall: Ein profitabler Standort verliert dennoch seine Zukunftsperspektive, weil konzernweite Effizienzüberlegungen höher gewichtet werden als regionale Verankerung.

Proteste und öffentlicher Widerstand

  • Beschäftigte und Gewerkschaften haben Protestaktionen angekündigt, darunter eine Menschenkette vor dem Werk.
  • Auch Belegschaften anderer BSH-Standorte solidarisierten sich öffentlich mit den Beschäftigten in Bretten.
  • Gefordert werden transparente Entscheidungsgrundlagen und ernsthafte Gespräche über Alternativen zur Schließung.

Die Proteste verdeutlichen, wie stark die emotionale Bindung vieler Beschäftigter an das NEFF Werk Bretten ist. Für sie geht es nicht nur um Arbeitsplätze, sondern um Anerkennung ihrer Leistung und um Planungssicherheit für die Zukunft.

Zahlen, Größenordnungen, Einordnung

BSH Hausgeräte zählt zu den größten Hausgeräteherstellern Europas. Der Konzern erwirtschaftete zuletzt einen Umsatz von rund 15,3 Milliarden Euro. Die geplanten Schließungen betreffen insgesamt etwa 1.400 Arbeitsplätze, davon rund 980 in Bretten. Nach Konzernangaben sollen sozialverträgliche Lösungen geprüft werden, Details dazu sind bislang offen.

Kennzahl Wert
Umsatz BSH (zuletzt) ca. 15,3 Mrd. €
Arbeitsplätze gesamt betroffen rund 1.400
Arbeitsplätze NEFF Werk Bretten rund 980
Geplanter Schließungszeitpunkt bis Q1 2028
Investitionen der letzten Jahre mehrere hundert Mio. €

Diese Zahlen verdeutlichen die Dimension der Entscheidung. Zugleich zeigen sie, dass es sich nicht um einen Sanierungsfall handelt, sondern um eine strategische Neuausrichtung in einem wirtschaftlich weiterhin bedeutenden Konzern.

Tradition, Identität und die Frage nach Verantwortung

NEFF ist in Bretten mehr als ein Markenname. Das Werk steht für Generationen von Facharbeitern, für technische Ausbildung, für industrielle Kultur. Viele Beschäftigte sind dem Unternehmen über Jahrzehnte verbunden, nicht selten arbeiten mehrere Generationen einer Familie am Standort.

Die geplante Werksschließung wird daher auch als kultureller Verlust empfunden. Sie wirft Fragen nach der Verantwortung großer Konzerne gegenüber ihren Standorten auf – gerade dann, wenn diese wirtschaftlich tragfähig sind. Die Debatte berührt damit grundlegende Themen: Wie viel Gewicht haben regionale Bindungen in globalen Konzernstrukturen? Welche Rolle spielt industrielle Tradition in Zeiten beschleunigten Strukturwandels?

Politische und gesellschaftliche Dimension

Auch politisch hat der Fall Bretten Resonanz gefunden. Vertreter aus Kommunal- und Landespolitik fordern, industrielle Wertschöpfung in Deutschland stärker abzusichern. Die Diskussion um das NEFF Werk Bretten wird dabei zunehmend als Beispiel herangezogen, wenn es um die Attraktivität des Standorts Deutschland und um verlässliche Rahmenbedingungen für Industrieunternehmen geht.

Gleichzeitig mahnen Wirtschaftsvertreter, dass unternehmerische Entscheidungen in einem globalen Wettbewerb nicht allein politisch gesteuert werden könnten. Der Konflikt zwischen ökonomischer Rationalität und sozialer Verantwortung bleibt damit ungelöst.

Ein Standort als Spiegel der industriellen Transformation

Die Zukunft des NEFF Werks Bretten ist offen, die Entscheidung zur Schließung angekündigt, aber noch nicht umgesetzt. Was bleibt, ist ein Konflikt, der weit über Bretten hinausweist. Er zeigt, wie tiefgreifend der Wandel in der Industrie ist – und wie schmerzhaft er selbst dort wirken kann, wo wirtschaftlicher Erfolg eigentlich Sicherheit verspricht.

Ob es noch zu Korrekturen, Alternativen oder neuen Perspektiven kommt, ist derzeit unklar. Sicher ist jedoch: Die Werksschließung von NEFF in Bretten markiert einen Einschnitt, der die Diskussion über industrielle Zukunft, Verantwortung und Wertschöpfung in Deutschland nachhaltig prägen wird.

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Als Autor für das Magazin "Nah am digitalen Rand" verbinde ich meine Germanistik-Expertise mit einem unstillbaren Interesse für redaktionell spannende Themen. Meine Leidenschaft gilt der Erforschung und dem Verständnis der digitalen Evolution unserer Sprache, ein Bereich, der mich stets zu tiefgründigen Analysen und Artikeln inspiriert.