
Düsseldorf, 27. Januar 2026 – Der Rücktritt kommt leise, aber seine Wirkung ist laut. Mitten in einer aufgeheizten Debatte um Verantwortung, Transparenz und politische Führung verlässt NRW-Migrationsministerin Josefine Paul ihr Amt. Ein Schritt, der Fragen bündelt, Fronten offenlegt und die schwarz-grüne Landesregierung vor eine neue Bewährungsprobe stellt.
Der Rücktritt von NRW-Migrationsministerin Josefine Paul markiert einen Wendepunkt in der nordrhein-westfälischen Landespolitik. Monate der Kritik, parlamentarische Untersuchungen und eine zunehmend polarisierte öffentliche Debatte münden in einem Schritt, der weniger überraschend kommt, als er auf den ersten Blick wirkt. Paul zieht die Konsequenz aus einer Situation, in der sich politische Verantwortung, kommunikative Defizite und institutioneller Druck überlagert haben.
Der Rücktritt Josefine Pauls als politischer Kulminationspunkt
Josefine Paul war seit 2022 Ministerin für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration in Nordrhein-Westfalen. Kaum ein Ressort steht derzeit stärker im gesellschaftlichen Fokus. Spätestens seit dem islamistisch motivierten Messeranschlag auf dem Solinger Stadtfest im August 2024 geriet Paul zunehmend unter Druck. Der Angriff mit drei Todesopfern wurde zum Prüfstein für staatliches Krisenmanagement, politische Kommunikation und ministerielle Verantwortung.
Der Rücktritt Josefine Pauls ist daher nicht als isoliertes Ereignis zu verstehen, sondern als Ergebnis einer langen Entwicklung. Im Zentrum stand weniger die Tat selbst als der Umgang der Landesregierung – und insbesondere der zuständigen Ministerin – mit den Tagen danach. Fragen nach Erreichbarkeit, Informationsfluss und Transparenz prägten die politische Debatte im Landtag über Monate hinweg.
Kommunikationskritik nach dem Solinger Anschlag
Besonders scharf fiel die Kritik an Pauls öffentlichem Auftreten nach dem Anschlag aus. Während andere Mitglieder der Landesregierung rasch Stellung bezogen, trat die NRW-Migrationsministerin erst mehrere Tage später öffentlich in Erscheinung. Zu diesem Zeitpunkt hielt sie sich im Ausland auf, war nach Angaben aus Parlamentskreisen telefonisch nur eingeschränkt erreichbar und ließ viele Fragen zunächst unbeantwortet.
Diese Phase erwies sich als politisch folgenreich. Opposition und Teile der Öffentlichkeit werteten das Verhalten als unzureichend, gerade angesichts der Schwere der Tat und der Sensibilität des Themas Migration und Integration. Der Rücktritt Josefine Pauls ist auch vor diesem Hintergrund zu lesen: als verspätete, aber klare Reaktion auf eine Vertrauensdebatte, die sich immer weiter zugespitzt hatte.
Untersuchungsausschuss und neue Vorwürfe
Zusätzliche Brisanz erhielt die Lage durch die Arbeit des parlamentarischen Untersuchungsausschusses zum Solinger Anschlag. Im Fokus standen interne Kommunikationsabläufe innerhalb des Ministeriums. Besonders eine SMS-Nachricht, die Paul bereits am Abend nach der Tat versandt hatte, rückte ins Zentrum der Kritik. Diese Information war dem Ausschuss zunächst nicht vorgelegt worden, was Zweifel an der Vollständigkeit der Aktenlieferung nährte.
SPD und FDP warfen der Ministerin daraufhin vor, den Untersuchungsausschuss nicht umfassend informiert zu haben. Ein Ultimatum zur vollständigen Offenlegung der dienstlichen Kommunikation erhöhte den politischen Druck nochmals. Der Rücktritt Josefine Pauls erfolgte wenige Tage vor Ablauf dieser Frist – ein Zeitpunkt, der die politische Dimension des Schritts zusätzlich unterstreicht.
Die Begründung der Ministerin: Polarisierung statt Aufklärung
In ihrer Rücktrittserklärung verwies Paul auf die zunehmende Polarisierung rund um ihre Person. Diese, so ihre Darstellung, habe die sachliche Arbeit des Untersuchungsausschusses erschwert und drohe, die eigentliche Aufklärung des Anschlags zu überlagern. Der Rücktritt Josefine Pauls sei daher ein Beitrag, um den Fokus wieder auf die Fakten, die institutionellen Abläufe und nicht zuletzt auf die Opfer zu lenken.
Zugleich räumte die Ministerin ein, dass ihre Kommunikation in den Tagen nach dem Anschlag verbesserungswürdig gewesen sei. Sie betonte jedoch, dass zu diesem Zeitpunkt noch keine gesicherten Erkenntnisse zu asyl- und migrationsrechtlichen Fragen vorgelegen hätten. Der Schritt zurück aus dem Amt solle nun Raum schaffen für eine weniger personalisierte, dafür sachlichere Debatte.
Selbstkritik und politisches Kalkül
Der Rücktritt Josefine Pauls ist auch ein Akt politischer Selbstbegrenzung. Anders als in früheren Phasen verteidigte sie sich nicht länger offensiv, sondern akzeptierte die politische Dynamik, die sich entwickelt hatte. Beobachter werten dies als Versuch, weiteren Schaden von der Landesregierung abzuwenden und die Koalition zu stabilisieren.
Paul kündigte an, dem Untersuchungsausschuss weiterhin als Zeugin zur Verfügung zu stehen. Der Rücktritt bedeutet somit keinen Rückzug aus der Verantwortung, sondern eine Verlagerung ihrer Rolle – weg von der Exekutive, hin zur Mitwirkung an der parlamentarischen Aufklärung.
Weitere Belastungen im Ressort
Der Zeitpunkt des Rücktritts Josefine Pauls fällt zudem in eine Phase, in der ihr Ministerium auch aus anderen Gründen unter Druck stand. Besonders die geplante Reform des Kinderbildungsgesetzes sorgte für erhebliche Kritik von Trägern, Verbänden und Gewerkschaften. Der Entwurf galt als unzureichend finanziert und konzeptionell unausgereift.
Diese inhaltlichen Auseinandersetzungen verstärkten den Eindruck einer Ministerin, die an mehreren Fronten zugleich gefordert war. Zwar stehen diese Themen nicht in direktem Zusammenhang mit dem Solinger Anschlag, doch sie trugen zu einer politischen Gesamtbelastung bei, die den Rücktritt Josefine Pauls nachvollziehbar erscheinen lässt.
Opposition spricht von Vertrauensverlust
Für die Opposition kommt der Rücktritt dennoch zu spät. Vertreter von SPD und FDP sprechen offen von einem strukturellen Vertrauensverlust. Aus ihrer Sicht habe die Landesregierung zu lange an Paul festgehalten und damit den Eindruck erweckt, politische Verantwortung auszusitzen. Der Rücktritt Josefine Pauls sei daher weniger ein freiwilliger Schritt als das Ergebnis anhaltenden Drucks.
Gleichzeitig sehen Oppositionspolitiker in dem Rücktritt eine Chance, die Aufarbeitung des Anschlags neu zu strukturieren und die politische Debatte zu versachlichen. Ob dieser Anspruch eingelöst wird, hängt maßgeblich von der weiteren Arbeit des Untersuchungsausschusses ab.
Neustart im Ministerium und Folgen für die Koalition
Ministerpräsident Hendrik Wüst reagierte zügig auf den Rücktritt Josefine Pauls und ernannte Verena Schäffer, bislang Vorsitzende der Grünen-Landtagsfraktion, zur neuen Ministerin. Der personelle Wechsel soll Kontinuität sichern und zugleich einen Neuanfang ermöglichen. Schäffer gilt als erfahrene Parlamentarierin mit guter Vernetzung innerhalb der Koalition.
Wüst würdigte Pauls Arbeit und betonte ihre konstruktive Rolle im Kabinett. Zugleich machte er deutlich, dass der Rücktritt die Chance eröffne, die politische Aufarbeitung des Solinger Anschlags ohne zusätzliche personelle Konflikte fortzusetzen. Für die schwarz-grüne Koalition ist dies ein heikler Moment: Stabilität nach außen und Geschlossenheit nach innen sind nun wichtiger denn je.
Signalwirkung über NRW hinaus
Der Rücktritt Josefine Pauls entfaltet Wirkung über Nordrhein-Westfalen hinaus. In einer Zeit, in der Migration, Sicherheit und politische Kommunikation bundesweit kontrovers diskutiert werden, setzt dieser Schritt ein Signal. Er zeigt, wie eng persönliche Verantwortung und institutionelle Glaubwürdigkeit miteinander verknüpft sind – und wie schnell politische Ämter unter Druck geraten können.
Für die Landesregierung bleibt die Aufgabe, verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen. Der Rücktritt ist dabei nur ein erster Schritt. Entscheidend wird sein, ob die versprochene Transparenz und Aufklärung nun tatsächlich in den Vordergrund rücken.
Ein Rücktritt mit langfristigen Folgen
Der Rücktritt Josefine Pauls ist mehr als eine Personalie. Er steht für eine Phase politischer Selbstprüfung, für die Grenzen ministerieller Belastbarkeit und für die wachsenden Erwartungen an politische Kommunikation in Krisenzeiten. Wie Nordrhein-Westfalen aus dieser Situation hervorgeht, wird nicht zuletzt davon abhängen, ob es gelingt, Lehren aus den vergangenen Monaten zu ziehen – jenseits von Namen und Ämtern.