
Berlin, 2. Februar 2026 – Die Debatte um die Zukunft des deutschen Sozialstaats hat an Schärfe gewonnen. Ein Vorstoß aus dem Umfeld der Union entfacht parteiübergreifend Widerspruch – und das nicht nur von politischer Konkurrenz. Auch innerhalb der CDU regt sich deutlicher Widerstand gegen Pläne, die tief in die sozialen Sicherungssysteme eingreifen würden.
Es ist ein Papier, das derzeit für Unruhe sorgt – und für eine bemerkenswerte Frontstellung. Der CDU-Wirtschaftsrat, ein unternehmensnaher Verband mit engen personellen und ideellen Verbindungen zur Union, hat ein Reformkonzept vorgelegt, das weitreichende Einschnitte bei Sozialleistungen vorsieht. Ziel des Papiers ist es nach Darstellung des Verbands, Arbeitnehmer zu entlasten, die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland zu stärken und die aus Sicht der Autoren ausufernden Kosten des Sozialstaats zu begrenzen. Doch genau diese Stoßrichtung stößt auf massiven Widerstand: CDU-Sozialpolitikerinnen und -politiker ebenso wie die Grünen weisen die Vorschläge entschieden zurück.
Der Vorschlag des CDU-Wirtschaftsrats
Das Positionspapier des CDU-Wirtschaftsrats trägt den Titel „Agenda für Arbeitnehmer in Deutschland“. Es zeichnet ein Bild eines Sozialstaats, der nach Auffassung des Verbands an seine finanziellen Grenzen geraten sei. Steigende Beitragssätze, hohe Lohnnebenkosten und eine zunehmende Belastung der arbeitenden Mitte gefährdeten demnach Aufstiegschancen, Wachstum und soziale Mobilität.
Der Wirtschaftsrat fordert deshalb eine Neujustierung zentraler sozialpolitischer Stellschrauben. Der Grundgedanke: Der Staat solle sich stärker auf eine Grundabsicherung konzentrieren, während individuelle Risiken vermehrt privat getragen werden. Dieses Leitmotiv zieht sich durch nahezu alle vorgeschlagenen Maßnahmen.
Eingriffe in die sozialen Sicherungssysteme
- Gesetzliche Krankenversicherung: Leistungen wie Zahnarztbehandlungen sollen nach dem Willen des Wirtschaftsrats nicht länger Teil des solidarisch finanzierten Systems sein. Die Begründung lautet, diese Leistungen ließen sich grundsätzlich privat absichern und müssten nicht über Pflichtbeiträge finanziert werden.
- Rentenpolitik: Gefordert wird die Abschaffung der Mütterrente, der Rente mit 63 sowie der Grundrente. Zudem soll das Renteneintrittsalter stärker an die steigende Lebenserwartung gekoppelt werden, um die Finanzierbarkeit des Systems langfristig zu sichern.
- Arbeitslosenversicherung: Die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes I soll unabhängig von Lebensalter und Erwerbsbiografie auf maximal zwölf Monate begrenzt werden.
- Steuer- und Abgabenpolitik: Zur Entlastung von Arbeitnehmern und Unternehmen schlägt der Wirtschaftsrat unter anderem eine deutliche Anhebung des steuerlichen Grundfreibetrags, die vollständige Abschaffung des Solidaritätszuschlags sowie eine Senkung der Unternehmenssteuern vor.
In der Summe zielt das Papier auf eine spürbare Verschiebung von kollektiv finanzierter sozialer Absicherung hin zu stärkerer Eigenvorsorge. Genau dieser Paradigmenwechsel bildet den Kern der politischen Kontroverse.
Widerspruch aus den eigenen Reihen
Bemerkenswert ist vor allem die Reaktion innerhalb der Union. Sozialpolitiker der CDU distanzieren sich klar von den Vorschlägen des Wirtschaftsrats und warnen vor einem sozialpolitischen Kurs, der das Profil der Partei beschädigen könnte. Der Vorsitzende der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA), Dennis Radtke, mahnte, die Debatte drohe eine gefährliche „Schlagseite“ zu bekommen, wenn soziale Sicherheit einseitig als Kostenfaktor betrachtet werde.
Radtke verwies darauf, dass breite Teile der Bevölkerung auf funktionierende solidarische Systeme angewiesen seien – nicht zuletzt Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit mittleren und niedrigen Einkommen. Wer diesen Gruppen signalisiere, auf bewährte Leistungen verzichten zu müssen, riskiere nicht nur sozialen Unmut, sondern auch politischen Vertrauensverlust. In einer Phase, in der die Union in Umfragen stagniere, sei ein solcher Kurs aus seiner Sicht strategisch wie inhaltlich problematisch.
Auch andere CDU-nahe Stimmen äußerten Skepsis. Sie betonen, dass Reformen zwar notwendig seien, diese aber sozial ausgewogen gestaltet werden müssten. Ein abrupter Rückzug des Staates aus zentralen Bereichen der Daseinsvorsorge widerspreche dem christlich-sozialen Selbstverständnis der Partei.
Klare Ablehnung durch die Grünen
Deutlicher noch fällt die Kritik der Grünen aus. Sie sehen in den Vorschlägen des CDU-Wirtschaftsrats einen Angriff auf den solidarischen Kern des Sozialstaats. Besonders die Forderung, Zahnarztleistungen aus der gesetzlichen Krankenversicherung auszugliedern, stößt auf scharfen Widerspruch.
Aus Sicht der Grünen würde eine solche Maßnahme die bestehende soziale Ungleichheit im Gesundheitswesen verschärfen. Wer über ausreichend finanzielle Mittel verfüge, könne sich privat absichern, während einkommensschwächere Gruppen auf notwendige Behandlungen verzichten müssten. Gesundheitspolitisch sei dies nicht nur sozial problematisch, sondern auch ökonomisch kurzsichtig, da mangelnde Vorsorge langfristig höhere Kosten verursache.
Die Grünen warnen zudem vor einer schleichenden Etablierung einer Zwei-Klassen-Medizin. Der Zugang zu medizinischer Versorgung dürfe nicht vom Geldbeutel abhängen, sondern müsse Teil der solidarischen Grundversorgung bleiben. Reformbedarf im Gesundheitswesen erkennen auch sie an – jedoch nicht in Form eines Rückzugs aus dem Solidarsystem.
Sozialverbände schlagen Alarm
Auch Sozialverbände äußern sich mit ungewöhnlicher Schärfe. Sie bezeichnen einzelne Vorschläge des Wirtschaftsrats als verstörend und warnen vor sozialen Verwerfungen. Gerade im Bereich der Gesundheits- und Rentenpolitik sehen sie die Gefahr, dass vulnerable Gruppen zusätzlich belastet werden.
Die Abschaffung von Leistungen wie der Grundrente oder der Mütterrente würde nach Ansicht der Verbände vor allem Menschen treffen, die ohnehin geringere Einkommen oder unterbrochene Erwerbsbiografien haben. Diese Leistungen seien eingeführt worden, um strukturelle Ungleichheiten abzufedern – ihre Streichung würde alte Probleme neu verschärfen.
Ein Grundsatzstreit über den Sozialstaat
Die Kontroverse um den CDU-Wirtschaftsrat ist mehr als eine Detaildebatte. Sie berührt grundlegende Fragen darüber, wie viel Solidarität sich eine Gesellschaft leisten will – und wie sie diese organisiert. Während der Wirtschaftsrat vor einer Überforderung des Systems warnt, sehen Kritiker die Gefahr eines sozialen Rückschritts.
Der Streit verläuft dabei nicht entlang klassischer Parteigrenzen. Er zieht sich quer durch die Union, verbindet Oppositionsparteien mit Teilen der Regierungsverantwortung und offenbart unterschiedliche Verständnisse von sozialer Verantwortung. Für die einen ist der Sozialstaat vor allem ein Kostenfaktor, der Effizienz und Leistungsanreize hemmt. Für die anderen bleibt er ein zentrales Stabilitätsversprechen, gerade in Zeiten wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Unsicherheit.
Eine Debatte mit politischer Sprengkraft
Unabhängig vom weiteren Verlauf zeigt die aktuelle Diskussion, wie sensibel sozialpolitische Fragen in Deutschland sind. Vorschläge, die tief in etablierte Sicherungssysteme eingreifen, stoßen schnell auf Widerstand – selbst dann, wenn sie aus dem eigenen politischen Umfeld kommen.
Der Vorstoß des CDU-Wirtschaftsrats hat damit eine Debatte ausgelöst, die weit über einzelne Reformideen hinausgeht. Sie zwingt Parteien und Gesellschaft dazu, Position zu beziehen: über die Rolle des Staates, die Verantwortung des Einzelnen und die Grenzen marktwirtschaftlicher Logik im Sozialen. Wie diese Fragen beantwortet werden, dürfte nicht nur die sozialpolitische Agenda, sondern auch das politische Kräfteverhältnis in den kommenden Jahren prägen.



