
Berlin steht vor einer sicherheitspolitischen Weichenstellung: Die Bundeswehr soll erstmals in großem Umfang sogenannte Kamikazedrohnen beschaffen. Das Verteidigungsministerium plant milliardenschwere Investitionen in Loitering Munition, während der Bundestag über Details und Kontrolle der Systeme berät. Die Entscheidung fällt in einer Phase strategischer Neuorientierung der deutschen Verteidigungspolitik – mit weitreichenden Folgen für Ausrüstung, Doktrin und Rüstungsindustrie.
Berlin, 25. Februar 2026 – Es ist ein Begriff, der nach martialischer Vergangenheit klingt und doch für eine Technologie steht, die den Krieg des 21. Jahrhunderts prägt: Kamikazedrohnen. Hinter dem Schlagwort verbirgt sich eine Waffengattung, die offiziell als Loitering Munition bezeichnet wird – eine Mischung aus Aufklärungsdrohne und präzisionsgelenkter Munition. Deutschland will solche Systeme nun in größerem Umfang beschaffen. Die Entscheidung markiert einen weiteren Schritt im Umbau der Bundeswehr.
Was sind Kamikazedrohnen?
Kamikazedrohnen – militärisch korrekt Loitering Munition – sind unbemannte, bewaffnete Flugkörper, die über einem Einsatzgebiet kreisen und erst dann zuschlagen, wenn ein Ziel identifiziert ist. Anders als klassische Raketen oder Marschflugkörper werden sie nicht unmittelbar nach dem Start auf ein fest definiertes Ziel abgefeuert. Stattdessen verbleiben sie in der Luft, beobachten, suchen – und detonieren erst beim gezielten Einschlag.
Technisch kombinieren diese Systeme mehrere Funktionen: Sie verfügen über Sensorik zur Aufklärung, über Datenverbindungen zur Steuerung und über eine integrierte Sprengladung. Wird ein Angriff ausgelöst, zerstören sie sich selbst beim Aufprall. Eine Rückkehr ist nicht vorgesehen. Genau dieser Einwegcharakter unterscheidet sie grundlegend von wiederverwendbaren Aufklärungsdrohnen.
Der militärische Mehrwert liegt in der Flexibilität. Kamikazedrohnen können auf bewegliche Ziele reagieren, Angriffe abbrechen oder neu ausrichten und auch in komplexen Gefechtssituationen präzise eingesetzt werden. Ihre vergleichsweise geringen Kosten im Verhältnis zu klassischen Lenkwaffen machen sie für viele Streitkräfte attraktiv. In modernen Konflikten haben sie ihre Wirksamkeit bereits unter Beweis gestellt.
Abgrenzung zu klassischen Drohnen
Die Bundeswehr setzt bislang vor allem auf unbewaffnete Aufklärungsdrohnen oder auf bewaffnete Systeme mit separater Bewaffnung. Kamikazedrohnen dagegen sind selbst die Waffe. Sie tragen keine externe Munition – sie sind die Munition. Diese Konstruktion erlaubt kompakte Bauweisen, schnellen Einsatz und flexible Verbringung durch Bodentruppen.
Militärisch werden sie häufig als Ergänzung zu Artillerie und Panzerabwehrsystemen betrachtet. In asymmetrischen Szenarien oder bei schnellen Gefechtslagen bieten sie Einheiten vor Ort unmittelbare Schlagkraft, ohne auf schwere Unterstützung warten zu müssen.
Die geplante Beschaffung durch die Bundeswehr
Nach internen Prüfungen und Erprobungen plant das Bundesverteidigungsministerium nun eine umfangreiche Beschaffung von Kamikazedrohnen. Der Haushaltsausschuss des Bundestags soll einen ersten Auftrag im Umfang von rund 536 Millionen Euro billigen. In einem mehrjährigen Rahmenprogramm könnten insgesamt 4,3 bis 4,4 Milliarden Euro in diese Waffengattung fließen.
Vorgesehen ist die Bestellung mehrerer tausend Systeme. Die Beschaffung soll dabei nicht auf einen einzelnen Typ beschränkt bleiben. Nach bisherigen Planungen kommen mindestens zwei unterschiedliche Modelle zum Einsatz – entwickelt von deutschen Unternehmen.
Deutsche Hersteller im Fokus
Zu den Anbietern zählen die Unternehmen Helsing und Stark Defence. Helsing entwickelt unter anderem das System HX-2, das als Loitering Munition konzipiert ist. Stark Defence bietet mit dem Modell „Virtus“ eine senkrecht startende Kamikazedrohne an, die ohne zusätzliche Startrampe auskommt. Herstellerangaben zufolge ist das System in der Lage, auch gepanzerte Fahrzeuge zu bekämpfen.
Die Bundeswehr hat entsprechende Systeme in Übungen getestet, unter anderem im Zusammenspiel mit Aufklärungsdrohnen und digitaler Führungssoftware. Dabei ging es um die Integration in bestehende Strukturen, um Kommunikationswege sowie um die Einbindung in taktische Entscheidungsprozesse.
Offizielle Stellen betonen, dass der Einsatz solcher Kamikazedrohnen weiterhin unter menschlicher Kontrolle steht. Der Abschuss soll nicht autonom erfolgen, sondern eine bewusste Entscheidung erfordern. Gleichwohl nutzen moderne Systeme zunehmend Assistenzfunktionen und KI-basierte Auswertung, um Ziele schneller zu identifizieren.
Politische Debatte um Kontrolle und Einfluss
Die geplante Beschaffung von Kamikazedrohnen ist politisch nicht unumstritten. Innerhalb der Regierungskoalition werden Fragen nach Transparenz, Kontrolle und Einflussnahme gestellt. Diskutiert wird unter anderem die Beteiligung ausländischer Investoren an beteiligten Unternehmen.
Im Zentrum steht dabei die grundsätzliche Frage, wie Deutschland mit neuen Waffentechnologien umgeht. Seit der sogenannten Zeitenwende investiert die Bundesrepublik massiv in die Modernisierung ihrer Streitkräfte. Kamikazedrohnen gelten als Baustein dieser strategischen Neuausrichtung.
Rechtlich unterliegen solche Systeme dem Kriegswaffenkontrollrecht. Sobald sie eine bestimmte Einsatzreife erreichen, gelten sie als Kriegswaffen mit entsprechenden Genehmigungs- und Kontrollpflichten. Die Beschaffung ist daher an parlamentarische Zustimmung gebunden. Exportfragen spielen im aktuellen Verfahren keine Rolle, da es um eine nationale Ausstattung der Bundeswehr geht.
Strategischer Hintergrund: Lehren aus aktuellen Konflikten
Der wachsende Stellenwert von Kamikazedrohnen ist eng mit den Erfahrungen jüngerer militärischer Auseinandersetzungen verbunden. In mehreren Konflikten haben Loitering Munitions ihre taktische Bedeutung unter Beweis gestellt. Sie ermöglichen gezielte Schläge gegen einzelne Fahrzeuge, Stellungen oder Infrastruktur – oft mit geringem logistischer Aufwand.
Für Deutschland stellt sich damit die Frage, wie die eigene Verteidigungsfähigkeit in einem veränderten Bedrohungsumfeld aussehen muss. Die Bundeswehr hatte lange auf schwere Plattformen, klassische Artillerie und bemannte Systeme gesetzt. Nun rücken flexible, digital vernetzte Systeme stärker in den Fokus.
Militärstrategisch gelten Kamikazedrohnen als Ergänzung, nicht als Ersatz bestehender Waffensysteme. Sie schließen Lücken zwischen Aufklärung und unmittelbarer Wirkung. Gerade für schnelle Eingreiftruppen oder in Szenarien mit hoher Dynamik können sie die Reaktionszeit deutlich verkürzen.
Integration in bestehende Strukturen
Mit der Beschaffung allein ist es nicht getan. Die Einführung von Kamikazedrohnen erfordert Ausbildungskonzepte, neue Einsatzdoktrinen und angepasste Führungsstrukturen. Soldatinnen und Soldaten müssen im Umgang mit Sensorik, Zielauswahl und rechtlichen Rahmenbedingungen geschult werden.
Zudem stellt sich die Frage nach der technischen Vernetzung: Moderne Gefechtsfelder basieren auf Echtzeitdaten, digitalen Lagebildern und interoperablen Systemen. Kamikazedrohnen entfalten ihr volles Potenzial erst im Zusammenspiel mit Aufklärung, Datenanalyse und Führungssystemen.
Rüstungsindustrie im Wandel
Die geplante Beschaffung stärkt zugleich den deutschen Rüstungssektor. Start-ups wie Helsing und Stark Defence stehen exemplarisch für eine neue Generation von Verteidigungsunternehmen, die stark auf Software, Sensorik und autonome Systeme setzen. Neben ihnen entwickeln auch etablierte Konzerne vergleichbare Technologien.
Der Markt für Loitering Munition wächst international. Staaten investieren in entsprechende Systeme, um ihre militärischen Fähigkeiten zu modernisieren. Deutschland positioniert sich mit der Beschaffung nicht nur als Anwender, sondern auch als Produktionsstandort für diese Technologie.
Gleichzeitig bleibt die politische Sensibilität hoch. Die Debatte über autonome Waffen, über ethische Grenzen und über internationale Regulierung wird weitergeführt werden. Kamikazedrohnen stehen dabei symbolisch für eine Entwicklung, in der Digitalisierung und militärische Gewalt enger zusammenrücken.
Eine sicherheitspolitische Zäsur
Die Entscheidung über Kamikazedrohnen ist mehr als ein gewöhnlicher Rüstungsauftrag. Sie steht für eine veränderte strategische Haltung Deutschlands. Die Bundeswehr soll befähigt werden, auf moderne Bedrohungen flexibel zu reagieren – mit Technologien, die vor wenigen Jahren noch als Spezialinstrument galten.
Ob die geplanten Milliardeninvestitionen tatsächlich wie vorgesehen umgesetzt werden, hängt nun vom parlamentarischen Verfahren ab. Klar ist jedoch: Mit der Einführung von Kamikazedrohnen würde die Bundeswehr ein neues Kapitel in ihrer Ausrüstungsgeschichte aufschlagen – eines, das eng mit Fragen von Kontrolle, Verantwortung und technologischer Souveränität verknüpft bleibt.



