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Erkrankung des Nervensystems Bornavirus beim Pferd: Seltene Virusinfektion kann zu plötzlichem Tod führen

In Allgemein
Januar 06, 2026

Bayern, 6. Januar 2026 – Am Morgen wirkt das Pferd ruhig, frisst normal, zeigt keine Auffälligkeiten. Stunden später liegt es leblos im Stall. Für Halter ist dieser Moment ein Schock, für Tierärzte ein medizinisches Rätsel mit tragischer Regelmäßigkeit.

Was wie ein unerklärlicher Einzelfall erscheint, hat in seltenen Fällen eine bekannte Ursache: das Borna Disease Virus 1, kurz Bornavirus. Eine Infektion, die seit Jahrhunderten dokumentiert ist, aber bis heute kaum beherrschbar bleibt.

Das Bornavirus, wissenschaftlich als Borna Disease Virus 1 (BoDV-1) bezeichnet, zählt zu den seltenen, aber besonders folgenschweren Erregern in der Veterinärmedizin. Es verursacht eine Entzündung von Gehirn und Rückenmark und führt bei Pferden in den meisten klinisch erkennbaren Fällen zum Tod. Charakteristisch ist dabei nicht nur die hohe Sterblichkeit, sondern auch der oft trügerische Krankheitsverlauf: Manche Tiere zeigen über Wochen nur unspezifische Symptome, andere sterben plötzlich und ohne erkennbare Vorwarnung. Gerade dieser abrupte Verlauf macht das Bornavirus für Pferdehalter so bedrohlich.

Ein Virus mit langer Geschichte

Die Borna’sche Krankheit ist keine neue Erscheinung. Bereits Ende des 18. Jahrhunderts wurden im sächsischen Raum neurologische Erkrankungen bei Pferden beschrieben, die später mit dem Ort Borna in Verbindung gebracht wurden. Der Erreger selbst wurde jedoch erst deutlich später identifiziert. Heute ist bekannt, dass es sich um ein behülltes, einzelsträngiges RNA-Virus aus der Familie der Bornaviridae handelt, das eine ausgeprägte Affinität zum Nervengewebe besitzt.

Das Bornavirus befällt vor allem Pferde und Schafe, kann aber auch andere Säugetiere infizieren. Pferde gelten dabei als sogenannte Fehlwirte: Sie tragen zur Weiterverbreitung des Virus nicht aktiv bei, entwickeln aber schwere Krankheitsverläufe. Die Erkrankung äußert sich als nicht-eitrige Entzündung des zentralen Nervensystems – medizinisch als Meningoenzephalomyelitis bezeichnet – und führt zu fortschreitenden neurologischen Ausfällen.

Wo das Bornavirus vorkommt

Das geografische Verbreitungsgebiet des Bornavirus ist vergleichsweise klar umrissen. Endemische Regionen liegen vor allem in Süd- und Mitteldeutschland, darunter Teile Bayerns, Thüringens, Sachsens und Sachsen-Anhalts. Auch in angrenzenden Regionen Österreichs, der Schweiz und Liechtensteins sind Fälle dokumentiert. Innerhalb dieser Gebiete tritt das Virus nicht flächendeckend, sondern punktuell auf – abhängig von der lokalen Verbreitung des natürlichen Reservoirs.

Als Hauptreservoir gilt die Feldspitzmaus. Das kleine, unscheinbare Säugetier trägt das Virus dauerhaft in sich, ohne selbst zu erkranken. Über Urin, Kot und Speichel scheidet es den Erreger aus. Pferde infizieren sich vermutlich über kontaminierte Umweltmaterialien, etwa Einstreu, Futter oder Staubpartikel. Eine direkte Übertragung von Pferd zu Pferd gilt nach heutigem Kenntnisstand als unwahrscheinlich.

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Schleichend, unspezifisch, tödlich

Die Inkubationszeit des Bornavirus beim Pferd ist variabel und stellt eine der größten diagnostischen Herausforderungen dar. Sie kann mehrere Wochen bis Monate betragen. In dieser Phase zeigen die Tiere keine oder nur sehr dezente Auffälligkeiten. Wenn erste Symptome auftreten, sind sie meist unspezifisch und lassen zunächst an harmlose Erkrankungen denken.

Frühe Anzeichen

Zu den frühen Symptomen zählen unter anderem:

  • leichtes Fieber
  • Appetitmangel oder Fressunlust
  • verändertes Verhalten, etwa Teilnahmslosigkeit
  • gelegentlich milde Kolik-ähnliche Erscheinungen

Diese Symptome sind für sich genommen nicht richtungsweisend. Erst mit dem Fortschreiten der Erkrankung treten die typischen neurologischen Störungen auf, die das klinische Bild prägen.

Neurologische Eskalation

Im weiteren Verlauf entwickeln betroffene Pferde deutliche Auffälligkeiten des Nervensystems. Dazu gehören Koordinationsstörungen, unsicherer Gang, Kreisbewegungen, auffälliges Leerkauen oder Kopfpressen. Manche Tiere wirken apathisch, andere ungewöhnlich erregt oder aggressiv. Auch Lähmungserscheinungen sind möglich. In schweren Fällen verlieren die Pferde die Fähigkeit aufzustehen und bleiben festliegend.

Besonders gefürchtet ist der fulminante Verlauf. In diesen Fällen kommt es zu einer raschen neurologischen Dekompensation, bei der Pferde ohne ausgeprägte Vorwarnsymptome kollabieren und versterben. Solche plötzlichen Todesfälle sind selten, aber dokumentiert und verstärken die Unsicherheit im Umgang mit der Erkrankung.

Diagnose zwischen Verdacht und Gewissheit

Die Diagnose der Borna’schen Krankheit ist komplex und oft erst spät eindeutig zu stellen. Tierärzte stützen sich zunächst auf die klinische Symptomatik und schließen andere neurologische Erkrankungen aus. Bildgebende Verfahren, Liquor-Untersuchungen und laborbasierte Nachweismethoden können Hinweise liefern, doch ein sicherer Nachweis gelingt nicht in jedem Fall zu Lebzeiten des Tieres.

Der direkte Virusnachweis mittels molekularbiologischer Verfahren gilt als Goldstandard, ist jedoch technisch anspruchsvoll und nicht immer sensitiv. In vielen Fällen wird die Diagnose erst post mortem durch die Untersuchung von Gehirngewebe bestätigt. Diese diagnostische Unsicherheit trägt dazu bei, dass das Bornavirus lange unentdeckt bleiben kann.

Keine Heilung, keine Impfung

Eine kausale Therapie gegen das Bornavirus existiert nicht. Antivirale Medikamente mit gesicherter Wirksamkeit stehen für Pferde nicht zur Verfügung. Die Behandlung beschränkt sich auf unterstützende Maßnahmen, die den Krankheitsverlauf jedoch nicht aufhalten können. Sobald schwere neurologische Symptome auftreten, ist die Prognose äußerst ungünstig.

Auch präventiv sind die Möglichkeiten begrenzt. Einen Impfstoff gibt es nicht. Die Sterblichkeitsrate bei klinisch erkrankten Pferden liegt nach übereinstimmenden Berichten sehr hoch. Vor diesem Hintergrund entscheiden sich Tierärzte und Halter in schweren Fällen häufig für eine Euthanasie, um dem Tier weiteres Leiden zu ersparen.

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Prävention als einzige Option

Da weder Therapie noch Impfung verfügbar sind, kommt der Prävention besondere Bedeutung zu. In bekannten Endemiegebieten empfehlen Fachleute konsequente Hygienemaßnahmen und ein gezieltes Management der Stallumgebung. Ziel ist es, den Kontakt zwischen Pferden und dem natürlichen Reservoir des Bornavirus möglichst zu minimieren.

Dazu zählen unter anderem:

  • nagetierefreie Lagerung von Futter und Einstreu
  • bauliche Maßnahmen zur Reduktion des Spitzmaus-Zugangs
  • regelmäßige Reinigung und Kontrolle von Stallbereichen

Auch wenn eine Übertragung von Pferd zu Pferd nicht belegt ist, wird bei Verdachtsfällen eine räumliche Trennung empfohlen, um andere infektiöse Erkrankungen auszuschließen und hygienische Standards einzuhalten.

Bedeutung für Pferdehalter

In Regionen mit nachgewiesenem Bornavirus ist das Bewusstsein für die Erkrankung in den vergangenen Jahren gewachsen. Einzelne gemeldete Fälle, insbesondere solche mit plötzlichem tödlichem Verlauf, haben die Sensibilität unter Pferdehaltern erhöht. Die Erkrankung bleibt zwar selten, doch ihre Folgen sind gravierend – emotional wie wirtschaftlich.

Der plötzliche Verlust eines Tieres ohne Vorwarnung stellt für Halter eine enorme Belastung dar. Gleichzeitig verdeutlicht er die Grenzen der modernen Veterinärmedizin im Umgang mit seltenen, neurotropen Viren.

Forschung zwischen Hoffnung und Realität

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Bornavirus dauert an. Forschungsarbeiten konzentrieren sich auf die genaue Rolle des Reservoirwirts, mögliche Umweltfaktoren und verbesserte diagnostische Verfahren. Auch therapeutische Ansätze werden untersucht, bislang jedoch ohne durchschlagenden Erfolg.

Das Bornavirus bleibt damit ein Beispiel für eine Erkrankung, die trotz jahrhundertelanger Bekanntheit nicht beherrscht ist. Für Pferdehalter und Tierärzte bedeutet das vor allem eines: Wachsamkeit.

Eine leise, aber reale Bedrohung

Das Bornavirus ist kein alltägliches Risiko, doch in den betroffenen Regionen eine reale Gefahr. Seine Heimtücke liegt im schleichenden Verlauf und der Möglichkeit des plötzlichen Todes. Gerade deshalb erinnert die Borna’sche Krankheit daran, wie verletzlich selbst scheinbar gesunde Tiere sein können – und wie wichtig Aufmerksamkeit, Prävention und fachliche Begleitung im Umgang mit seltenen, aber tödlichen Infektionen bleiben.

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Als Autor für das Magazin "Nah am digitalen Rand" verbinde ich meine Germanistik-Expertise mit einem unstillbaren Interesse für redaktionell spannende Themen. Meine Leidenschaft gilt der Erforschung und dem Verständnis der digitalen Evolution unserer Sprache, ein Bereich, der mich stets zu tiefgründigen Analysen und Artikeln inspiriert.