
Karlsruhe, 26. Januar 2026 – Die Stadt wächst, doch der Wohnraum wächst nicht im gleichen Tempo. Wer heute in Karlsruhe eine Wohnung sucht, braucht Geduld, gute Nerven – und oft auch Glück. Wartelisten, steigende Mieten und knappe Angebote prägen den Alltag vieler Menschen.
Mit dem Integrierten Stadtentwicklungskonzept Karlsruhe 2040 will die Stadt gegensteuern. Wohnen wird dabei zu einer der zentralen Zukunftsfragen – politisch, sozial und städtebaulich.
Wohnungsknappheit als strukturelles Problem
Die Wohnungsknappheit in Karlsruhe ist längst mehr als ein temporärer Engpass. Sie hat sich zu einem strukturellen Problem entwickelt, das alle gesellschaftlichen Gruppen betrifft – von Studierenden über Familien bis hin zu Seniorinnen und Senioren. In einer städtischen Bürgerbefragung im Rahmen des Prozesses „Karlsruhe 2040“ bezeichnete mehr als die Hälfte der Teilnehmenden die Wohnraumversorgung als größte Herausforderung der kommenden Jahre. Kein anderes Thema erhielt vergleichbar hohe Zustimmungswerte.
Diese Einschätzung deckt sich mit der Lage auf dem Wohnungsmarkt. Schon heute fehlen in Karlsruhe mehrere tausend Wohnungen. Besonders angespannt ist die Situation bei bezahlbarem Wohnraum, der für Haushalte mit mittleren und niedrigen Einkommen zunehmend schwer erreichbar wird. Steigende Baukosten, hohe Grundstückspreise und eine insgesamt hohe Nachfrage verschärfen den Druck zusätzlich.
Der Wohnungsmarkt reagiert sensibel auf diese Entwicklung. Mieten steigen, Umzüge verzögern sich, soziale Durchmischung gerät unter Druck. Die Wohnungsknappheit wird damit nicht nur zu einer wirtschaftlichen, sondern auch zu einer sozialen Frage – mit spürbaren Folgen für den Zusammenhalt in der Stadt.
Bevölkerungswachstum verstärkt den Wohnraumbedarf
Ein zentraler Treiber der Wohnungsknappheit ist das prognostizierte Bevölkerungswachstum. Nach Berechnungen der Stadtverwaltung wird Karlsruhe bis zum Jahr 2040 um mehr als 13 Prozent wachsen. Das bedeutet zehntausende zusätzliche Einwohnerinnen und Einwohner – Menschen, die wohnen, leben und arbeiten wollen.
Besonders stark wächst dabei nicht nur die Gesamtbevölkerung, sondern auch einzelne Altersgruppen. Die Zahl der jungen Familien steigt ebenso wie die der älteren Menschen. Damit verändern sich die Anforderungen an Wohnraum deutlich. Gefragt sind familiengerechte Wohnungen, barrierearme oder barrierefreie Angebote, aber auch kleinere Einheiten für Ein- oder Zwei-Personen-Haushalte.
Die Wohnungsknappheit zeigt sich somit nicht allein in der Quantität, sondern auch in der Qualität des Angebots. Angemessener Wohnraum bedeutet in diesem Zusammenhang nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern Wohnungen, die den Lebensrealitäten einer vielfältigen Stadtgesellschaft gerecht werden.
Karlsruhe 2040: Der strategische Rahmen
Mit dem Integrierten Stadtentwicklungskonzept Karlsruhe 2040 – kurz ISEK 2040 – hat der Gemeinderat einen langfristigen Orientierungsrahmen beschlossen. Das Konzept definiert zentrale Entwicklungsziele für die kommenden Jahrzehnte und soll helfen, Zielkonflikte frühzeitig zu erkennen und auszugleichen.
Das Themenfeld „Stadt und Wohnen“ nimmt darin eine Schlüsselrolle ein. Ziel ist es, die Wohnungsknappheit systematisch zu adressieren und gleichzeitig Aspekte wie Lebensqualität, Klimaschutz und soziale Balance mitzudenken. Der Prozess ist bewusst langfristig angelegt. Bis 2027 sollen konkrete Maßnahmen ausgearbeitet und politisch beschlossen werden.
Ein zentrales Element des ISEK 2040 ist die Beteiligung der Stadtgesellschaft. Bürgerinnen und Bürger, Verbände, Initiativen und Fachakteure wurden und werden in Workshops, Dialogformaten und Online-Beteiligungen einbezogen. Die Wohnungsknappheit wird dabei nicht abstrakt diskutiert, sondern aus der Perspektive der Betroffenen betrachtet.
Zwischen Leitbild und Umsetzung
Das ISEK 2040 formuliert kein fertiges Maßnahmenpaket, sondern ein Leitbild. Es beschreibt, wohin sich Karlsruhe entwickeln soll – nicht im Detail, aber in klaren Linien. Für die Wohnungspolitik bedeutet das: Verdichtung, Flächeneffizienz und neue Wohnformen sollen stärker in den Fokus rücken, ohne bestehende Quartiere zu überfordern.
Die Herausforderung liegt darin, aus diesen Leitlinien konkrete Projekte zu machen. Denn zwischen strategischem Anspruch und baulicher Realität klafft oft eine Lücke. Genau hier setzt die ergänzende Wohnraumstrategie der Stadt an.
Die Wohnraumstrategie: Konkretisierung der Ziele
Parallel zum ISEK 2040 arbeitet Karlsruhe an einer eigenständigen Wohnraumstrategie. Sie soll das abstrakte Ziel der Bekämpfung der Wohnungsknappheit in konkrete, umsetzbare Maßnahmen übersetzen. Dabei steht weniger das einzelne Bauprojekt im Mittelpunkt als vielmehr die Frage, wie Wohnraum insgesamt effizienter geschaffen, gesichert und genutzt werden kann.
Ein zentraler Ansatz ist die stärkere Vernetzung aller Akteure des Wohnungsmarktes. Stadtverwaltung, Wohnungswirtschaft, private Eigentümerinnen und Eigentümer sowie soziale Träger sollen enger zusammenarbeiten. Formate wie der „Runde Tisch Wohnen“ oder ein städtisches Bündnis für Wohnen sind Ausdruck dieses kooperativen Ansatzes.
Die Wohnraumstrategie erkennt dabei ausdrücklich an, dass die Wohnungsknappheit nicht allein durch Neubau gelöst werden kann. Auch die Aktivierung bestehender Potenziale – etwa leerstehender Wohnungen oder ungenutzter Flächen – spielt eine entscheidende Rolle.
Wohnraumakquise als bewährtes Instrument
Ein Beispiel für eine solche Aktivierung ist die kommunale Wohnraumakquise. Seit vielen Jahren arbeitet die Stadt mit privaten Eigentümerinnen und Eigentümern zusammen, um leerstehenden oder frei werdenden Wohnraum für soziale Zwecke nutzbar zu machen. Die Stadt erhält Belegungsrechte, während die Eigentümer finanzielle Unterstützung und Planungssicherheit bekommen.
Dieses Instrument hat sich als wirkungsvoll erwiesen. Es schafft zusätzlichen Wohnraum, ohne neu zu bauen, und hilft insbesondere Menschen, die auf dem freien Markt kaum Chancen haben. In der Debatte um Wohnungsknappheit zeigt sich hier, dass auch kleinteilige, pragmatische Lösungen einen spürbaren Effekt haben können.
Weitere Bausteine der Wohnraumpolitik
- Förderung des sozialen Wohnungsbaus durch städtische Programme
- Kooperationen in der Region zur gemeinsamen Wohnraumentwicklung
- Unterstützung innovativer Wohnformen und Nachverdichtungsprojekte
- Dialogformate zur Steigerung der Akzeptanz neuer Bauvorhaben
Regionale Perspektiven und Grenzen des Wachstums
Die Wohnungsknappheit macht nicht an der Stadtgrenze halt. Auch im Umland Karlsruhes ist der Wohnungsmarkt angespannt. Regionale Kooperationen sollen helfen, Wohnraumentwicklung über kommunale Grenzen hinweg zu denken. Ziel ist es, den Druck auf die Kernstadt zu mindern und gleichzeitig neue Potenziale zu erschließen.
Gleichzeitig stößt Wachstum an Grenzen. Flächen sind begrenzt, Nachverdichtung ist nicht überall konfliktfrei umsetzbar. Fragen des Klimaschutzes, der Infrastruktur und der sozialen Akzeptanz spielen eine immer größere Rolle. Die Wohnungsknappheit wird damit zu einem Aushandlungsprozess zwischen unterschiedlichen Interessen.
Karlsruhe steht vor der Aufgabe, diese Interessen auszubalancieren – zwischen dem berechtigten Bedarf an Wohnraum und dem Wunsch nach Lebensqualität, Grünflächen und urbaner Identität.
Eine Stadt im Spannungsfeld
Die Diskussion um Wohnungsknappheit zeigt exemplarisch, wie eng Stadtentwicklung, Sozialpolitik und Wirtschaft miteinander verknüpft sind. Wohnraum ist kein isoliertes Thema, sondern Grundlage für Teilhabe, Arbeitsmarkt und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Mit dem ISEK 2040 und der Wohnraumstrategie hat Karlsruhe Instrumente geschaffen, um dieser Herausforderung strukturiert zu begegnen. Ob sie ausreichen, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Klar ist jedoch: Die Wohnungsknappheit wird die Stadtpolitik noch lange beschäftigen – und die Art, wie Karlsruhe damit umgeht, wird prägend für das Bild der Stadt im Jahr 2040 sein.