
ROM, 6. Januar 2026 – Der Morgen über dem Petersplatz ist klar, das Licht weich, beinahe zurückhaltend. Pilger stehen dicht gedrängt, viele schweigend, manche betend, während die Glocken des Petersdoms den Platz erfüllen. Dann bewegt sich das Oberhaupt der katholischen Kirche auf die gewaltige Bronzetür zu. Ein letzter Ritus, ein symbolischer Akt – und ein Heiliges Jahr geht zu Ende.
Ein Abschluss mit Geschichte
Mit dem feierlichen Schließen der Heiligen Pforte am Petersdom hat Papst Leo XIV. am Dienstagvormittag offiziell das Heilige Jahr 2025 beendet. Die Zeremonie fand am Hochfest der Erscheinung des Herrn statt und markierte den Schlusspunkt eines außergewöhnlichen Jubiläums, das die katholische Kirche über ein Jahr lang geprägt hat – spirituell, gesellschaftlich und historisch.
Eröffnet worden war das Heilige Jahr am 24. Dezember 2024 von Papst Franziskus. Nach dessen Tod im April 2025 führte sein Nachfolger Leo XIV. die Jubiläumsfeiern zu Ende. Dass ein Heiliges Jahr von zwei Päpsten getragen wird, ist eine seltene Konstellation in der Kirchengeschichte: Zuletzt geschah dies im Jubiläumsjahr 1700. Entsprechend groß war die symbolische Bedeutung des Moments, als Leo XIV. nun die schwere Bronzetür schloss – ein Zeichen des Abschlusses, nicht des Endes.
Denn das Heilige Jahr, das regulär alle 25 Jahre begangen wird und erstmals im Jahr 1300 ausgerufen wurde, ist weit mehr als ein festgelegter Zeitraum im liturgischen Kalender. Es gilt als Einladung zur Umkehr, zur Versöhnung und zur Erneuerung des Glaubens. Die Heilige Pforte, die nur während eines Jubiläumsjahres geöffnet ist, steht dabei sinnbildlich für diesen Weg.
Der Ritus am Petersdom
Kurz nach 9.30 Uhr trat Papst Leo XIV. vor den Hauptportal des Petersdoms. Der Platz war gefüllt mit Gläubigen aus aller Welt, Geistlichen, Ordensleuten, Diplomaten und Vertretern des öffentlichen Lebens. In einem streng festgelegten liturgischen Ablauf kniete der Papst zunächst auf der Schwelle der Basilika, verharrte einen Moment in Stille und schloss anschließend die beiden Flügel der Heiligen Pforte.
Begleitet wurde der Akt vom Gesang traditioneller Antiphonen, darunter „O clavis David“. Danach zog der Papst in den Petersdom ein, um die Messe zum Fest der Epiphanie zu zelebrieren. Unter den Anwesenden befanden sich auch der italienische Staatspräsident Sergio Mattarella sowie Vertreter der Stadt Rom. Die Atmosphäre war feierlich, aber zurückgenommen – geprägt von dem Bewusstsein, einem geschichtlichen Moment beizuwohnen.
In seiner Predigt betonte Leo XIV., dass mit dem Schließen der Heiligen Pforte nicht die Barmherzigkeit Gottes ende. Die Tür aus Bronze möge nun wieder verschlossen sein, sagte er sinngemäß, doch der Weg der Hoffnung bleibe offen. Es war eine Botschaft, die den Geist des gesamten Heiligen Jahres noch einmal bündelte.
Das Heilige Jahr 2025: Pilgerschaft und globale Resonanz
Das Heilige Jahr 2025 stand unter dem Leitmotiv der Hoffnung. Über Monate hinweg strömten Pilgerinnen und Pilger aus nahezu allen Teilen der Welt nach Rom. Nach vatikanischen Angaben nutzten mehr als 33 Millionen Menschen aus rund 185 Ländern die Gelegenheit, durch die Heiligen Pforten der vier großen Papstbasiliken zu gehen. Die Zahlen übertrafen die ursprünglichen Erwartungen deutlich.
Besonders stark vertreten waren Gläubige aus Italien, den Vereinigten Staaten, Spanien, Brasilien und Polen. Doch auch aus Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas reisten zahlreiche Menschen an. Die Vielfalt der Herkunft spiegelte den globalen Charakter des Heiligen Jahres wider – und die anhaltende Bedeutung Roms als spirituelles Zentrum der katholischen Welt.
Im Verlauf des Jubiläumsjahres wurden thematische Schwerpunkte gesetzt, die unterschiedliche Gruppen innerhalb der Kirche in den Blick nahmen. Es gab eigene Jubiläumstage für Familien, für Künstler, für junge Menschen, für Ordensgemeinschaften und für soziale Randgruppen. Besonders beachtet wurde eine Jubiläumsmesse für Gefangene, bei der Leo XIV. zur Achtung der Menschenwürde und zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Strafvollzug aufrief.
Rom im Ausnahmezustand
Die Dimension des Heiligen Jahres zeigte sich nicht nur in liturgischen Feiern, sondern auch im Stadtbild Roms. Die italienische Hauptstadt bereitete sich über Jahre hinweg auf den Ansturm vor. Umfangreiche Bau- und Infrastrukturprojekte sollten die Stadt entlasten und zugleich modernisieren.
- Mehr als 33 Millionen Besucherinnen und Besucher kamen im Laufe des Heiligen Jahres nach Rom.
- Öffentliche Investitionen in Milliardenhöhe flossen in Verkehrsprojekte, Restaurierungen und städtebauliche Maßnahmen.
- Der öffentliche Nahverkehr wurde ausgebaut, historische Plätze saniert, Unterführungen und Wege neu gestaltet.
Für viele Geschäftsleute bedeutete das Heilige Jahr eine wirtschaftliche Belebung. Hotels, Gastronomie und Einzelhandel profitierten von der konstant hohen Nachfrage. Gleichzeitig wuchs der Druck auf den Wohnungsmarkt, und monatelange Bauarbeiten stellten für Anwohner eine Belastung dar. Das Jubiläum war damit nicht nur ein religiöses Großereignis, sondern auch ein urbanes Kraftprojekt.
Ein Jubiläum unter zwei Pontifikaten
Das Heilige Jahr 2025 wird auch deshalb in Erinnerung bleiben, weil es die Handschrift zweier Päpste trägt. Papst Franziskus eröffnete das Jubiläum mit seinem Fokus auf Barmherzigkeit, soziale Verantwortung und Dialog. Sein Tod im Frühjahr 2025 brachte eine Zäsur – und zugleich die Herausforderung, ein laufendes Heiliges Jahr in einer Phase des Übergangs fortzuführen.
Leo XIV., der im Anschluss gewählt wurde, knüpfte in vielen Punkten an die Akzente seines Vorgängers an. In seinen Ansprachen während des Jubiläums betonte er immer wieder die Verantwortung der Kirche gegenüber den Schwächsten, die Bedeutung von Solidarität und die Notwendigkeit, Glauben im Alltag konkret werden zu lassen. Das Heilige Jahr verstand er nicht als abgeschlossene Feier, sondern als Auftrag.
Diese Haltung spiegelte sich auch in den letzten Worten wider, die er im Zusammenhang mit dem Schließen der Heiligen Pforte äußerte. Das Jubiläum ende, sagte er sinngemäß, doch die Aufgabe bleibe: Hoffnung zu leben, Versöhnung zu suchen und dem Anderen mit Offenheit zu begegnen.
Die symbolische Kraft der Heiligen Pforte
Im Laufe der vergangenen Wochen waren bereits die Heiligen Pforten der anderen drei Papstbasiliken geschlossen worden: St. Johannes im Lateran, St. Maria Maggiore und St. Paul vor den Mauern. Der Akt am Petersdom bildete nun den endgültigen Abschluss. Die Reihenfolge folgt einer festen liturgischen Ordnung und unterstreicht die besondere Stellung des Petersdoms als Zentrum der katholischen Kirche.
Die Heilige Pforte ist dabei mehr als ein architektonisches Element. Sie steht für einen geistlichen Übergang – von Schuld zu Vergebung, von Zweifel zu Vertrauen. Dass sie nun wieder verschlossen ist, markiert nicht das Ende dieser Bewegung, sondern ihren Übergang in den Alltag der Gläubigen.
Was von diesem Jahr bleibt
Mit dem Ende des Heiligen Jahres 2025 schließt sich ein Kapitel, das Millionen Menschen miteinander verbunden hat. Begegnungen auf dem Petersplatz, stille Momente in den Basiliken, lange Wege als Pilger – all das prägt das kollektive Gedächtnis dieses Jubiläums. Für Rom bleibt die Erinnerung an ein Jahr im Ausnahmezustand, für die Kirche das Bewusstsein einer weltweiten Resonanz.
Der Blick richtet sich bereits auf kommende Jubiläen. Für das Jahr 2033 ist ein außerordentliches Heiliges Jahr vorgesehen, das an den 2000. Jahrestag von Tod und Auferstehung Jesu Christi erinnern soll. Doch unabhängig von zukünftigen Planungen steht das Heilige Jahr 2025 nun als abgeschlossenes Ganzes da – getragen von Hoffnung, geprägt von Übergang und markiert durch einen stillen Moment an der Schwelle des Petersdoms.