
Potsdam, 5. Januar 2026 – Über der brandenburgischen Landespolitik liegt eine ungewöhnlich schwere Stimmung. Hinter verschlossenen Türen wird gerechnet, abgewogen, gezögert. Eine angekündigte Erklärung des BSW-Spitzenpolitikers und Vizeministerpräsidenten Robert Crumbach könnte an diesem Tag entscheiden, ob die rot-lila Koalition Bestand hat – oder Geschichte ist.
Die Landesregierung in Brandenburg steht vor ihrer bislang tiefsten Krise. Was sich seit Wochen angebahnt hat, kulminiert nun in einem Moment politischer Zuspitzung: Das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW), Juniorpartner in der Koalition mit der SPD, ist innerlich zerrissen. Mehrere Fraktionsabgeordnete haben sich von der Partei gelöst, das Vertrauen zwischen den Koalitionspartnern ist beschädigt, die parlamentarische Mehrheit brüchig. In dieser Lage richtet sich der politische Blick auf eine angekündigte persönliche Erklärung von Finanzminister und Vizeministerpräsident Robert Crumbach – ein möglicher Wendepunkt für die Regierung Woidke.
Eine Koalition unter Dauerbelastung
Seit ihrem Start im Dezember 2024 galt die rot-lila Koalition als politisches Experiment mit offenem Ausgang. Die SPD unter Ministerpräsident Dietmar Woidke hatte sich nach der Landtagswahl bewusst für das Bündnis mit dem neu gegründeten Bündnis Sahra Wagenknecht entschieden. Das BSW brachte eine Mischung aus klassisch linken sozialpolitischen Forderungen, wirtschaftspolitischem Etatismus und gesellschaftspolitischer Abgrenzung in die Landesregierung ein – ein Profil, das sowohl Chancen als auch Konfliktpotenzial barg.
Von Beginn an war die Mehrheit im Landtag denkbar knapp. Jede Abweichung, jede interne Irritation konnte das Machtgefüge ins Wanken bringen. Genau das ist nun eingetreten. Die Regierung steht nicht wegen eines einzelnen Sachthemas vor dem Crash, sondern wegen struktureller Spannungen innerhalb des BSW und wachsender Zweifel an der Verlässlichkeit der Koalitionsarithmetik.
Der Bruch innerhalb des BSW
Im Zentrum der Krise steht die Fraktion des Bündnis Sahra Wagenknecht selbst. Im November 2025 erklärten vier Abgeordnete ihren Austritt aus der Partei. Sie warfen der Parteiführung einen autoritären Führungsstil vor, beklagten fehlende innerparteiliche Debattenräume und einen wachsenden Druck zur politischen Disziplin. Zwar blieben die Abgeordneten zunächst Teil der Fraktion, doch der Schaden war angerichtet.
Seitdem ist das BSW im Landtag faktisch gespalten. Abstimmungsverhalten wurde unberechenbarer, interne Absprachen verloren an Verbindlichkeit. Besonders sensibel reagierte die Koalition auf Fälle, in denen einzelne BSW-Abgeordnete gemeinsam mit der AfD stimmten – ein Tabubruch für die SPD, der das ohnehin fragile Vertrauensverhältnis weiter belastete.
SPD zwischen Loyalität und Misstrauen
Für die SPD bedeutet diese Entwicklung eine zunehmende strategische Unsicherheit. Ministerpräsident Woidke und die sozialdemokratische Landtagsfraktion machten in den vergangenen Wochen deutlich, dass eine stabile Regierungsarbeit nur möglich sei, wenn alle Abgeordneten des Koalitionspartners eindeutig hinter dem Bündnis stehen. Konkret forderte die SPD ein klares Koalitionsbekenntnis aller BSW-Abgeordneten.
Diese Forderung stieß beim BSW auf Widerstand. Die Parteiführung argumentierte, man habe die Koalitionsfähigkeit mehrfach unter Beweis gestellt, etwa durch die Zustimmung zu zentralen Haushaltsbeschlüssen. Ein formelles Loyalitätsbekenntnis wurde als unnötig und politisch problematisch zurückgewiesen. Der Konflikt verlagerte sich damit von inhaltlichen Fragen zunehmend auf die Ebene des gegenseitigen Vertrauens – ein heikler Punkt in jeder Koalition, besonders aber bei knappen Mehrheiten.
Robert Crumbach im Zentrum der Entscheidung
In dieser aufgeheizten Situation rückt Robert Crumbach ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Der Finanzminister und stellvertretende Ministerpräsident gilt als einer der profiliertesten Vertreter des BSW in Brandenburg – zugleich aber auch als jemand, der zunehmend zwischen Parteidisziplin, Regierungsverantwortung und innerfraktionellen Konflikten aufgerieben wird.
In den vergangenen Monaten geriet Crumbach mehrfach in Spannungen mit Teilen seiner eigenen Fraktion, unter anderem bei Abstimmungen zu medienpolitischen Fragen und strategischen Linien der Regierungsarbeit. Seine angekündigte persönliche Erklärung wird daher parteiübergreifend als Signal mit möglicher Tragweite interpretiert.
Ein Moment mit Signalwirkung
Ob Crumbach seine Erklärung nutzt, um die Reihen zu schließen, Zweifel auszuräumen und ein klares Bekenntnis zur Koalition abzugeben – oder ob er eine politische Konsequenz zieht, bleibt offen. Fest steht jedoch: Sollte Crumbach sich von der BSW-Fraktion lösen oder sollte es zu weiteren Abspaltungen kommen, wäre die parlamentarische Mehrheit der rot-lila Koalition faktisch nicht mehr gesichert.
Ein solcher Schritt hätte unmittelbare Auswirkungen auf die Regierungsfähigkeit. Schon jetzt gilt die Koalition als politisch geschwächt, jede weitere Destabilisierung könnte sie handlungsunfähig machen. Die Erklärung Crumbachs wird deshalb nicht nur innerhalb des BSW mit Spannung erwartet, sondern auch im politischen Berlin und bei den Oppositionsfraktionen in Potsdam aufmerksam verfolgt.
Was ein Scheitern der Koalition bedeuten würde
Ein Bruch der rot-lila Koalition hätte weitreichende Konsequenzen für Brandenburg. Das Bündnis war nicht nur politisch ungewöhnlich, sondern auch symbolisch aufgeladen: Es stand für den Versuch, neue politische Kräfte in Regierungsverantwortung zu integrieren. Ein Scheitern würde dieses Experiment abrupt beenden.
Mögliche politische Folgen
- Der Verlust der parlamentarischen Mehrheit würde die aktuelle Landesregierung handlungsunfähig machen.
- Ministerpräsident Woidke müsste Gespräche über eine neue Mehrheitsbildung aufnehmen, etwa mit der CDU.
- Ein Rückzug von BSW-Ministern aus der Regierung wäre wahrscheinlich und würde eine Neuverteilung der Ressorts erforderlich machen.
- Auch vorgezogene Neuwahlen könnten wieder Teil der politischen Debatte werden.
Für das BSW selbst stünde bei einem Koalitionsbruch ebenfalls viel auf dem Spiel. Die Partei, die bundesweit noch um ihr Profil ringt, müsste erklären, warum sie in einem ihrer wichtigsten Landesverbände die Regierungsfähigkeit verloren hat. Für die SPD wiederum ginge es um die Frage, wie viel politische Instabilität sie ihren Wählerinnen und Wählern zumuten kann.
Brandenburg als Spiegel größerer Entwicklungen
Die Krise der Landesregierung ist mehr als ein regionales Problem. Sie verweist auf grundsätzliche Herausforderungen neuer Parteien im parlamentarischen System: schnelle Erfolge, hohe Erwartungen, aber auch fehlende eingespielte Strukturen und interne Konfliktlösungsmechanismen. In Brandenburg treffen diese Faktoren auf eine politische Landschaft, in der Mehrheiten knapp und Kompromisse unverzichtbar sind.
Gleichzeitig zeigt sich, wie fragil Koalitionen werden können, wenn Vertrauen schwindet und politische Disziplin zur Streitfrage wird. Die rot-lila Koalition war von Beginn an ein Bündnis auf Zeit und unter Vorbehalt – nun droht sie an inneren Widersprüchen zu zerbrechen.
Ein Land im Wartestand
Brandenburg wartet an diesem Tag nicht nur auf eine Erklärung, sondern auf Klarheit. Die Entscheidung, die Robert Crumbach trifft, könnte den politischen Kurs des Landes nachhaltig prägen – in die eine oder andere Richtung. Zwischen Stabilisierung und politischem Crash liegt nur ein schmaler Grat. Ob die Regierung diesen noch überschreiten kann, entscheidet sich in diesen Stunden.