Politische Debatte um Krankmeldungen Telefonische Krankschreibung: Warken prüft Regeln nach Kritik von Kanzler Merz

In Politik
Januar 20, 2026

Berlin, 20. Januar 2026 – Der Ton ist schärfer geworden, die Aufmerksamkeit hoch. Als der Bundeskanzler öffentlich über den hohen Krankenstand klagt, ist das mehr als ein beiläufiger Seitenhieb. Es ist der Auftakt zu einer Debatte, die tief in den Alltag von Beschäftigten, Ärztinnen und Ärzten sowie Unternehmen hineinreicht.

Nun reagiert das Bundesgesundheitsministerium. Die Regeln zur telefonischen Krankschreibung, einst als pragmatische Lösung eingeführt, stehen plötzlich im Zentrum einer grundsätzlichen politischen Neubewertung.

Warken kündigt Überprüfung der telefonischen Krankschreibung an

Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hat angekündigt, die bestehenden Regelungen zur telefonischen Krankschreibung einer umfassenden Prüfung zu unterziehen. Auslöser sind die jüngsten Äußerungen von Bundeskanzler Friedrich Merz, der den hohen Krankenstand in Deutschland kritisiert und dabei explizit auf die Möglichkeit der telefonischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung verwiesen hatte.

Warken machte deutlich, dass die Überprüfung kein spontaner Kurswechsel sei, sondern Teil einer politischen Vereinbarung. Im Koalitionsvertrag habe man festgehalten, Missbrauchsmöglichkeiten im System auszuschließen, ohne dabei den Zugang zur medizinischen Versorgung unnötig zu erschweren. „Genau das werden wir angehen“, sagte die Ministerin und sprach von einer sachlichen Prüfung der bestehenden Praxis.

Die telefonische Krankschreibung sei während der Corona-Pandemie eingeführt worden, um Patientinnen und Patienten zu schützen und Arztpraxen zu entlasten. Heute gehe es darum, nüchtern zu bewerten, welche Elemente sich bewährt hätten – und wo nachjustiert werden müsse.

Merz bringt Krankenstand und Arbeitsfähigkeit ins politische Zentrum

Der unmittelbare Auslöser der aktuellen Debatte liegt in einer Rede des Bundeskanzlers bei einer Veranstaltung im baden-württembergischen Bad Rappenau. Dort hatte Merz den durchschnittlichen Krankenstand von rund 14,5 Tagen pro Arbeitnehmer und Jahr als problematisch bezeichnet. Deutschland könne es sich nicht leisten, dass so viele Arbeitstage ausfielen, sagte er sinngemäß.

In diesem Zusammenhang äußerte Merz Zweifel an der telefonischen Krankschreibung. Ärztinnen und Ärzte könnten am Telefon kaum zuverlässig einschätzen, ob eine Arbeitsunfähigkeit tatsächlich vorliege. Die Schwelle, sich krankzumelden, sei dadurch gesunken, so die implizite Kritik.

Die Aussagen fanden breite mediale Resonanz – nicht zuletzt, weil sie einen sensiblen Bereich berühren. Krankheit, Arbeitsfähigkeit und Vertrauen zwischen Beschäftigten, Ärzteschaft und Arbeitgebern gelten als gesellschaftliche Grundpfeiler, die politisch nur vorsichtig angetastet werden.

Ärztliche Selbstverwaltung teils auf Kanzlerlinie

Unterstützung erhielt Merz aus Teilen der ärztlichen Selbstverwaltung. Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, äußerte sich zustimmend zur grundsätzlichen Kritik. Telefonische Krankschreibungen könnten Missbrauch begünstigen, da eine medizinische Einschätzung ohne persönliche Untersuchung naturgemäß begrenzt sei.

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Gassen verwies darauf, dass die Regelung ursprünglich als Ausnahme gedacht gewesen sei. Inzwischen habe sie jedoch einen festen Platz im Versorgungsalltag eingenommen – mit allen Vor- und Nachteilen. Die Frage sei, ob dieser Status quo dauerhaft tragfähig sei.

Gleichzeitig mahnten Vertreter aus dem ärztlichen Umfeld zur Differenzierung. Nicht jede telefonische Krankschreibung sei Ausdruck von Bequemlichkeit oder Missbrauch. Gerade bei bekannten Patientinnen und Patienten mit klaren Symptomen könne das Instrument sinnvoll sein.

Herkunft und Funktion der telefonischen Krankschreibung

Die telefonische Krankschreibung wurde in Deutschland während der Corona-Pandemie eingeführt. Ziel war es, Infektionsketten zu unterbrechen und Arztpraxen vor unnötigem Publikumsverkehr zu schützen. Patientinnen und Patienten mit leichten Erkrankungen – insbesondere Atemwegsinfekten – konnten sich nach telefonischer Rücksprache für einen begrenzten Zeitraum arbeitsunfähig melden.

Auch nach dem Ende der pandemischen Ausnahmesituation blieb die Regelung bestehen, allerdings unter klar definierten Voraussetzungen. Dazu zählt, dass die Patientin oder der Patient der Praxis bekannt sein muss und keine schweren oder unklaren Symptome vorliegen. Die telefonische Krankschreibung ist zeitlich begrenzt und ersetzt keine umfassende medizinische Diagnostik.

Befürworter sehen darin ein modernes, niedrigschwelliges Instrument, das den medizinischen Alltag flexibilisiert und Ressourcen schont. Kritiker hingegen verweisen auf die fehlende persönliche Untersuchung und warnen vor einer schleichenden Erosion medizinischer Standards.

Krankenstand, Statistik und digitale Effekte

Der Anstieg der gemeldeten Krankheitstage hat mehrere Ursachen. Neben tatsächlichen gesundheitlichen Belastungen spielen auch statistische Effekte eine Rolle. Mit der Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) werden Krankmeldungen heute vollständiger erfasst als früher.

Krankenkassen weisen darauf hin, dass frühere Erhebungen häufig unvollständig waren, da Papierbescheinigungen nicht immer zuverlässig übermittelt wurden. Der scheinbare Anstieg des Krankenstands spiegele daher auch eine verbesserte Datengrundlage wider.

Zudem verweisen Studien großer Krankenkassen darauf, dass es bislang keine belastbaren Hinweise auf einen systematischen Missbrauch der telefonischen Krankschreibung gibt. Vielmehr zeigten die Daten eine hohe Inanspruchnahme bei saisonalen Infekten und bekannten Krankheitsbildern.

  • Die durchschnittliche Zahl der Krankheitstage liegt bei rund 14,5 Tagen pro Jahr.
  • Elektronische Meldesysteme sorgen für eine vollständigere statistische Erfassung.
  • Ein eindeutiger Zusammenhang zwischen telefonischer Krankschreibung und Missbrauch ist bislang nicht belegt.
  • Ärztliche Einschätzungen variieren je nach Fachrichtung und Patientengruppe.

Arbeitswelt unter Druck

Unabhängig von der konkreten Ausgestaltung der telefonischen Krankschreibung steht die Arbeitswelt unter wachsendem Druck. Fachkräftemangel, hohe Arbeitsbelastung und psychische Erkrankungen prägen den Alltag vieler Beschäftigter. Vor diesem Hintergrund warnen Kritiker der Merz-Position vor einer Verkürzung der Debatte.

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Wer Krankheitstage allein als Ausdruck mangelnder Arbeitsmoral interpretiere, blende strukturelle Probleme aus. Arbeitsverdichtung, Schichtarbeit und psychosoziale Belastungen seien zentrale Faktoren für krankheitsbedingte Ausfälle.

Politische Reaktionen und gesellschaftliche Linien

Die Ankündigung von Ministerin Warken löste ein breites politisches Echo aus. Während Teile der Union eine zügige Verschärfung der Regeln fordern, mahnen andere Parteien zur Zurückhaltung. Vertreter von SPD, Grünen und Linken betonten, dass Krankmeldungen kein politisches Kampfmittel sein dürften.

Es gehe darum, Vertrauen zu erhalten – sowohl in die Ärzteschaft als auch in die Beschäftigten. Eine pauschale Verdächtigung schade dem gesellschaftlichen Klima und könne dazu führen, dass Menschen krank zur Arbeit gingen.

Auch aus Gewerkschaften und Sozialverbänden kamen warnende Stimmen. Die telefonische Krankschreibung sei für viele Beschäftigte eine Entlastung, insbesondere für Menschen mit eingeschränkter Mobilität oder in ländlichen Regionen mit dünner ärztlicher Versorgung.

Zwischen Kontrolle und Vertrauen

Ministerin Warken stellte klar, dass die angekündigte Überprüfung keine Vorverurteilung darstelle. Ziel sei es, praktikable Lösungen zu finden, die Missbrauch verhindern, ohne die Versorgung zu verschlechtern. Denkbar seien klarere Kriterien oder eine stärkere Differenzierung nach Krankheitsbildern.

Die Ministerin betonte zudem, dass die ärztliche Entscheidungshoheit unangetastet bleibe. Ärztinnen und Ärzte müssten weiterhin die Möglichkeit haben, im Einzelfall verantwortungsvoll zu entscheiden.

Einordnung in die größere Gesundheitsdebatte

Die Diskussion um die telefonische Krankschreibung ist Teil einer umfassenderen Auseinandersetzung über Effizienz, Vertrauen und Steuerung im Gesundheitssystem. Sie berührt Grundfragen: Wie viel Kontrolle ist nötig, wie viel Eigenverantwortung möglich? Wo endet Flexibilität, wo beginnt Missbrauch?

In einer alternden Gesellschaft mit steigenden Gesundheitsausgaben gewinnen diese Fragen zusätzlich an Gewicht. Gleichzeitig zeigen die Reaktionen auf Merz’ Aussagen, wie sensibel das Thema ist – politisch wie gesellschaftlich.

Offene Fragen, klare Erwartungen

Wie die Überprüfung konkret aussehen wird, ist noch offen. Klar ist jedoch, dass sie aufmerksam begleitet werden dürfte. Arbeitgeber, Beschäftigte, Ärztinnen und Ärzte sowie Krankenkassen verfolgen die Debatte mit eigenen Interessen und Erwartungen.

Die kommenden Monate werden zeigen, ob es gelingt, einen Ausgleich zwischen berechtigter Missbrauchsprävention und einem modernen, vertrauensbasierten Gesundheitssystem zu finden. Die telefonische Krankschreibung ist dabei mehr als ein technisches Detail – sie ist zum Symbol einer größeren gesellschaftlichen Frage geworden.

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Als Autor für das Magazin "Nah am digitalen Rand" verbinde ich meine Germanistik-Expertise mit einem unstillbaren Interesse für redaktionell spannende Themen. Meine Leidenschaft gilt der Erforschung und dem Verständnis der digitalen Evolution unserer Sprache, ein Bereich, der mich stets zu tiefgründigen Analysen und Artikeln inspiriert.