Förderimpuls aus Europa Zwei Proof of Concept Grants für die LMU – ERC fördert Forschungstransfer aus München

27. Januar 2026 | 17:20 Uhr |

München, 27. Januar 2026 – In den Fluren der Ludwig-Maximilians-Universität München liegt an diesem Tag ein leiser, aber spürbarer Aufbruch. Zwei Forschungsprojekte, hervorgegangen aus exzellenter Grundlagenarbeit, erhalten Proof of Concept Grants des Europäischen Forschungsrats. Es ist die Phase, in der aus theoretischer Erkenntnis greifbare Anwendung werden soll – mit möglicher Wirkung weit über den Campus hinaus.

Die Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) zählt erneut zu den Einrichtungen, deren Forschung durch den Europäischen Forschungsrat (ERC) ausgezeichnet wird. Zwei Wissenschaftler der Universität erhalten jeweils einen Proof of Concept Grant – eine gezielte Förderung, die darauf abzielt, Ergebnisse aus ERC-geförderter Spitzenforschung in Richtung praktischer Nutzung weiterzuentwickeln. Die Projekte bewegen sich in sehr unterschiedlichen Feldern, verbindet sie doch ein gemeinsames Ziel: wissenschaftliche Erkenntnisse so aufzubereiten, dass sie gesellschaftlich wirksam werden können.

Die Proof of Concept Grants sind dabei kein klassisches Forschungsinstrument, sondern eine strategische Brücke. Sie schließen die Lücke zwischen Grundlagenforschung und möglicher Anwendung, zwischen wissenschaftlicher Idee und erstem realistischem Nutzungsszenario. Genau an dieser Schwelle setzen die beiden LMU-Projekte an.

Proof of Concept Grants als strategisches Förderinstrument

Der Europäische Forschungsrat vergibt Proof of Concept Grants ausschließlich an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die bereits einen ERC Grant erhalten haben. Voraussetzung ist also exzellente, international begutachtete Grundlagenforschung. Die zusätzliche Förderung – in der Regel rund 150 000 Euro über einen Zeitraum von bis zu 18 Monaten – soll es ermöglichen, Anwendungsoptionen systematisch zu prüfen, erste Prototypen zu entwickeln oder Verwertungsstrategien zu erarbeiten.

Im Unterschied zu klassischen Drittmitteln steht hier nicht der Erkenntnisgewinn im Vordergrund, sondern die Frage der Umsetzbarkeit. Welche technischen, regulatorischen oder wirtschaftlichen Hürden bestehen? Wo liegen realistische Einsatzfelder? Und welche Schritte sind nötig, um aus einer Idee ein belastbares Konzept zu formen? Proof of Concept Grants geben Forschenden den Freiraum, diese Fragen strukturiert zu bearbeiten, ohne den Anspruch akademischer Exzellenz aufzugeben.

Für die LMU ist die erneute Bewilligung solcher Grants Ausdruck ihrer starken Position im europäischen Forschungsraum. In den vergangenen Jahren konnten Forschende der Universität regelmäßig ERC-Förderungen einwerben, sowohl in frühen als auch in fortgeschrittenen Karrierestufen. Die aktuellen Projekte reihen sich in diese Erfolgsgeschichte ein.

Sichere Autonomie: Das Projekt „CertiLane“

Prof. Dr. Majid Zamani, Professor für Informatik an der LMU, arbeitet seit Jahren an formalen Methoden für sicherheitskritische Systeme. Seine Forschung ist dort angesiedelt, wo mathematische Präzision auf reale technische Komplexität trifft. Autonome Systeme, insbesondere im Straßenverkehr, stehen im Zentrum seiner Arbeit – ein Feld, das große Erwartungen weckt und zugleich hohe Risiken birgt.

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Mit dem Proof of Concept Grant für das Projekt „CertiLane“ soll ein zentraler Aspekt dieser Forschung weiter vorangetrieben werden: die verlässliche Absicherung autonomer Fahrfunktionen. Moderne Fahrzeugsysteme müssen in unzähligen, teils unvorhersehbaren Situationen korrekt reagieren. Fehler können gravierende Folgen haben, weshalb die Frage der Zertifizierbarkeit als eine der größten Hürden für den breiten Einsatz autonomer Fahrzeuge gilt.

Formale Sicherheit als Schlüssel

„CertiLane“ knüpft an bestehende ERC-geförderte Arbeiten an und überträgt diese in einen anwendungsnahen Kontext. Ziel ist es, formale Modelle zu entwickeln, mit denen sich Fahrentscheidungen autonomer Systeme mathematisch überprüfen lassen. Solche Modelle sollen helfen, Sicherheitsgarantien nicht nur empirisch, sondern auch logisch nachvollziehbar zu belegen.

Der Proof of Concept Grant ermöglicht es dem Team, diese Ansätze aus dem theoretischen Rahmen zu lösen und an realistischen Szenarien zu testen. Dazu gehören Simulationen komplexer Verkehrssituationen ebenso wie die Analyse bestehender Softwarearchitekturen autonomer Fahrzeuge. Der Fokus liegt darauf, Wege aufzuzeigen, wie sich formale Verifikation in industrielle Entwicklungsprozesse integrieren lässt.

Arbeitsschwerpunkte im Projekt CertiLane

  • Modellierung sicherheitskritischer Fahrmanöver in komplexen Verkehrsumgebungen
  • Formale Überprüfung von Entscheidungsalgorithmen autonomer Systeme
  • Entwicklung von Konzepten für Zertifizierungs- und Zulassungsverfahren

Damit adressiert das Projekt nicht nur technische, sondern auch regulatorische Fragen. Denn ohne nachvollziehbare Sicherheitsnachweise bleibt autonome Mobilität ein Versprechen. Der Proof of Concept Grant schafft hier Raum, um aus Forschung belastbare Argumente für Praxis und Regulierung zu formen.

Klimarelevante Forschung: „BacForClimate“

Während „CertiLane“ auf digitale Systeme zielt, setzt das zweite geförderte Projekt bei einem der drängendsten Umweltprobleme an. Prof. Dr. Benedikt Sabaß, Biophysiker mit Professuren an der LMU und der TU Dortmund, beschäftigt sich mit den physikalischen und biochemischen Prozessen im Verdauungssystem von Wiederkäuern. Sein Projekt „BacForClimate“ richtet den Blick auf Methanemissionen von Rindern – eine bedeutende Quelle klimarelevanter Gase.

Methan besitzt über einen Zeitraum von 20 Jahren ein deutlich höheres Treibhauspotenzial als Kohlendioxid. In der Landwirtschaft entsteht es vor allem bei der Verdauung von Rindern. Trotz intensiver Forschung gelten praktikable Lösungen zur signifikanten Reduktion dieser Emissionen bislang als begrenzt.

Neue Ansätze aus der Grundlagenforschung

Die Arbeiten von Sabaß und seinem Team, die bereits durch einen ERC Starting Grant ermöglicht wurden, haben neue molekulare Ansätze identifiziert, die den Methanausstoß im Verdauungsprozess deutlich verringern könnten. Erste Laborergebnisse deuten darauf hin, dass sich die Emissionen unter bestimmten Bedingungen um mehr als 70 Prozent reduzieren lassen könnten.

Der Proof of Concept Grant erlaubt es nun, diese Ergebnisse weiter in Richtung Anwendung zu entwickeln. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich die identifizierten Verbindungen unter realen Bedingungen im Pansen von Rindern verhalten und welche Effekte sie auf Tiergesundheit und Futterverwertung haben.

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Von der Idee zur Anwendung

  • Analyse der Wechselwirkungen im mikrobiellen Verdauungssystem
  • Bewertung langfristiger Effekte auf Stoffwechsel und Tierwohl
  • Entwicklung eines tragfähigen Anwendungskonzepts für die Praxis

Das Projekt bewegt sich dabei bewusst an der Schnittstelle zwischen Forschung und Anwendung. Ziel ist es nicht, fertige Produkte zu liefern, sondern eine belastbare Grundlage für weitere Entwicklungsschritte zu schaffen – etwa in Kooperation mit landwirtschaftlichen Betrieben oder der Futtermittelindustrie.

Die Rolle der LMU im europäischen Forschungsraum

Mit den beiden Proof of Concept Grants unterstreicht die LMU ihre Position als eine der forschungsstärksten Universitäten Europas. Die Universität profitiert dabei von einer breiten fachlichen Aufstellung, die es ermöglicht, gesellschaftlich relevante Fragen aus unterschiedlichen Perspektiven zu bearbeiten – von der Informatik über die Naturwissenschaften bis hin zu den Lebenswissenschaften.

Die Förderung zeigt zugleich, wie gezielt der ERC Anreize setzt, um wissenschaftliche Exzellenz nicht im akademischen Raum zu belassen. Proof of Concept Grants sind bewusst kleinvolumig, entfalten ihre Wirkung aber gerade durch ihre strategische Ausrichtung. Sie ermöglichen es Forschenden, Risiken einzugehen, neue Wege zu erproben und Kontakte außerhalb der Universität zu knüpfen.

Für junge Technologien und innovative Ansätze sind diese frühen Schritte oft entscheidend. Ohne eine solche Förderung bleiben viele Ideen in der Schublade – zu anwendungsnah für klassische Forschung, zu unausgereift für den Markt. Der Proof of Concept Grant schließt genau diese Lücke.

Wenn Forschung Wirkung entfaltet

Die beiden aktuellen Förderungen zeigen exemplarisch, wie aus theoretischer Exzellenz konkrete Perspektiven entstehen können. Ob es um die Sicherheit autonomer Fahrzeuge oder um die Reduktion klimaschädlicher Emissionen geht – beide Projekte stehen für den Anspruch, wissenschaftliche Erkenntnis nicht als Selbstzweck zu begreifen, sondern als Ausgangspunkt für gesellschaftliche Lösungen.

Der Weg von der Idee zur Anwendung bleibt dabei komplex und offen. Proof of Concept Grants versprechen keinen schnellen Markterfolg, wohl aber die Möglichkeit, fundierte Antworten auf zentrale Umsetzungsfragen zu finden. Für die LMU und ihre Forschenden sind sie ein Signal des Vertrauens – und eine Einladung, Forschung weiterzudenken, über Disziplingrenzen hinaus und mit Blick auf reale Herausforderungen.

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Als Autor für das Magazin "Nah am digitalen Rand" verbinde ich meine Germanistik-Expertise mit einem unstillbaren Interesse für redaktionell spannende Themen. Meine Leidenschaft gilt der Erforschung und dem Verständnis der digitalen Evolution unserer Sprache, ein Bereich, der mich stets zu tiefgründigen Analysen und Artikeln inspiriert.