
Bad Herrenalb/Karlsruhe, 20. Januar 2026 – Ein Kurort im nördlichen Schwarzwald, sonst bekannt für Ruhe und Heilquellen, gerät unvermittelt in den Fokus bundesweiter Sicherheitsbehörden. Ermittler sichern Datenträger, werten Chats aus, prüfen internationale Hinweise. Im Zentrum steht ein Jugendlicher aus Württemberg, dessen digitale Spuren in eine der düstersten Ecken des Internets führen sollen.
Die Generalstaatsanwaltschaft Karlsruhe ermittelt gemeinsam mit dem Cybercrime-Zentrum Baden-Württemberg und dem Landeskriminalamt gegen einen Jugendlichen aus Württemberg. Der Verdacht: eine Anbindung an das radikal-gewaltverherrlichende Community-Netzwerk „No Lives Matter“. Nach Angaben der Ermittlungsbehörden soll der Beschuldigte über Online-Chats ein 13-jähriges Mädchen erpresst und bedroht haben. Zudem prüfen die Behörden, ob er an Schmierereien mit dem Schriftzug „No Lives Matter“ beteiligt war, die in Bad Herrenalb aufgetaucht waren.
Der Fall berührt mehrere Ebenen zugleich: den Schutz von Minderjährigen im digitalen Raum, die wachsende Bedeutung international vernetzter Online-Gruppierungen und die Frage, wie sich extremistische Subkulturen jenseits klassischer politischer Ideologien formieren. Im Mittelpunkt der Ermittlungen steht dabei immer wieder derselbe Name: No Lives Matter.
Ermittlungen mit internationaler Dimension
Ausgangspunkt der Ermittlungen waren Hinweise aus dem Ausland. Nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft gingen entscheidende Informationen von britischen Sicherheitsbehörden sowie von der US-amerikanischen Organisation National Center for Missing and Exploited Children aus. Diese Hinweise führten die Ermittler schließlich nach Baden-Württemberg.
In der vergangenen Woche durchsuchten Polizeikräfte die Wohnung des Jugendlichen. Ziel war es, digitale Beweismittel sicherzustellen: Computer, Smartphones, Speichermedien. Parallel dazu begann die Auswertung von Chatverläufen und Online-Kontakten, die auf eine mögliche Einbindung in das Netzwerk No Lives Matter hindeuten könnten.
Zu Alter, Identität und rechtlichem Status des Beschuldigten äußerten sich die Behörden bislang zurückhaltend. Bestätigt ist jedoch, dass der Verdacht einer Beteiligung an einem sogenannten Online-Sadistennetzwerk im Raum steht. In einem Chat soll der Jugendliche ein minderjähriges Mädchen unter Druck gesetzt haben, weitere kinderpornografische Inhalte zu übersenden, nachdem bereits entsprechendes Material ausgetauscht worden war.
No Lives Matter: Radikale Community ohne klassische Ideologie
No Lives Matter ist keine politische Organisation im herkömmlichen Sinn. Das Netzwerk versteht sich nicht als Partei, Bewegung oder Verein. Vielmehr handelt es sich um eine lose, international vernetzte Online-Community, die sich durch radikalen Nihilismus, Gewaltverherrlichung und die Ablehnung gesellschaftlicher Normen definiert.
In sicherheitsbehördlichen Analysen wird No Lives Matter der sogenannten Terrorgram-Szene zugeordnet. Diese Szene nutzt vor allem verschlüsselte Plattformen wie Telegram oder Discord, um extremistische Inhalte zu verbreiten. Anders als klassische extremistische Gruppen verfolgt No Lives Matter kein geschlossenes politisches Programm. Stattdessen propagiert das Netzwerk Gewalt als Selbstzweck, den Zerfall sozialer Ordnung und die Entmenschlichung anderer.
Typisch für die Kommunikation innerhalb der No-Lives-Matter-Community sind drastische Bild- und Textinhalte. Dazu zählen gewaltverherrlichende Memes, Aufrufe zu Terrorakten und Anleitungen, die in Ermittlerkreisen als „Kill Guides“ bezeichnet werden. Diese Inhalte zirkulieren häufig in geschlossenen Gruppen, was die Arbeit der Strafverfolgungsbehörden erheblich erschwert.
Verflechtungen mit anderen Online-Netzwerken
Sicherheitsbehörden sehen No Lives Matter nicht isoliert. Vielmehr gilt das Netzwerk als Teil oder Abspaltung größerer digitaler Strukturen, die sich rund um Gewalt, Sadismus und sexuelle Ausbeutung gebildet haben. In diesem Zusammenhang wird immer wieder das sogenannte 764-Netzwerk genannt, das international mit Fällen von Online-Erpressung und Missbrauch Minderjähriger in Verbindung gebracht wird.
Ermittlungen in anderen Ländern zeigen, dass diese Netzwerke häufig fließend ineinander übergehen. Mitglieder wechseln zwischen Gruppen, nutzen unterschiedliche Plattformen und passen ihre Kommunikation an, um Aufmerksamkeit zu vermeiden. No Lives Matter erscheint in diesem Geflecht als besonders radikale Ausprägung, die Gewalt nicht nur thematisiert, sondern aktiv verherrlicht.
Bad Herrenalb: Ein Ort zwischen Alltag und Verunsicherung
Bad Herrenalb im Landkreis Calw gilt als beschauliche Gemeinde. Der Ort mit rund 7.500 Einwohnern lebt vom Kurbetrieb, vom Tourismus und von seiner Lage im Schwarzwald. Extremistische Vorfälle waren hier bislang nicht bekannt.
Umso größer war die Irritation, als im vergangenen Jahr Schmierereien mit dem Schriftzug „No Lives Matter“ im öffentlichen Raum entdeckt wurden. Die Graffiti wirkten zunächst wie Provokationen ohne erkennbaren Hintergrund. Erst im Lichte der aktuellen Ermittlungen erhalten sie eine neue Bedeutung.
Die Behörden prüfen nun, ob zwischen den Schmierereien und dem Jugendlichen aus Württemberg ein Zusammenhang besteht. Dabei geht es nicht nur um Sachbeschädigung, sondern um mögliche Signale aus der Szene selbst: Markierungen, Zugehörigkeitsbekundungen, digitale Codes im öffentlichen Raum.
- Schmierereien mit extremistischen Parolen in einem Kurort
- Verdacht auf Online-Erpressung eines minderjährigen Opfers
- Internationale Hinweise führten zu Ermittlungen in Württemberg
Digitale Gewalt und reale Konsequenzen
Der Fall verdeutlicht, wie eng digitale und reale Gewalt inzwischen miteinander verknüpft sind. Experten für Extremismus und Cybercrime weisen seit Jahren darauf hin, dass Online-Plattformen nicht nur Räume der Kommunikation, sondern auch der Radikalisierung und Kriminalität sind.
Gerade Netzwerke wie No Lives Matter nutzen die Anonymität des Internets gezielt aus. Jugendliche und junge Erwachsene werden mit drastischen Inhalten konfrontiert, in geschlossenen Gruppen emotional abgestumpft und schrittweise an immer radikalere Narrative herangeführt. Die Grenzen zwischen „virtuellem Spiel“ und realer Gewalt verschwimmen dabei zunehmend.
Besonders alarmierend ist aus Sicht von Fachstellen die Verbindung von Gewaltverherrlichung und sexueller Erpressung. Sextortion-Fälle, bei denen Minderjährige unter Druck gesetzt werden, gehören inzwischen zu den häufigsten Delikten im Bereich digitaler Kriminalität. In extremistischen Netzwerken wie No Lives Matter werden solche Taten nicht nur geduldet, sondern teils offen glorifiziert.
Herausforderung für Ermittler und Prävention
Für Polizei und Justiz stellen lose organisierte Online-Netzwerke eine besondere Herausforderung dar. Es gibt keine festen Strukturen, keine Mitgliedslisten, keine Anführer im klassischen Sinn. Stattdessen agieren Einzelpersonen in wechselnden Konstellationen, verbunden durch Chats, Symbole und gemeinsame Inhalte.
Die Ermittlungen gegen den Jugendlichen aus Württemberg zeigen zugleich, dass internationale Zusammenarbeit immer wichtiger wird. Hinweise aus Großbritannien und den USA waren entscheidend, um den Fall in Baden-Württemberg überhaupt ins Rollen zu bringen. Ohne diesen Austausch blieben viele digitale Straftaten im Verborgenen.
Präventionsstellen fordern deshalb seit Langem eine stärkere Verzahnung von Strafverfolgung, Jugendarbeit und Medienbildung. Kinder und Jugendliche müssten frühzeitig lernen, extremistische Inhalte zu erkennen, digitale Manipulation zu durchschauen und Hilfe zu suchen, bevor sie in gefährliche Strukturen abrutschen.
Ein Fall mit Signalwirkung
Die Ermittlungen rund um No Lives Matter in Württemberg sind noch nicht abgeschlossen. Ob es zu einer Anklage kommt, welche Tatvorwürfe sich erhärten lassen und welche Rolle der Jugendliche tatsächlich innerhalb des Netzwerks spielte, müssen weitere Untersuchungen zeigen.
Unabhängig vom juristischen Ausgang sendet der Fall jedoch ein deutliches Signal: Extremistische Online-Communities sind kein fernes Phänomen, das nur andere Länder betrifft. Sie existieren mitten in der Gesellschaft, erreichen Jugendliche in ländlichen Regionen ebenso wie in Großstädten und entfalten ihre Wirkung oft im Verborgenen.
Für Bad Herrenalb und darüber hinaus bleibt die Erkenntnis, dass digitale Radikalisierung reale Spuren hinterlässt – in Chatverläufen, an Hauswänden und im Sicherheitsgefühl einer ganzen Region. Der Name No Lives Matter steht dabei nicht nur für ein Netzwerk, sondern für eine Entwicklung, die Behörden, Politik und Gesellschaft gleichermaßen fordert.