Für das Heilbronner Wollhaus zeichnet sich ein grundlegender Neustart ab. Große Teile des seit Jahren umstrittenen Gebäudekomplexes sollen nach den aktuellen Planungen abgerissen und durch ein neues Quartier mit rund 600 Wohnungen ersetzt werden. Noch ist das Vorhaben jedoch nicht baureif: Umfang des Rückbaus, Genehmigungen und Zeitplan sind in wichtigen Punkten offen.

Heilbronn, 16. Juli 2026. Das Wollhaus gehört zu den Gebäuden, über die in Heilbronn seit Jahren gestritten wird. Der massive Komplex am südlichen Rand der Innenstadt war Einkaufszentrum, Verkehrsknoten und architektonisches Versprechen seiner Zeit. Später wurde er zum Sanierungsfall. Nun steht ein weiterer, besonders weitreichender Kurswechsel bevor.

Nach den jüngsten Planungen von Neufeld Immobilien soll das Heilbronner Wollhaus nicht mehr, wie noch 2023 angekündigt, umfassend saniert und erweitert werden. Stattdessen ist ein großflächiger Abriss mit anschließender Neubebauung vorgesehen. Auf dem Areal soll ein gemischt genutztes Stadtquartier entstehen, dessen Schwerpunkt deutlich auf dem Wohnen liegt.

Heilbronner Wollhaus soll Platz für rund 600 Wohnungen machen

Das neue Konzept umfasst nach den bislang bekannten Angaben rund 62.000 Quadratmeter Bruttogrundfläche. Etwa 30.000 Quadratmeter davon sind für Wohnraum vorgesehen. Geplant sind rund 600 Wohnungen, vor allem kleinere Einheiten mit einem bis drei Zimmern.

Damit würde sich die Funktion des Standorts grundlegend verändern. Das Wollhaus war über Jahrzehnte vor allem als Einkaufs- und Dienstleistungszentrum gedacht. Künftig soll das Wohnen den größten Teil des Projekts ausmachen. Als mögliche Zielgruppen gelten Alleinlebende, Paare, Studierende, kleinere Haushalte und Familien.

Auch ein markanter Hochpunkt ist weiterhin Teil der Planung. Während frühere Entwürfe dort unter anderem ein Hotel vorsahen, soll nach dem aktuellen Stand zusätzlicher Wohnraum entstehen.

Neben den Wohnungen sind rund 6.000 Quadratmeter für Handel, Gastronomie und Dienstleistungen vorgesehen. Eine Markthalle, die bereits im früheren Konzept eine Rolle spielte, bleibt Bestandteil der Planung. Für Stellplätze in einer Tiefgarage werden etwa 10.000 Quadratmeter genannt.

Die zentralen Eckpunkte des neuen Wollhaus-Konzepts

  • rund 62.000 Quadratmeter Bruttogrundfläche,
  • etwa 30.000 Quadratmeter Wohnfläche,
  • rund 600 Wohnungen,
  • ungefähr 6.000 Quadratmeter für Handel, Gastronomie und Dienstleistungen,
  • eine Markthalle sowie Flächen für eine Tiefgarage.

Das Baurecht könnte nach dem derzeitigen Zeitplan 2027 oder 2028 geschaffen werden. Ein Abrissbeginn wäre damit frühestens ab 2028 möglich. Die Fertigstellung des neuen Quartiers wird gegenwärtig für 2031 oder 2032 in Aussicht gestellt. Verbindlich sind diese Termine nicht. Planverfahren, Genehmigungen und die konkrete Ausarbeitung stehen noch aus.

Vom Sanierungsprojekt zum weitgehenden Abriss

Der neue Entwurf markiert einen deutlichen Bruch mit den Plänen von 2023. Damals hatten Stadt und Investor ein Konzept vorgestellt, das ausdrücklich auf den Erhalt des Gebäudebestands setzte. Das Heilbronner Wollhaus sollte saniert, umgebaut und durch neue Bauteile ergänzt werden.

Vorgesehen waren seinerzeit 70 bis 90 Wohnungen, ein Hotel, eine Markthalle, Gastronomie, Büros, Praxen und Fitnessangebote. Der bestehende Turm sollte um mehrere Etagen erweitert werden. Begrünte Dächer und Terrassen sollten die bisher stark von Beton geprägte Anlage öffnen und aufwerten.

Für dieses Vorhaben waren Investitionen von mehr als 100 Millionen Euro angekündigt worden. Der Baustart sollte im Frühjahr 2026 erfolgen, die Eröffnung im Jahr 2028. Dieser Zeitplan ist inzwischen überholt. Auch die zentrale Idee des damaligen Konzepts, möglichst viel Bausubstanz zu erhalten, spielt in den neuen Planungen nicht mehr dieselbe Rolle.

Welche Teile tatsächlich verschwinden, ist noch offen

Von einem vollständigen Abriss des gesamten Wollhaus-Komplexes kann bislang nicht gesprochen werden. Öffentlich bekannt ist lediglich, dass große Teile zurückgebaut werden sollen. Welche Bauteile erhalten, verändert oder in die Neubebauung einbezogen werden, wurde noch nicht abschließend erläutert.

Unklar bleibt insbesondere die Zukunft des bestehenden Hochhauses. Auch zur Tiefgarage, zum Busbahnhof und zur technischen Verbindung einzelner Gebäudeteile liegen noch keine abschließenden Angaben vor. Eine öffentlich dokumentierte Abriss- oder Baugenehmigung ist nach dem bekannten Stand ebenfalls noch nicht erteilt.

Planungsstand 2023 Aktuelle Planung 2026
Erhalt und umfassender Umbau des Bestands großflächiger Rückbau und Neubebauung
70 bis 90 Wohnungen rund 600 Wohnungen
Hotel als zentraler Bestandteil deutlich stärkerer Schwerpunkt auf Wohnen
Eröffnung für 2028 vorgesehen Fertigstellung möglicherweise 2031 oder 2032

Das Wollhaus war einmal ein Symbol des Aufbruchs

Die Geschichte des Standorts reicht weit über den heutigen Gebäudekomplex hinaus. Der Name Wollhaus verweist auf den historischen Wollhandel in Heilbronn. Im 19. Jahrhundert befand sich dort ein städtisches Gebäude für den Wollmarkt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stand an dieser Stelle zunächst das wiederaufgebaute Stadtbad. Anfang der 1970er-Jahre wurde es abgerissen. Heilbronn wollte ein modernes Einkaufszentrum schaffen und damit auf die wachsende Konkurrenz großer Handelsstandorte im Umland reagieren.

1975 wurde das neue Wollhaus eröffnet. Es verband Einkaufspassage, Büros, Praxen, Hochhaus, Tiefgarage und Busbahnhof. Die Anlage entsprach dem städtebaulichen Leitbild jener Zeit: Handel, Autoverkehr und öffentlicher Nahverkehr sollten an einem zentralen Ort gebündelt werden.

Auch die Architektur folgte dem Geschmack der 1970er-Jahre. Große Betonflächen, massive Baukörper und eine klare funktionale Trennung galten als modern. Jahrzehnte später wurden genau diese Merkmale zum Gegenstand der Kritik. Das Heilbronner Wollhaus wirkte auf viele Besucher zunehmend dunkel, unübersichtlich und abweisend.

Leerstand und komplizierte Eigentumsverhältnisse

Nach einer zunächst erfolgreichen Phase verlor das Einkaufszentrum vor allem nach der Jahrtausendwende an Bedeutung. Der bauliche Zustand verschlechterte sich, Teile der Anlage standen leer oder wurden nur noch eingeschränkt genutzt.

Ein entscheidender Einschnitt folgte 2013, als Galeria Kaufhof seinen Rückzug vom Standort ankündigte. Mit dem Verlust des wichtigsten Ankermieters verschärften sich die wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Besucherfrequenz und Attraktivität nahmen weiter ab.

Eine umfassende Lösung scheiterte lange auch an den Eigentumsverhältnissen. Verschiedene Teile des Wollhauses gehörten unterschiedlichen Eigentümern. Dadurch ließ sich der Komplex weder einheitlich sanieren noch geschlossen neu entwickeln.

Mehrere Projektentwickler beschäftigten sich mit dem Areal. Diskutiert wurden Sanierung, Teilabriss und vollständige Neubebauung. Keines der größeren Konzepte wurde umgesetzt.

Erst zwei Zwangsversteigerungen veränderten die Lage. Neufeld Immobilien erwarb 2020 die Ladenpassage und 2022 auch die ehemaligen Kaufhof-Flächen. Damit gelangte ein wesentlicher Teil des zuvor aufgesplitterten Komplexes in eine Hand. Die Voraussetzung für ein umfassenderes Entwicklungskonzept war geschaffen.

Auch das Umfeld des Wollhauses soll neu geordnet werden

Die Zukunft des Heilbronner Wollhauses betrifft nicht nur den Gebäudekomplex selbst. Die Stadt plant seit mehreren Jahren eine Aufwertung des gesamten Umfelds. Dazu zählen der Busbahnhof, die Zufahrten zur Tiefgarage und weitere Verkehrs- und Aufenthaltsflächen.

Das untersuchte Gebiet umfasst rund 4,2 Hektar. Ziel ist eine bessere Verbindung des Wollhaus-Areals mit der Innenstadt und den angrenzenden Quartieren. Wie die städtischen Maßnahmen mit dem neuen Investorenkonzept verzahnt werden, ist noch nicht im Detail festgelegt.

Offen bleiben zudem Fragen zur Finanzierung und zur späteren Nutzung der Wohnungen. Bislang ist nicht bekannt, wie viele Einheiten frei finanziert, öffentlich gefördert oder zu preisgedämpften Mieten angeboten werden sollen. Auch die genaue Verkehrsführung und die Gestaltung des öffentlichen Raums sind noch Gegenstand der weiteren Planung.

Das Wollhaus bleibt vorerst ein Versprechen

Das Heilbronner Wollhaus steht erneut an einem Wendepunkt. Aus einem Einkaufszentrum, das einst die Innenstadt stärken sollte, könnte ein überwiegend vom Wohnen geprägtes Quartier werden. Der neue Entwurf reagiert auf den Bedeutungsverlust klassischer Einkaufszentren und auf den Bedarf an innerstädtischem Wohnraum.

Noch aber ist das Projekt vor allem eine planerische Perspektive. Bevor der Abriss beginnen kann, müssen Baurecht, Genehmigungen und die konkrete Ausgestaltung geklärt werden. Bis dahin bleibt das Wollhaus, was es seit Jahren ist: ein markanter Ort mit großer städtebaulicher Bedeutung und einer Zukunft, die bereits mehrfach neu entworfen wurde.