Vertrauen schaffen Safe Space Apotheken: Geschützte Orte für junge Menschen im Alltag

02. Februar 2026 | 08:55 Uhr |

BERLIN, 2. Februar 2026 – Es ist ein stilles Zeichen im Schaufenster, oft nur ein Aufkleber, manchmal ein kleiner Hinweis an der Tür. Doch für viele junge Menschen kann er den Unterschied machen: die Gewissheit, dass hier jemand zuhört – ohne Termin, ohne Urteil, ohne digitale Distanz.

Safe Space Apotheken entstehen bundesweit als niedrigschwellige Anlaufstellen für Sorgen, Ängste und Überforderung – und werden damit zu einem realen Gegenstück zur bekannten „Nummer gegen Kummer“.

Apotheken gehören zu den konstantesten Orten des Alltags. Man kennt sie aus dem eigenen Viertel, betritt sie meist mit einem klaren Anliegen und verlässt sie wenige Minuten später wieder. Genau diese Vertrautheit macht sie nun zu einem überraschend wirkungsvollen Schauplatz eines gesellschaftlichen Wandels. Unter dem Begriff Safe Space Apotheken entwickeln sich bundesweit Apotheken zu geschützten Gesprächsorten für junge Menschen, die Rat suchen – jenseits von Rezepten, Diagnosen und Wartezimmern.

Die Grundidee ist ebenso einfach wie konsequent: Wer Sorgen hat, soll nicht erst Hürden überwinden müssen. Keine Formulare, keine Anmeldung, kein Gefühl, fehl am Platz zu sein. Stattdessen ein reales Gegenüber, das zuhört, ernst nimmt und – wenn nötig – den Weg zu weiterer Hilfe öffnet. Damit greifen Safe Space Apotheken ein Bedürfnis auf, das Beratungsangebote wie die „Nummer gegen Kummer“ seit Jahrzehnten kennen, nun aber in den physischen Raum übertragen.

Safe Space Apotheken: Ein neues Selbstverständnis im Gesundheitswesen

In Deutschland beteiligen sich inzwischen mehr als 200 Apotheken an dem Safe-Space-Konzept oder bereiten sich auf eine Teilnahme vor. Besonders sichtbar wurde das Modell durch einzelne Apotheken, die öffentlich kommunizierten, bewusst einen Schutzraum für Jugendliche schaffen zu wollen – darunter die Cordula-Apotheke im Westmünsterland, die als regionale Vorreiterin gilt.

Getragen wird das Konzept unter anderem durch Kooperationen mit der Jugendinitiative OurGenerationZ, die junge Menschen gezielt über soziale Medien anspricht und ermutigt, den Schritt in die Apotheke zu wagen. Die Botschaft ist klar formuliert: Hier darf gesprochen werden. Hier ist Platz für Überforderung, für Unsicherheit, für Themen, die sonst oft unausgesprochen bleiben.

Safe Space Apotheken verändern damit das klassische Rollenbild der Apotheke. Sie bleiben Orte der Arzneimittelversorgung, erweitern ihre Funktion jedoch um eine soziale Komponente. Mitarbeitende werden gezielt geschult, um Gespräche sensibel zu führen, zuzuhören, Grenzen zu erkennen und keine therapeutische Rolle einzunehmen. Es geht nicht um Behandlung, sondern um Orientierung – und um das Gefühl, nicht allein zu sein.

Was Safe Space Apotheken konkret leisten

Das Angebot der Safe Space Apotheken ist bewusst niedrigschwellig gehalten. Jugendliche können spontan kommen, anonym bleiben und selbst entscheiden, wie viel sie teilen möchten. Die Gespräche sind vertraulich, wertfrei und zeitlich flexibel – eingebettet in den normalen Apothekenalltag, aber klar als geschützter Rahmen gekennzeichnet.

  • Persönliche Gespräche ohne Termin oder formale Anmeldung
  • Geschulte Mitarbeitende mit Fokus auf Zuhören und Einordnen
  • Verweis auf weiterführende Hilfsangebote bei Bedarf
  • Ein sichtbares Signal im öffentlichen Raum: Du darfst hier sein

Gerade für junge Menschen, die Hemmungen haben, Beratungsstellen aufzusuchen oder digitale Angebote als unpersönlich empfinden, kann dieser Ansatz entscheidend sein. Die Apotheke wird zum neutralen Ort – nicht Teil der Schule, nicht Teil der Familie, nicht Teil einer Behörde.

„Nummer gegen Kummer“: Der bewährte Schutzraum am Telefon

Während Safe Space Apotheken den persönlichen Kontakt vor Ort ermöglichen, existiert mit der Nummer gegen Kummer seit über 45 Jahren ein bundesweit etabliertes Beratungsangebot. Der Verein Nummer gegen Kummer e.V. betreibt das Kinder- und Jugendtelefon sowie weitere Beratungsformate für Eltern und junge Menschen – kostenlos, anonym und vertraulich.

Unter der europaweit einheitlichen Nummer 116 111 erreichen Kinder und Jugendliche montags bis samstags geschulte Beraterinnen und Berater. Ergänzt wird das Angebot durch Online-Beratungen per Chat oder E-Mail. Jährlich nehmen zehntausende junge Menschen dieses Angebot in Anspruch, um über schulischen Druck, familiäre Konflikte, Mobbing oder psychische Belastungen zu sprechen.

Das Erfolgsprinzip der Nummer gegen Kummer liegt in ihrer Verlässlichkeit. Seit Jahrzehnten steht sie für Erreichbarkeit ohne Voraussetzungen. Gespräche werden nicht bewertet, nicht dokumentiert, nicht weitergegeben. Die Beratung bietet Orientierung und hilft, die nächsten Schritte zu finden – sei es durch Entlastung im Gespräch oder durch Hinweise auf weitere Hilfsangebote.

Damit bildet die Nummer gegen Kummer ein tragendes Element der psychosozialen Unterstützung in Deutschland. Finanziell und strukturell wird das Angebot unter anderem durch staatliche Stellen sowie durch Partner aus der Telekommunikationsbranche unterstützt.

Analoge Nähe und digitale Reichweite

Safe Space Apotheken und die Nummer gegen Kummer verfolgen denselben Kernauftrag, setzen jedoch an unterschiedlichen Punkten an. Die Hotline erreicht Menschen unabhängig von Ort und Zeit, anonym und niedrigschwellig. Die Apotheke hingegen bietet physische Nähe, Blickkontakt und einen realen Raum.

Beide Modelle ergänzen sich. Wer den ersten Schritt im persönlichen Gespräch wagt, kann anschließend auf telefonische oder digitale Beratung zurückgreifen. Umgekehrt kann ein Telefonat den Mut stärken, vor Ort Hilfe zu suchen. Gemeinsam entsteht so ein Unterstützungsnetz, das verschiedene Bedürfnisse und Lebensrealitäten berücksichtigt.

Warum Safe Space Apotheken gerade jetzt entstehen

Die wachsende Bedeutung von Safe Space Apotheken ist eng mit gesellschaftlichen Entwicklungen verbunden. Studien und öffentliche Debatten zeigen seit Jahren, dass psychische Belastungen bei Jugendlichen zunehmen. Leistungsdruck, soziale Unsicherheiten und die Dauerpräsenz digitaler Medien hinterlassen Spuren. Gleichzeitig sind therapeutische Angebote vielerorts überlastet, Wartezeiten lang, Zugänge kompliziert.

Safe Space Apotheken reagieren auf diese Lücke, ohne den Anspruch zu erheben, professionelle Hilfe zu ersetzen. Sie verstehen sich als erste Anlaufstelle – als Ort, an dem Probleme ausgesprochen werden dürfen, bevor sie sich verfestigen. Gerade diese frühe Ansprache gilt in der Prävention als entscheidend.

Dass Apotheken diese Rolle übernehmen, ist kein Zufall. Sie genießen ein hohes Maß an Vertrauen, sind flächendeckend präsent und niedrigschwellig zugänglich. Im Gegensatz zu spezialisierten Beratungsstellen müssen sie nicht gezielt aufgesucht werden – sie sind bereits Teil des Alltags.

Ein sensibles Gleichgewicht

Die Umsetzung des Safe-Space-Konzepts erfordert jedoch Fingerspitzengefühl. Apothekerinnen und Apotheker bewegen sich bewusst außerhalb klassischer therapeutischer Zuständigkeiten. Schulungen betonen daher klar die Grenzen des Angebots. Ziel ist nicht Problemlösung, sondern Orientierung. Bei akuten Krisen wird an professionelle Stellen verwiesen.

Dieses Gleichgewicht zwischen Offenheit und Verantwortung ist zentral für die Glaubwürdigkeit des Modells. Safe Space Apotheken funktionieren nur dann, wenn sie Vertrauen schaffen, ohne falsche Erwartungen zu wecken.

Ein erweitertes Verständnis von Gesundheit

Safe Space Apotheken stehen exemplarisch für ein erweitertes Gesundheitsverständnis. Gesundheit wird nicht länger ausschließlich als körperlicher Zustand betrachtet, sondern als Zusammenspiel von körperlichem, psychischem und sozialem Wohlbefinden. Apotheken, die sich diesem Ansatz öffnen, reagieren damit auf reale Bedürfnisse ihrer Umgebung.

In Kombination mit etablierten Angeboten wie der Nummer gegen Kummer entsteht eine vielfältige Landschaft an Unterstützungsangeboten. Analoge Gespräche, telefonische Beratung und digitale Formate greifen ineinander und bieten unterschiedliche Zugänge für unterschiedliche Lebenslagen.

Für viele junge Menschen bedeutet das vor allem eines: Sie müssen ihre Sorgen nicht mehr alleine tragen. Ob am Telefon, im Chat oder zwischen Medikamentenregalen – Hilfe wird greifbarer, nahbarer und sichtbarer.

Wenn Zuhören zum gesellschaftlichen Auftrag wird

Safe Space Apotheken markieren keinen radikalen Umbruch, sondern eine leise Verschiebung. Sie zeigen, dass gesellschaftliche Verantwortung nicht immer neue Institutionen braucht, sondern manchmal neue Rollen für bestehende Orte. In einer Zeit, in der psychische Belastungen oft unsichtbar bleiben, setzen sie ein deutliches Zeichen: Zuhören ist Teil von Gesundheitsvorsorge.

Gemeinsam mit Angeboten wie der Nummer gegen Kummer entsteht so ein Netz aus realen und virtuellen Schutzräumen – eines, das nicht verspricht, alle Probleme zu lösen, aber eines, das signalisiert: Du wirst gehört.

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Als Autor für das Magazin "Nah am digitalen Rand" verbinde ich meine Germanistik-Expertise mit einem unstillbaren Interesse für redaktionell spannende Themen. Meine Leidenschaft gilt der Erforschung und dem Verständnis der digitalen Evolution unserer Sprache, ein Bereich, der mich stets zu tiefgründigen Analysen und Artikeln inspiriert.