
Magdebur/Berlin, 03. Februar 2026 – Es ist ein alter Grundpfeiler des deutschen Bildungssystems, der plötzlich wieder infrage steht. Mit der Forderung, die Schulpflicht abzuschaffen und durch eine Bildungspflicht zu ersetzen, rührt die AfD an ein sensibles Fundament. Was zunächst wie eine bildungspolitische Detailfrage klingt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als gesellschaftlicher Großkonflikt.
Die Debatte um die Schulpflicht ist zurück – und sie wird mit bemerkenswerter Schärfe geführt. Ausgelöst wurde sie durch öffentliche Äußerungen der AfD, insbesondere im Zusammenhang mit dem Landtagswahlkampf in Sachsen-Anhalt. Dort machte der AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund deutlich, dass seine Partei die bisherige Form der Schulpflicht für überholt hält. Stattdessen solle künftig eine Bildungspflicht gelten, die Eltern und Kindern mehr Freiheit bei der Wahl der Lernform einräumt.
Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Bildungspolitiker anderer Parteien, Juristen und Pädagogen warnten vor den Folgen eines solchen Kurswechsels. Gleichzeitig zeigte sich, dass die Forderung der AfD auf ein gesellschaftliches Klima trifft, in dem Zweifel an der Leistungsfähigkeit des Schulsystems längst verbreitet sind. Lehrermangel, Unterrichtsausfall und überlastete Schulen bilden den Resonanzraum für eine Debatte, die weit über Parteipolitik hinausgeht.
Die Kernforderung der AfD: Bildungspflicht statt Schulpflicht
Im Zentrum der AfD-Position steht die klare Absage an die bisherige Schulpflicht. Nach Darstellung der Partei soll künftig nicht mehr der verpflichtende Besuch einer staatlich anerkannten Schule im Vordergrund stehen, sondern der Nachweis, dass Kinder und Jugendliche angemessen gebildet werden. Diese Bildungspflicht könne, so die Argumentation, auch außerhalb klassischer Schulen erfüllt werden – etwa durch Heimunterricht, Lerngruppen oder alternative Bildungskonzepte.
Ulrich Siegmund begründete diesen Ansatz öffentlich damit, dass viele Schulen ihren Bildungsauftrag nicht mehr ausreichend erfüllten. Marode Gebäude, Unterrichtsausfall und zunehmende Gewalt würden den Lernerfolg gefährden. Statt Kinder unter diesen Bedingungen zur Anwesenheit zu zwingen, solle der Staat stärker auf Kontrolle der Ergebnisse setzen. Vorgeschlagen wurden regelmäßige Leistungsüberprüfungen, etwa in halbjährlichen Abständen, um sicherzustellen, dass Mindeststandards eingehalten werden.
Die AfD präsentiert diesen Vorschlag als Modernisierung des Bildungssystems. Sie spricht von mehr individueller Förderung, größerer Verantwortung der Eltern und einer Anpassung an gesellschaftliche Veränderungen. Der klassische Klassenraum, so der implizite Vorwurf, sei nicht mehr für alle Kinder der richtige Ort des Lernens.
Die Forderung ist dabei kein Einzelvorstoß. Auch in anderen Landesverbänden der AfD taucht die Idee auf, die Schulpflicht grundlegend zu reformieren oder abzuschaffen. Die Partei greift damit ein Thema auf, das international durchaus unterschiedlich gehandhabt wird, in Deutschland jedoch besonders sensibel ist.
Rechtliche Realität: Die Schulpflicht als Verfassungsgrundsatz
So klar die Forderung der AfD formuliert ist, so eindeutig ist die rechtliche Lage in Deutschland. Die Schulpflicht gehört zu den ältesten und stabilsten Elementen des deutschen Bildungswesens. Sie ist in den Schulgesetzen der Länder festgeschrieben und durch das Grundgesetz abgesichert. Artikel 7 weist dem Staat ausdrücklich die Verantwortung für das Schulwesen zu.
Über Jahrzehnte hinweg haben Gerichte immer wieder betont, dass die Schulpflicht nicht nur der Wissensvermittlung dient. Sie soll auch sicherstellen, dass Kinder soziale Kompetenzen erwerben, mit unterschiedlichen Lebensrealitäten in Kontakt kommen und zu mündigen Mitgliedern der Gesellschaft heranwachsen. Der verpflichtende Schulbesuch gilt damit als Instrument gesellschaftlicher Integration.
Auch auf europäischer Ebene wurde diese Sicht bestätigt. Gerichte haben mehrfach entschieden, dass ein staatlich organisierter Schulbesuch zulässig und notwendig ist, um gesellschaftliche Teilhabe zu gewährleisten. Homeschooling ist in Deutschland deshalb nur in sehr engen Ausnahmefällen erlaubt, etwa bei schweren gesundheitlichen Einschränkungen.
Juristen weisen darauf hin, dass eine Abschaffung der Schulpflicht nicht durch einfache Gesetzesänderungen möglich wäre. In vielen Bundesländern ist sie zusätzlich in den Landesverfassungen verankert. Eine Umstellung auf eine reine Bildungspflicht würde daher Verfassungsänderungen erfordern – inklusive qualifizierter Mehrheiten in den Parlamenten. Politisch gilt das derzeit als kaum realistisch.
Politische Ablehnung und parlamentarische Hürden
Wie groß der Widerstand ist, zeigte sich bereits in den Landtagen. In Brandenburg wurde ein AfD-Antrag, der in Richtung einer Lockerung der Schulpflicht zielte, von einer breiten Mehrheit abgelehnt. Vertreter von SPD, CDU und anderen Parteien argumentierten übereinstimmend, dass die Schulpflicht ein unverzichtbarer Bestandteil des Bildungssystems sei.
Insbesondere wurde betont, dass Schule mehr sei als ein Ort der Wissensvermittlung. Sie fungiere als sozialer Raum, in dem Kinder lernen, Konflikte auszutragen, Verantwortung zu übernehmen und Vielfalt zu akzeptieren. Eine reine Bildungspflicht, so die Kritik, könne diese Funktionen nicht ersetzen.
Gesellschaftliche Resonanz: Zwischen Skepsis und Zustimmung
Die Forderung der AfD trifft dennoch auf ein Publikum, das nicht geschlossen ablehnend reagiert. In Teilen der Bevölkerung gibt es seit Jahren Unzufriedenheit mit dem Zustand der Schulen. Eltern berichten von Unterrichtsausfall, fehlender individueller Förderung und überfüllten Klassen. Vor diesem Hintergrund erscheint die Idee größerer Flexibilität für manche zumindest diskussionswürdig.
Hinzu kommt, dass alternative Bildungsformen – etwa digitale Lernangebote oder projektbasiertes Lernen – während der Pandemie an Bedeutung gewonnen haben. Viele Familien haben erlebt, dass Lernen auch außerhalb des Klassenzimmers funktionieren kann, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Diese Erfahrungen fließen nun in die öffentliche Debatte ein.
Bildungsexperten mahnen jedoch zur Differenzierung. Sie weisen darauf hin, dass erfolgreiche alternative Modelle in der Regel auf intensiver Betreuung, hoher elterlicher Kompetenz und klarer staatlicher Aufsicht beruhen. Ohne diese Voraussetzungen bestehe die Gefahr wachsender Bildungsungleichheit. Kinder aus stabilen, bildungsnahen Haushalten könnten profitieren, während andere zurückfallen.
Argumentationslinien in der öffentlichen Debatte
- Kritik am Status quo: Lehrermangel, Überlastung und Qualitätsprobleme an Schulen verstärken den Wunsch nach Reformen.
- Warnung vor Entsolidarisierung: Die Schulpflicht wird als Instrument gesehen, das soziale Durchmischung sicherstellt.
- Gefahr wachsender Ungleichheit: Bildung außerhalb der Schule könnte bestehende soziale Unterschiede vertiefen.
Gerade dieser Punkt spielt in der Diskussion eine zentrale Rolle. Schule gilt in Deutschland traditionell als Ort, an dem Herkunft zumindest teilweise ausgeglichen werden soll. Kritiker der AfD-Forderung sehen diese Funktion durch eine Abschaffung der Schulpflicht gefährdet.
Bildungspolitik als Spiegel gesellschaftlicher Konflikte
Die Auseinandersetzung um die Schulpflicht ist mehr als eine bildungspolitische Fachdebatte. Sie berührt grundlegende Fragen nach dem Verhältnis von Staat und Individuum. Wie viel Verantwortung trägt der Staat für die Bildung junger Menschen? Wie viel Freiheit können Eltern einfordern, ohne die Rechte der Kinder zu gefährden?
Die AfD positioniert sich in dieser Frage eindeutig auf der Seite größtmöglicher individueller Freiheit. Kritiker halten dagegen, dass Kinder keine Objekte elterlicher Weltanschauungen seien, sondern eigenständige Rechte hätten. Der staatlich organisierte Schulbesuch werde daher auch als Schutzmechanismus verstanden – gegen Vernachlässigung, ideologische Abschottung oder Bildungsarmut.
Gleichzeitig zeigt die Debatte, dass das Vertrauen in das bestehende Bildungssystem brüchig geworden ist. Die Schulpflicht selbst steht zwar rechtlich fest, doch ihre gesellschaftliche Akzeptanz wird zunehmend hinterfragt. Das verleiht Forderungen wie denen der AfD zusätzliche Aufmerksamkeit, auch wenn ihre Umsetzung politisch fern erscheint.
Hat diese Debatte Symbolkraft?
Ob die Schulpflicht abgeschafft wird, ist angesichts der rechtlichen und politischen Hürden derzeit höchst unwahrscheinlich. Doch die Diskussion darüber entfaltet Wirkung. Sie zwingt Politik und Gesellschaft, sich erneut mit der Frage auseinanderzusetzen, wie Bildung in einer sich wandelnden Gesellschaft organisiert werden soll.
Die Forderung der AfD wirkt dabei wie ein Katalysator. Sie polarisiert, provoziert Widerspruch und macht zugleich bestehende Schwächen des Systems sichtbar. Zwischen dem Schutz gemeinsamer Bildungsstandards und dem Wunsch nach individueller Freiheit verläuft eine Konfliktlinie, die das Bildungssystem auch in Zukunft prägen wird.
Die Schulpflicht bleibt damit nicht nur ein juristischer Begriff, sondern ein Symbol für den Anspruch, Bildung als gemeinschaftliche Aufgabe zu verstehen. Wie dieser Anspruch in Zeiten knapper Ressourcen, wachsender Vielfalt und gesellschaftlicher Spannungen eingelöst werden kann, dürfte die eigentliche Herausforderung der kommenden Jahre sein.



