
Bern, 13. Februar 2026 – Am 14. Juni stimmt die Schweiz über eine Bevölkerungsobergrenze von zehn Millionen Einwohnern ab. Die von der SVP eingebrachte Initiative könnte tief in die Zuwanderungspolitik eingreifen und im Extremfall internationale Abkommen wie die Personenfreizügigkeit mit der EU infrage stellen. Regierung, Parlament und Wirtschaftsverbände lehnen die Vorlage ab – doch Umfragen deuten auf ein offenes Rennen hin.
Die Schweiz steht vor einer jener Entscheidungen, die über Jahre nachwirken. Am 14. Juni werden die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger über die sogenannte „10-Millionen-Schweiz“ befinden – eine Volksinitiative, die das Bevölkerungswachstum gesetzlich deckeln will. Was auf den ersten Blick wie eine abstrakte Zahl wirkt, berührt zentrale Fragen: Migration, Arbeitsmarkt, Wohnungsmarkt, internationale Verträge – und das Selbstverständnis des Landes im Herzen Europas.
Worum es bei der „10-Millionen-Schweiz“ geht
Die Initiative verlangt, dass die ständige Wohnbevölkerung der Schweiz bis zum Jahr 2050 zehn Millionen Menschen nicht überschreiten darf. Nach aktuellem Stand zählt das Land rund 9,1 Millionen Einwohner. Das Wachstum der vergangenen Jahre war stark – in einzelnen Jahren lag der Nettozuwachs bei bis zu 180.000 Personen. Treiber ist vor allem die Zuwanderung, insbesondere aus EU-Staaten.
Der Initiativtext sieht eine Art Frühwarnmechanismus vor: Sobald die Bevölkerung die Marke von 9,5 Millionen erreicht, müssten Bund und Parlament Massnahmen ergreifen, um ein Überschreiten der Zehn-Millionen-Grenze zu verhindern. Genannt werden unter anderem strengere Regeln beim Asyl, beim Familiennachzug oder bei Aufenthaltsbewilligungen.
Reichen solche Massnahmen nicht aus, sieht die Vorlage vor, internationale Verpflichtungen anzupassen oder neu zu verhandeln. Im Fokus steht dabei das Personenfreizügigkeitsabkommen mit der Europäischen Union. Es garantiert Bürgerinnen und Bürgern beider Seiten seit 2002 weitgehend freien Zugang zum Arbeitsmarkt und bildet einen zentralen Pfeiler der bilateralen Beziehungen.
Initiatoren und politische Einordnung
Trägerin der Initiative ist die Schweizerische Volkspartei (SVP). Sie argumentiert, das Bevölkerungswachstum habe ein Ausmass erreicht, das Infrastruktur, Naturraum und soziale Systeme überfordere. Wohnraum werde knapper, Mieten stiegen, Verkehrsnetze gerieten an Kapazitätsgrenzen. Eine feste Obergrenze solle Planungssicherheit schaffen und das Wachstum kontrollierbar machen.
Der Bundesrat und eine deutliche Mehrheit im Parlament empfehlen hingegen die Ablehnung. Sie verweisen auf die wirtschaftliche Verflechtung des Landes und die hohe Bedeutung ausländischer Arbeitskräfte in Schlüsselbranchen – von der Pflege über das Baugewerbe bis hin zu Forschung und Hightech-Industrie.
Demografischer Druck und wirtschaftliche Realität
Die Debatte um die „10-Millionen-Schweiz“ entzündet sich an einer statistischen Entwicklung, die seit Jahren sichtbar ist. Die Bevölkerung wächst kontinuierlich. Rund ein Drittel der Menschen mit ständigem Wohnsitz ist im Ausland geboren. Viele von ihnen arbeiten in Branchen, die ohne internationale Rekrutierung kaum funktionsfähig wären.
Gerade im Gesundheitswesen und in der Wissenschaft ist die Schweiz auf Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen. Auch international tätige Unternehmen mit Sitz in Zürich, Basel oder Genf bauen auf die Möglichkeit, qualifiziertes Personal grenzüberschreitend einzustellen. Wirtschaftsverbände warnen, eine starre Bevölkerungsobergrenze könne diese Flexibilität erheblich einschränken.
Hinzu kommt die Einbindung in den europäischen Binnenmarkt. Die bilateralen Abkommen mit der EU regeln nicht nur die Personenfreizügigkeit, sondern auch technische Handelshemmnisse, Landwirtschaft, Forschung oder den Landverkehr. Ein Bruch in einem dieser Bereiche könnte politische und wirtschaftliche Folgewirkungen entfalten.
Erinnerung an frühere Migrationsabstimmungen
Die Schweiz hat Erfahrung mit migrationspolitischen Volksentscheiden. 2014 wurde die Initiative „Gegen die Masseneinwanderung“ knapp angenommen. Ihre Umsetzung führte zu langwierigen Verhandlungen mit der EU und zu einer innenpolitischen Debatte über den Spielraum direkter Demokratie in einem eng verflochtenen Europa.
Die aktuelle Volksabstimmung zur „10-Millionen-Schweiz“ knüpft inhaltlich an diese Diskussion an, geht jedoch weiter. Während 2014 quantitative Steuerungsinstrumente gefordert wurden, zielt die jetzige Vorlage auf eine absolute Obergrenze – verfassungsrechtlich verankert und langfristig angelegt.
Wie gespalten ist das Land?
Umfragen zeichnen ein Bild politischer Spannung. In einer Erhebung lag die Zustimmung zur Initiative bei rund 48 Prozent, die Ablehnung bei etwa 41 Prozent; der Rest zeigte sich unentschieden. Das deutet auf eine offene Entscheidung hin – eine Situation, die in der direkten Demokratie der Schweiz nicht ungewöhnlich ist, aber die Tragweite der Vorlage unterstreicht.
Die gesellschaftliche Diskussion verläuft entlang vertrauter Linien: Stadt gegen Land, international ausgerichtete Wirtschaft gegen stärker national orientierte Wählerschaft. Gleichzeitig ist die Thematik nicht eindeutig parteipolitisch zu verorten. Auch innerhalb einzelner Lager gibt es differenzierte Positionen – etwa die Frage, wie stark Zuwanderung zur Sicherung des Arbeitsmarktes nötig ist oder wie Infrastruktur nachhaltig geplant werden kann.
Argumente der Befürworter
- Begrenzung des Bevölkerungswachstums zur Entlastung von Wohnungsmarkt und Verkehr
- Schutz von Naturraum und Ressourcen
- Stärkere nationale Steuerung der Migration
- Langfristige Planungssicherheit durch verfassungsrechtliche Verankerung
Argumente der Gegner
- Gefährdung der Personenfreizügigkeit mit der EU
- Risiken für Wirtschaft, Forschung und Arbeitsmarkt
- Rechtliche Unsicherheiten bei internationalen Abkommen
- Starre Obergrenze ohne Flexibilität für konjunkturelle Schwankungen
Regionale Unterschiede und Grenzrealität
Besonders sensibel wird die Volksabstimmung in Grenzregionen verfolgt. Zehntausende Grenzgänger pendeln täglich aus Deutschland, Frankreich oder Italien in die Schweiz. Ihre Arbeit ist fester Bestandteil regionaler Wirtschaftskreisläufe. Änderungen bei der Personenfreizügigkeit könnten hier unmittelbare Auswirkungen haben.
Auch Kantone mit starkem Bevölkerungszuwachs – etwa im Grossraum Zürich oder in der Genferseeregion – stehen im Fokus. Dort sind Fragen nach Wohnraum, Infrastruktur und Verkehrsbelastung besonders präsent. Befürworter sehen in der „10-Millionen-Schweiz“ eine Antwort auf diese Herausforderungen; Gegner halten strukturelle Reformen für geeigneter als eine starre Obergrenze.
Direkte Demokratie unter globalem Druck
Die Schweiz gilt international als Vorbild direkter Demokratie. Volksinitiativen ermöglichen es Bürgerinnen und Bürgern, Verfassungsänderungen direkt zur Abstimmung zu bringen. Dieses Instrument verleiht politischen Debatten eine unmittelbare Verbindlichkeit – und kann zugleich Spannungen erzeugen, wenn nationale Entscheide internationale Verpflichtungen berühren.
Die Volksabstimmung zur „10-Millionen-Schweiz“ steht exemplarisch für diese Herausforderung. Sie verbindet eine klar definierte Zielzahl mit komplexen aussenpolitischen und wirtschaftlichen Verflechtungen. Der Entscheid am 14. Juni wird deshalb weit über die Frage hinausreichen, ob die Schweiz künftig zehn Millionen Einwohner haben darf oder nicht.
Was auf dem Spiel steht
Im Kern geht es um Steuerung und Offenheit, um Souveränität und Integration. Die Initiative stellt die Frage, wie viel Wachstum ein Land mit begrenzter Fläche tragen will – und zu welchen Bedingungen. Sie berührt demografische Trends ebenso wie internationale Verträge, nationale Identität ebenso wie ökonomische Rationalität.
Ob die Stimmberechtigten die Bevölkerungsobergrenze annehmen oder verwerfen, wird Signalwirkung entfalten. Für die Innenpolitik, für das Verhältnis zur Europäischen Union – und für die Rolle der Schweiz in einer vernetzten Welt.
Ein Entscheid mit Langzeitwirkung
Die Volksabstimmung über die „10-Millionen-Schweiz“ ist mehr als ein Referendum über eine Zahl. Sie ist ein Prüfstein dafür, wie das Land mit den Spannungen zwischen Wachstum, Wohlstand und Begrenzung umgeht. Am 14. Juni wird sich zeigen, welche Richtung die Mehrheit einschlägt – und wie die Schweiz ihre demografische Zukunft gestalten will.



