Merz denkt über Wiedereinführung der Wehrpflicht auch für Frauen nach

In Politik
August 30, 2025

Berlin – CDU-Chef Friedrich Merz hat mit einer klaren Botschaft die Debatte über die Wehrpflicht neu entfacht: Er schließt nicht aus, dass künftig auch Frauen einberufen werden könnten. Hintergrund ist der zunehmende Personalmangel bei der Bundeswehr und die Frage, wie Deutschland seine Verteidigungsfähigkeit im Angesicht internationaler Krisen sichern kann.

Einordnung der aktuellen Debatte

Die Diskussion um die Wehrpflicht ist in Deutschland seit Jahren präsent, doch selten wurde sie so intensiv geführt wie jetzt. Mit der Zuspitzung der sicherheitspolitischen Lage durch den russischen Angriffskrieg in der Ukraine rückt die Frage der Wehrfähigkeit wieder stärker in den Mittelpunkt. Friedrich Merz, Kanzlerkandidat der Union, hält eine Ausweitung der Wehrpflicht auf Frauen zumindest für möglich – vorausgesetzt, die bisherigen Modelle liefern nicht die benötigten Rekruten.

Aktuell plant das Bundeskabinett die Einführung eines „neuen Wehrdienstes“ ab 2026. Dabei sollen Männer verpflichtend erfasst und befragt werden, Frauen dagegen freiwillig. Damit setzt die Bundesregierung auf ein Mischmodell, das sowohl den Personalmangel lindern als auch rechtlichen Hürden gerecht werden soll.

Rechtliche Rahmenbedingungen

Nach Artikel 12a des Grundgesetzes gilt die Wehrpflicht bislang nur für Männer. Frauen können zwar seit dem Jahr 2001 in allen Laufbahnen der Bundeswehr dienen, dürfen jedoch nicht verpflichtet werden. Diese Rechtslage geht zurück auf ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs im Jahr 2000, das Frauen den freiwilligen Dienst mit der Waffe erlaubte. Für eine Wehrpflicht, die auch Frauen umfasst, müsste das Grundgesetz geändert werden – ein politisch anspruchsvoller Prozess.

Warum ist die Wehrpflicht in Deutschland nur für Männer vorgesehen?

Diese Frage stellen sich viele Bürgerinnen und Bürger. Der Grund liegt in der Verfassung: Artikel 12a schließt Frauen aus der Wehrpflicht aus. Zwar herrscht seit Jahren Gleichberechtigung im Zugang zu militärischen Laufbahnen, doch eine Verpflichtung bleibt verfassungsrechtlich unzulässig. Genau hier setzt die Debatte an, die Friedrich Merz nun angestoßen hat.

Die Pläne der Bundesregierung

Verteidigungsminister Boris Pistorius hat konkrete Vorstellungen: Ab 2026 sollen Männer verpflichtend einen digitalen Fragebogen ausfüllen, in dem Angaben zu Gesundheit, Ausbildung und körperlicher Konstitution erfasst werden. Frauen können freiwillig teilnehmen. Aus diesem Pool sollen jährlich bis zu 30.000 Rekruten für den Wehrdienst ausgewählt werden. Der Dienst dauert sechs Monate und kann auf bis zu 23 Monate verlängert werden. Attraktive Anreize wie Führerschein- oder Sprachkurse sollen das Modell zusätzlich interessant machen.

Datenschutz und Digitalisierung

In sozialen Medien werden bereits Fragen zum Datenschutz laut. Denn die Musterung über einen Internetfragebogen ist ein Novum. Kritiker fürchten, dass sensible Daten in großem Umfang erhoben und verarbeitet werden, ohne dass klare Sicherheitsstandards definiert sind. Auch dies könnte ein Aspekt werden, der die gesellschaftliche Akzeptanz beeinflusst.

Öffentliche Meinung zur Wehrpflicht

Umfragen zeigen ein gespaltenes Bild: Während eine Mehrheit der Männer die Wehrpflicht befürwortet, stehen Frauen dem Thema skeptischer gegenüber. Laut einer Ipsos-Umfrage unterstützen 55 Prozent der Männer eine allgemeine Wehrpflicht, aber nur 33 Prozent der Frauen. Ein Teil der Befragten spricht sich dafür aus, dass Wehrpflicht nur Männer betreffen solle, andere bevorzugen freiwillige Modelle.

Wie viele Frauen dienen aktuell freiwillig in der Bundeswehr?

Momentan leisten rund 24.000 bis 25.000 Frauen freiwilligen Dienst in der Bundeswehr. Damit machen sie etwa zwölf Prozent der Truppe aus. Auch wenn die Zahl kontinuierlich gestiegen ist, bleibt sie im internationalen Vergleich eher gering.

Internationale Vergleiche

Deutschland steht mit der Debatte nicht allein. In Skandinavien sind gemischte Wehrpflichtsysteme längst Realität. Norwegen und Schweden haben Frauen bereits in die Pflicht einbezogen. Dänemark führt 2026 eine Wehrpflicht für Frauen ein. Israel gilt als bekanntestes Beispiel, wo Frauen ebenfalls verpflichtend zum Militär eingezogen werden können. Diese Vergleiche zeigen, dass die Frage nach Gleichbehandlung im Militär auch andernorts intensiv diskutiert wird.

Gibt es in anderen Ländern eine Wehrpflicht für Frauen?

Ja, mehrere Länder haben eine solche Regelung. Besonders die Beispiele aus Skandinavien dienen in Deutschland häufig als Referenz. Dort wird die Wehrpflicht für Frauen mit Gleichstellung und Sicherheitsinteressen begründet. Kritiker verweisen jedoch auf die besonderen geopolitischen Lagen dieser Länder, die sich nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen lassen.

Argumente pro und contra

Die gesellschaftliche Debatte spiegelt ein Spannungsfeld wider. Befürworter der allgemeinen Wehrpflicht, unabhängig vom Geschlecht, argumentieren mit Gleichberechtigung und kollektiver Verantwortung. Schriftstellerin Mirna Funk etwa betont, dass Wehrpflicht für Frauen Ausdruck echter Gleichstellung sei. Auf der Gegenseite weisen Kritiker wie die Autorin Nele Pollatschek darauf hin, dass Frauen ohnehin einen großen Teil der unbezahlten Sorgearbeit tragen. Eine zusätzliche Pflicht könnte als Benachteiligung wahrgenommen werden.

Welche Argumente sprechen für bzw. gegen eine Wehrpflicht für Frauen?

  • Pro: Gleichstellung von Männern und Frauen, gemeinsames Verantwortungsgefühl, Stärkung demokratischer Werte.
  • Contra: Zusätzliche Belastung von Frauen, die bereits mehrheitlich Care-Arbeit leisten, mögliche Benachteiligung im Alltag.

Physische Anforderungen und Realität

Studien zeigen, dass Frauen im Durchschnitt geringere Muskelkraft und Ausdauer als Männer aufweisen. Während Männer im Schnitt deutlich höhere physische Mindestkriterien erfüllen, erreichen nur wenige Frauen die Anforderungen in besonders körperlich anspruchsvollen Bereichen. Befürworter sehen darin jedoch keinen Hinderungsgrund, da nicht alle militärischen Tätigkeiten höchste körperliche Anforderungen stellen. Kritiker wiederum betonen, dass die Einsatzfähigkeit leidet, wenn Standards abgesenkt werden.

Flexibilität durch Kontingent-Wehrpflicht

Ein weiterer diskutierter Ansatz ist die sogenannte Kontingent-Wehrpflicht. Dabei würden nur so viele Personen eingezogen, wie tatsächlich gebraucht werden. Dieses flexible Modell soll sicherstellen, dass Überkapazitäten vermieden und gleichzeitig Grundrechte gewahrt werden. In sozialen Medien stößt dieser Gedanke auf Zustimmung, weil er als pragmatischer Kompromiss gilt.

Was plant Verteidigungsminister Pistorius konkret?

Der neue Wehrdienst soll auf Freiwilligkeit setzen, mit klarer Option für verpflichtende Elemente, falls die Rekruten nicht ausreichen. Männer füllen obligatorisch Fragebögen aus, Frauen freiwillig. Jährlich sollen etwa 25.000 bis 30.000 Rekruten gewonnen werden, um das Ziel von rund 260.000 aktiven Soldatinnen und Soldaten zu erreichen. Zusätzlich plant die Bundeswehr bis 2029 eine Reserve von etwa 200.000 Kräften. Das Gesamtziel von 460.000 Wehrfähigen soll die NATO-Verpflichtungen absichern.

Wird die Bundeswehr durch den freiwilligen Wehrdienst genug Personal gewinnen?

Die Zweifel sind groß. Während die Zahlen ambitioniert erscheinen, zeigen bisherige Erfahrungen, dass freiwillige Systeme häufig nicht genügend Personal generieren. Sollte der Bedarf nicht gedeckt werden, könnte der Druck wachsen, verpflichtende Elemente wieder einzuführen – und hier käme auch die Frage nach der Beteiligung von Frauen erneut ins Spiel.

Gesellschaftliche Dimension

Die Wehrpflicht ist längst mehr als eine rein militärische Debatte. Sie berührt Grundsatzfragen von Gleichstellung, Fairness und nationaler Verantwortung. Viele junge Menschen diskutieren in Foren und sozialen Medien, ob es gerecht ist, wenn nur Männer in die Pflicht genommen werden. Die Erfahrungen anderer Länder zeigen, dass sich gesellschaftliche Akzeptanz nur dann erreichen lässt, wenn die Last gleich verteilt wird. Ob Deutschland diesen Schritt geht, bleibt offen.

Friedrich Merz hat die Debatte mit seiner offenen Haltung neu befeuert. Während das neue Modell ab 2026 zunächst auf Freiwilligkeit setzt, ist die Diskussion über eine mögliche Einbeziehung von Frauen längst entfacht. Klar ist: Die Bundeswehr braucht dringend mehr Personal, um ihre Aufgaben zu erfüllen. Ob dies durch Freiwilligkeit allein gelingt oder ob eine umfassendere Wehrpflicht notwendig wird, entscheidet sich in den kommenden Jahren. Für Deutschland geht es dabei nicht nur um militärische Schlagkraft, sondern auch um das Selbstverständnis einer modernen, gleichberechtigten Gesellschaft.

Avatar
Redaktion / Published posts: 2244

Als Autor für das Magazin "Nah am digitalen Rand" verbinde ich meine Germanistik-Expertise mit einem unstillbaren Interesse für redaktionell spannende Themen. Meine Leidenschaft gilt der Erforschung und dem Verständnis der digitalen Evolution unserer Sprache, ein Bereich, der mich stets zu tiefgründigen Analysen und Artikeln inspiriert.