Europäische Kooperation Merz lehnt deutsche Atomwaffen ab – Debatte über europäische nukleare Abschreckung nimmt Fahrt auf

18. Februar 2026 | 06:38 Uhr |

Keine deutsche Atombombe: Friedrich Merz weist Forderungen nach eigener nuklearer Bewaffnung entschieden zurück. Stattdessen setzt der Kanzler auf eine europäische Lösung der nuklearen Abschreckung im Bündnisrahmen. Die Debatte über Deutschlands Rolle in der strategischen Sicherheitsarchitektur gewinnt damit neue Schärfe – und stellt NATO, EU und Bundesregierung vor grundlegende Fragen.

Berlin, 18. Februar 2026 – In der sicherheitspolitischen Debatte um die nukleare Abschreckung hat Bundeskanzler Friedrich Merz eine klare Linie gezogen: Deutschland werde keine eigenen Atomwaffen entwickeln. Der CDU-Politiker schloss eine nationale nukleare Bewaffnung ausdrücklich aus und verwies auf völkerrechtliche Verpflichtungen sowie bestehende Bündnisstrukturen. Zugleich brachte er eine vertiefte europäische Zusammenarbeit bei der atomaren Abschreckung ins Gespräch – ein Vorstoß, der in Berlin und darüber hinaus intensive Diskussionen auslöst.

Die Frage nach der nuklearen Abschreckung ist damit erneut ins Zentrum der deutschen Sicherheitspolitik gerückt. Angesichts wachsender geopolitischer Spannungen, eines aggressiven russischen Auftretens und veränderter transatlantischer Dynamiken wird neu ausgelotet, wie Europas strategische Sicherheit künftig organisiert werden soll. Merz’ Absage an eine deutsche Atombombe markiert dabei einen politischen Fixpunkt – doch sie beendet die Debatte keineswegs.

Klare Absage an eine nationale Atombewaffnung

Rechtliche Bindungen und politische Selbstverpflichtung

Merz begründete seine Ablehnung einer eigenständigen nuklearen Bewaffnung mit Deutschlands internationalen Verpflichtungen. Der Zwei-plus-Vier-Vertrag zur Wiedervereinigung sowie der Atomwaffensperrvertrag untersagen dem Land den Besitz eigener Kernwaffen. Diese völkerrechtlichen Rahmenbedingungen seien bindend und nicht verhandelbar. Deutschland habe sich bewusst für diesen Weg entschieden – daran werde sich nichts ändern.

Damit erteilte der Kanzler Überlegungen eine Absage, die in sicherheitspolitischen Fachkreisen vereinzelt diskutiert wurden. Die Idee, Deutschland könne angesichts einer unsicheren Weltlage eine eigene nukleare Abschreckung aufbauen, war zwar nie Regierungspolitik, wurde jedoch als theoretische Option erörtert. Merz machte deutlich: Eine deutsche Atombombe steht nicht zur Debatte.

Die Bundesregierung bleibt somit bei der bisherigen Linie. Deutschland ist Teil des nuklearen Abschreckungssystems der NATO, ohne selbst über Atomwaffen zu verfügen. Dieses Modell der sogenannten nuklearen Teilhabe sieht vor, dass deutsche Streitkräfte im Ernstfall Trägersysteme bereitstellen, während die Kontrolle über die Waffen bei den Vereinigten Staaten liegt. An dieser Einbindung will Berlin festhalten.

Europäische Dimension der nuklearen Abschreckung

Gespräche mit Frankreich über einen europäischen Atomschirm

Während Merz eine nationale Lösung ausschließt, öffnet er die Tür für eine stärkere europäische Zusammenarbeit in Fragen der nuklearen Abschreckung. In Gesprächen mit Frankreich ging es um die Möglichkeit, den französischen nuklearen Schutz stärker europäisch zu denken. Frankreich ist nach dem Brexit die einzige Atommacht innerhalb der Europäischen Union und verfügt über ein eigenständiges strategisches Arsenal.

Die Überlegung: Könnte ein europäisch abgestimmter Schutzschirm die Sicherheit des Kontinents zusätzlich absichern? Merz stellte klar, dass es nicht um eine Abkehr von der NATO gehe, sondern um eine Ergänzung bestehender Strukturen. Europa müsse angesichts globaler Machtverschiebungen mehr Verantwortung für die eigene Sicherheit übernehmen – auch im Bereich der strategischen Abschreckung.

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Eine solche Kooperation würde an das bestehende Modell der nuklearen Teilhabe anknüpfen, jedoch mit europäischer Perspektive. Denkbar wäre eine engere Abstimmung mit Paris über Einsatzdoktrinen, politische Entscheidungsprozesse und strategische Kommunikation. Konkrete Beschlüsse gibt es nicht, wohl aber politische Sondierungen.

Strategische Autonomie als Leitmotiv

Hinter der Diskussion steht das Schlagwort der strategischen Autonomie Europas. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine und den damit verbundenen sicherheitspolitischen Umbrüchen wird in Brüssel und Berlin verstärkt über europäische Verteidigungsfähigkeit gesprochen. Die nukleare Abschreckung gilt dabei als sensibelster Bereich.

Europa ist in der NATO traditionell stark auf den US-amerikanischen Schutzschirm angewiesen. Zweifel an der langfristigen Verlässlichkeit transatlantischer Zusagen – insbesondere im Falle politischer Kurswechsel in Washington – haben in mehreren europäischen Hauptstädten Überlegungen ausgelöst, wie sich zusätzliche Absicherungen schaffen ließen. Merz greift diese Diskussion auf, ohne den Bruch mit dem Bündnis zu riskieren.

Reaktionen aus Berlin und Brüssel

Zurückhaltung im Verteidigungsministerium

Innerhalb der Bundesregierung wird der Vorstoß differenziert bewertet. Verteidigungsminister Boris Pistorius verwies darauf, dass es derzeit keine Hinweise auf eine Aufgabe des US-Schutzschirms gebe. Die nukleare Abschreckung der NATO funktioniere, und die Allianz bleibe das Fundament europäischer Sicherheit. Spekulationen über einen Ersatz durch eine rein europäische Lösung seien verfrüht.

Auch aus dem Auswärtigen Amt kamen Signale der Vorsicht. Deutschland profitiere von der bestehenden Sicherheitsarchitektur, und jede Veränderung müsse mit größter Sorgfalt geprüft werden. Die Debatte dürfe nicht zu falschen Erwartungen führen.

Unterschiedliche Akzente in der politischen Landschaft

In den Parteien zeigt sich ein breites Meinungsspektrum. Während Teile der Union eine intensivere europäische Koordination in Fragen der nuklearen Abschreckung begrüßen, warnen andere politische Kräfte vor einer Eskalation der atomaren Debatte. Die Erinnerung an die deutsche Nachkriegsgeschichte und an die Friedensbewegung der 1980er-Jahre prägt weiterhin das öffentliche Bewusstsein.

Gleichzeitig weisen sicherheitspolitische Experten darauf hin, dass Abschreckung nicht allein eine militärische, sondern auch eine politische Kategorie ist. Glaubwürdigkeit, Transparenz und Bündniskohärenz seien entscheidend. Eine europäische Komponente könne Stabilität schaffen – sie könne aber auch neue Spannungen hervorrufen, falls sie als Konkurrenz zur NATO wahrgenommen werde.

Deutschland zwischen Bündnistreue und Eigenverantwortung

Die besondere Rolle der Bundesrepublik

Deutschland befindet sich in einer sicherheitspolitischen Zwischenposition. Als wirtschaftsstärkstes Land Europas trägt es erhebliches politisches Gewicht, verfügt jedoch selbst nicht über Atomwaffen. Diese Konstellation zwingt die Bundesregierung zu einer Gratwanderung: Sie muss Bündnistreue demonstrieren und zugleich dem wachsenden Anspruch gerecht werden, mehr Verantwortung für Europas Sicherheit zu übernehmen.

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Die nukleare Abschreckung bleibt dabei ein neuralgischer Punkt. Einerseits garantiert sie nach wie vor das strategische Gleichgewicht gegenüber potenziellen Aggressoren. Andererseits ist sie politisch sensibel, rechtlich strikt reguliert und moralisch umstritten. Merz’ Vorstoß bewegt sich genau in diesem Spannungsfeld.

Rechtliche Leitplanken und politische Realitäten

Unverändert gilt: Deutschland darf keine eigenen Kernwaffen entwickeln oder besitzen. Diese rechtliche Grenze ist eindeutig. Innerhalb dieses Rahmens bleibt jedoch Spielraum für politische Gestaltung – etwa bei der Frage, wie eng europäische Partner in Entscheidungsprozesse eingebunden werden oder wie Abschreckung kommuniziert wird.

Die Bundesregierung betont, dass jede Weiterentwicklung der nuklearen Abschreckung im Einklang mit internationalen Verpflichtungen stehen müsse. Der Atomwaffensperrvertrag bleibt ein zentraler Pfeiler der globalen Nichtverbreitungsordnung. Deutschland sieht sich traditionell als Verfechter dieser Ordnung und will daran festhalten.

Eine Debatte mit langfristiger Wirkung

Sicherheitsarchitektur im Wandel

Die Diskussion über die nukleare Abschreckung ist Ausdruck eines tieferliegenden Strukturwandels. Europas Sicherheitsarchitektur befindet sich in Bewegung. Der russische Angriffskrieg, die Aufrüstung in mehreren Weltregionen und strategische Rivalitäten zwischen Großmächten haben das Umfeld grundlegend verändert.

In dieser Lage suchen politische Entscheidungsträger nach belastbaren Antworten. Merz’ klare Absage an deutsche Atomwaffen schafft zunächst Klarheit. Doch seine Offenheit für europäische Modelle signalisiert zugleich, dass die strategische Debatte nicht abgeschlossen ist.

Politische Weichenstellung mit offenem Ausgang

Ob aus den Gesprächen mit Frankreich konkrete Initiativen entstehen, bleibt abzuwarten. Fest steht: Die Frage der nuklearen Abschreckung wird die deutsche Sicherheitspolitik weiter prägen. Sie berührt Bündnisfragen, europäische Integration, Völkerrecht und strategische Glaubwürdigkeit gleichermaßen.

Deutschland steht damit vor einer grundlegenden Aufgabe: die eigene Rolle in einer fragilen Weltordnung zu definieren, ohne historische und rechtliche Leitplanken zu verlassen. Die Absage an eine nationale Atombombe ist eindeutig. Wie die europäische Dimension der Abschreckung konkret ausgestaltet wird, ist es noch nicht.

Zwischen Klarheit und offenen Fragen

Merz hat einen politischen Rahmen abgesteckt. Deutschland bleibt Nicht-Atomwaffenstaat, Teil der NATO und Befürworter internationaler Nichtverbreitung. Zugleich fordert er eine ehrliche Debatte über Europas strategische Handlungsfähigkeit. In dieser Spannung liegt der Kern der aktuellen Auseinandersetzung.

Die Diskussion um die nukleare Abschreckung wird damit zu einem Gradmesser für die künftige Ausrichtung deutscher Außen- und Sicherheitspolitik. Sie entscheidet darüber, wie selbstbewusst Europa auftritt – und wie eng es im Bündnis verankert bleibt. Die nächsten Monate dürften zeigen, ob aus der Debatte konkrete Schritte folgen oder ob sie vorerst im politischen Diskurs verbleibt.

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Als Autor für das Magazin "Nah am digitalen Rand" verbinde ich meine Germanistik-Expertise mit einem unstillbaren Interesse für redaktionell spannende Themen. Meine Leidenschaft gilt der Erforschung und dem Verständnis der digitalen Evolution unserer Sprache, ein Bereich, der mich stets zu tiefgründigen Analysen und Artikeln inspiriert.