
Wien, Dezember – Der Traum von einer internationalen Spitzenuniversität beginnt für viele junge Talente nicht im Hörsaal, sondern mit einer nüchternen Rechnung. Studiengebühren im sechsstelligen Bereich, dazu Lebenshaltungskosten, Visa, Reisen. Für Studierende aus weniger wohlhabenden Regionen der Welt endet der Weg zu Eliteuniversitäten oft, bevor er beginnt. Genau an dieser Bruchstelle setzt ein junges Start-up an, gegründet von einer Österreicherin, die das System aus eigener Erfahrung kennt.
Die Burgenländerin Deborah Schermann hat mit Skillsvest in den USA ein Modell entwickelt, das Studierenden den Zugang zu teuren internationalen Top-Universitäten ermöglichen soll – ohne klassische Schuldenfalle. Gemeinsam mit ihrem Mitgründer Sreemaan Palani Prabhakaran Thiruppathiraja arbeitet sie daran, Bildungsfinanzierung neu zu denken: nicht als Kredit, der unabhängig vom späteren Einkommen zurückgezahlt werden muss, sondern als einkommensabhängige Beteiligung an der beruflichen Zukunft der Geförderten.
Studienfinanzierung neu gedacht
Das Grundprinzip von Skillsvest ist einfach, aber radikal im Vergleich zu traditionellen Studienkrediten. Das Start-up finanziert Studiengebühren, Lebenshaltungskosten und notwendige Reisekosten für ausgewählte Studierende. Eine Rückzahlung erfolgt erst dann, wenn die Absolventinnen und Absolventen nach dem Studium ein Einkommen oberhalb eines festgelegten Schwellenwertes erzielen. Bleibt dieses Einkommen darunter, entfällt die Rückzahlung vollständig.
Anders als bei klassischen Krediten wächst die Schuld nicht durch Zinsen an. Zudem ist die Rückzahlung gedeckelt: Maximal das Doppelte der erhaltenen Finanzierung kann zurückgezahlt werden. Nach einem Zeitraum von zehn Jahren werden verbleibende offene Beträge erlassen. Das Modell soll verhindern, dass Studierende über Jahrzehnte hinweg finanzielle Lasten tragen, die ihre Lebensentscheidungen einschränken.
Gerade für internationale Studierende ist dieser Ansatz entscheidend. Wer in den USA oder Europa studiert, aber später in einem Land mit niedrigerem Einkommensniveau arbeitet, läuft bei herkömmlichen Krediten Gefahr, die Schulden nie vollständig tilgen zu können. Die Angst vor dieser Schuldenfalle ist für viele ein zentrales Hindernis, überhaupt ein Studium im Ausland in Betracht zu ziehen.
Fokus auf internationale Top-Programme
Skillsvest richtet sich gezielt an Studierende, die an hochrangigen internationalen Universitäten zugelassen werden möchten. Besonders im Fokus stehen Programme aus den MINT-Fächern – also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. In diesen Bereichen gelten die Karriere- und Einkommensaussichten als vergleichsweise stabil, was das einkommensabhängige Finanzierungsmodell kalkulierbarer macht.
Der Ablauf ist klar strukturiert: Studierende bewerben sich zunächst bei Skillsvest und erhalten im positiven Fall eine Finanzierungszusage. Mit dieser Garantie können sie sich bei den Universitäten bewerben oder – nach einer Zusage – den Finanzierungsnachweis erbringen, der für viele internationale Hochschulen Voraussetzung ist. Erst wenn das Studium erfolgreich abgeschlossen ist und ein entsprechendes Einkommen erzielt wird, beginnt die Rückzahlung.
Zum Zeitpunkt des öffentlichen Bekanntwerdens des Modells hatte Skillsvest zwei Studierende unter Vertrag, beide aus Indien. Einer nahm ein Studium in Singapur auf, der andere in der Schweiz. Es handelt sich um erste Pilotfälle, mit denen das Start-up sein Modell praktisch erprobt.
Ein Start-up mit hohem Kapitalbedarf
So überzeugend das Konzept auf dem Papier wirkt, so anspruchsvoll ist seine Umsetzung. Studienfinanzierung erfordert Kapital – und zwar langfristig gebundenes Kapital. Um Vertrauen aufzubauen und belastbare Daten zu generieren, plant Skillsvest zunächst auch kleinere Finanzierungen im Bereich von rund 10.000 Euro. Diese sollen kurzfristige Engpässe überbrücken und erste Rückzahlungszyklen ermöglichen.
Parallel arbeitet das Start-up daran, Investoren von der Tragfähigkeit des Modells zu überzeugen. Erste Zusagen aus dem Investorennetzwerk liegen vor. Langfristig soll externes Kapital ermöglichen, deutlich höhere Studienkosten zu finanzieren und das Modell auf eine größere Zahl von Studierenden auszuweiten.
Der Kapitalbedarf ist dabei nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine strategische Herausforderung. Je größer das Portfolio geförderter Studierender, desto stärker hängt der Erfolg von Skillsvest von langfristigen Einkommensentwicklungen ab – Faktoren, die sich nur bedingt prognostizieren lassen.
Kritik an einkommensabhängigen Modellen
Einkommensabhängige Studienfinanzierungen sind nicht unumstritten. Internationale Erfahrungen mit sogenannten Income-Share-Agreements zeigen, dass Absolventinnen und Absolventen in manchen Fällen deutlich mehr zurückzahlen als die ursprünglich erhaltene Unterstützung. Insbesondere bei steilen Karrieren kann der prozentuale Einkommensanteil über Jahre hinweg eine erhebliche Belastung darstellen.
Skillsvest versucht, diese Kritikpunkte durch klare Obergrenzen und zeitliche Befristungen abzufedern. Die Deckelung der Rückzahlung sowie der Erlass nach zehn Jahren sollen sicherstellen, dass erfolgreiche Absolventinnen und Absolventen nicht unverhältnismäßig belastet werden. Ob diese Schutzmechanismen in der Praxis ausreichen, wird sich erst mit wachsender Zahl an Fällen zeigen.
Von Österreich nach Kalifornien
Die Gründerin Deborah Schermann kennt die Hürden internationaler Bildung aus eigener Erfahrung. Ihr eigener Weg führte sie von Österreich an die University of California in Berkeley – eine der renommiertesten Universitäten der Welt. Dort lernte sie auch ihren Mitgründer kennen. Gemeinsam entstand die Idee, ein Finanzierungsmodell zu schaffen, das Talente unabhängig von ihrer Herkunft fördert.
Schermann bringt zudem Erfahrung aus dem Finanzsektor mit. Vor ihrer Gründungstätigkeit war sie unter anderem in analytischen Funktionen tätig und sammelte Einblicke in Investmentprozesse und Unternehmensfinanzierung. Dieses Know-how fließt in die Strukturierung des Modells ein, das bewusst an der Schnittstelle zwischen Bildung und Finanzwirtschaft angesiedelt ist.
Skillsvest versteht sich dabei nicht als klassischer Kreditgeber, sondern als langfristiger Partner der Studierenden. Die Plattform positioniert sich als Unterstützer von Talenten aus sogenannten Emerging Economies – Regionen, in denen akademische Exzellenz häufig nicht an fehlenden Fähigkeiten, sondern an finanziellen Barrieren scheitert.
Bildung als globale Frage
Der Ansatz von Skillsvest ist Teil einer größeren internationalen Debatte. Weltweit steigen die Kosten für hochwertige akademische Ausbildung, während gleichzeitig der globale Wettbewerb um Talente zunimmt. Universitäten profitieren von internationaler Vielfalt, doch der Zugang zu ihnen bleibt oft einer finanziell privilegierten Minderheit vorbehalten.
Modelle wie jenes von Skillsvest versuchen, diese Schieflage zu korrigieren. Sie verschieben das Risiko von den Studierenden hin zu Investoren und Anbietern, die auf den späteren Erfolg der Absolventinnen und Absolventen setzen. Bildung wird so weniger als sofort zu bezahlende Ware verstanden, sondern als Investition in zukünftige Wertschöpfung.
Ob dieses Prinzip langfristig trägt, hängt von vielen Faktoren ab: der Qualität der Auswahlverfahren, der Entwicklung der Arbeitsmärkte und nicht zuletzt von der Fairness der vertraglichen Ausgestaltung. Klar ist jedoch, dass der Druck auf bestehende Finanzierungsmodelle wächst.
Ein Modell mit Signalwirkung
Für Studierende, die bislang vor den Kosten internationaler Spitzenuniversitäten zurückschreckten, könnte Skillsvest eine neue Perspektive eröffnen. Gleichzeitig zwingt das Modell Politik, Hochschulen und Finanzmärkte dazu, über gerechtere Formen der Bildungsfinanzierung nachzudenken.
Ob aus dem Start-up ein dauerhaft tragfähiger Akteur im globalen Bildungsmarkt wird, ist offen. Sicher ist jedoch: Die Debatte über Zugang, Chancengleichheit und die Finanzierung akademischer Spitzenbildung hat mit Skillsvest eine neue, konkrete Facette erhalten – und eine junge Gründerin aus Österreich einen Punkt gesetzt, der weit über den Hörsaal hinausreicht.