In Syrien zeigen sich fast 21 Monate nach dem Sturz Baschar al-Assads erste Zeichen wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Normalisierung. Hotels und Restaurants empfangen wieder Gäste, zugleich bleiben zerstörte Infrastruktur, Armut und ein enormer Finanzbedarf die bestimmenden Faktoren. Der Wiederaufbau in Syrien hat begonnen – doch von einer Rückkehr zur Normalität ist das Land noch weit entfernt.
Damaskus, 29. August 2026. In der syrischen Hauptstadt füllen sich wieder Cafés und Restaurants, an der Mittelmeerküste öffnen Hotels und touristische Anlagen. Was nach Jahren des Krieges wie ein sichtbarer Neubeginn wirkt, steht in scharfem Kontrast zu den Schäden, die das Land bis heute prägen. Ganze Stadtviertel sind zerstört, Versorgungsnetze funktionieren nur eingeschränkt, Millionen Menschen benötigen weiterhin Unterstützung.
Eine aktuelle Reportage von ZDFheute beschreibt diese Widersprüche unter anderem aus Damaskus und Tartus. Dort kehrt öffentliches Leben zurück, während der Wiederaufbau in Syrien zugleich vor einer Aufgabe steht, deren Dimension kaum mit einzelnen Bauprojekten oder neuen Hotelgästen zu erfassen ist.
Tourismus kehrt zurück – aber von niedrigem Niveau
Besonders sichtbar ist die Veränderung im Tourismussektor. Nach Angaben der syrischen Tourismusbehörden wurden im ersten Halbjahr 2026 insgesamt 3,52 Millionen Besucher registriert. Die Zahl umfasst allerdings nicht ausschließlich klassische Urlauber. Eingerechnet sind auch im Ausland lebende Syrer sowie Besucher aus arabischen und anderen Staaten.
Für ausländische Touristen weisen die offiziellen Statistiken rund 719.000 Ankünfte aus. Im entsprechenden Zeitraum des Vorjahres waren es demnach 131.000. Der Anstieg ist deutlich, die Zahlen stammen allerdings von syrischen Behörden und sollten entsprechend eingeordnet werden.
Auch die Weltbank beobachtet wieder zunehmende Investitionen in den Tourismussektor. Gleichzeitig verweist sie darauf, dass die Besucherzahlen weiterhin klar unter dem Niveau vor dem Krieg liegen. Von einem vollständigen touristischen Comeback kann daher keine Rede sein.
Das Wichtigste zusammengefasst
In Syrien kehren Tourismus und öffentliches Leben teilweise zurück, während Kriegsschäden und enorme Wiederaufbaukosten das Land weiter prägen. Die Weltbank schätzt den Wiederaufbaubedarf auf rund 216 Milliarden Dollar.
- Was ist passiert?
- Eine aktuelle Reportage von ZDFheute beschreibt diese Widersprüche unter anderem aus Damaskus und Tartus.
- Wo?
- In Damaskus und Tartus kehren Besucher, Gastronomie und öffentliches Leben zurück.
- Was bedeutet das?
- Für den Wiederaufbau in Syrien veranschlagt die Weltbank in ihrer zentralen Schätzung rund 216 Milliarden Dollar.
- Was ist bestätigt?
- Die Weltbank beziffert die direkten physischen Schäden an Gebäuden und Infrastruktur auf rund 108 Milliarden US-Dollar.
Damaskus und Tartus werden zu Symbolen des Neustarts
In Damaskus zeigen sich die Veränderungen besonders deutlich. Straßen und Altstadtgassen sind wieder stärker belebt, Restaurants und Cafés verzeichnen mehr Gäste. An der Mittelmeerküste in Tartus werden touristische Anlagen erneut genutzt. Nach Jahren, in denen Syrien nahezu ausschließlich mit Krieg, Flucht und Zerstörung verbunden war, entstehen damit neue Bilder des Landes.
Sie zeigen allerdings nur einen Ausschnitt. Wenige Kilometer entfernt können beschädigte Gebäude, unzureichende Versorgung und fehlende wirtschaftliche Perspektiven weiterhin den Alltag bestimmen. Der Wiederaufbau in Syrien verläuft deshalb nicht gleichmäßig. Manche Regionen profitieren früher von Investitionen und öffentlichem Leben, andere bleiben weit zurück.
Der Tourismus ist derzeit vor allem ein sichtbares Zeichen beginnender Normalisierung – nicht der Beleg für eine bereits stabile wirtschaftliche Erholung.
Wiederaufbau in Syrien kostet voraussichtlich Hunderte Milliarden
Das Ausmaß der Kriegsschäden bleibt enorm. Die Weltbank beziffert die direkten physischen Schäden an Gebäuden und Infrastruktur auf rund 108 Milliarden US-Dollar. Besonders betroffen sind unter anderem Aleppo, das Umland von Damaskus und Homs.
Für den Wiederaufbau in Syrien veranschlagt die Weltbank in ihrer zentralen Schätzung rund 216 Milliarden Dollar. Die mögliche Spanne reicht von etwa 140 bis 345 Milliarden Dollar. Schon diese Größenordnung macht deutlich, dass der Wiederaufbau kein Projekt weniger Jahre sein dürfte.
| Kennzahl | Stand | Einordnung |
|---|---|---|
| Direkte physische Kriegsschäden | rund 108 Mrd. US-Dollar | Schätzung der Weltbank |
| Geschätzter Wiederaufbaubedarf | rund 216 Mrd. US-Dollar | Zentrale Weltbank-Schätzung |
| Ausländische Touristen, 1. Halbjahr 2026 | rund 719.000 | Offizielle syrische Angaben |
Wassernetze, Abwasseranlagen und Kriegsschutt
Besonders problematisch ist die Lage bei der Grundversorgung. Nach Angaben der Weltbank ist mehr als die Hälfte der Wasserversorgungsinfrastruktur schwer beschädigt. Bei den Abwasseranlagen liegt der Anteil demnach bei rund 70 Prozent. Im April 2026 bewilligte die Weltbank deshalb 225 Millionen Dollar für Projekte in den Bereichen Wasser, Sanitärversorgung und Gesundheit.
Hinzu kommen die unmittelbaren Hinterlassenschaften des Krieges. Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen berichtet von zig Millionen Tonnen Trümmern. Teile davon können mit explosiven Kampfmittelresten belastet sein. Räumung, Entsorgung und Neubau werden dadurch komplizierter und teurer.
Gerade hier zeigt sich, warum der Wiederaufbau in Syrien weit über neue Häuser und Straßen hinausgeht. Es geht um funktionierende Wasserleitungen, Abwassernetze, medizinische Versorgung und sichere Wohngebiete – also um Voraussetzungen dafür, dass Rückkehr und wirtschaftliche Erholung überhaupt dauerhaft möglich werden.
Breite Armut bremst die wirtschaftliche Erholung
Auch wirtschaftlich beginnt Syrien auf sehr niedrigem Niveau. Nach Berechnungen der Weltbank war das reale Bruttoinlandsprodukt zwischen 2010 und 2022 um fast 53 Prozent eingebrochen. Für 2024 wurde das nominale BIP auf rund 21,4 Milliarden Dollar geschätzt.
Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen hatte 2025 darauf hingewiesen, dass rund neun von zehn Syrern in Armut lebten. Etwa jeder vierte Erwerbsfähige war zu diesem Zeitpunkt arbeitslos. Diese Werte beschreiben nicht punktgenau die Lage im August 2026, verdeutlichen aber, unter welchen wirtschaftlichen Bedingungen die aktuelle Erholung begonnen hat.
Für 2026 gingen die Vereinten Nationen weiterhin von rund 16,5 Millionen Menschen aus, die humanitäre Unterstützung benötigen. Gleichzeitig sind seit dem politischen Umbruch zahlreiche Vertriebene und Flüchtlinge zurückgekehrt. Der Wiederaufbau in Syrien entscheidet damit nicht nur über wirtschaftliches Wachstum, sondern auch darüber, ob Rückkehr für viele Menschen langfristig tragfähig ist.
Mehr Spielraum nach Lockerung der Sanktionen
Eine wichtige Veränderung für Wirtschaft und Wiederaufbau war die Entscheidung der Europäischen Union im Mai 2025, einen großen Teil ihrer wirtschaftlichen Sanktionen gegen Syrien aufzuheben. Handel, Investitionen und Finanztransaktionen sollten damit erleichtert werden.
Gezielte Maßnahmen gegen Personen und Organisationen aus dem Umfeld des früheren Assad-Regimes bestehen teilweise weiter. Die Lockerung bedeutet also nicht das vollständige Ende aller europäischen Sanktionen.
Für Unternehmen und Bauprojekte hat sich der Handlungsspielraum dennoch erweitert. Materialien lassen sich leichter einführen, Investitionen werden wieder möglich, internationale Finanzierungen nehmen zu. Das schafft Voraussetzungen für den Wiederaufbau in Syrien, ersetzt aber weder funktionierende Institutionen noch die gewaltigen Summen, die für Infrastruktur und Wohnraum benötigt werden.
Zwischen sichtbarem Alltag und langfristiger Baustelle
Die Entwicklung Syriens lässt sich derzeit weder als reine Wiederaufbaugeschichte noch als touristisches Comeback erzählen. Beides findet parallel statt, aber in sehr unterschiedlichen Größenordnungen. In Damaskus und Tartus kehren Besucher, Gastronomie und öffentliches Leben zurück. Gleichzeitig kämpfen Millionen Menschen mit Armut, beschädigten Wohnungen und unzuverlässiger Grundversorgung.
Der wachsende Tourismus kann ein frühes Signal wirtschaftlicher Öffnung sein. Er verändert jedoch nichts an der Dimension der Schäden. Mit geschätzten Wiederaufbaukosten von rund 216 Milliarden Dollar und einem weiterhin hohen humanitären Bedarf steht das Land erst am Anfang eines langen Prozesses.
Der Wiederaufbau in Syrien wird deshalb daran zu messen sein, ob aus einzelnen Zeichen der Normalisierung tragfähige Strukturen entstehen. Volle Cafés und wieder geöffnete Hotels zeigen, dass sich das Land verändert. Ob daraus eine stabile Erholung wird, entscheidet sich jedoch bei Wohnraum, Versorgung, Arbeitsplätzen und Sicherheit – dort, wo die Folgen des Krieges weiterhin am schwersten wiegen.





















