Elf Jahre nach dem Verschwinden der damals fünfjährigen Inga Gehricke nehmen Polizei und Bundeskriminalamt den Fall erneut in die breite Öffentlichkeit. Geplant sind eine neue Fahndungskampagne, Plakate, digitale Hinweise und ein Beitrag bei „Aktenzeichen XY“. Eine bestätigte neue Spur gibt es bislang nicht – doch die Ermittler setzen darauf, dass sich nach Jahren noch Menschen melden, die entscheidende Beobachtungen gemacht haben könnten.

Stendal/Halle, 1. Mai 2026 – Der Fall Inga Gehricke ist einer jener Vermisstenfälle, die weit über die Region hinaus im Gedächtnis geblieben sind. Am 2. Mai 2015 verschwand das damals fünfjährige Mädchen bei einem Familienbesuch im Stendaler Ortsteil Wilhelmshof. Was als Vermisstensuche an einem Frühsommerabend begann, wurde zu einem der bekanntesten ungeklärten Cold Cases in Sachsen-Anhalt. Bis heute gibt es keine Gewissheit darüber, was mit Inga geschah.

Nun, elf Jahre nach ihrem Verschwinden, rückt der Fall erneut in den Fokus. Die Polizeiinspektion Halle bereitet gemeinsam mit dem Bundeskriminalamt eine neue Öffentlichkeitsfahndung vor. Geplant sind mehrere Maßnahmen, die den Fall Inga wieder sichtbar machen sollen: Fahndungsplakate, digitale Kampagnen, eine stärkere Präsenz auf Kanälen des BKA und ein Beitrag in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY“. Ein konkreter Sendetermin ist bislang nicht bekannt. Die Abstimmungen zwischen Polizei, Bundeskriminalamt und der zuständigen Staatsanwaltschaft laufen.

Es ist eine neue Bewegung in einem alten Fall, aber keine einfache Antwort. Öffentlich bestätigt ist derzeit keine konkrete neue Spur, die unmittelbar zu einem Verdächtigen oder einem Aufenthaltsort führen würde. Der neue Ansatz besteht darin, den Fall mit größerer Reichweite noch einmal an die Bevölkerung heranzutragen. Die Ermittler hoffen auf Hinweise, die bisher nicht gegeben wurden, übersehen wurden oder erst im Rückblick Bedeutung erhalten.

Neue Fahndung im Fall Inga: Was jetzt geplant ist

Die neue Fahndungsoffensive setzt an einem Punkt an, der bei ungeklärten Vermisstenfällen oft entscheidend sein kann: Erinnerung. Elf Jahre sind vergangen, Lebensumstände haben sich verändert, Menschen sind umgezogen, Beziehungen zerbrochen, alte Loyalitäten können an Gewicht verloren haben. Wer damals etwas sah, hörte oder vermutete, könnte heute anders darüber denken. Genau diese Möglichkeit wollen die Ermittler nutzen.

Die geplante Einbindung des Bundeskriminalamts erhöht die Reichweite der Fahndung erheblich. Während der Fall Inga in Sachsen-Anhalt und darüber hinaus seit Jahren bekannt ist, soll die neue Kampagne bundesweit Aufmerksamkeit erzeugen. Plakate und digitale Fahndungsformate sollen den Vermisstenfall erneut sichtbar machen. Auch der geplante Beitrag bei „Aktenzeichen XY“ ist in diesem Zusammenhang bedeutsam. Die Sendung erreicht regelmäßig ein großes Publikum und wird von Ermittlungsbehörden genutzt, wenn Zeugen gesucht werden, die über klassische Polizeiarbeit nicht erreicht wurden.

Für die Ermittler ist das keine symbolische Maßnahme. Es geht um die Chance, einen Fall noch einmal in Bewegung zu bringen, in dem über Jahre Tausende Hinweise geprüft wurden, ohne dass der entscheidende Durchbruch gelang. Die neue Öffentlichkeitsfahndung soll Aufmerksamkeit bündeln, Erinnerungen aktivieren und mögliche Zeugen ermutigen, sich zu melden.

Keine bestätigte neue Spur, aber ein neuer öffentlicher Druck

Die Frage, ob es im Fall Inga eine neue Spur gibt, lässt sich nach dem derzeit öffentlich bekannten Stand nur vorsichtig beantworten. Eine konkrete, bestätigte Spur wurde nicht bekanntgegeben. Es gibt keine offizielle Mitteilung, die auf einen neuen Tatverdächtigen, einen neuen Fundort oder eine unmittelbar bevorstehende Aufklärung hindeutet. Der aktuelle Schritt der Behörden ist vielmehr eine neue Ermittlungsmaßnahme im Rahmen eines weiterhin offenen Verfahrens.

Das ist ein wichtiger Unterschied. In der öffentlichen Wahrnehmung kann eine neue Fahndung schnell den Eindruck erzeugen, die Ermittler stünden kurz vor einem Durchbruch. Belegt ist das nicht. Belegt ist aber, dass Polizei und BKA den Fall nicht abgeschlossen haben. Sie setzen gezielt auf neue Aufmerksamkeit – und darauf, dass ein bisher fehlendes Detail noch auftaucht.

Gerade bei einem Cold Case wie dem Fall Inga kann eine solche Maßnahme Gewicht haben. Alte Akten lassen sich erneut lesen, Spuren neu bewerten, technische Möglichkeiten verändern sich. Doch manchmal ist es nicht die Forensik, sondern eine menschliche Erinnerung, die ein Verfahren voranbringt. Eine Beobachtung auf einem Parkplatz. Ein Gespräch, das damals beiläufig wirkte. Ein Verhalten, das erst Jahre später auffällig erscheint.

Das Verschwinden am Wilhelmshof

Inga Gehricke war fünf Jahre alt, als sie am 2. Mai 2015 verschwand. Sie war mit ihrer Familie auf dem Wilhelmshof bei Stendal, einem abgelegenen Gelände im Norden Sachsen-Anhalts. Dort fand ein gemeinsamer Aufenthalt mit weiteren Personen statt. Am Abend sollte gegrillt werden. Nach den damals bekannt gewordenen Angaben lief Inga vermutlich los, um Holz für ein Lagerfeuer zu suchen. Danach wurde sie nicht mehr gesehen.

Die ersten Stunden nach dem Verschwinden waren geprägt von Suche, Unsicherheit und wachsender Sorge. Zunächst lag der Gedanke nahe, dass sich ein kleines Kind verlaufen haben könnte. Das Gelände, die Waldstücke, die Umgebung – all das wurde intensiv abgesucht. Schnell entwickelte sich daraus eine groß angelegte Suchaktion. Polizei, Feuerwehr, Rettungskräfte, Technisches Hilfswerk, Suchhunde und Hubschrauber waren im Einsatz. Wälder wurden durchkämmt, Gebäude kontrolliert, Gewässer überprüft.

Doch Inga blieb verschwunden. Kein Kleidungsstück, kein eindeutiger Gegenstand, keine Spur, die ihren Verbleib erklärte. Mit jedem Tag wuchs die Wahrscheinlichkeit, dass es nicht nur um ein verlaufenes Kind ging. Die Ermittlungen richteten sich zunehmend auf die Frage, ob Inga Opfer einer Straftat geworden sein könnte.

Eine Suche ohne entscheidenden Fund

Die Ermittlungen im Fall Inga waren von Beginn an umfangreich. Immer wieder wurden Flächen abgesucht, Gebäude überprüft, Teiche ausgepumpt und Hinweise aus der Bevölkerung ausgewertet. Es gab zahlreiche Spuren, Ansätze und Verdachtsmomente, doch keiner führte zur Aufklärung. Für die Familie bedeutete das Jahre ohne Gewissheit. Für die Ermittler bedeutete es einen Fall, der mit jedem Monat schwieriger wurde.

Im Zentrum stand immer wieder der Wilhelmshof. Die Frage, was dort am Abend des 2. Mai 2015 genau geschah, blieb entscheidend. Verschwand Inga auf dem Weg zum Holzsammeln? Traf sie auf eine Person, die sie kannte oder der sie vertraute? Wurde sie zufällig Opfer eines Täters, der sich in der Nähe befand? Auf diese Fragen gibt es bis heute keine gesicherte öffentliche Antwort.

Gerade diese Ungewissheit macht den Fall Inga so schwer greifbar. Es gibt keinen klaren Tatort im klassischen Sinn, keinen öffentlich bekannten Fund, keine abschließende Rekonstruktion. Die Ermittler mussten mit Fragmenten arbeiten: Aussagen, Zeitfenstern, Bewegungen, Beobachtungen. Aus vielen Einzelteilen entstand ein gewaltiger Aktenbestand – aber kein abgeschlossenes Bild.

Warum der Fall Inga neu bewertet wird

Jahre nach dem Verschwinden wurde der Fall als Cold Case erneut betrachtet. Die Akten wurden von spezialisierten Ermittlern geprüft, unter anderem bei der Polizeiinspektion Halle. Der Umfang des Materials ist enorm: Öffentlich wurde von rund 40.000 Seiten Akten berichtet. Darin finden sich Vernehmungen, Hinweise, Suchmaßnahmen, Bewertungen und Ermittlungsansätze aus mehr als einem Jahrzehnt.

Eine solche Neubewertung ist kein Zeichen dafür, dass frühere Ermittlungen zwangsläufig falsch waren. Sie zeigt vielmehr, wie komplex ein Fall werden kann, wenn er nicht in den ersten Tagen oder Wochen aufgeklärt wird. Mit zeitlichem Abstand lassen sich Aussagen anders gewichten, Widersprüche schärfer erkennen, Abläufe neu ordnen. Auch technische Möglichkeiten und kriminalistische Methoden entwickeln sich weiter.

In der öffentlichen Berichterstattung wurden zudem verschiedene Hypothesen diskutiert. Unter anderem wurde die Frage aufgeworfen, ob die damalige Suche möglicherweise zu stark auf den Wald konzentriert war. Ein Digitalforensiker, der im Rahmen journalistischer Recherchen Aktenmaterial auswertete, entwickelte die These, Inga könne schon früher am Tag Kontakt zu einer Person gehabt haben, der sie später erneut begegnete. Diese Hypothese ist jedoch keine bestätigte polizeiliche Erkenntnis. Sie bleibt eine Einordnung aus einer externen Analyse.

Für den Artikel ist deshalb entscheidend, sauber zu trennen: Gesichert ist das Verschwinden am 2. Mai 2015 in Wilhelmshof. Gesichert ist auch, dass Inga bis heute vermisst wird und umfangreiche Ermittlungen keinen Durchbruch brachten. Nicht gesichert ist, was genau mit ihr geschah. Die neue Fahndung ändert daran zunächst nichts, kann aber neue Hinweise auslösen.

Öffentlichkeitsfahndung als letzte Chance?

Der Begriff „letzte Chance“ wäre zu hart, vielleicht auch zu vorschnell. Ermittlungen können über Jahre weiterlaufen, auch wenn es lange still um einen Fall wird. Doch die neue Öffentlichkeitsfahndung zeigt, dass die Behörden einen wichtigen Moment sehen. Der elfte Jahrestag des Verschwindens rückt näher, am 25. Mai folgt der Tag der vermissten Kinder. In diesem Zeitraum kann eine Kampagne besondere Aufmerksamkeit erhalten.

Für die Öffentlichkeit ist der Fall Inga auch deshalb präsent geblieben, weil er eine bedrückende Leerstelle hinterlässt. Ein Kind verschwindet bei einem Familienbesuch, an einem Ort, der überschaubar wirkt. Trotz großer Suchaktionen bleibt jede Gewissheit aus. Solche Fälle wirken lange nach, weil sie eine einfache, aber kaum auszuhaltende Frage offenlassen: Wie kann ein Kind verschwinden, ohne dass sich eine klare Spur findet?

Die geplante TV-Fahndung könnte dabei eine besondere Rolle spielen. „Aktenzeichen XY“ erreicht Menschen, die einen Fall vielleicht nicht regelmäßig verfolgen, sich aber plötzlich an etwas erinnern. Auch Personen, die damals in der Region waren, später wegzogen oder nur am Rand etwas mitbekamen, können so erneut angesprochen werden.

Warum auch kleine Hinweise wichtig sein können

In einem derart umfangreichen Verfahren muss ein Hinweis nicht sofort spektakulär wirken. Ermittler interessieren sich oft für Details, die für Außenstehende unbedeutend erscheinen. Ein ungewöhnlich abgestelltes Fahrzeug. Eine Person, die sich auffällig verhielt. Ein Satz in einem Gespräch. Eine Veränderung im Verhalten eines Bekannten nach dem Verschwinden. Solche Beobachtungen können, wenn sie zu anderen Informationen passen, eine neue Richtung eröffnen.

Elf Jahre Abstand können dabei sowohl Hindernis als auch Chance sein. Erinnerungen verblassen, Daten gehen verloren, Zeugen sind schwerer zu finden. Gleichzeitig können Menschen heute eher bereit sein zu sprechen. Wer damals Angst hatte, sich nicht sicher war oder die Bedeutung einer Beobachtung unterschätzte, könnte nun anders handeln. Die neue Fahndung im Fall Inga zielt genau auf diesen Punkt.

Was bisher feststeht

Aspekt Bekannter Stand
Vermisste Person Inga Gehricke aus Sachsen-Anhalt.
Alter beim Verschwinden Fünf Jahre.
Zeitpunkt 2. Mai 2015.
Ort Wilhelmshof, ein Ortsteil von Stendal.
Ermittlungsstand Der Verbleib des Mädchens ist weiterhin ungeklärt.
Aktuelle Entwicklung Polizei und Bundeskriminalamt bereiten eine neue Öffentlichkeitsfahndung vor.
Geplante Maßnahmen Fahndungsplakate, digitale Kampagnen, BKA-Kanäle und ein Beitrag bei „Aktenzeichen XY“.

Zwischen Hoffnung und nüchterner Ermittlungsarbeit

Für die Familie von Inga ist jeder neue öffentliche Schritt mit Hoffnung verbunden – aber auch mit der Belastung, den Fall erneut durchleben zu müssen. Seit elf Jahren fehlt jede Gewissheit. Diese Unsicherheit ist eine eigene Form der Zumutung: kein Abschied, keine Erklärung, kein gesicherter Ablauf.

Die Behörden müssen in dieser Lage besonders präzise arbeiten. Sie dürfen keine Erwartungen wecken, die der Ermittlungsstand nicht trägt. Zugleich müssen sie sichtbar machen, dass der Fall nicht vergessen ist. Die neue Fahndung im Fall Inga bewegt sich genau in diesem Spannungsfeld. Sie ist kein Durchbruch, aber ein Signal. Kein Beweis für eine neue heiße Spur, aber ein Versuch, alte Sprachlosigkeit zu durchbrechen.

Dass das Bundeskriminalamt eingebunden wird, verleiht der Maßnahme zusätzliches Gewicht. Es geht nicht mehr nur um eine regionale Erinnerung an einen Vermisstenfall. Es geht um eine bundesweite Ansprache möglicher Zeugen. Die Frage ist, ob irgendwo noch ein Mensch ist, der etwas weiß – oder glaubt, etwas gesehen zu haben, das damals nicht eingeordnet wurde.

Der Fall bleibt offen

Der Fall Inga Gehricke begann vor elf Jahren an einem abgelegenen Ort bei Stendal. Er wurde zu einem Cold Case, der Ermittler, Familie und Öffentlichkeit bis heute beschäftigt. Die neue Fahndung durch Polizei und BKA bringt keine Gewissheit, aber sie gibt dem Fall erneut Sichtbarkeit. Und sie richtet sich an diejenigen, die vielleicht den entscheidenden Hinweis geben können.

Ob daraus tatsächlich eine neue Spur entsteht, ist offen. Sicher ist nur: Inga wird weiter vermisst, die Ermittlungen laufen weiter, und die Behörden hoffen darauf, dass nach all den Jahren doch noch jemand spricht. In einem Fall, der von Lücken, offenen Fragen und vergeblichen Suchaktionen geprägt ist, kann ein einziger Hinweis reichen, um die Richtung zu verändern.