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Biokraftstoffe im Wandel

E20-Benzin: Neue Absatzchancen für Verbio und Südzucker – Zulassung noch offen

Glasgefäß mit Flüssigkeit, Mais, Münzstapeln und Wirtschaftsdiagrammen zum Thema Bioethanol und E20-Benzin.
E20-Benzin könnte den Bioethanolmarkt verändern und neue Absatzmöglichkeiten für Verbio und Südzucker schaffen. Symbolbild: KI-generiert.

Deutschland und Frankreich wollen erneuerbare Kraftstoffe stärker fördern. Dabei rückt E20-Benzin mit einem Bioethanolanteil von bis zu 20 Prozent in den Mittelpunkt. Für die deutschen Unternehmen Verbio und Südzucker könnte das neue Absatzchancen eröffnen. Doch die Einführung ist weder beschlossen noch steht fest, wie groß der zusätzliche Markt tatsächlich wäre.

Berlin, 20. Oktober 2026 – An deutschen Tankstellen könnte künftig ein weiterer Kraftstoff angeboten werden. Während die europäische Politik über die Zukunft des Verbrennungsmotors verhandelt, gewinnt eine höhere Beimischung von Bioethanol an Bedeutung. E20-Benzin enthält bis zu 20 Prozent Ethanol und damit doppelt so viel wie das bereits erhältliche E10.

Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) sprach sich in einem am 17. Oktober veröffentlichten Interview mit der Augsburger Allgemeinen für eine stärkere Nutzung von Biokraftstoffen aus. Gemeinsam mit Frankreich verfolgt Deutschland das Ziel, erneuerbare Kraftstoffe stärker in der europäischen Verkehrspolitik zu berücksichtigen.

Die Initiative trifft auf eine Branche, deren wirtschaftliche Lage sich zuletzt deutlich verbessert hat. Besonders zwei börsennotierte deutsche Unternehmen stehen dabei im Blickpunkt: der Biokraftstoffhersteller Verbio und der Südzucker-Konzern mit seiner Ethanolsparte CropEnergies. Beide verfügen über bestehende Produktionskapazitäten. Eine höhere Nachfrage nach Bioethanol könnte ihnen zusätzliche Absatzmöglichkeiten eröffnen.

Ob daraus tatsächlich ein neuer Milliardenmarkt entsteht, ist allerdings ungeklärt. Noch fehlen wesentliche rechtliche Voraussetzungen für eine reguläre Einführung von E20-Benzin.

E20-Benzin: Warum die höhere Ethanolbeimischung wirtschaftlich interessant ist

Der Unterschied zwischen E10 und E20 ist zunächst einfach: E10 darf bis zu zehn Volumenprozent Bioethanol enthalten, E20 bis zu 20 Prozent. Der erneuerbare Kraftstoffbestandteil wird aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt und herkömmlichem Benzin beigemischt.

Mit einem höheren Ethanolanteil ließe sich der fossile Bestandteil des Kraftstoffs verringern. Wie groß die tatsächliche Klimawirkung ausfällt, hängt jedoch von der gesamten Herstellungskette ab. Rohstoffgewinnung, Verarbeitung und Transport beeinflussen die Treibhausgasbilanz.

Für die Hersteller von Bioethanol steht vor allem die mögliche zusätzliche Nachfrage im Mittelpunkt. Würde E20-Benzin in größerem Umfang verkauft, müsste entsprechend mehr Ethanol bereitgestellt werden. Das könnte bestehende Produktionsanlagen stärker auslasten und neue Absatzmöglichkeiten schaffen.

Ein solcher Effekt ist bislang allerdings nur eine wirtschaftliche Möglichkeit. Die politische Diskussion allein verändert weder die zulässige Kraftstoffzusammensetzung noch die tatsächlichen Absatzmengen.

Warum E20 noch nicht regulär verkauft werden darf

Die europäische Kraftstoffnorm EN 228 begrenzt den Ethanolanteil im regulären Ottokraftstoff derzeit auf zehn Volumenprozent. Auch die deutschen Vorschriften zur Kraftstoffqualität müssten angepasst werden, bevor E20 allgemein an Tankstellen angeboten werden könnte.

Hinzu kommt eine technische Voraussetzung: die Freigabe durch die Fahrzeughersteller. Nicht jedes Fahrzeug, das E10 verträgt, ist automatisch für einen Ethanolanteil von 20 Prozent geeignet. Motoren, Kraftstoffleitungen und weitere Bauteile müssen mit dem höheren Anteil zurechtkommen.

Der ADAC verweist deshalb auf die Bedeutung entsprechender Herstellerfreigaben. Erfahrungen mit E20 werden bereits gesammelt. Seit Oktober 2023 läuft an einer Tankstelle in Mannheim ein geschlossener Flottenversuch, an dem unter anderem CropEnergies und Fahrzeuge der Südzucker-Gruppe beteiligt sind.

Der Versuch belegt, dass E20 unter festgelegten Bedingungen eingesetzt werden kann. Über eine allgemeine Zulassung sagt er noch nichts aus. Ein verbindlicher Einführungstermin für Deutschland steht bislang nicht fest. Ebenso wenig ist beschlossen, dass E20 den bisherigen Kraftstoff E10 ersetzen soll.

Verbio: Der Biokraftstoffhersteller profitiert bereits von besseren Marktbedingungen

Für Verbio ist die Entwicklung des Marktes für erneuerbare Kraftstoffe von unmittelbarer Bedeutung. Das Unternehmen produziert unter anderem Bioethanol und ist damit stärker auf diesen Bereich ausgerichtet als ein breit aufgestellter Industriekonzern.

Das Wichtigste in Kürze

Deutschland und Frankreich setzen sich für eine stärkere Nutzung erneuerbarer Kraftstoffe ein. E20-Benzin könnte zusätzliche Nachfrage nach Bioethanol schaffen, doch eine allgemeine Zulassung fehlt und zusätzliche Milliardenumsätze für Verbio und Südzucker sind nicht belegt.

Was ist passiert?
Gemeinsam mit Frankreich verfolgt Deutschland das Ziel, erneuerbare Kraftstoffe stärker in der europäischen Verkehrspolitik zu berücksichtigen.
Was bedeutet das?
Ein größerer Markt für Bioethanol könnte eine zusätzliche Entwicklungsmöglichkeit darstellen, wäre aber nicht die Grundlage der bereits veröffentlichten Ergebnisverbesserung.
Was ist bestätigt?
Nach Unternehmensangaben vom 24. September 2026 erzielte Verbio im Geschäftsjahr 2025/26 einen Umsatz von rund 1,87 Milliarden Euro.
Was ist bestätigt?
Das Konzern-EBITDA stieg im ersten Geschäftshalbjahr von 189 auf 303 Millionen Euro.

Stand:

Die jüngsten Geschäftszahlen zeigen eine deutliche Erholung. Nach Unternehmensangaben vom 24. September 2026 erzielte Verbio im Geschäftsjahr 2025/26 einen Umsatz von rund 1,87 Milliarden Euro. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) erreichte 193,9 Millionen Euro.

Im vorangegangenen Geschäftsjahr waren es lediglich 14,2 Millionen Euro gewesen. Die operative Ergebnisentwicklung hat sich damit erheblich verbessert – noch bevor eine mögliche Einführung von E20-Benzin konkrete Auswirkungen auf den deutschen Kraftstoffmarkt haben konnte.

Verbio erwartet weiteres Ergebniswachstum

Für das Geschäftsjahr 2026/27 rechnet Verbio mit einem EBITDA zwischen 210 und 250 Millionen Euro. Die Nettofinanzverschuldung lag zum Ende des abgelaufenen Geschäftsjahres bei rund 92 Millionen Euro.

Damit verfügt das Unternehmen über eine deutlich bessere wirtschaftliche Ausgangslage als im Vorjahr. Ein größerer Markt für Bioethanol könnte eine zusätzliche Entwicklungsmöglichkeit darstellen, wäre aber nicht die Grundlage der bereits veröffentlichten Ergebnisverbesserung.

Wie stark Verbio von E20-Benzin profitieren würde, lässt sich derzeit nicht berechnen. Maßgeblich wären die tatsächlich zusätzlich verkauften Ethanolmengen, die erzielbaren Preise und die verfügbaren Produktionskapazitäten. Auch die Konkurrenz durch andere europäische und internationale Anbieter müsste berücksichtigt werden.

Aus den bisherigen Unternehmenszahlen ergibt sich deshalb keine belastbare Prognose für zusätzliche Gewinne durch E20.

Südzucker: CropEnergies meldet kräftigen Gewinnanstieg

Beim Südzucker-Konzern zeigt sich ebenfalls, welche wirtschaftliche Bedeutung der Ethanolmarkt bereits heute besitzt. Über die Tochtergesellschaft CropEnergies ist das Unternehmen in der Produktion erneuerbarer Kraftstoffe tätig.

Die Geschäftsentwicklung hat sich zuletzt deutlich verbessert. Laut der Südzucker-Halbjahresmitteilung vom 8. Oktober 2026 stieg der Umsatz von CropEnergies im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres 2026/27 von 402 auf 438 Millionen Euro.

Noch stärker fiel die Veränderung beim operativen EBITDA aus. Es erhöhte sich von vier auf 68 Millionen Euro. Der Gewinnanstieg beruhte nach Angaben des Unternehmens vor allem auf höheren Verkaufspreisen für erneuerbares Ethanol und niedrigeren Nettorohstoffkosten.

Bemerkenswert ist, dass die Absatzmengen im selben Zeitraum leicht zurückgingen. Die Zahlen verdeutlichen, wie stark Preisentwicklung und Produktionskosten das Ergebnis beeinflussen können. Ein steigender Absatz ist nicht die einzige Voraussetzung für eine höhere Profitabilität.

Die Ethanolsparte stärkt das Konzernergebnis

Auch Südzucker insgesamt meldete bessere operative Ergebnisse. Das Konzern-EBITDA stieg im ersten Geschäftshalbjahr von 189 auf 303 Millionen Euro. Der Umsatz blieb mit rund 4,19 Milliarden Euro nahezu unverändert.

Für die Bewertung der Südzucker-Aktie ist allerdings entscheidend, dass CropEnergies nur einen Teil des Konzerns ausmacht. Neben erneuerbaren Kraftstoffen ist Südzucker in weiteren Geschäftsbereichen tätig. Deren Entwicklung beeinflusst ebenfalls Umsatz, Gewinn und wirtschaftliche Perspektiven.

Eine mögliche Einführung von E20-Benzin könnte das Ethanolgeschäft stärken. Daraus folgt jedoch nicht automatisch eine entsprechende Verbesserung des gesamten Konzernergebnisses.

Auch hier gilt: Der bereits ausgewiesene Gewinnanstieg ist keine Folge einer neuen E20-Regelung. Die Verbesserung wurde erzielt, obwohl eine allgemeine Zulassung des Kraftstoffs noch nicht besteht.

Wie groß wäre der Markt für E20-Benzin tatsächlich?

Die wirtschaftliche Größenordnung ist die entscheidende offene Frage. Ein Kraftstoff mit einem Ethanolanteil von bis zu 20 Prozent könnte den Bedarf an Bioethanol erhöhen. Wie groß dieser zusätzliche Bedarf ausfällt, hängt jedoch von mehreren Entwicklungen ab.

Zunächst müsste E20-Benzin rechtlich zugelassen werden. Anschließend wäre entscheidend, wie viele Fahrzeuge den Kraftstoff nutzen dürfen, wie breit das Tankstellennetz ausgebaut wird und welchen Anteil E20 am gesamten Benzinabsatz erreicht.

Auch der künftige Kraftstoffverbrauch spielt eine Rolle. Mit der zunehmenden Verbreitung elektrischer Fahrzeuge verändert sich langfristig die Nachfrage nach flüssigen Kraftstoffen.

Für die mögliche Marktgröße sind insbesondere fünf Faktoren ausschlaggebend:

  • Regulierung: Wann und unter welchen Bedingungen E20-Benzin in Deutschland zugelassen wird.
  • Fahrzeugbestand: Wie viele Hersteller und Modelle eine Freigabe für den Kraftstoff erhalten.
  • Nachfrage: Welchen Marktanteil E20 gegenüber bestehenden Benzinsorten erreicht.
  • Preisentwicklung: Welche Erlöse Bioethanolhersteller mit zusätzlichen Mengen erzielen können.
  • Wettbewerb: Wie sich die Nachfrage auf deutsche, europäische und internationale Produzenten verteilt.

Eine Verdopplung des zulässigen Ethanolanteils bedeutet nicht automatisch eine Verdopplung des gesamten Bioethanolabsatzes. Schon heute unterscheiden sich die tatsächlich verkauften Kraftstoffsorten und ihre Zusammensetzung.

Ebenso wenig lässt sich daraus ein zusätzlicher Milliardenumsatz für Verbio oder Südzucker ableiten. Eine belastbare Berechnung des künftigen Marktvolumens liegt bislang nicht vor.

Was die E20-Debatte für die Aktien bedeutet

Verbio und Südzucker sind beide am Bioethanolmarkt beteiligt, unterscheiden sich aber erheblich in ihrer Unternehmensstruktur. Verbio ist unmittelbar auf erneuerbare Kraftstoffe ausgerichtet. Bei Südzucker steht CropEnergies neben anderen Geschäftsbereichen.

Die Unterschiede sind auch für die Einordnung möglicher wirtschaftlicher Auswirkungen wichtig. Eine Veränderung der Ethanolnachfrage berührt das Geschäftsmodell von Verbio direkter. Bei Südzucker hängt die Entwicklung des gesamten Konzerns zusätzlich von anderen Märkten ab.

Beide Unternehmen müssen außerdem mit schwankenden Rohstoffpreisen, veränderten Verkaufspreisen und regulatorischen Anforderungen umgehen. Zusätzliche Absatzmengen führen deshalb nicht zwangsläufig zu höheren Gewinnen.

Hinzu kommt der internationale Wettbewerb. Eine europäische Zulassung von E20 würde deutschen Produzenten keinen exklusiven Zugang zu einem möglichen neuen Absatzmarkt verschaffen.

Die zuletzt veröffentlichten Geschäftszahlen belegen eine deutliche operative Verbesserung bei beiden Unternehmen beziehungsweise ihren Ethanolsparte. Einen konkreten Kursanstieg durch die politische E20-Initiative oder eine verlässliche Prognose für die weitere Aktienentwicklung belegen sie nicht.

Zwischen politischem Vorstoß und wirtschaftlicher Realität

Die Diskussion über E20-Benzin zeigt, dass erneuerbare Kraftstoffe in der europäischen Verkehrspolitik weiterhin eine Rolle spielen. Für Hersteller wie Verbio und CropEnergies ist das relevant, weil eine höhere Beimischung zusätzliche Nachfrage auslösen könnte.

Die wirtschaftlichen Voraussetzungen unterscheiden sich dabei von den politischen. Verbio hat seine operative Ergebnislage bereits erheblich verbessert. CropEnergies profitiert derzeit vor allem von höheren Ethanolpreisen und niedrigeren Rohstoffkosten. Beide Entwicklungen sind unabhängig von einer möglichen E20-Einführung entstanden.

Ob sich daraus künftig ein größerer Absatzmarkt entwickelt, hängt zunächst von europäischen und nationalen Entscheidungen sowie den erforderlichen Fahrzeugfreigaben ab. Erst danach wird sich zeigen, wie viele Autofahrer E20 tatsächlich tanken und welcher zusätzliche Bedarf bei den Herstellern ankommt.

Für die beiden deutschen Unternehmen ist E20-Benzin damit eine mögliche Geschäftschance. Ein bereits gesicherter Milliardenmarkt ist es nicht.

Quellen

  1. Interview mit Bundesverkehrsminister Steffen Bilger zur VerkehrspolitikBundesverkehrsministerium
  2. Starker operativer Cashflow unterstreicht Ergebnisqualität im Geschäftsjahr 2025/26Verbio
  3. Südzucker mit deutlichem Anstieg des operativen EBITDA im 1. Halbjahr 2026/27Südzucker
  4. Anforderungen an die Beschaffenheit von Ottokraftstoffen gemäß § 3 der 10. BImSchVBundesministerium der Justiz
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