
Dresden, 13. Januar 2026 – Ein Ort, der Schutz, Gemeinschaft und sportliche Förderung versprechen sollte, wurde für zwei Jugendliche zum Schauplatz schwerer Verbrechen. In der Dresdner Kanu-Szene hat ein Fall von sexuellem Missbrauch das Vertrauen in Vereinsstrukturen tief erschüttert. Das nun gesprochene Urteil markiert einen juristischen Einschnitt – und wirft zugleich grundlegende Fragen zum Schutz junger Sportler auf.
Was sich über Jahre im Verborgenen abspielte, wurde erst durch die Aussagen der Betroffenen sichtbar: Ein langjähriger Kanutrainer nutzte seine Position, um zwei Jugendliche sexuell zu missbrauchen. Die Taten ereigneten sich sowohl im Bootshaus eines Dresdner Kanu-Vereins als auch im privaten Umfeld des Täters. Das Landgericht Dresden hat den 57-jährigen Mann nun zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Der Fall steht exemplarisch für einen besonders schweren Vertrauensbruch im Jugendsport.
Ein Prozess, der tiefe Abgründe offenlegte
Der Angeklagte, ein erfahrener Trainer aus Coswig, saß seit Mai 2025 in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft hatte ihm schweren sexuellen Missbrauch von Kindern vorgeworfen. Im Verlauf der Hauptverhandlung legte der Mann ein Geständnis ab und räumte ein, seine Schutzbefohlenen über einen längeren Zeitraum missbraucht zu haben. Das Gericht wertete dieses Geständnis strafmildernd, stellte jedoch unmissverständlich klar, dass das Ausmaß der Taten und der systematische Vertrauensmissbrauch ein erhebliches Strafmaß erforderten.
Im Gerichtssaal wurde deutlich, wie gezielt der Täter vorging. Die Jugendlichen standen in einem engen Abhängigkeitsverhältnis zu ihrem Trainer, der nicht nur ihre sportliche Entwicklung lenkte, sondern auch über Trainingszeiten, Leistungsbewertungen und persönliche Nähe entschied. Diese Nähe nutzte er aus – wiederholt und über Monate hinweg.
Das Urteil des Landgerichts Dresden
Das Landgericht Dresden verurteilte den Kanutrainer zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und acht Monaten. In der Urteilsbegründung betonten die Richter, dass der Angeklagte das besondere Vertrauensverhältnis zwischen Trainer und jugendlichen Sportlern in schwerwiegender Weise missbraucht habe. Die Strafe spiegele sowohl die Schwere der Taten als auch deren langfristige Auswirkungen auf die Opfer wider.
Das Gericht stellte zudem fest, dass die Übergriffe nicht aus einer spontanen Situation heraus entstanden seien, sondern wiederholt und geplant erfolgten. Der Missbrauch habe sich in einem geschützten Umfeld abgespielt, in dem die Jugendlichen sich sicher fühlen mussten – ein Umstand, der die Schuld des Täters zusätzlich wiege.
Tatorte, Tatzeitraum, Opfer
Nach den Feststellungen des Gerichts ereigneten sich die sexuellen Übergriffe sowohl in den Vereinsräumen des Kanu-Clubs als auch in der Wohnung des Trainers. Besonders belastend: Ein Teil der Taten fand während der Corona-Pandemie statt, als Trainingsbedingungen eingeschränkt waren und vermehrt Einzeltermine stattfanden. Diese Situation nutzte der Täter aus, um unbeobachtet mit den Jugendlichen allein zu sein.
- Die Opfer waren zum Tatzeitpunkt 12 und 13 Jahre alt.
- Der Tatzeitraum erstreckte sich über mehrere Monate.
- Die Übergriffe fanden im Bootshaus und im privaten Umfeld statt.
Die beiden betroffenen Jugendlichen sind heute 16 und 17 Jahre alt. Ihre Aussagen bildeten die Grundlage der Ermittlungen und spielten im Prozess eine zentrale Rolle. Das Gericht würdigte ausdrücklich den Mut der Opfer, die Taten zur Anzeige gebracht zu haben.
Ermittlungen und Anklage
Bereits im Herbst 2025 hatte die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben. Die Ermittlungen förderten zahlreiche Einzelfälle zutage, die sich zu einem Gesamtbild systematischen Missbrauchs verdichteten. Dabei wurde deutlich, dass der Täter seine Rolle als Trainer gezielt nutzte, um Nähe herzustellen und Grenzen zu überschreiten.
Die Justiz betonte im Verfahren die besondere Verantwortung von Trainern und Betreuern im Jugendsport. Wer in einer solchen Position tätig sei, trage eine hohe Pflicht zum Schutz der ihm anvertrauten Kinder und Jugendlichen. Ein Missbrauch dieser Verantwortung stelle eine besonders schwere Form der Tat dar.
Erschütterung in Verein und Öffentlichkeit
Der Fall sorgte in Dresden und darüber hinaus für große Bestürzung. Innerhalb der Kanu-Szene löste er eine intensive Auseinandersetzung mit bestehenden Schutzkonzepten aus. Auch Eltern und Sportverbände fordern seither verstärkte Präventionsmaßnahmen, klare Verhaltensregeln und niedrigschwellige Anlaufstellen für Betroffene.
Fachleute weisen darauf hin, dass sexueller Missbrauch im Sport kein Einzelfall ist, sondern häufig dort stattfindet, wo enge Bindungen, Abhängigkeiten und fehlende Kontrolle zusammentreffen. Umso wichtiger sei es, Strukturen zu schaffen, die Transparenz fördern und Machtmissbrauch verhindern.
Sexueller Missbrauch im Jugendsport: ein strukturelles Problem
Der Dresdner Fall reiht sich in eine Reihe von Verfahren ein, die in den vergangenen Jahren bundesweit Aufmerksamkeit erregt haben. Immer wieder werden Trainer oder Betreuer verurteilt, die ihre Stellung ausgenutzt haben. Die Strafverfolgung solcher Taten ist komplex und verlangt einen sensiblen Umgang mit den Betroffenen, deren Aussagen häufig von Scham, Angst und Loyalitätskonflikten geprägt sind.
Gleichzeitig zeigt der Prozess, wie wichtig eine konsequente Aufklärung ist. Ohne die Aussagen der Jugendlichen wäre der Missbrauch womöglich unentdeckt geblieben. Das Urteil sendet daher auch ein Signal: Der Rechtsstaat greift ein, wenn Vertrauen missbraucht und Schutzräume verletzt werden.
Was von diesem Urteil bleibt
Mit der Verurteilung des Kanutrainers ist das Strafverfahren abgeschlossen, nicht jedoch die gesellschaftliche Debatte. Der Fall wirft Fragen auf, die weit über Dresden hinausreichen: Wie lassen sich Kinder und Jugendliche im Sport besser schützen? Wie können Vereine Verantwortung übernehmen, ohne Misstrauen zu säen? Und wie gelingt es, Betroffenen langfristig Unterstützung zu bieten?
Für die Opfer beginnt nach dem Urteil ein neuer Abschnitt. Die juristische Aufarbeitung kann das Erlebte nicht ungeschehen machen, sie kann jedoch Anerkennung verschaffen und ein Zeichen setzen. Dass dieser Fall öffentlich verhandelt und klar verurteilt wurde, ist ein Schritt – hin zu mehr Sensibilität, mehr Verantwortung und einem bewussteren Umgang mit Macht und Nähe im Jugendsport.