Femizid Stuttgart: Kriminalstatistik zeigt steigende Gewalt gegen Frauen und zunehmende Partnerschaftsgewalt

21. Februar 2026 | 09:01 Uhr |

Stuttgart verzeichnet einen Anstieg von Gewalt gegen Frauen. Offizielle Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik weisen mehr weibliche Opfer von Gewaltkriminalität aus als im Vorjahr. Landes- und Bundesdaten zeigen zugleich, dass Partnerschaftsgewalt und Femizid trotz sinkender Gesamtkriminalität ein drängendes Problem bleiben – mit tödlichen Folgen.

Stuttgart, 21. Februar 2026 – Die Zahlen sind eindeutig. In Stuttgart ist die Gewalt gegen Frauen im Jahr 2024 erneut gestiegen. Nach Angaben der Polizeilichen Kriminalstatistik wurden 773 weibliche Opfer von Gewaltkriminalität registriert – 36 mehr als im Vorjahr. Während die Gesamtkriminalität in Baden-Württemberg zuletzt zurückging, entwickelt sich die Gewalt gegen Frauen in eine andere Richtung. Besonders deutlich zeigt sich das im Bereich der Partnerschaftsgewalt – und bei den tödlichen Eskalationen, die unter dem Begriff Femizid zusammengefasst werden.

Mehr erfasste Fälle in Stuttgart

Die Polizeistatistik für die Landeshauptstadt weist 2024 insgesamt 773 weibliche Opfer von Gewaltkriminalität aus. Im Jahr zuvor waren es 737 gewesen. Der Anstieg ist kein statistischer Ausreißer, sondern fügt sich in eine Entwicklung ein, die auch auf Landesebene beobachtet wird. Gewalt gegen Frauen bleibt in Stuttgart damit ein sichtbarer Bestandteil des Kriminalitätsgeschehens.

Zu den erfassten Delikten zählen unter anderem Körperverletzungen, Bedrohungen und Sexualstraftaten. Die Zahlen spiegeln nur das Hellfeld wider – also jene Fälle, die angezeigt und polizeilich registriert wurden. Fachleute gehen seit Jahren davon aus, dass insbesondere im Bereich häuslicher Gewalt eine erhebliche Dunkelziffer besteht.

Der Begriff Gewalt gegen Frauen umfasst dabei unterschiedliche Formen physischer, psychischer und sexualisierter Übergriffe. In der Statistik erscheinen sie als einzelne Delikte, in der Lebensrealität der Betroffenen jedoch häufig als zusammenhängende Gewaltverläufe.

Partnerschaftsgewalt auf Zehnjahreshoch

Landesweit zeigen die Daten ein vergleichbares Bild. Obwohl die Gesamtkriminalität in Baden-Württemberg im Jahr 2025 um 5,7 Prozent zurückging, stieg die registrierte Partnerschaftsgewalt um 2,1 Prozent auf rund 17.400 Fälle – der höchste Stand seit zehn Jahren. Fast 80 Prozent der Opfer sind Frauen, in nahezu ebenso vielen Fällen sind Männer die Tatverdächtigen.

Diese Diskrepanz – sinkende Gesamtkriminalität, aber steigende Gewalt gegen Frauen – verschiebt den Fokus der kriminalpolitischen Debatte. Partnerschaftsgewalt bildet dabei einen Kernbereich. Sie umfasst Straftaten zwischen aktuellen oder früheren Partnern und reicht von Bedrohung über Körperverletzung bis hin zu schweren Gewalttaten.

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Besonders alarmierend sind die tödlichen Fälle. 19 Todesopfer im Kontext von Partnerschaftsgewalt wurden zuletzt in Baden-Württemberg registriert. Hinter jeder Zahl steht ein individueller Lebenskontext, häufig geprägt von vorangegangenen Gewalteskalationen.

Femizid: Wenn Gewalt tödlich endet

Der Begriff Femizid beschreibt die Tötung einer Frau aufgrund ihres Geschlechts, häufig im Zusammenhang mit einer bestehenden oder beendeten Partnerschaft. In Deutschland wird nahezu täglich eine Frau durch ihren (Ex-)Partner oder einen nahen Angehörigen getötet. Diese Taten sind meist keine isolierten Ereignisse, sondern stehen am Ende längerer Gewaltverläufe.

Kriminalanalysen zeigen, dass viele Femizide in Trennungssituationen oder bei eskalierenden Beziehungskonflikten stattfinden. Besitzansprüche, Kontrollverlust und Machtansprüche spielen dabei regelmäßig eine Rolle. Die Taten erfolgen oft im privaten Umfeld – dort, wo Schutz eigentlich selbstverständlich sein sollte.

Die Einordnung als Femizid hat in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen. Sie macht sichtbar, dass es sich nicht um zufällige Einzelfälle handelt, sondern um strukturell bedingte Gewalt gegen Frauen.

Strukturelle Muster hinter den Zahlen

Gewalt gegen Frauen ist kein regional begrenztes Phänomen. Bundesweite Erhebungen zeigen, dass etwa jede dritte Frau in Deutschland mindestens einmal in ihrem Leben körperliche oder sexualisierte Gewalt erlebt. Ein erheblicher Teil dieser Taten geschieht im sozialen Nahraum – in Beziehungen, Familien oder im häuslichen Umfeld.

Gerade dort greifen klassische Schutzmechanismen oft zu spät. Anzeigen erfolgen vielfach erst nach wiederholten Übergriffen. Die statistische Erfassung bildet damit in vielen Fällen nur den Endpunkt einer Entwicklung ab, nicht deren Beginn.

Hinzu kommt: Neben körperlicher Gewalt sind psychische Kontrolle, ökonomische Abhängigkeit und Bedrohung zentrale Elemente von Gewaltbeziehungen. Diese Formen sind schwerer zu quantifizieren, wirken aber oft langfristig destabilisierend.

Reaktionen von Politik und Behörden

Angesichts der steigenden Gewalt gegen Frauen diskutieren Landes- und Bundespolitik seit Jahren über präventive und repressive Maßnahmen. Ziel ist es, Gefährdungslagen früher zu erkennen und Eskalationen bis hin zum Femizid zu verhindern.

Im Fokus stehen unter anderem verbesserte Schutzkonzepte, erweiterte polizeiliche Eingriffsbefugnisse sowie eine engere Zusammenarbeit zwischen Justiz, Polizei und Beratungsstellen. Auch technische Instrumente wie elektronische Aufenthaltsüberwachung für Hochrisikotäter werden in der politischen Debatte thematisiert.

Gleichzeitig verweisen Fachstellen darauf, dass Schutzangebote für Betroffene ausgebaut werden müssen. Frauenhäuser, Beratungsstellen und Interventionsprojekte spielen eine zentrale Rolle bei der Unterstützung von Betroffenen häuslicher Gewalt.

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Stuttgart im landesweiten Vergleich

Für Stuttgart bedeutet der Anstieg der registrierten Fälle eine konkrete Herausforderung. Die Stadt steht exemplarisch für eine Entwicklung, die sich in mehreren urbanen Räumen Baden-Württembergs beobachten lässt. Die Zahlen sind kein isoliertes Ereignis, sondern Teil einer breiteren Dynamik.

Ob der Anstieg ausschließlich auf eine tatsächliche Zunahme der Gewalt zurückzuführen ist oder teilweise auch auf eine erhöhte Anzeigebereitschaft, lässt sich aus der Statistik allein nicht abschließend beantworten. Klar ist jedoch: Die registrierte Gewalt gegen Frauen bleibt auf einem hohen Niveau.

Zwischen Statistik und Realität

Kriminalstatistiken liefern Momentaufnahmen. Sie zeigen Trends, Häufigkeiten und Verschiebungen. Doch sie erklären nicht, warum Gewalt entsteht – und sie erfassen nur, was gemeldet wird. Die reale Dimension von Gewalt gegen Frauen dürfte daher höher liegen als die offiziell ausgewiesenen Zahlen.

Gerade beim Thema Femizid wird deutlich, dass Prävention entscheidend ist. Häufig existieren vor einer tödlichen Tat Hinweise auf Bedrohung, Kontrolle oder frühere Übergriffe. Die Herausforderung besteht darin, diese Warnsignale ernst zu nehmen und Schutzmaßnahmen konsequent umzusetzen.

In Stuttgart wie im gesamten Bundesgebiet bleibt Gewalt gegen Frauen damit ein zentrales gesellschaftliches Thema. Die Zahlen sind nüchtern, ihre Bedeutung jedoch weitreichend. Sie verweisen auf strukturelle Ungleichgewichte, auf eskalierende Beziehungskonflikte und auf die Notwendigkeit konsequenter Schutzmechanismen.

Eine Debatte, die nicht verstummen darf

Die steigende Gewalt gegen Frauen in Stuttgart ist mehr als eine statistische Randnotiz. Sie steht für eine Entwicklung, die bundesweit sichtbar wird: Partnerschaftsgewalt und Femizid bleiben trotz rückläufiger Gesamtkriminalität eine gravierende Realität.

Die Diskussion darüber reicht weit über kriminalpolitische Detailfragen hinaus. Sie berührt Fragen von Schutz, Gleichberechtigung und gesellschaftlicher Verantwortung. Solange Frauen im privaten Umfeld gefährdet sind und tödliche Eskalationen keine Ausnahme bleiben, wird die Auseinandersetzung mit Gewalt gegen Frauen – in Stuttgart und darüber hinaus – weitergeführt werden müssen.

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Als Autor für das Magazin "Nah am digitalen Rand" verbinde ich meine Germanistik-Expertise mit einem unstillbaren Interesse für redaktionell spannende Themen. Meine Leidenschaft gilt der Erforschung und dem Verständnis der digitalen Evolution unserer Sprache, ein Bereich, der mich stets zu tiefgründigen Analysen und Artikeln inspiriert.