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Schlägerei und Steinwürfe: Polizei rückt auf Schulgelände in Herringen aus

In Aktuelles
Juli 17, 2025

Hamm-Herringen – Wiederholte Polizeieinsätze auf dem Gelände der Arnold-Freymuth-Gesamtschule sorgen für Diskussionen in der Stadtgesellschaft. Steinwürfe, Schlägereien und nächtliche Treffen haben den Fokus auf ein tiefer liegendes Problem gelenkt: Wie sicher sind unsere Schulen wirklich – und welche Verantwortung tragen Stadt, Schüler und Gesellschaft?

Ein ungewöhnlicher Schulalltag mit Eskalationspotenzial

In den vergangenen Wochen kam es auf dem Gelände der Arnold-Freymuth-Gesamtschule in Herringen vermehrt zu Polizeieinsätzen. Steinwürfe von Jugendlichen – teils während der Schulzeit, teils am Wochenende – richteten Sachschäden in der Nachbarschaft an. In einem Fall traf ein Stein sogar ein Fenster an der Funkelandstraße. Noch schwerwiegender war eine körperliche Auseinandersetzung, bei der ein 18-Jähriger und ein 46-jähriger Anwohner aneinandergerieten, nachdem mutmaßlich Feuerwerkskörper gezündet worden waren.

Die Polizei musste mehrfach auf das Schulgelände ausrücken. Die Situation spitzte sich derart zu, dass nicht nur die Schule, sondern auch Stadtverwaltung und Sicherheitsbehörden zum Handeln gezwungen waren. Die Ereignisse werfen die Frage auf: Wieso kommt es zu Steinwürfen an Schulen in Herringen?

Hintergründe und mögliche Ursachen der Vorfälle

Eine differenzierte Analyse der Situation zeigt, dass die Vorfälle keine Einzelfälle sind, sondern Teil eines Musters. Experten sehen mehrere Ursachen:

  • Unkontrollierter Zugang zum Schulgelände: Das Gelände war bis vor kurzem frei zugänglich – auch am Wochenende und in den Abendstunden.
  • Gruppendynamiken unter Jugendlichen: Studien der Universität Köln belegen, dass Gewalt häufiger innerhalb homogener Jugendgruppen entsteht – also unter Jugendlichen, die sich gut kennen.
  • Fehlende Freizeitangebote in der Umgebung: Jugendliche suchen abends Treffpunkte – Schulhöfe werden zu sozialen Räumen außerhalb des regulären Unterrichts.

Diese Mischung kann gefährlich werden, wenn Provokationen, Langeweile und Gruppenzwang zusammenkommen. Die Schulleitung der Gesamtschule betonte jedoch wiederholt, dass es sich um das Verhalten einiger weniger Schüler handle – nicht um ein flächendeckendes Problem im gesamten Schulbetrieb.

Reaktionen der Stadt und Sicherheitsmaßnahmen

Die Stadt Hamm reagierte auf die Vorfälle schnell und konkret. Inzwischen ist ein 142 Meter langer, zwei Meter hoher Zaun errichtet worden, der künftig nächtliche Geländenutzung verhindern soll. Die Maßnahme kostete rund 37.000 Euro und soll verhindern, dass sich Jugendliche unbeaufsichtigt auf dem Gelände treffen.

Darüber hinaus werden ab dem neuen Schuljahr zusätzliche Aufsichten im Schulalltag eingesetzt. Die Schulwege und das Schulumfeld stehen ebenfalls stärker unter Beobachtung durch Ordnungsamt und Polizei. Diese Kombination aus baulichen und personellen Maßnahmen soll einen Rückgang der Vorfälle bewirken.

Was unternimmt die Stadt Hamm gegen Gewalt auf Schulgelände?

Die Stadt setzt nicht nur auf physische Barrieren wie Zäune, sondern auch auf strukturelle Prävention. Neben intensiver Zusammenarbeit mit der Polizei werden Schulsozialarbeit und schulpsychologische Dienste stärker eingebunden. Die Maßnahme ist Teil eines übergeordneten Programms des Landes NRW gegen Gewalt an Schulen, das den Leitsatz trägt: “Gewalt hat an unseren Schulen keinen Platz.”

Der rechtliche Rahmen: Konsequenzen für Täter

Ein zentrales Thema bleibt: Welche Folgen drohen Schülern nach Schlägerei und Steinwürfen an der Gesamtschule? Laut Schulgesetz NRW können Schulen bei schweren Vorfällen Ordnungsmaßnahmen verhängen – von schriftlichen Verweisen über zeitweise Unterrichtsausschlüsse bis hin zur Entlassung. Bei strafrechtlich relevanten Handlungen wie gefährlicher Körperverletzung oder Sachbeschädigung kann die Polizei Ermittlungen aufnehmen. In Herringen wurden laut Polizei bereits erste Jugendliche identifiziert, mit denen Gespräche unter Einbindung der Eltern geführt wurden.

Wie sicher sind Schulhöfe wirklich?

Ein Blick auf andere Gesamtschulen in Nordrhein-Westfalen zeigt: Die Problematik ist nicht neu. Laut einer Untersuchung des LKA NRW zu Gewalt an Schulen aus dem Zeitraum 2010 bis 2019 wurden immer wieder Fälle gemeldet – oft außerhalb der Unterrichtszeit. Besonders auffällig ist dabei die Rolle des Schulhofs als sozialer Treffpunkt: Tagsüber Lernumfeld, abends Freizeitraum.

Wie können Anwohner vor Steinwürfen durch Schüler geschützt werden?

Die Kombination aus baulichen Maßnahmen (Zäune, Kameras), verstärkter Polizeipräsenz sowie Sensibilisierung in der Nachbarschaft gilt als wirkungsvoll. In Herringen begrüßen viele Anwohner die Maßnahmen – gleichzeitig äußern sie den Wunsch nach langfristiger Stabilität und besserer Kommunikation mit der Schule.

Die Rolle der Schülervertretung und der sozialen Verantwortung

Ein oft unterschätzter Aspekt in der Schulentwicklung ist die Beteiligung der Schülerschaft. In Herringen zeigt sich ein positives Beispiel: Der Schülerrat der Arnold-Freymuth-Gesamtschule traf sich kürzlich mit dem Bezirksbürgermeister, um gemeinsame Lösungen zu diskutieren. Auch das zeigt: Welche Rolle spielt der Schülerrat bei Konflikten an der Schule? – Er kann als Vermittler agieren, Ideen für Präventionsprojekte einbringen und das Sicherheitsgefühl der Mitschülerinnen und Mitschüler stärken.

Schule als Schutzraum – oder Konfliktherd?

Parallel zur öffentlichen Debatte über Gewalt, werfen viele Eltern und Lehrer einen Blick auf die Strukturen im Schulalltag. Die Schularchitektur der Gesamtschule – moderne, offene Lernbereiche mit viel Tageslicht – wird eigentlich als vorbildlich bezeichnet. Doch auch diese baulichen Konzepte reichen nicht aus, wenn es an sozialer Kontrolle oder klaren Regeln mangelt.

Eine Untersuchung zum Thema „geschlechtsspezifische Schulhofnutzung“ zeigt, dass insbesondere Jungen raumgreifend auftreten, während Mädchen Rückzugsräume bevorzugen. Schulhöfe müssen daher auch im Sinne der Gewaltprävention partizipativ und divers gestaltet werden.

Regionale Prävention als gesellschaftlicher Auftrag

In der Stadt Hamm werden auch über das Schulumfeld hinaus Maßnahmen ergriffen. Mit Veranstaltungen wie den “Hammer Wochen gegen Rassismus” versucht die Stadt, Jugendliche durch Workshops und Begegnungen für zivilgesellschaftliche Werte zu sensibilisieren. Hier gibt es Schnittstellen zur schulischen Prävention, die stärker genutzt werden könnten. Programme wie „MindOut“ setzen zudem auf die Stärkung emotionaler und sozialer Kompetenzen – ein Ansatz, der laut Experten auch langfristig Konflikte reduzieren kann.

Was bleibt – und was sich ändern muss

Die Ereignisse in Herringen haben gezeigt, wie fragil das soziale Gefüge an Schulen sein kann, wenn Kontrolle, Kommunikation und Prävention nicht zusammenspielen. Gleichzeitig haben sie aber auch Potenziale sichtbar gemacht: Ein aktiver Schülerrat, entschlossene Maßnahmen der Stadt und das Engagement der Anwohner können ein Netzwerk bilden, das Schule wieder zu einem Ort der Sicherheit macht.

Der Blick über den Tellerrand – etwa auf Studien, regionale Projekte und andere Schulen – zeigt, dass solche Vorfälle nicht einzigartig sind. Doch mit einer koordinierten und mehrdimensionalen Strategie lässt sich verhindern, dass sich ähnliche Szenen wiederholen. Das erfordert einen langen Atem, klare Regeln – und vor allem Dialog auf Augenhöhe.

Herringen steht exemplarisch für eine Herausforderung, die viele Kommunen betrifft. Der Weg zurück zu einem sicheren Schulklima beginnt mit Verantwortung – nicht nur auf dem Papier, sondern im Alltag aller Beteiligten.

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Als Autor für das Magazin "Nah am digitalen Rand" verbinde ich meine Germanistik-Expertise mit einem unstillbaren Interesse für redaktionell spannende Themen. Meine Leidenschaft gilt der Erforschung und dem Verständnis der digitalen Evolution unserer Sprache, ein Bereich, der mich stets zu tiefgründigen Analysen und Artikeln inspiriert.