Der gescheiterte Investorenplan der FIFA hat sich zu einer offenen Führungskrise ausgeweitet. Die UEFA entzieht der Spitze des Weltverbands das Vertrauen und verlangt eine umfassende Aufarbeitung der Vorgänge. Ob daraus konkrete personelle Konsequenzen bis hin zu FIFA-Präsident Gianni Infantino entstehen, ist noch offen.

Zürich/Nyon, 1. August 2026. Der wirtschaftliche Vorstoß ist gestoppt, der politische Schaden bleibt. Nachdem Gianni Infantino den umstrittenen Plan für einen Einstieg privater Investoren in das kommerzielle Geschäft der FIFA zurückgezogen hat, verschärft die UEFA den Ton gegenüber der Führung des Weltverbands.

Die europäische Fußball-Union fordert, die Verantwortlichen für das Projekt zu ermitteln und zur Rechenschaft zu ziehen. Zugleich erklärte sie, das Vertrauen in die gegenwärtige FIFA-Führung sei verloren gegangen. Eine ausdrückliche Rücktrittsforderung an Infantino formulierte die UEFA bislang jedoch nicht.

Damit richtet sich die Kritik nicht allein gegen ein gescheitertes Geschäftsmodell. Im Zentrum stehen inzwischen die Entscheidungswege innerhalb der FIFA, der Umgang mit den Mitgliedsverbänden und die Frage, wie weitreichende Projekte dieser Größenordnung vorbereitet werden konnten, ohne dass zentrale Gremien offenbar umfassend eingebunden waren.

FIFA wollte ihr Kerngeschäft für private Investoren öffnen

Auslöser der Auseinandersetzung war Infantinos Vorhaben, wesentliche kommerzielle Aktivitäten der FIFA in eine neue Gesellschaft auszulagern. Unter dem Namen FIFA Forward Enterprise sollte sie unter anderem Rechte und Einnahmen rund um Weltmeisterschaften und Klubwettbewerbe bündeln.

Nach Angaben von Reuters war vorgesehen, bis zu 20 Prozent dieser Gesellschaft an private Kapitalgeber zu verkaufen. Der Wert des Unternehmens wurde demnach mit rund 20 Milliarden US-Dollar angesetzt. Die FIFA hoffte auf Einnahmen von bis zu 4,2 Milliarden Dollar.

Damit hätte der Weltverband erstmals einen erheblichen Teil seines wirtschaftlichen Kerngeschäfts für externe Investoren geöffnet. Genau darin lag die Brisanz des Projekts. Die Vermarktung der Weltmeisterschaften gehört zu den wichtigsten Einnahmequellen der FIFA. Ein Einstieg privater Kapitalgeber hätte deshalb nicht nur finanzielle, sondern auch langfristige strukturelle Folgen gehabt.

Der Widerstand formierte sich schnell. Die UEFA und ihre 55 Mitgliedsverbände lehnten den Plan geschlossen ab. Auch die nord- und mittelamerikanische Konföderation CONCACAF sowie der asiatische Fußballverband AFC stellten sich gegen das Vorhaben.

Kritisiert wurde dabei nicht nur die mögliche Beteiligung privater Investoren. Mindestens ebenso schwer wog der Vorwurf, dass Verbände und ranghohe Funktionäre nicht ausreichend informiert oder beteiligt worden seien. Aus einem Streit über Kapital und Vermarktung wurde so eine Debatte über Macht, Transparenz und Kontrolle.

Infantino stoppt das Projekt – doch die Krise verschärft sich

Am 31. Juli zog Infantino den Plan zurück. Der FIFA-Präsident räumte ein, der Vorschlag habe zu Spaltungen geführt und liege deshalb nicht mehr im Interesse des ursprünglich verfolgten Ziels.

Der Rückzug entschärfte zwar den unmittelbaren Konflikt. Er beendete ihn aber nicht. Die UEFA begrüßte das Aus für den Investorenplan, verband ihre Reaktion jedoch mit einer ungewöhnlich scharfen Erklärung. Die aktuelle FIFA-Führung habe das Vertrauen der UEFA und weiterer Teile der Fußballfamilie verloren.

Die Forderung nach einer Aufarbeitung geht deshalb über eine bloße Korrektur des Projekts hinaus. Die UEFA will wissen, wer die Pläne entwickelt, vorangetrieben und intern abgesichert hat. Verantwortliche müssten identifiziert und zur Rechenschaft gezogen werden.

Was genau daraus folgen soll, ließ der europäische Verband offen. Belegt ist die Forderung nach Konsequenzen. Nicht belegt ist bislang, dass die UEFA konkret die Absetzung Infantinos oder die Entlassung bestimmter FIFA-Funktionäre verlangt.

Gerade diese Unschärfe erhöht den Druck. Die UEFA legt sich noch nicht auf einzelne Namen oder Maßnahmen fest, stellt aber die Autorität der Führungsspitze grundsätzlich infrage.

Erster Rücktritt aus Infantinos Umfeld

Eine personelle Konsequenz hat der Konflikt bereits. Carlos Cordeiro, ein leitender Berater Infantinos, trat am 31. Juli mit sofortiger Wirkung zurück. Nach Angaben von Reuters erklärte er, nicht an dem Vorschlag beteiligt gewesen zu sein. Zugleich bewertete er das Projekt als schädlich für die FIFA und den Fußball.

Auch aus dem Inneren des Weltverbands wurde Kritik bekannt. Die Associated Press berichtete, FIFA-Geschäftsführer Kevin Lamour habe die mangelnde Offenheit bei der Vorbereitung beanstandet. Die Kritik nährt den Verdacht, dass selbst Teile der eigenen Führung nicht vollständig in die Planungen eingebunden waren.

Damit stellt sich eine zentrale Frage: Wie konnte ein Projekt mit einem Volumen von mehreren Milliarden Dollar so weit vorangetrieben werden, ohne dass innerhalb der FIFA ein breiter und nachvollziehbarer Entscheidungsprozess sichtbar wurde?

DFB stellt Infantinos Führungsstil infrage

Der Deutsche Fußball-Bund unterstützt die Forderung nach Aufklärung. DFB-Präsident Bernd Neuendorf bezeichnete das Ende des Investorenplans als unausweichlich. Nach Angaben des DFB wirft er Infantino vor, eigenmächtig, intransparent und unverantwortlich gehandelt zu haben.

Neuendorf verlangt eine lückenlose Untersuchung der Vorgänge. Zugleich fordert er eine andere Entscheidungskultur im Weltverband. Zuständige Gremien und Mitgliedsverbände müssten bei weitreichenden Entscheidungen wieder angemessen beteiligt werden.

Diese Kritik trifft den Kern der aktuellen FIFA-Krise. Es geht nicht mehr allein darum, ob der Verkauf von Anteilen wirtschaftlich sinnvoll gewesen wäre. Zur Debatte steht, wie die FIFA geführt wird und welche Kontrollmechanismen tatsächlich greifen.

Auch andere europäische Verbände äußerten sich scharf. Der englische Fußballverband fordert eine umfassende Überprüfung der Führung und der Governance-Strukturen. Der niederländische Verband KNVB erklärte öffentlich, er habe kein Vertrauen mehr in Infantinos Führung.

Ein geschlossenes weltweites Bündnis gegen den FIFA-Präsidenten gibt es dennoch nicht. Der katarische Verband stellte sich weiterhin hinter Infantino. Aus Marokko kamen ebenfalls deutlich zurückhaltendere Töne. Ob sich aus der europäischen Kritik eine Mehrheit für tiefgreifende personelle Veränderungen entwickelt, ist deshalb ungewiss.

Entscheidend sind nun die internen Abläufe

Die kommenden Untersuchungen dürften sich vor allem auf die Entstehung des Investorenplans konzentrieren. Bislang ist nicht vollständig bekannt, wer das Projekt formell genehmigte, welche Mitglieder des FIFA-Councils informiert waren und welche externen Berater an der Vorbereitung beteiligt wurden.

Offen ist auch, ob bereits bindende Vereinbarungen mit potenziellen Investoren bestanden. Ebenso unklar bleibt, welche Kosten durch die Entwicklung und den späteren Abbruch des Projekts entstanden sind.

Eine zentrale Rolle spielt zudem die geplante Machtverteilung innerhalb der neuen Gesellschaft. Wer hätte welche Mitspracherechte erhalten? Wie weit wäre der Einfluss privater Kapitalgeber auf die kommerzielle Ausrichtung der FIFA gegangen? Welche Sicherungen waren vorgesehen, um die Kontrolle des Weltverbands zu gewährleisten?

Gerade weil das Projekt gestoppt wurde, sind diese Fragen nicht erledigt. Sie betreffen den Umgang der FIFA mit ihren wertvollsten Rechten und damit die Grundlage ihrer wirtschaftlichen Macht.

Der Rückzug beendet den Plan, nicht den Machtkampf

Infantino hat den Investorenplan aufgegeben. Die Vertrauenskrise innerhalb des Weltfußballs ist damit jedoch nicht gelöst. Mehrere einflussreiche Verbände stellen inzwischen offen seine Führung infrage. Zugleich sind zentrale Abläufe innerhalb der FIFA ungeklärt.

Die UEFA hat sich bislang nicht auf eine konkrete Rücktrittsforderung festgelegt. Ihre Erklärung markiert dennoch eine deutliche Zäsur. Sie macht klar, dass ein bloßer Rückzug des Projekts aus ihrer Sicht nicht genügt.

Ob am Ende einzelne Funktionäre ihre Ämter verlieren, interne Regeln verschärft oder Entscheidungsstrukturen neu geordnet werden, hängt von der weiteren Aufarbeitung ab. Für Infantino geht es dabei längst nicht mehr nur um einen misslungenen Milliardenplan. Es geht um die Frage, wie viel Vertrauen ihm innerhalb der FIFA noch geblieben ist.