Die anhaltende Trockenheit setzt Milchviehbetriebe in Süddeutschland zunehmend unter Druck. In Teilen Baden-Württembergs und Bayerns fehlt Futter, Zukäufe werden teurer und erste Betriebe verkleinern ihre Herden oder geben Tiere früher zur Schlachtung. Von einer flächendeckenden Schlachtungswelle ist bislang allerdings nicht die Rede – zugleich zeigt sich, dass die aktuelle Dürre auf einen ohnehin angespannten Milchmarkt trifft.
Süddeutschland, 24. August 2026 – Auf vielen Höfen im Süden Deutschlands verschärft sich die Futternot. Wochen mit Hitze und zu wenig Niederschlag haben Wiesen, Weiden und Maisbestände regional stark geschädigt. Besonders Milchviehbetriebe geraten dadurch unter Druck, weil sie auf große Mengen Grünfutter, Heu, Silage und Mais angewiesen sind.
In Baden-Württemberg und Bayern melden Bauernverbände deutliche Ertragseinbußen. Manche Betriebe greifen bereits auf Futterreserven zurück, die eigentlich für den Winter vorgesehen waren. Andere kaufen zusätzlich Heu, Stroh oder weitere Futtermittel ein. Wo das nicht ausreicht oder wirtschaftlich nicht mehr darstellbar ist, werden Tierbestände reduziert.
Dürre trifft Milchviehbetriebe besonders hart
Nach Angaben des Landesbauernverbands Baden-Württemberg stehen vielen Betrieben derzeit rund 30 bis 40 Prozent weniger Futtermengen zur Verfügung als in einem normalen Jahr. Besonders problematisch ist die Lage auf Grünlandflächen. Weitere Schnitte fallen schwach aus oder bleiben regional ganz aus.
Auch beim Silomais zeigen sich erhebliche Schäden. Für Teile von Schwäbisch Hall, Hohenlohe und den Remsraum wurden Mindererträge von 30 bis 50 Prozent gemeldet. Im Kreis Reutlingen lagen die Einbußen auf Grünland nach Verbandsangaben im Durchschnitt bei rund der Hälfte.
Für Milchviehhalter ist das mehr als ein Ernteproblem. Fehlt eigenes Futter, steigen die Kosten unmittelbar. Gleichzeitig ist verfügbare Ware knapper geworden. Heu, Stroh und andere Futtermittel kosten regional deutlich mehr als im Vorjahr. Der Landesbauernverband Baden-Württemberg sprach von Preissteigerungen von rund 50 Prozent.
Die Dürre trifft die Milchbauern damit an einem empfindlichen Punkt: Futter lässt sich nicht beliebig ersetzen, und ein Milchviehbestand braucht täglich verlässlich große Mengen. Wer die Versorgung nicht mehr sicherstellen kann, muss reagieren.
Erste Kühe werden früher aus den Beständen genommen
In Baden-Württemberg sind bereits konkrete Fälle dokumentiert, in denen Tiere früher als ursprünglich geplant zur Schlachtung gegeben wurden. Ein Beispiel kommt aus Crailsheim. Der Milchviehhalter Harald Gronbach, der rund 130 Milchkühe hält, hat ältere Tiere sowie Kühe, die für die weitere Zucht weniger geeignet waren, bereits schlachten lassen.
Auch aus dem Raum Schwäbisch Hall wurden Wartelisten bei Schlachtbetrieben gemeldet. Das deutet darauf hin, dass die Futternot in einzelnen Regionen nicht mehr nur theoretisch ist, sondern unmittelbare Konsequenzen für die Herden hat.
Eine belastbare Gesamtzahl für dürrebedingt geschlachtete Kühe in Baden-Württemberg oder ganz Süddeutschland liegt bislang jedoch nicht vor. Die Lage ist regional unterschiedlich, und nicht jede Bestandsreduzierung bedeutet automatisch, dass Tiere unmittelbar geschlachtet werden. Teilweise werden Kühe auch verkauft.
Der häufig verwendete Begriff „Notschlachtung“ ist deshalb nur eingeschränkt geeignet. In den bislang belegten Fällen geht es vor allem darum, Tiere früher als wirtschaftlich oder betrieblich vorgesehen aus dem Bestand zu nehmen. Eine veterinärmedizinische Notschlachtung ist damit nicht automatisch gemeint.
Die Lage in Baden-Württemberg und Bayern
| Region | Belegter Befund | Genannte Größenordnung |
|---|---|---|
| Baden-Württemberg | Deutlich weniger Futter, erste vorzeitige Schlachtungen | 30 bis 40 Prozent weniger Futtermengen |
| Teile Baden-Württembergs | Starke Verluste bei Silomais und Grünland | Regional 30 bis 50 Prozent |
| Bayern | Sehr schwache Grünlandflächen, zunehmende Futterzukäufe | Knapp 80 Prozent bewerten Flächen als mangelhaft oder ungenügend |
Auch in Bayern wächst der Druck
In Bayern ist die Futtersituation ebenfalls angespannt. Der Bayerische Bauernverband berichtete, dass knapp 80 Prozent der Teilnehmer einer Verbandsumfrage ihre Grünlandflächen als mangelhaft oder ungenügend bewerteten. Fast 40 Prozent der befragten Betriebe gaben an, bereits zusätzliches Futter zukaufen zu müssen.
In der Oberpfalz war der Anteil noch höher: Dort musste mehr als jeder zweite Betrieb Futter zukaufen. Auch beim Mais ist die Lage vielerorts schwierig. 42 Prozent der befragten Betriebe stuften ihre Bestände als mangelhaft oder ungenügend ein. Regional werden Verluste von 30 bis mehr als 50 Prozent erwartet.
Für Bayern ist damit eine erhebliche Futternot gut belegt. Weniger eindeutig ist bislang, in welchem Umfang dort bereits Kühe allein wegen der Dürre geschlachtet wurden. Der Bauernverband berichtet vor allem von zunehmenden Futterkäufen und Überlegungen, Tierbestände zu reduzieren.
- In Baden-Württemberg werden teilweise schon Wintervorräte verfüttert.
- Heu, Stroh und andere Futtermittel sind regional deutlich teurer geworden.
- Einzelne Milchviehbetriebe verkleinern bereits ihre Herden.
- Eine belastbare Gesamtzahl dürrebedingt geschlachteter Kühe gibt es bislang nicht.
Die Milchkrise hat mehr als eine Ursache
Die aktuelle Dürre erklärt allerdings nur einen Teil der wirtschaftlichen Probleme. Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter beschreibt die Lage als Milchkrise, verbindet damit aber ausdrücklich mehrere Faktoren: niedrige Auszahlungspreise, hohe Produktionskosten und nun zusätzlich steigende Ausgaben für Futter.
Nach Angaben des Verbands lag der bundesweite Milchauszahlungspreis im Juni 2026 bei rund 39 Cent je Kilogramm. Dem stellte der Verband auf Grundlage seines Milch-Marker-Index Produktionskosten von 53,12 Cent gegenüber. Diese Berechnung ist eine Verbandsbewertung und lässt sich nicht unmittelbar auf jeden einzelnen Betrieb übertragen.
Gleichzeitig war die Milchmenge in Deutschland im ersten Halbjahr 2026 noch deutlich höher als im Vorjahr. Nach Daten der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, die vom Verband der Milcherzeuger Bayern ausgewertet wurden, wurden rund 16,78 Milliarden Kilogramm Milch angeliefert. Das waren 6,3 Prozent mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum.
Das relativiert die Vorstellung eines bereits flächendeckenden Einbruchs der Milchproduktion. Die aktuelle Dürre hat die Versorgung der Tiere erschwert, doch die Folgen schlagen sich bislang nicht in einem generellen Produktionskollaps nieder.
Entscheidend dürfte vielmehr sein, wie stark die Bestände in den kommenden Monaten tatsächlich reduziert werden und wie lange die Futterreserven reichen. Gerade dort, wo bereits auf Wintervorräte zurückgegriffen wird, verschiebt sich das Problem zeitlich nach hinten.
Hilfen sollen die Futternot abfedern
Baden-Württemberg hat auf die Lage bereits reagiert. Für dürrebedingte Futterzukäufe einschließlich Transportkosten sollen im Haushaltsjahr 2026 bis zu fünf Millionen Euro bereitstehen. Zudem wurden Regelungen für Ökobetriebe gelockert, damit unter bestimmten Voraussetzungen auch konventionelles Futter zugekauft werden kann.
Die Maßnahmen zeigen, wie ernst die Lage in einzelnen Regionen eingeschätzt wird. Sie ändern aber nichts daran, dass die wirtschaftliche Belastung für viele Milchviehbetriebe bereits deutlich gestiegen ist. Wer Futter zukaufen muss, zahlt zusätzliche Kosten. Wer den Tierbestand reduziert, verliert zugleich Produktionspotenzial.
Hinzu kommt die Unsicherheit darüber, wie viel Futter im Herbst und Winter noch zur Verfügung stehen wird. Bleiben weitere Erträge aus, könnte der Druck auf Betriebe mit knappen Reserven weiter steigen.
Keine flächendeckende Schlachtungswelle – aber ein ernstes Warnsignal
Die Lage in Süddeutschland ist ernst, aber nicht einheitlich. Belegt sind deutliche Ertragseinbußen, hohe Zusatzkosten, Futterkäufe und erste vorzeitige Schlachtungen. Nicht belegt ist dagegen, dass Bauern in ganz Süddeutschland massenhaft Kühe wegen der Dürre schlachten.
Gerade diese Unterscheidung ist wichtig. Die aktuelle Futternot trifft einzelne Regionen und Betriebe sehr unterschiedlich. Für manche bedeutet sie bislang vor allem höhere Kosten, für andere bereits einen Eingriff in den Tierbestand.
Fest steht: Die Dürre verschärft eine Lage, die für viele Milchviehhalter schon zuvor angespannt war. Ob daraus eine breitere Milchkrise mit spürbar sinkenden Produktionsmengen wird, lässt sich derzeit noch nicht belastbar sagen. Sichtbar ist aber bereits jetzt, wie eng die wirtschaftliche Lage der Betriebe mit der Versorgung ihrer Tiere verknüpft ist – und wie schnell fehlendes Futter zum entscheidenden Faktor werden kann.





















