Eine therapeutische Apherese kann bestimmte PFAS im Blut deutlich senken. Für Mikroplastik gibt es ebenfalls erste Hinweise auf eine Verringerung einzelner Kunststoffarten, doch die Daten sind bislang klein und methodisch weniger belastbar. Ob sich aus der Blutwäsche tatsächlich eine neue Behandlung gegen langlebige Umweltstoffe entwickelt, ist deshalb offen.
Dresden, 21. August 2026. Eine medizinische Blutfiltertechnik, die bislang vor allem bei schweren Fettstoffwechselstörungen und anderen Erkrankungen eingesetzt wird, rückt durch neue Forschung in einen ungewöhnlichen Zusammenhang: Sie könnte neben den ursprünglich anvisierten Blutbestandteilen auch bestimmte PFAS und möglicherweise Mikroplastik aus dem Blutkreislauf entfernen.
Darauf deutet eine im Fachjournal Brain Health veröffentlichte Untersuchung hin. Im Zentrum steht die sogenannte Doppelfiltrations-Plasmapherese. Dabei wird das Plasma vom übrigen Blut getrennt, gefiltert und anschließend wieder in den Körper zurückgeführt. Bestimmte Moleküle und Partikel bleiben im Filtersystem zurück.
Die entscheidende Frage der Forscher war deshalb, ob das Verfahren neben Blutfetten und anderen Zielstoffen auch Substanzen erfasst, die bislang nicht im Zentrum der Behandlung stehen: per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen, kurz PFAS, sowie Mikro- und Nanoplastik.
Blutwäsche senkt PFAS bei behandelten Patienten
Untersucht wurden insgesamt 34 Erwachsene, die ohnehin eine Apherese erhielten. Die Behandlung war also nicht als spezielle Therapie gegen PFAS oder Mikroplastik angelegt. Die Patienten wurden aus anderen medizinischen Gründen behandelt, unter anderem wegen Fettstoffwechselstörungen oder Autoimmunerkrankungen.
Die Forscher nahmen Blutproben unmittelbar vor und nach den Behandlungen. Bei einer Teilgruppe von 14 Patienten analysierte ein Labor vier besonders bekannte PFAS-Verbindungen: PFOA, PFOS, PFNA und PFHxS. Die Konzentrationen gingen nach der Apherese um bis zu rund 25 Prozent zurück.
Das Wichtigste zusammengefasst
Eine aktuelle Studie zeigt, dass therapeutische Apherese bestimmte PFAS im Blut messbar senken kann. Für Mikroplastik gibt es erste Hinweise, der klinische Nutzen des Verfahrens ist jedoch noch nicht nachgewiesen.
- Was ist passiert?
- Die Konzentrationen gingen nach der Apherese um bis zu rund 25 Prozent zurück.
- Was ist bestätigt?
- Klar ist jedoch: Die PFAS-Werte waren nach der Behandlung niedriger.
- Was ist bestätigt?
- Bereits 2022 hatte eine randomisierte klinische Studie mit 285 australischen Feuerwehrleuten gezeigt, dass regelmäßige Blut- und Plasmaspenden die PFAS-Konzentrationen im Serum reduzieren können.
- Was ist noch offen?
- Eine weitere 2026 veröffentlichte Untersuchung mit 114 Patienten und insgesamt 174 Behandlungen kam zwar ebenfalls zu dem Ergebnis, dass nach einem therapeutischen Plasmaaustausch weniger zirkulierende Mikroplastikpartikel messbar waren.
Ein zweites Labor untersuchte Proben von vier Patienten. Dort fielen die gemessenen Rückgänge je nach PFAS deutlich stärker aus: im Durchschnitt um etwa 43,5 bis 75,8 Prozent.
Die unterschiedlichen Größenordnungen zeigen zugleich, wie vorsichtig die Zahlen interpretiert werden müssen. Klar ist jedoch: Die PFAS-Werte waren nach der Behandlung niedriger. Zudem wurden die Substanzen im ausgeschiedenen Material der Apherese nachgewiesen. Das spricht dafür, dass sie tatsächlich aus dem Blutkreislauf entfernt und nicht lediglich anders verteilt wurden.
Nach Angaben der in Brain Health veröffentlichten Studie liefert die Apherese damit einen messbaren Effekt auf bestimmte PFAS im Blut. Ob daraus bereits ein medizinisch relevanter Nutzen entsteht, lässt sich daraus allerdings nicht ableiten.
Warum PFAS medizinisch problematisch sind
PFAS umfassen eine große Gruppe künstlich hergestellter Chemikalien, die wegen ihrer außergewöhnlich stabilen chemischen Bindungen häufig als „Ewigkeitschemikalien“ bezeichnet werden. Viele dieser Verbindungen werden in der Umwelt nur äußerst langsam abgebaut.
Auch im menschlichen Körper können bestimmte PFAS lange verbleiben. Das Umweltbundesamt weist darauf hin, dass die Halbwertszeiten einzelner langkettiger Verbindungen mehrere Jahre betragen können. Entsprechend langsam sinkt die Belastung, wenn keine neuen Mengen aufgenommen werden.
Die gesundheitliche Bedeutung von PFAS wird seit Jahren intensiv untersucht. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat für mehrere besonders relevante Verbindungen eine sehr niedrige tolerierbare wöchentliche Aufnahmemenge festgelegt. Grundlage der Bewertung waren unter anderem mögliche Auswirkungen auf das Immunsystem.
Vor diesem Hintergrund ist die Frage medizinisch interessant, ob sich PFAS aktiv aus dem Körper entfernen lassen. Vollkommen neu ist der Ansatz nicht.
Schon Plasmaspenden senkten PFAS-Werte
Bereits 2022 hatte eine randomisierte klinische Studie mit 285 australischen Feuerwehrleuten gezeigt, dass regelmäßige Blut- und Plasmaspenden die PFAS-Konzentrationen im Serum reduzieren können. Besonders ausgeprägt war der Effekt bei Plasmaspenden.
Die damalige Untersuchung stützt damit grundsätzlich die Annahme, dass PFAS über das Blut beziehungsweise Plasma aus dem Körper entfernt werden können. Sie beantwortete allerdings ebenfalls nicht die entscheidende Frage: Führt ein niedrigerer PFAS-Wert im Blut tatsächlich zu einem gesundheitlichen Vorteil?
Genau an diesem Punkt endet auch die Aussagekraft der aktuellen Apherese-Studie. Ein niedriger Laborwert belegt zunächst nur eine messbare Veränderung. Ob dadurch Erkrankungen verhindert, Beschwerden gelindert oder langfristige Risiken verringert werden, ist bislang nicht nachgewiesen.
Bei Mikroplastik bleibt die Datenlage unsicher
Deutlich vorsichtiger fällt die Bewertung beim Mikroplastik aus. In der neuen Untersuchung wurden verschiedene Kunststoffarten nur bei einer sehr kleinen Zahl von Patienten analysiert. Bei vier untersuchten Personen ging Polyethylen nach der Apherese jeweils zurück. PVC nahm bei drei dieser vier Patienten ab.
Bei anderen Kunststoffarten zeigte sich jedoch kein einheitliches Muster. Schon deshalb lässt sich aus der Studie nicht ableiten, dass eine Blutwäsche Mikroplastik generell oder zuverlässig aus dem Blut entfernt.
Hinzu kommt ein grundsätzliches Messproblem. Mikro- und Nanoplastik im menschlichen Körper zu bestimmen, ist technisch anspruchsvoll. Proben können bereits während Entnahme, Aufbereitung oder Analyse mit Kunststoff in Berührung kommen. Schläuche, Gefäße und Laborgeräte sind mögliche Störquellen.
Eine weitere 2026 veröffentlichte Untersuchung mit 114 Patienten und insgesamt 174 Behandlungen kam zwar ebenfalls zu dem Ergebnis, dass nach einem therapeutischen Plasmaaustausch weniger zirkulierende Mikroplastikpartikel messbar waren. Die Autoren verwiesen zugleich darauf, dass Kunststoff aus den verwendeten Behandlungssystemen einzelne Messwerte beeinflussen kann.
Blutwerte sind nicht gleich Körperbelastung
Ein weiteres Problem betrifft die Interpretation der Messungen. PFAS und Kunststoffpartikel befinden sich nicht ausschließlich im Blut. Stoffe können sich auch in Organen und Geweben verteilen. Sinkt ihre Konzentration im Blut unmittelbar nach einer Apherese, ist damit noch nicht geklärt, wie stark die gesamte Belastung des Körpers tatsächlich zurückgeht.
Ebenso offen ist, wie dauerhaft der Effekt wäre. Nach einer Behandlung könnten PFAS aus anderen Körperkompartimenten wieder in den Blutkreislauf gelangen. Wie häufig eine Apherese wiederholt werden müsste, um die Gesamtbelastung langfristig zu senken, wurde nicht untersucht.
Damit unterscheiden sich die neuen Ergebnisse deutlich von dem Eindruck einer einfachen „Entgiftung“. Die therapeutische Apherese ist ein medizinisch aufwendiges und invasives Verfahren. Sie wird nicht routinemäßig eingesetzt, um gesunde Menschen von Umweltstoffen zu befreien.
Für die Medizintechnik entsteht eine neue Forschungsfrage
Für die Medizintechnik ist die Untersuchung dennoch bemerkenswert. Aphereseverfahren sind etabliert, klinisch verfügbar und technisch erprobt. Sollte sich in größeren Studien bestätigen, dass PFAS mit vertretbarem Aufwand zuverlässig reduziert werden können und daraus ein konkreter gesundheitlicher Nutzen entsteht, könnte sich langfristig ein zusätzliches Einsatzgebiet ergeben.
Davon ist die Forschung derzeit allerdings noch entfernt. Eine medizinisch anerkannte Indikation zur gezielten Entfernung von PFAS oder Mikroplastik existiert nicht.
Hinzu kommt ein Punkt, der für die Einordnung der Studie wichtig ist: Einzelne Autoren haben Verbindungen zu Unternehmen aus dem Bereich Apherese und Medizintechnik offengelegt. Den veröffentlichten Angaben zufolge hatten die Geldgeber keinen Einfluss auf Datenerhebung, Auswertung oder Interpretation. Unabhängige Folgestudien dürften dennoch entscheidend sein, bevor sich aus den aktuellen Befunden weitergehende Schlussfolgerungen ziehen lassen.
Der entscheidende Nachweis fehlt noch
Für PFAS ist der Kern der neuen Studie vergleichsweise klar: Eine Blutwäsche kann bestimmte Verbindungen im Blut messbar senken. Dieser Befund passt zu früheren Erkenntnissen aus Blut- und Plasmaspenden und liefert einen weiteren Hinweis darauf, dass sich PFAS zumindest teilweise aus dem Kreislauf entfernen lassen.
Bei Mikroplastik ist die Lage deutlich unsicherer. Zu klein sind die untersuchten Gruppen, zu uneinheitlich die Ergebnisse, zu groß die methodischen Schwierigkeiten bei der Messung.
Der nächste Schritt ist deshalb weniger eine neue Therapie als eine präzisere Prüfung des Effekts. Entscheidend wird sein, ob größere, kontrollierte und unabhängige Studien bestätigen können, dass die Senkung von PFAS dauerhaft ist und Patienten davon medizinisch tatsächlich profitieren. Erst dann ließe sich beurteilen, ob aus einer überraschenden Nebenwirkung eines etablierten Blutfilterverfahrens ein neues Behandlungsfeld werden kann.





















