Die Europäische Gottesanbeterin wird in Deutschland immer häufiger beobachtet und hat ihr Verbreitungsgebiet in den vergangenen Jahrzehnten deutlich ausgeweitet. Seit Anfang Juli 2026 wurden bundesweit mehr als 15.000 Sichtungen gemeldet. Die Entwicklung gilt Fachleuten als sichtbares Beispiel dafür, wie wärmeliebende Arten von veränderten klimatischen Bedingungen profitieren können – doch aus hohen Meldezahlen lässt sich nicht direkt auf die Größe der Population schließen.
Deutschland, 23. August 2026 – Die Gottesanbeterin ist längst nicht mehr nur in wenigen besonders warmen Regionen Deutschlands zu finden. Die auffällige Fangschrecke mit dem dreieckigen Kopf und den charakteristisch angewinkelten Vorderbeinen wird inzwischen aus zahlreichen Bundesländern gemeldet. Ihr Vordringen ist kein plötzliches Phänomen dieses Sommers, sondern Teil einer Entwicklung, die sich seit Jahrzehnten beobachten lässt.
Besonders deutlich wird sie 2026. Nach Angaben des NABU wurden zwischen Anfang Juli und dem 23. August bundesweit mehr als 15.000 Sichtungen der Europäischen Gottesanbeterin registriert. Damit lag die Zahl der gemeldeten Beobachtungen bereits zu diesem Zeitpunkt über der des gesamten Vorjahres.
Schon 2025 war ein auffälliger Anstieg dokumentiert worden. Der aktuelle Sommer verstärkt den Eindruck nun noch einmal. Entscheidend ist jedoch nicht allein die Zahl einzelner Funde. Wissenschaftliche Verbreitungsdaten zeigen, dass sich Mantis religiosa in Deutschland tatsächlich über größere Räume etabliert hat.
Gottesanbeterin breitet sich seit Jahrzehnten aus
Die aktuelle bundesweite Rote Liste der Heuschrecken und Fangschrecken zeichnet ein klares Bild. Nach Angaben des Rote-Liste-Zentrums wurde die Gottesanbeterin früher in 34 sogenannten TK25-Rasterfeldern nachgewiesen. Inzwischen sind es 338. Sowohl für den kurzfristigen als auch für den langfristigen Bestandstrend wird eine deutliche Zunahme festgestellt.
| Merkmal | Frühere Erfassung | Aktuelle Einordnung |
|---|---|---|
| Rasterfelder mit Vorkommen | 34 | 338 |
| Bestandstrend | regional begrenzt | deutliche Zunahme |
| Gefährdung in Deutschland | – | ungefährdet |
Neuansiedlungen sind unter anderem aus Baden-Württemberg, Bayern, Brandenburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen dokumentiert. Auch Berlin gehört inzwischen zum Verbreitungsgebiet. Anfang August 2026 war die Gottesanbeterin nach NABU-Angaben in allen Bezirken der Hauptstadt nachgewiesen.
Das Wichtigste zusammengefasst
Die Europäische Gottesanbeterin hat ihr Verbreitungsgebiet in Deutschland über Jahrzehnte deutlich erweitert. Fachquellen sehen wärmere klimatische Bedingungen als wichtigen Treiber dieser Entwicklung.
- Was ist bestätigt?
- Nach Angaben des Rote-Liste-Zentrums wurde die Gottesanbeterin früher in 34 sogenannten TK25-Rasterfeldern nachgewiesen.
- Was ist bestätigt?
- Inzwischen sind es 338.
- Was bedeutet das?
- Nach Angaben des Bundesamtes für Naturschutz ist sie die einzige heimische Fangschreckenart des Landes.
- Was bedeutet das?
- Das Bundesamt für Naturschutz nennt die Art als Beispiel für südlich verbreitete Tiere, deren Areal sich unter wärmeren Bedingungen in Mitteleuropa erweitern kann.
Das bedeutet nicht, dass die Art flächendeckend in Deutschland vorkommt. Die Verbreitung bleibt regional unterschiedlich. Klar ist aber: Die Grenze ihres Lebensraums hat sich verschoben.
Keine neue invasive Art
Ihr Erscheinungsbild wirkt für viele Menschen exotisch. Biologisch wäre es jedoch falsch, die Gottesanbeterin als neu eingeschleppte Art einzuordnen. Die Europäische Gottesanbeterin gilt in Deutschland als einheimisch. Nach Angaben des Bundesamtes für Naturschutz ist sie die einzige heimische Fangschreckenart des Landes.
Die eigentliche Nachricht besteht deshalb nicht darin, dass eine fremde Art Deutschland erreicht. Bemerkenswert ist vielmehr, wie stark eine bereits heimische, wärmeliebende Art ihr Verbreitungsgebiet vergrößert.
Früher lagen bekannte Vorkommen vor allem in besonders warmen Regionen. Heute wird die Gottesanbeterin deutlich weiter nördlich und östlich beobachtet. In mehreren Bundesländern haben sich Populationen etabliert, wo über lange Zeit keine stabilen Bestände bekannt waren.
Warum wärmere Bedingungen der Gottesanbeterin helfen
Die Gottesanbeterin braucht Wärme. Sie bevorzugt trockene, sonnenexponierte und strukturreiche Lebensräume. Geeignet sind etwa Trockenrasen, Brachen, Böschungen, sonnige Wegränder oder ehemalige Bahnflächen. Entscheidend ist nicht nur das Nahrungsangebot, sondern auch das lokale Klima.
Das Bundesamt für Naturschutz nennt die Art als Beispiel für südlich verbreitete Tiere, deren Areal sich unter wärmeren Bedingungen in Mitteleuropa erweitern kann. Auch die Autoren der aktuellen Roten Liste sehen in dem günstigeren Großklima infolge des Klimawandels einen wesentlichen Grund für die großräumige Ausbreitung der Gottesanbeterin in Süd- und Ostdeutschland.
Besonders wichtig ist die Fortpflanzung. Weibchen legen ihre Eier in sogenannten Ootheken ab, schaumartig wirkenden Eipaketen, die den Nachwuchs schützen. Für die Entwicklung der Eier spielt Wärme eine zentrale Rolle. Regionen, die früher klimatisch an der Grenze des für die Art Geeigneten lagen, können dadurch zunehmend Bedingungen bieten, unter denen sich Populationen dauerhaft halten.
Diese Entwicklung wird auch auf Landesebene beobachtet. Hessen erfasst die Ausbreitung der Gottesanbeterin im Klimafolgenmonitoring. In Sachsen-Anhalt verweist das Landesamt für Umweltschutz darauf, dass sich die Art seit Beginn der 1990er-Jahre im Zuge klimatischer Veränderungen weiter nach Norden ausbreitet. Eine reproduzierende Population ist dort beispielsweise seit 2004 am Geiseltalsee bekannt.
Viele Sichtungen, aber keine exakte Bestandszahl
Die Zahl von mehr als 15.000 Meldungen seit Anfang Juli 2026 klingt nach einem sprunghaften Anwachsen der Population. So einfach lässt sie sich jedoch nicht lesen.
Beobachtungsplattformen erfassen Sichtungen von Bürgerinnen und Bürgern. Je bekannter eine Art wird, desto häufiger wird nach ihr Ausschau gehalten und desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Funde gemeldet werden. Einzelne Tiere können zudem unter Umständen mehrfach erfasst werden.
Die Meldezahlen sind deshalb kein Ersatz für eine bundesweite Bestandszählung. Sie zeigen vor allem, wie häufig die Gottesanbeterin derzeit beobachtet wird. Für den Nachweis ihrer langfristigen Ausbreitung sind die wissenschaftlich ausgewerteten Verbreitungsdaten entscheidender.
- Mehr als 15.000 Meldungen zeigen eine außergewöhnlich hohe Zahl dokumentierter Sichtungen im Sommer 2026.
- Sie erlauben keine Aussage darüber, wie viele Gottesanbeterinnen insgesamt in Deutschland leben.
- Die langfristige Arealausweitung ist durch separate Fach- und Verbreitungsdaten belegt.
Auch ein einzelner Fund an einem neuen Ort bedeutet nicht automatisch, dass sich dort bereits eine Population etabliert hat. Gottesanbeterinnen können fliegen und gelegentlich unbeabsichtigt über größere Entfernungen transportiert werden. Aussagekräftiger sind wiederholte Nachweise sowie Hinweise auf erfolgreiche Fortpflanzung.
Für Menschen ist die Gottesanbeterin ungefährlich
Das Aussehen der bisweilen recht großen Fangschrecke ist spektakulär, ihre Lebensweise ebenso. Die Vorderbeine sind mit Dornen besetzt und zu kräftigen Fangarmen umgebildet. Damit ergreift die Gottesanbeterin andere Insekten, die einen großen Teil ihrer Nahrung ausmachen.
Für Menschen stellt sie nach Angaben der Umweltbehörden keine Gefahr dar. Sie sticht nicht und gilt als ungefährlich. Tiere sollten dennoch nicht eingefangen oder versetzt werden, sondern möglichst am Fundort bleiben.
Auch der bekannteste Mythos über die Art braucht Differenzierung. Weibchen können Männchen während oder nach der Paarung fressen. Dieser sexuelle Kannibalismus kommt vor, ist aber keineswegs bei jeder Paarung zu beobachten.
Eine Art zeigt, wie sich Lebensräume verschieben
Die Gottesanbeterin gehört zu den auffälligen Gewinnern wärmerer Bedingungen in Deutschland. Während bei vielen Insektenarten Rückgänge dokumentiert werden, nimmt ihr Bestand zu. Bundesweit gilt sie inzwischen als ungefährdet.
Gerade deshalb ist ihre Entwicklung aus ökologischer Sicht interessant. Die Gottesanbeterin zeigt, dass sich Klimaveränderungen nicht nur in Temperaturstatistiken niederschlagen. Sie verändern auch die Räume, in denen einzelne Arten leben, überwintern und sich erfolgreich vermehren können.
Der außergewöhnliche Sommer 2026 macht diese Verschiebung besonders sichtbar. Mehr als 15.000 gemeldete Sichtungen sind ein markantes Signal, aber nur ein Teil des Gesamtbildes. Die entscheidende Entwicklung vollzieht sich über Jahre und Jahrzehnte: Die Gottesanbeterin hat ihr Verbreitungsgebiet in Deutschland erheblich erweitert.
Wie weit stabile Populationen künftig noch nach Norden vordringen, lässt sich aus den bisherigen Daten nicht sicher ableiten. Fest steht jedoch schon heute, dass die wärmeliebende Fangschrecke deutlich mehr Regionen besiedelt als noch vor wenigen Jahrzehnten – und dass die klimatischen Bedingungen dafür zunehmend günstiger geworden sind.





















