Mehrere vietnamesische Pflege-Auszubildende berichten von ausstehenden Vergütungen, überfüllten Unterkünften und erheblichen Mängeln in ihrer Ausbildung. Die Fälle aus Thüringen zeigen, wie schnell junge Menschen in Abhängigkeit geraten können, wenn Ausbildungsplatz, Wohnraum und Aufenthaltstitel eng miteinander verknüpft sind. Wie verbreitet solche Missstände bundesweit sind, lässt sich bislang jedoch nicht belastbar beziffern.

Berlin, 28. Juli 2026. Deutschland sucht dringend Nachwuchs für die Pflege. Junge Menschen aus Vietnam sollen einen Teil dieser Lücke schließen und erhalten dafür Ausbildungsplätze, Sprachkurse und die Aussicht auf eine berufliche Zukunft. Doch mehrere Betroffene schildern Erfahrungen, die mit diesem Versprechen wenig zu tun haben: fehlender Lohn, überfüllte Unterkünfte, unzureichende Ausbildungsinhalte und ein Abhängigkeitsverhältnis, aus dem sie sich nur schwer lösen konnten.

Die bekannten Fälle erlauben keine pauschale Aussage über vietnamesische Pflege-Auszubildende in Deutschland. Sie zeigen jedoch, wie verwundbar ein System wird, sobald ein einzelner Arbeitgeber oder Vermittler über mehrere Lebensbereiche zugleich bestimmt. Wer Ausbildung, Wohnung und aufenthaltsrechtliche Perspektive an eine Stelle bindet, hat im Konfliktfall kaum Spielraum.

Wenn eine Beschwerde die gesamte Existenz bedroht

Nach den Schilderungen mehrerer Betroffener kamen sie mit der Erwartung nach Thüringen, eine reguläre Pflegeausbildung zu beginnen. Vor Ort sollen jedoch wichtige Ausbildungsinhalte gefehlt haben. Zeitweise sei auch die vereinbarte Vergütung nicht gezahlt worden. Hinzu kamen Wohnverhältnisse, die die Auszubildenden als massiv überbelegt beschrieben.

Ein Betroffener berichtete, nach einer Beschwerde über ausstehenden Lohn einen Aufhebungsvertrag unterschrieben zu haben. Wegen seiner begrenzten Deutschkenntnisse habe er die Tragweite des Dokuments nicht vollständig verstanden. Damit stand nicht nur sein Ausbildungsplatz infrage. Auch der Aufenthaltstitel ausländischer Auszubildender ist grundsätzlich an den Zweck ihrer Ausbildung gebunden.

Diese Verbindung verschärft das Machtgefälle. Wer sich gegen schlechte Bedingungen wehrt, riskiert unter Umständen nicht nur den Arbeitsplatz, sondern zugleich die Unterkunft und die rechtliche Grundlage für den weiteren Aufenthalt in Deutschland. Für junge Menschen, die erst seit kurzer Zeit im Land sind und kaum unabhängige Kontakte haben, kann eine Beschwerde damit existenzielle Folgen haben.

Mehrere Risiken greifen ineinander

Risikofaktor Mögliche Folge
Ausbildungsplatz an einen einzelnen Betrieb gebunden Beschwerden können den Fortbestand der Ausbildung gefährden
Unterkunft über Arbeitgeber oder Vermittler organisiert Bei einem Konflikt droht zugleich der Verlust des Wohnraums
Aufenthaltstitel zum Zweck der Ausbildung Ein Abbruch kann zusätzlichen aufenthaltsrechtlichen Druck erzeugen
Hohe Vermittlungskosten im Herkunftsland Schulden erschweren einen Wechsel oder eine Rückkehr
Begrenzte Deutschkenntnisse Verträge, Rechte und rechtliche Folgen werden möglicherweise nicht verstanden

Den Betroffenen aus Thüringen gelang es später, neue Ausbildungsplätze zu finden. Nach den vorliegenden Angaben konnte allerdings nur einer von ihnen die Ausbildung wie ursprünglich geplant in der Pflege fortsetzen. Für die anderen bedeuteten die Missstände nicht allein einen Wechsel des Betriebs, sondern offenbar auch einen Bruch in ihrer beruflichen Planung.

Hohe Gebühren schon vor der Einreise

Die Abhängigkeit beginnt häufig nicht erst in Deutschland. Private Vermittler werben in Vietnam mit Ausbildungsplätzen, Sprachkursen, Visa und einer verlässlichen beruflichen Perspektive. Dafür werden nach Recherchen aus verschiedenen Branchen teils mehrere Tausend Euro verlangt. In einzelnen dokumentierten Fällen lagen die Summen bei bis zu 20.000 Euro.

Für viele Familien sind solche Beträge nicht aus eigenen Mitteln aufzubringen. Sie nehmen Kredite auf, leihen Geld im persönlichen Umfeld oder setzen Ersparnisse ein. Damit wächst der Druck, die Ausbildung unter allen Umständen fortzusetzen. Wer bereits hoch verschuldet nach Deutschland kommt, kann es sich kaum leisten, einen Betrieb vorschnell zu verlassen oder ohne neue Perspektive zurückzukehren.

Aus anderen Ausbildungsbranchen sind zudem mutmaßlich gefälschte Verträge, falsche Angaben zu Betrieben und fragwürdige Sprachzertifikate bekannt. Diese Fälle sind kein unmittelbarer Beleg für die Zustände in der Pflege. Sie zeigen jedoch, wie intransparent der private Vermittlungsmarkt sein kann und wie schwierig es für Bewerber ist, die Seriosität eines Angebots aus dem Ausland zu prüfen.

Viele Vermittlungsketten sind kaum durchschaubar

Oft sind mehrere Akteure beteiligt: Agenturen in Vietnam, Sprachschulen, Untervermittler, deutsche Personalvermittler und schließlich die Ausbildungsbetriebe. Für die Auszubildenden bleibt häufig unklar, wer tatsächlich Vertragspartner ist, wer Gebühren verlangt und wer bei Problemen Verantwortung übernimmt.

Besonders heikel wird die Situation, wenn dieselben Akteure auch die Unterkunft organisieren. Dann entscheidet ein Konflikt mit dem Betrieb nicht nur über die Ausbildung. Er kann unmittelbar dazu führen, dass Betroffene ohne Wohnraum dastehen und zugleich unter Zeitdruck eine neue Stelle finden müssen.

Deutsche Kontrollen stoßen an Grenzen

Ein Teil des Problems liegt in der begrenzten Aufsicht. Deutsche Regeln für private Arbeitsvermittlung greifen nicht ohne Weiteres bei Agenturen, die ausschließlich in Vietnam oder einem anderen Drittstaat tätig sind. Werden Gebühren im Ausland erhoben oder Verträge dort abgeschlossen, sind deutsche Behörden nur eingeschränkt zuständig.

Die Bundesregierung hat diese Lücke grundsätzlich eingeräumt. Bislang fehlt jedoch ein flächendeckendes System, das Vermittlungswege, Gebühren, Vertragsinhalte und die Qualität der anschließenden Ausbildung lückenlos kontrolliert. Für die Betroffenen bedeutet das: Selbst wenn Versprechen nicht eingehalten werden, ist oft schwer festzustellen, gegen wen Ansprüche bestehen und welche Stelle helfen kann.

Wie verbreitet die Missstände sind, bleibt offen

Rund 16.000 vietnamesische Staatsangehörige absolvierten nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit im Jahr 2025 eine Ausbildung in Deutschland. Die Zahl umfasst sämtliche Berufe. Wie viele davon in der Pflege tätig sind, ist öffentlich nicht verlässlich ausgewiesen.

Ebenso fehlt eine bundesweite Statistik darüber, wie viele vietnamesische Pflege-Auszubildende von Lohnproblemen, schlechten Unterkünften oder mangelnder Ausbildungsqualität betroffen sind. Auch zu den Vermittlungsgebühren gibt es keinen belastbaren Durchschnittswert. Bekannt sind Einzelfälle und Recherchen mit sehr unterschiedlichen Summen.

Deshalb wäre es falsch, aus den dokumentierten Fällen eine flächendeckende Ausbeutung abzuleiten. Ebenso falsch wäre es allerdings, sie als bloße Ausnahme ohne strukturelle Bedeutung abzutun. Die Kombination aus Schulden, Sprachbarrieren, aufenthaltsrechtlichem Druck und fehlender unabhängiger Beratung schafft ein Umfeld, in dem Missbrauch besonders schwer erkennbar und noch schwerer zu bekämpfen ist.

Der Fachkräftemangel erhöht den Druck

Deutschland hat ein erhebliches Interesse daran, junge Menschen aus dem Ausland für eine Ausbildung zu gewinnen. Ende September 2025 waren bundesweit 54.000 gemeldete Ausbildungsstellen unbesetzt. Die Zahl betrifft zahlreiche Branchen und darf nicht allein der Pflege zugerechnet werden. Sie zeigt jedoch, wie groß der Druck auf Betriebe und Politik ist, zusätzliche Bewerber zu finden.

Dieser Bedarf kann zu einer gefährlichen Schieflage führen. Je dringender Personal gesucht wird, desto größer wird der Markt für Vermittler. Ohne klare Regeln wächst zugleich das Risiko, dass wirtschaftliche Interessen vor den Schutz der Auszubildenden treten.

Pflege-Auszubildende aus Vietnam kommen nicht als fertige Fachkräfte nach Deutschland. Sie müssen eine anspruchsvolle Ausbildung absolvieren, die Sprache lernen und sich in einem neuen Alltag zurechtfinden. Schlechte Wohnbedingungen oder fehlende Ausbildungsinhalte gefährden deshalb nicht nur ihre persönliche Zukunft. Sie unterlaufen auch das Ziel, langfristig qualifiziertes Personal für das deutsche Gesundheitssystem zu gewinnen.

Staatliche Programme zeigen eine andere Möglichkeit

Dass internationale Anwerbung nicht zwangsläufig mit hohen privaten Gebühren und intransparenten Strukturen verbunden sein muss, zeigte das Programm Triple Win. Dabei arbeiteten die Bundesagentur für Arbeit, die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit und vietnamesische Stellen zusammen. Zur Vorbereitung gehörten unter anderem Sprachförderung und eine organisierte Vermittlung.

Die Kosten wurden nach den veröffentlichten Programminformationen von den beteiligten Arbeitgebern getragen, nicht von den Auszubildenden. Das Modell erreichte allerdings nur einen begrenzten Teil der Menschen, die für eine Ausbildung nach Deutschland kommen. Für die breite Ausbildungsmigration fehlen weiterhin verbindliche und flächendeckende Standards.

Dazu müssten vor allem grundlegende Schutzmechanismen gehören:

  • transparente Verträge in einer verständlichen Sprache,
  • ein wirksamer Schutz vor überhöhten Vermittlungsgebühren,
  • unabhängige Beratungsstellen nach der Einreise,
  • regelmäßige Kontrollen von Vergütung, Unterkunft und Ausbildungsqualität,
  • schnelle Möglichkeiten zum Betriebswechsel, ohne den Aufenthalt unmittelbar zu gefährden.

Wer Fachkräfte gewinnen will, muss Auszubildende schützen

Die Fälle aus Thüringen belegen keine flächendeckende Ausbeutung vietnamesischer Pflege-Auszubildender. Sie machen jedoch sichtbar, wie mehrere Abhängigkeiten zusammenwirken können. Wer für die Vermittlung hohe Schulden aufgenommen hat, die Sprache nur eingeschränkt beherrscht und bei einem einzigen Akteur zugleich Ausbildungsplatz und Wohnung verlieren kann, hat kaum Möglichkeiten, sich gegen schlechte Bedingungen zu wehren.

Deutschland wirbt im Ausland um junge Menschen für die Pflege. Daraus entsteht eine besondere Verantwortung. Wer Nachwuchs anwirbt, muss sicherstellen, dass aus einem Ausbildungsangebot kein Abhängigkeitsverhältnis wird. Solange Vermittlungswege kaum durchschaubar bleiben und wirksame Kontrollen fehlen, wird jeder neue Fall die gleiche Frage aufwerfen: Schützt das deutsche Ausbildungssystem diejenigen ausreichend, auf die es so dringend angewiesen ist?