Eine neue Sicherheitsstudie zeigt, dass Ende-zu-Ende-verschlüsselte Gruppenchats nicht zwangsläufig für alle Teilnehmer denselben Gesprächsverlauf darstellen. Ein böswilliges Gruppenmitglied kann unter bestimmten Voraussetzungen Nachrichten auslassen, ihre Reihenfolge verändern oder unterschiedliche Abstimmungsergebnisse anzeigen lassen. Die Verschlüsselung selbst bleibt dabei intakt – angegriffen wird die gemeinsame Wahrnehmung des Chats.
Baltimore, 30. Juli 2026. Verschlüsselte Gruppenchats gelten für viele Nutzer als geschützter Raum. Wer eine Nachricht sendet, erwartet, dass alle Mitglieder denselben Inhalt sehen, Antworten in derselben Reihenfolge erhalten und bei einer Abstimmung auf dasselbe Ergebnis blicken. Eine neue Forschungsarbeit zeigt nun, dass diese Annahme technisch nicht immer abgesichert ist.
Forschende der IT:U, der Universität Wien und von SBA Research haben untersucht, wie moderne Messenger Nachrichten innerhalb verschlüsselter Gruppen verteilen. Die Arbeit mit dem Titel „Send and Pretend: Exploiting Transcript Consistency Issues in End-to-End Encrypted Group Chats“ soll beim USENIX Security Symposium vorgestellt werden, das vom 12. bis 14. August 2026 in Baltimore stattfindet.
Nach Angaben von USENIX können böswillige Gruppenmitglieder unter bestimmten Bedingungen unterschiedliche Versionen derselben Unterhaltung erzeugen. Einzelne Empfänger sehen dann womöglich nicht alle Nachrichten, erhalten Beiträge in einer anderen Reihenfolge oder bekommen bei Abstimmungen ein abweichendes Ergebnis angezeigt. Der Messenger muss sie darüber nicht sichtbar informieren.
Ende-zu-Ende-Verschlüsselung schützt nicht vor jeder Täuschung
Der Befund ist brisant, verlangt aber eine präzise Einordnung. Die Forschenden haben die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung der untersuchten Messenger nicht gebrochen. Außenstehende können also nicht allein wegen der beschriebenen Schwäche verschlüsselte Nachrichten mitlesen oder beliebig verändern.
Ende-zu-Ende-Verschlüsselung schützt vor allem die Vertraulichkeit einer Kommunikation. Der Inhalt soll nur auf den Geräten der vorgesehenen Absender und Empfänger lesbar sein. Plattformbetreiber, Internetanbieter oder Dritte, die den Datenverkehr abfangen, sollen keinen Zugriff auf den Klartext erhalten.
Die Studie untersucht eine andere Sicherheitseigenschaft: die sogenannte Transcript Consistency. Gemeint ist die Konsistenz des Gesprächsverlaufs. Alle Teilnehmer einer Gruppe sollten idealerweise dieselben Nachrichten, dieselbe Reihenfolge und denselben Zustand interaktiver Elemente sehen.
| Sicherheitseigenschaft | Bedeutung |
|---|---|
| Ende-zu-Ende-Verschlüsselung | Unbefugte Dritte sollen Nachrichten nicht im Klartext lesen können. |
| Integrität | Inhalte sollen nicht unbemerkt verändert werden. |
| Transcript Consistency | Alle Gruppenmitglieder sollen denselben Verlauf und Gruppenstatus sehen. |
Genau an diesem dritten Punkt setzt die Forschungsarbeit an. Ein verschlüsselter Gruppenchat kann seine Inhalte vor Außenstehenden schützen, ohne technisch sicherzustellen, dass jedes Mitglied exakt dieselbe Unterhaltung angezeigt bekommt. Das Schloss-Symbol eines Messengers sagt damit weniger aus, als viele Nutzer vermuten.
Der Angreifer ist bereits Teil der Gruppe
Für das Verständnis der Schwachstelle ist entscheidend, wer den Angriff ausführen kann. Nach dem beschriebenen Bedrohungsmodell handelt es sich nicht um einen beliebigen Hacker außerhalb des Chats. Erforderlich ist grundsätzlich ein legitimes, aber böswilliges Gruppenmitglied oder ein von diesem Mitglied kontrolliertes beziehungsweise kompromittiertes Gerät.
Der Angreifer verfügt also bereits über Zugang zur Unterhaltung. Er nutzt nicht die Verschlüsselung aus, sondern die Art, wie Nachrichten an verschiedene Mitglieder oder Geräte verteilt werden. Gruppenchats arbeiten technisch nicht immer wie ein einziger, für alle identischer Datenstrom. Je nach Messenger, verbundenen Geräten und Zusatzfunktionen können mehrere Zustellwege nebeneinander bestehen.
Diese Architektur bietet Ansatzpunkte für unterschiedliche Ansichten desselben Chats. Eine Nachricht kann bei einem Mitglied erscheinen, während sie bei einem anderen fehlt. Auch die Reihenfolge einzelner Beiträge kann voneinander abweichen. Für die Betroffenen sieht der jeweilige Verlauf dennoch vollständig und glaubwürdig aus.
Manipulierte Nachrichtenverläufe bleiben möglicherweise unbemerkt
Die Studie beschreibt mehrere Formen der Manipulation in verschlüsselten Gruppenchats. Ein böswilliges Mitglied kann demnach Inhalte gegenüber ausgewählten Empfängern auslassen oder anders anordnen. Möglich seien zudem veränderte Darstellungen bestimmter Funktionen.
Das Risiko liegt weniger in einer spektakulären Veränderung einzelner Sätze als in der gezielten Steuerung des Kontexts. Fehlt eine Nachricht, kann eine spätere Antwort eine andere Bedeutung erhalten. Wird die Reihenfolge verschoben, erscheint ein Widerspruch möglicherweise als Zustimmung. Bleibt eine Moderationsnachricht verborgen, kann ein Teilnehmer davon ausgehen, dass eine Entscheidung nie getroffen wurde.
Solche Abweichungen sind schwer zu erkennen, wenn die Benutzeroberfläche keine Warnung anzeigt. Jeder Nutzer sieht nur die eigene Version des verschlüsselten Gruppenchats. Erst ein direkter Vergleich mehrerer Geräte würde offenlegen, dass die Verläufe nicht übereinstimmen.
Abstimmungen sind besonders sensibel
Besondere Aufmerksamkeit widmen die Forschenden Gruppenabstimmungen. Messenger-Polls werden längst nicht nur für private Terminfragen genutzt. Teams, Vereine und andere Organisationen verwenden sie auch, um Entscheidungen vorzubereiten oder Meinungsbilder einzuholen.
Wenn Teilnehmer unterschiedliche Stimmen, Optionen oder Endstände angezeigt bekommen, fehlt eine gemeinsame Tatsachengrundlage. Jeder Einzelne kann überzeugt sein, das korrekte Ergebnis zu sehen. Tatsächlich existieren jedoch mehrere voneinander abweichende Versionen.
Mögliche Folgen der beschriebenen Angriffe
- Einzelne Mitglieder sehen nicht alle Beiträge einer Gruppenunterhaltung.
- Nachrichten erscheinen auf verschiedenen Geräten in unterschiedlicher Reihenfolge.
- Der Zusammenhang zwischen Aussagen kann dadurch verändert werden.
- Moderationsmaßnahmen lassen sich gegenüber ausgewählten Empfängern verbergen.
- Abstimmungen können unterschiedlichen Nutzern mit abweichenden Ergebnissen erscheinen.
Als mögliche Einsatzfelder nennen die Autoren Social Engineering, die Umgehung von Moderation und die Manipulation von Abstimmungen. Belegt ist damit zunächst die technische Möglichkeit. Aus den bislang veröffentlichten Angaben geht nicht hervor, dass die Methoden bereits bei realen politischen, behördlichen oder wirtschaftlichen Entscheidungen eingesetzt wurden.
WhatsApp, Signal, Threema und iMessage im Blick der Forscher
In der veröffentlichten Zusammenfassung werden im Zusammenhang mit Gruppenabstimmungen unter anderem WhatsApp, Signal, Threema und iMessage genannt. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass jede einzelne Angriffsmethode bei allen Diensten gleichermaßen funktioniert.
Noch offen ist, welche konkreten App-Versionen, Betriebssysteme und Gerätekombinationen untersucht wurden. Auch der technische Aufwand ist bislang nicht vollständig erkennbar. Die Kurzfassung beantwortet nicht abschließend, ob ein veränderter Messenger-Client erforderlich ist, welche Rolle gekoppelte Geräte spielen und ob bestimmte Angriffe nur unter besonderen Bedingungen möglich sind.
Ebenso wenig lässt sich bislang pauschal sagen, ob sämtliche beschriebenen Schwächen in aktuellen Versionen weiterhin bestehen. Hersteller können einzelne Probleme inzwischen behoben haben oder die Befunde unterschiedlich bewerten. Denkbar ist, dass Anbieter manche Effekte als Sicherheitslücke einstufen, andere dagegen als Folge des gewählten Protokoll- oder Bedienkonzepts.
Für eine belastbare Bewertung sind deshalb die vollständige Veröffentlichung der Studie und die Reaktionen der betroffenen Unternehmen entscheidend. Erst daraus wird hervorgehen, welche Messenger in welcher Konfiguration angreifbar waren und welche Gegenmaßnahmen empfohlen werden.
Die Benutzeroberfläche wird zum Sicherheitsfaktor
Die Untersuchung betrifft nicht nur kryptografische Verfahren. Sie lenkt den Blick auf die Gestaltung der Apps. Technische Abweichungen bleiben für Nutzer unsichtbar, solange der Messenger sie nicht kenntlich macht.
Ein verschlüsselter Gruppenchat lebt von einer unausgesprochenen Annahme: Was auf dem eigenen Bildschirm erscheint, sehen auch die anderen. Wer eine Antwort liest, geht davon aus, dass sie der gesamten Gruppe vorliegt. Wer keine Reaktion erhält, nimmt an, niemand habe reagiert. Diese gemeinsame Grundlage kann durch unterschiedliche Chatverläufe gezielt unterlaufen werden.
Die Benutzeroberfläche entscheidet deshalb mit darüber, ob ein Angriff gelingt. Warnhinweise, technische Konsistenzprüfungen oder überprüfbare Bestätigungen für Abstimmungen könnten Abweichungen sichtbar machen. Welche Maßnahmen die Forschenden im Einzelnen vorschlagen und wie gut sie sich im Alltag umsetzen lassen, wird sich erst anhand der vollständigen Arbeit beurteilen lassen.
Sichere Kommunikation braucht mehr als ein Schloss-Symbol
Die Studie stellt den Nutzen von Ende-zu-Ende-Verschlüsselung nicht infrage. Sie zeigt vielmehr, dass Vertraulichkeit nur ein Teil sicherer digitaler Kommunikation ist. Ebenso wichtig ist, dass alle Beteiligten dieselbe Version eines Gesprächs vor sich haben.
Für Nutzer verschlüsselter Gruppenchats bleibt damit eine entscheidende Unterscheidung: Das Schloss-Symbol signalisiert, dass Außenstehende die Nachrichten nicht ohne Weiteres lesen können. Es garantiert jedoch nicht automatisch, dass jedes Gruppenmitglied denselben Verlauf, dieselbe Reihenfolge und dasselbe Abstimmungsergebnis sieht.
Gerade dort, wo Messenger nicht nur für private Gespräche, sondern für Abstimmungen, Moderation und gemeinsame Entscheidungen genutzt werden, wird diese Lücke relevant. Die Forschung macht ein Problem sichtbar, das im Alltag kaum auffällt: Ein Gruppenchat kann vertraulich sein – und dennoch keine einheitliche gemeinsame Wirklichkeit abbilden.





















