Eine große US-Studie liefert Hinweise darauf, dass Multivitamine im Alter bestimmte Beschwerden geringfügig lindern könnten. Eine bessere körperliche Leistungsfähigkeit oder mehr Selbstständigkeit im Alltag ließ sich jedoch nicht nachweisen. Zudem sind die Ergebnisse bislang nur auf einer Fachkonferenz vorgestellt und noch nicht vollständig wissenschaftlich begutachtet worden.

Berlin, 28. Juli 2026 – Multivitamine im Alter gelten vielen Menschen als einfache Möglichkeit, die Gesundheit zu stabilisieren und länger leistungsfähig zu bleiben. Eine neue Auswertung der US-amerikanischen COSMOS-Studie scheint diese Hoffnung zumindest teilweise zu stützen: Ältere Erwachsene, die über drei Jahre täglich ein Multivitamin-Mineralstoff-Präparat einnahmen, berichteten etwas weniger Beschwerden als Teilnehmer einer Placebogruppe.

Der Effekt fiel allerdings klein aus. Vor allem erlaubt die Untersuchung keine pauschale Empfehlung, Nahrungsergänzungsmittel im Alter vorsorglich einzunehmen. Gemessen wurden überwiegend subjektive Angaben in Fragebögen. Ein eindeutiger Vorteil bei der körperlichen Funktionsfähigkeit zeigte sich nicht.

Was die Studie zu Multivitaminen im Alter untersucht hat

Die aktuelle Analyse beruht auf Daten der COcoa Supplement and Multivitamin Outcomes Study, kurz COSMOS. Die Untersuchung war randomisiert, doppelblind und placebokontrolliert angelegt. Die Teilnehmenden wurden also nach dem Zufallsprinzip verschiedenen Gruppen zugeteilt. Weder sie selbst noch die betreuenden Wissenschaftler wussten während der Studie, wer ein echtes Präparat und wer ein Placebo erhielt.

In die nun vorgestellte Auswertung flossen die Angaben von 16.027 Frauen und Männern ein. Männer waren zu Studienbeginn mindestens 60 Jahre alt, Frauen mindestens 65 Jahre. Die Probanden erhielten entweder ein Multivitamin-Mineralstoff-Präparat, einen standardisierten Kakaoextrakt, beide Präparate zusammen oder entsprechende Placebos.

Nach drei Jahren verglichen die Forschenden, wie die Teilnehmer ihren gesundheitlichen Zustand einschätzten. Abgefragt wurden unter anderem Müdigkeit, Atemnot, Schwellungen sowie Einschränkungen bei körperlichen und alltäglichen Tätigkeiten.

Geringe Unterschiede bei den Beschwerden

In der Gruppe mit dem Multivitaminpräparat lagen einzelne Fragebogenwerte etwas günstiger als in der Placebogruppe. Die Unterschiede waren statistisch nachweisbar, blieben aber gering. Den Ausschlag gaben vor allem Angaben zu Beschwerden und Symptomen.

Bei der separat betrachteten körperlichen Funktionsfähigkeit fanden die Forschenden dagegen keinen statistisch eindeutigen Vorteil. Die Ergebnisse belegen deshalb nicht, dass Multivitamine im Alter das Gehen erleichtern, die Ausdauer steigern oder die Selbstständigkeit im Haushalt verbessern.

Genau an diesem Punkt liegt die entscheidende Einschränkung der Studie: Ein statistischer Unterschied muss für die Betroffenen nicht automatisch spürbar sein. Ob die Teilnehmer die Veränderungen tatsächlich als relevante Verbesserung ihres Alltags wahrnahmen, lässt sich aus den bislang veröffentlichten Angaben nicht sicher ableiten.

Untersucht wurde Nicht nachgewiesen wurde
Die selbst berichtete Belastung durch Symptome wie Müdigkeit, Atemnot oder Schwellungen Eine eindeutig bessere objektive körperliche Leistungsfähigkeit
Ein bestimmtes Multivitamin-Mineralstoff-Präparat Ein Nutzen von Nahrungsergänzungsmitteln allgemein
Veränderungen nach drei Jahren Einnahme Ein Schutz vor Pflegebedürftigkeit oder schweren Erkrankungen

Nahrungsergänzung ist nicht gleich Nahrungsergänzung

Die Ergebnisse lassen sich nicht auf sämtliche Vitamine, Mineralstoffe oder frei verkäuflichen Präparate übertragen. Untersucht wurde eine konkrete Kombination verschiedener Nährstoffe. Aussagen über einzelne Produkte wie Vitamin D, Magnesium, Omega-3-Fettsäuren oder pflanzliche Mittel sind auf dieser Grundlage nicht möglich.

Auch der Begriff Nahrungsergänzung im Alter greift zu weit. Die Studie beantwortet nicht die Frage, ob ältere Menschen grundsätzlich von zusätzlichen Nährstoffen profitieren. Sie zeigt lediglich, dass ein bestimmtes Multivitaminpräparat bei bestimmten selbst berichteten Beschwerden mit kleinen Unterschieden verbunden war.

Der ebenfalls getestete Kakaoextrakt brachte in der Gesamtgruppe keinen statistisch signifikanten Vorteil bei den untersuchten Gesundheitswerten. Auffällige Resultate zeigten sich nur in kleinen Untergruppen, darunter Teilnehmer mit Herzschwäche oder einer Verengung der Halsschlagader.

Solche Teilanalysen sind jedoch besonders anfällig für Zufallsbefunde. Je kleiner die Gruppe, desto größer das Risiko, dass ein scheinbarer Unterschied nicht stabil ist. Die Ergebnisse können neue Forschungsfragen anstoßen, reichen aber nicht als Grundlage für eine Behandlung oder eine allgemeine Einnahmeempfehlung.

Warum die Ergebnisse noch vorläufig sind

Die Analyse wurde auf der Fachkonferenz NUTRITION 2026 präsentiert. Ein vollständig veröffentlichter und unabhängig geprüfter Fachartikel lag zum Zeitpunkt der Vorstellung noch nicht vor. Damit fehlen bislang wichtige Details, etwa zur exakten Größe der Effekte, zu den statistischen Prüfungen und zur medizinischen Bedeutung der Unterschiede.

Hinzu kommt: Es handelt sich um eine Sekundärauswertung. Die COSMOS-Studie war ursprünglich vor allem darauf ausgerichtet, mögliche Auswirkungen von Kakaoextrakt und Multivitaminpräparaten auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen und andere gesundheitliche Endpunkte zu untersuchen.

In der Hauptauswertung hatte die Einnahme von Multivitaminen schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse nicht signifikant verringert. Die aktuelle Untersuchung betrachtet einen anderen Endpunkt – nämlich, wie die Teilnehmer Beschwerden und Einschränkungen selbst einschätzten.

Fragebogen statt Leistungstest

Für die neue Auswertung kam ein Fragebogen zum Einsatz, der ursprünglich für Menschen mit Herzschwäche entwickelt wurde. Er erfasst, wie stark bestimmte Symptome auftreten und wie sehr sie den Alltag beeinträchtigen.

Solche Angaben sind medizinisch relevant, weil sie die Perspektive der Betroffenen abbilden. Sie ersetzen jedoch keine objektiven Tests. Muskelkraft, Gehgeschwindigkeit, Gleichgewicht oder Ausdauer wurden in dieser Auswertung nicht als entscheidende Messgrößen herangezogen.

Unklar ist außerdem, welche Teilnehmer zu Beginn tatsächlich unter einem Vitamin- oder Mineralstoffmangel litten. Menschen mit einer schlechten Nährstoffversorgung könnten anders auf Multivitamine im Alter reagieren als Personen, die bereits ausreichend versorgt sind. Die veröffentlichten Ergebnisse zeigen deshalb nicht, welche Gruppen möglicherweise stärker profitieren.

Wann Nahrungsergänzung im Alter sinnvoll sein kann

Mit zunehmendem Alter sinkt bei vielen Menschen der Energiebedarf. Der Bedarf an Vitaminen und Mineralstoffen bleibt dagegen weitgehend bestehen. Wer weniger isst, muss deshalb stärker darauf achten, nährstoffreiche Lebensmittel auszuwählen.

Daraus folgt jedoch nicht, dass ältere Menschen automatisch ein Multivitaminpräparat benötigen. Fachstellen empfehlen zunächst eine abwechslungsreiche Ernährung mit Gemüse, Obst, Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten und geeigneten Eiweißquellen.

Eine gezielte Nahrungsergänzung im Alter kann dennoch sinnvoll sein:

  • bei einem ärztlich nachgewiesenen Nährstoffmangel,
  • bei Erkrankungen, die die Aufnahme bestimmter Nährstoffe beeinträchtigen,
  • bei Medikamenten, die den Nährstoffhaushalt verändern können,
  • bei Ernährungsformen, durch die einzelne Vitamine oder Mineralstoffe fehlen können,
  • bei stark eingeschränkter körpereigener Vitamin-D-Bildung.

Entscheidend ist die gezielte Auswahl. Eine vorsorgliche Einnahme nach dem Prinzip „viel hilft viel“ kann Risiken bergen. Werden mehrere Präparate miteinander kombiniert, steigt die Gefahr einer Überversorgung. Das gilt besonders für hoch dosierte Produkte.

Wechselwirkungen werden oft unterschätzt

Viele ältere Menschen nehmen regelmäßig mehrere Arzneimittel ein. Nahrungsergänzungsmittel können deren Wirkung beeinflussen. Manche Inhaltsstoffe verstärken Medikamente, andere schwächen sie ab oder erhöhen das Risiko unerwünschter Nebenwirkungen.

Auch frei verkäufliche Produkte sind deshalb nicht automatisch harmlos. Vor allem bei chronischen Erkrankungen oder einer umfangreichen Medikation sollte die Einnahme mit einem Arzt oder Apotheker abgestimmt werden.

Die COSMOS-Auswertung ändert an dieser grundsätzlichen Empfehlung nichts. Sie liefert Hinweise auf kleine Unterschiede bei bestimmten Beschwerden, aber keinen Beleg dafür, dass Multivitamine im Alter generell notwendig oder für alle Menschen vorteilhaft sind.

Kleine Hinweise, große Erwartungen

Die Untersuchung erweitert die wissenschaftliche Debatte über Multivitamine im Alter. Sie deutet an, dass ein bestimmtes Präparat die Wahrnehmung einzelner Beschwerden geringfügig beeinflussen könnte. Einen klaren Gewinn an körperlicher Leistungsfähigkeit, Selbstständigkeit oder Schutz vor schweren Krankheiten weist sie nicht nach.

Für ältere Menschen bleibt deshalb eine nüchterne Abwägung entscheidend. Nicht das Alter allein bestimmt, ob ein Präparat sinnvoll ist, sondern die individuelle Ernährung, mögliche Erkrankungen, Medikamente und ein tatsächlich festgestellter Mangel. Die neuen Daten liefern einen weiteren Hinweis – mehr vorerst nicht.