Seit Mitte Juli treffen ukrainische Drohnenangriffe die Logistikinfrastruktur von Wildberries, Russlands größtem Onlinehändler. Mindestens 20 Standorte waren bis Anfang August betroffen, große Lagerflächen wurden beschädigt oder zerstört. Wie hoch der Gesamtschaden für Wildberries und die angeschlossenen Händler tatsächlich ausfällt, ist jedoch weiterhin offen – die häufig genannte Größenordnung von fünf Milliarden US-Dollar ist nicht abschließend bestätigt.
Moskau, 10. August 2026. Die Angriffswelle auf Wildberries entwickelt sich zu einem Belastungstest für Russlands Onlinehandel. Nach Angaben von Reuters wurden seit dem 18. Juli mindestens 20 Standorte des Unternehmens getroffen. Satellitenbilder, die die Nachrichtenagentur ausgewertet hat, zeigen demnach Schäden auf mindestens 1,18 Millionen Quadratmetern Lagerfläche.
Das ist mehr als ein Fünftel der von Reuters betrachteten Lagerkapazität. Für Wildberries bedeutet das nicht nur beschädigte Gebäude und unterbrochene Warenströme. Betroffen sind auch zehntausende Händler, deren Produkte in den Lagern des Konzerns liegen und über dessen Plattform vertrieben werden.
Wie belastbar sind die fünf Milliarden Dollar?
Die oft genannte Schadenssumme von rund fünf Milliarden US-Dollar klingt präzise, ist es aber nicht. Eine unabhängige, abschließend bestätigte Bilanz liegt bislang nicht vor. Verschiedene russische Berichte arbeiten mit unterschiedlichen Schadensbegriffen und kommen deshalb zu stark voneinander abweichenden Ergebnissen.
Eine obere Schätzung von rund 400 Milliarden Rubel entspricht rechnerisch ungefähr fünf Milliarden Dollar. Diese Größenordnung sollte jedoch nicht mit einem festgestellten Verlust von Wildberries gleichgesetzt werden. Reuters nennt die Summe nicht als verifizierten Gesamtschaden, sondern berichtet von Belastungen in Höhe mehrerer hundert Milliarden Rubel, die in russischen Kreisen diskutiert werden.
Konkreter sind andere Schätzungen. Das russische Forbes zitierte den Data-Insight-Analysten Sergej Semko mit möglichen Verlusten der über Wildberries verkaufenden Händler von 215 bis 280 Milliarden Rubel. Schon daran zeigt sich, wie schwer die Schadenslage zu beziffern ist: Es geht nicht allein um zerstörte Hallen, sondern um ein Geflecht aus Lagerbeständen, Lieferketten, Umsatzausfällen und Finanzierungskosten.
Das Wichtigste
KI-gestützte Zusammenfassung aus den im Beitrag genannten Quellen.
Seit Mitte Juli treffen ukrainische Drohnenangriffe zahlreiche Standorte des russischen Onlinehändlers Wildberries. Die wirtschaftlichen Folgen reichen bis in das Händler- und Logistiknetz, während die oft genannte Schadenssumme von fünf Milliarden US-Dollar nicht abschließend bestätigt ist.
- Was ist passiert?
- Nach Angaben von Reuters wurden seit dem 18. Juli mindestens 20 Standorte des Unternehmens getroffen.
- Was ist bestätigt?
- Satellitenbilder, die die Nachrichtenagentur ausgewertet hat, zeigen demnach Schäden auf mindestens 1,18 Millionen Quadratmetern Lagerfläche.
- Was ist noch offen?
- Eine unabhängige, abschließend bestätigte Bilanz liegt bislang nicht vor.
- Wer ist betroffen?
- Wildberries teilte Reuters zufolge mit, erste freiwillige Entschädigungen an mehr als 97.000 Händler geleistet zu haben, deren Waren bei den Angriffen verloren gingen.
- Was bedeutet das?
- Die physische Infrastruktur wird damit zum entscheidenden Risikofaktor eines Geschäftsmodells, das nach außen vor allem digital erscheint.
Der Schaden verteilt sich auf ein ganzes Händlernetz
Wildberries funktioniert als digitaler Marktplatz, doch ein großer Teil der Ware gehört nicht dem Unternehmen selbst. In den Logistikzentren lagern Produkte unabhängiger Verkäufer, die die Plattform für Vertrieb, Lagerung und Auslieferung nutzen.
Deshalb umfasst der wirtschaftliche Schaden mehrere Ebenen zugleich:
- beschädigte oder zerstörte Lagerhallen und technische Infrastruktur,
- vernichtete Warenbestände externer Händler,
- Umsatzausfälle durch unterbrochene Lieferketten,
- zusätzliche Kosten für Umverteilung, Sicherheit und Ersatzlogistik,
- mögliche Liquiditäts- und Kreditprobleme bei angeschlossenen Unternehmen.
Eine Formulierung wie „Wildberries verliert fünf Milliarden Dollar“ würde diese Unterschiede verwischen. Belastbar ist vielmehr, dass sich die Folgen der Angriffe über das gesamte Ökosystem des Onlinehändlers verteilen.
Der digitale Handel hängt an realen Lagerhallen
Gerade für die Kategorie Digitalisierung ist der Fall bemerkenswert. Wildberries gilt als einer der zentralen Akteure des russischen E-Commerce und wird international häufig als russisches Pendant zu Amazon beschrieben. Hinter der Plattform steht jedoch eine klassische, großflächige Logistikstruktur.
Nach Angaben von Reuters verfügt Wildberries über rund 98.000 Abholstationen in Russland und angrenzenden Staaten. Das Unternehmen verbindet Händler, Lagerzentren, Zahlungsprozesse und die letzte Liefermeile in einem eng getakteten System. Gerät ein Teil dieser Infrastruktur ins Stocken, wirkt sich das unmittelbar auf Bestellungen, Warenverfügbarkeit und Auslieferung aus.
Genau das macht die Angriffe so folgenreich. Ein digitaler Marktplatz kann Millionen Transaktionen steuern, doch ohne funktionierende Lager und Transportwege bleibt der Warenfluss stehen. Die physische Infrastruktur wird damit zum entscheidenden Risikofaktor eines Geschäftsmodells, das nach außen vor allem digital erscheint.
Mehr als 97.000 Händler sollen entschädigt werden
Wildberries teilte Reuters zufolge mit, erste freiwillige Entschädigungen an mehr als 97.000 Händler geleistet zu haben, deren Waren bei den Angriffen verloren gingen. Die Zahl verdeutlicht die Dimension der Folgen für kleinere und mittlere Verkäufer, die auf die Plattform angewiesen sind.
Parallel dazu wurden Anfang August mehr als 3.100 Wildberries-Abholstellen auf der russischen Plattform Avito zum Verkauf angeboten. Daraus allein lässt sich kein direkter Zusammenhang mit den Drohnenangriffen ableiten. Die Entwicklung zeigt jedoch, unter welchem wirtschaftlichen Druck Teile des Wildberries-Netzes stehen.
Russische Banken und Behörden beobachten die Folgen
Die Auswirkungen beschränken sich längst nicht mehr auf die Logistik. Reuters berichtet, dass die russische Regierung Unterstützungsmaßnahmen für Wildberries und betroffene Händler prüft. Im Gespräch sind demnach Kredite staatlicher Banken, Steuererleichterungen und Subventionen.
Auch die russische Zentralbank verfolgt die Entwicklung. Große Onlineplattformen haben inzwischen erheblichen Einfluss auf den Vertrieb von Konsumgütern. Werden Lieferketten unterbrochen oder Waren knapp, können sich die Folgen auf Preise und Verfügbarkeit ausweiten.
Die Sberbank berichtete laut Reuters außerdem von rund 300 Unternehmen, die infolge der Angriffe Kreditrestrukturierungen beantragt hätten. Das ist ein weiteres Indiz dafür, dass die Belastungen nicht an den Toren der Wildberries-Lager enden. Händler, Zulieferer und Dienstleister sind wirtschaftlich eng mit dem Konzern verbunden.
Die Angriffswelle begann im Juli
Wildberries-Chefin Tatjana Kim hatte bereits am 22. Juli Angriffe auf Lagerstandorte in Krasnodar und Newinnomyssk bestätigt. Reuters konnte Bildmaterial zu mindestens einem dieser Angriffe verifizieren. In den folgenden Wochen kamen weitere Standorte hinzu.
Bis zum 7. August registrierte die Nachrichtenagentur mindestens 20 betroffene Unternehmensstandorte. Bei den Angriffen auf Wildberries-Lager wurden nach Reuters mindestens 13 Menschen getötet.
Die Ukraine begründet die Angriffe unter anderem mit einer möglichen militärischen oder sogenannten Dual-Use-Nutzung von Wildberries-Strukturen. Wildberries und der Kreml bestreiten, dass das Unternehmen das russische Militär beliefere. Eine umfassende militärische Nutzung der Infrastruktur ist bislang nicht unabhängig bestätigt.
Zwischen Handelsplattform und kritischer Infrastruktur
Der Streit um die Rolle des Unternehmens verweist auf eine größere Frage: Wann wird ein privatwirtschaftlicher Logistikkonzern in einem Krieg selbst Teil strategischer Infrastruktur? Bei Wildberries lässt sich diese Frage derzeit nicht abschließend beantworten.
Fest steht jedoch, dass der Onlinehändler eine zentrale Rolle für Warenverteilung und E-Commerce in Russland spielt. Die Größe seines Netzes macht das Unternehmen wirtschaftlich relevant – und zugleich verwundbar.
Warum die Schadenszahlen so stark schwanken
Die Spanne der veröffentlichten Schätzungen ist groß. Frühere Berechnungen lagen teilweise bei rund 100 Milliarden Rubel. Spätere Analysen bezifferten allein die möglichen Händlerverluste auf mehr als 200 Milliarden Rubel. Andere Berichte nennen Größenordnungen bis etwa 400 Milliarden Rubel.
Diese Werte lassen sich nicht einfach nebeneinanderstellen. Manche Berechnungen berücksichtigen nur beschädigte Waren, andere zusätzlich zerstörte Gebäude, Produktionsausfälle, Verzögerungen oder mögliche Folgeschäden. Wieder andere beziehen sich auf das gesamte Händlernetz.
Auch Versicherungsleistungen, Entschädigungen und staatliche Hilfen können den letztlichen wirtschaftlichen Verlust verändern. Die Zahl von rund fünf Milliarden Dollar bleibt deshalb eine Schätzung am oberen Rand – keine belastbare Endabrechnung.
Für Wildberries entscheidet jetzt die Widerstandsfähigkeit des Netzes
Für Russlands Onlinehandel wird nun entscheidend, wie schnell Wildberries beschädigte Kapazitäten ersetzen und Warenströme auf andere Standorte verteilen kann. Das Unternehmen verfügt über ein großes Netz, doch die Angriffe zeigen, dass auch digitale Plattformmodelle an physische Engpässe gebunden bleiben.
Die wirtschaftliche Tragweite reicht deshalb über einzelne Lagerhallen hinaus. Wildberries steht exemplarisch für einen E-Commerce-Sektor, dessen digitale Oberfläche nur funktioniert, solange Logistik, Händlerfinanzierung und Zustellung stabil bleiben. Wie hoch der endgültige Schaden ausfällt, dürfte sich erst klären, wenn Entschädigungen, Versicherungszahlungen und die langfristigen Folgen für Händler vollständig erfasst sind.




















