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Digitale Infrastruktur

TI 2.0 baut Deutschlands Gesundheitsnetz um – zugleich wächst der Streit um gelöschte EU-Chats

Arbeitsplatz mit Smartphone und digitaler Darstellung zur TI 2.0 und Telematikinfrastruktur im Gesundheitswesen
Symbolbild: KI-generiert. Die Telematikinfrastruktur soll mit der TI 2.0 technisch neu aufgestellt werden, während auf EU-Ebene über den Umgang mit automatisch verschwindenden Nachrichten diskutiert wird.

Deutschlands digitales Gesundheitsnetz steht vor einem tiefgreifenden Technologiewechsel. Mit der TI 2.0 will die Gematik die Telematikinfrastruktur von ihrer bisherigen Hardwareabhängigkeit lösen und auf digitale Identitäten sowie ein Zero-Trust-Sicherheitsmodell umstellen. Gleichzeitig wächst in Brüssel der Druck auf die EU-Kommission, ihre Regeln für automatisch verschwindende Messenger-Nachrichten und die Aufbewahrung politisch relevanter Kommunikation zu überprüfen.

Berlin/Brüssel, 21. September 2026. Deutschlands Gesundheitswesen hängt an einer digitalen Infrastruktur, die Patienten im Alltag meist nicht sehen. Über die Telematikinfrastruktur, kurz TI, laufen zentrale Anwendungen und Dienste für Arztpraxen, Krankenhäuser, Apotheken und Krankenkassen. E-Rezept und elektronische Patientenakte wären ohne dieses Netz in ihrer heutigen Form nicht denkbar.

Doch die technische Konstruktion dahinter soll sich grundlegend verändern. Die Gematik arbeitet mit der TI 2.0 an einer neuen Generation der Telematikinfrastruktur. Weniger Spezialhardware vor Ort, digitale Identitäten und eine neue Sicherheitsarchitektur sollen das Gesundheitsnetz in den kommenden Jahren prägen. Erste Teile dieser neuen Welt werden bereits erprobt.

Während Deutschland damit vor allem die technische Seite seiner digitalen Infrastruktur neu ordnet, entzündet sich in Brüssel eine Debatte an deren anderem Ende: Was geschieht mit digitaler Kommunikation, wenn sie nicht mehr gebraucht wird – oder wenn Behörden sie eigentlich noch dokumentieren müssten? Automatisch verschwindende Messenger-Nachrichten der EU-Kommission haben diese Frage neu aufgeworfen.

TI 2.0 soll die Telematikinfrastruktur grundlegend verändern

Die heutige Telematikinfrastruktur ist über Jahre gewachsen. Ein charakteristischer Bestandteil sind die Konnektoren, die in Praxen und anderen Einrichtungen den abgesicherten Zugang zur TI herstellen. Dieses Prinzip soll langfristig zurückgedrängt werden.

Nach Angaben der Gematik soll die TI 2.0 weniger von spezieller Hardware in den einzelnen Einrichtungen abhängig sein. Stattdessen setzt das Konzept stärker auf digitale Identitäten und softwarebasierte Zugänge. Dahinter steckt nicht nur der Wunsch nach einer moderneren technischen Plattform. Auch die Sicherheitslogik wird verändert.

Eine zentrale Rolle spielt dabei Zero Trust. Das Konzept verabschiedet sich von der Vorstellung, dass ein Nutzer oder Gerät allein aufgrund seiner Position innerhalb eines bestimmten Netzes als vertrauenswürdig gelten kann. Zugriffe müssen vielmehr geprüft und abgesichert werden. Für die Telematikinfrastruktur entwickelt die Gematik dafür eine Architektur unter der Bezeichnung ZETA.

Die Transformation ist allerdings kein Neustart an einem einzigen Stichtag. Die bisherige Infrastruktur verschwindet nicht über Nacht. Alte und neue Komponenten werden über einen längeren Zeitraum nebeneinander existieren, während einzelne Anwendungen auf die neue Architektur wechseln.

Erste Bausteine der TI 2.0 laufen bereits

Wie weit dieser Prozess inzwischen reicht, zeigen zwei Entwicklungen aus dem Jahr 2026. Im Juli begann nach Angaben der Gematik stufenweise die Erprobung des sogenannten Proof of Patient Presence, kurz PoPP, in einer Modellregion. Das Verfahren soll digital nachweisen können, dass sich ein Versicherter tatsächlich in einer Versorgungseinrichtung befindet.

Seit dem 1. September 2026 läuft außerdem die gestaffelte Pilotierung von VSDM 2.0. Hinter der Abkürzung steht die neue Generation des Versichertenstammdatenmanagements. Nach Darstellung der Gematik handelt es sich dabei um die erste Anwendung der TI 2.0, die auf der neuen Zero-Trust-Architektur aufsetzt.

Das Wichtigste in Kürze

Die Gematik stellt die deutsche Telematikinfrastruktur schrittweise auf die TI 2.0 mit digitalen Identitäten und Zero Trust um. Parallel sorgt der Umgang der EU-Kommission mit automatisch verschwindenden Nachrichten für eine Transparenzdebatte.

Was ist passiert?
Die Gematik arbeitet mit der TI 2.0 an einer neuen Generation der Telematikinfrastruktur.
Was gilt konkret?
Die Gesellschafter der Gematik beschlossen 2025, die Nutzung der Einbox-Konnektoren nur noch maximal bis Ende 2030 zu ermöglichen.
Was ist bestätigt?
Die Europäische Kommission bestätigte später, dass es die Kommunikation gegeben hatte.
Was ist passiert?
Sie stellte im Juni 2026 einen Missstand bei der Bearbeitung des Antrags auf Informationszugang fest.

Stand:

Der Umbau der Telematikinfrastruktur wird damit konkret. Statt zunächst eine komplett neue Plattform aufzubauen und anschließend umzuschalten, wandern einzelne Funktionen schrittweise in die neue Architektur. Pilotierungen, technische Zulassungen und die Einführung entsprechender Produkte bestimmen das Tempo.

Die Konnektoren bleiben – aber nicht unbegrenzt

Besonders greifbar wird der Technologiewechsel bei den bisherigen Einbox-Konnektoren. Die Geräte gehören seit Jahren zur technischen Grundausstattung vieler Praxen und stellen dort die Verbindung zur Telematikinfrastruktur her.

Ihr Ende ist bereits absehbar. Die Gesellschafter der Gematik beschlossen 2025, die Nutzung der Einbox-Konnektoren nur noch maximal bis Ende 2030 zu ermöglichen. Für Ärzte, Kliniken und andere Einrichtungen bedeutet das dennoch keinen kurzfristigen Austauschzwang allein aufgrund der neuen Architektur. Bis die bisherige Technik vollständig ersetzt werden kann, bleibt ein mehrjähriger Übergang.

Gerade darin liegt eine der Herausforderungen der TI 2.0: Das Gesundheitswesen kann seine zentrale digitale Infrastruktur nicht einfach für einen grundlegenden Umbau anhalten. Anwendungen müssen weiter funktionieren, während darunter Teile der technischen Architektur erneuert werden.

Brüssel streitet über automatisch verschwindende Nachrichten

Auf europäischer Ebene geht es ebenfalls um digitale Infrastruktur – allerdings nicht um Gesundheitsdaten oder Zugangsarchitekturen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie die Europäische Kommission ihre eigene digitale Kommunikation aufbewahrt.

Die Debatte darf nicht mit der häufig als Chatkontrolle bezeichneten europäischen Gesetzgebung verwechselt werden. Bei dem aktuellen Streit geht es nicht um eine mögliche Kontrolle privater Kommunikation von Bürgern. Es geht um dienstliche Nachrichten innerhalb der politischen Spitze der EU und darum, wann solche Nachrichten als Dokument erhalten werden müssen.

Auslöser ist unter anderem ein Vorgang um eine Signal-Nachricht des französischen Präsidenten Emmanuel Macron an Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Die Kommunikation stand im Zusammenhang mit den Mercosur-Verhandlungen.

Ein Journalist beantragte Zugang zu der Nachricht. Die Europäische Kommission bestätigte später, dass es die Kommunikation gegeben hatte. Vorlegen konnte sie die betreffende Signal-Nachricht jedoch nicht mehr: Für den Chat waren automatisch verschwindende Nachrichten aktiviert.

Eine Nachricht verschwindet – der Transparenzstreit bleibt

Der Fall beschäftigte schließlich die Europäische Bürgerbeauftragte. Sie stellte im Juni 2026 einen Missstand bei der Bearbeitung des Antrags auf Informationszugang fest. Nach ihren Feststellungen ließ sich nicht ausschließen, dass die Nachricht erst nach Eingang dieses Antrags automatisch verschwunden war.

Hinzu kam eine erhebliche Verzögerung. Der Antrag war nach Angaben der Europäischen Bürgerbeauftragten im Kabinett der Kommissionspräsidentin 15 Monate lang nicht bearbeitet worden.

Die Bürgerbeauftragte zog daraus eine grundsätzliche Konsequenz. Politisch relevante Text- und Sofortnachrichten zwischen Staats- und Regierungschefs, Ministern und Mitgliedern der EU-Kommission sollten für einen angemessenen Zeitraum aufbewahrt werden. Liegt bereits ein Antrag auf Zugang zu einem Dokument vor, soll die betreffende Kommunikation bis zum Ende des Verfahrens erhalten bleiben.

Der Vorgang ist nicht abgeschlossen. Am 18. September 2026 wurde beim Europäischen Bürgerbeauftragten eine weitere Antwort der EU-Kommission in dem Verfahren veröffentlicht. Daraus allein lässt sich jedoch nicht ableiten, dass Brüssel sämtliche Empfehlungen übernommen oder vollständig zurückgewiesen hat.

EU-Kommission löscht nicht registrierte E-Mails nach sechs Monaten

Der Konflikt reicht über den einzelnen Signal-Chat hinaus. Er berührt die grundsätzliche Frage, wann eine digitale Nachricht zum aufbewahrungspflichtigen Dokument wird.

Die internen Regeln der Europäischen Kommission sehen vor, dass dienstlich relevante Dokumente registriert werden müssen. Nicht registrierte E-Mails können dagegen nach sechs Monaten automatisch gelöscht werden. Auch bei Messenger-Diensten auf dienstlichen Mobilgeräten spielen Funktionen für automatisch verschwindende Nachrichten eine Rolle.

Das schafft ein Spannungsfeld. Automatische Löschung kann Teil eines Sicherheits- und Datenmanagementkonzepts sein. Eine öffentliche Institution muss zugleich gewährleisten, dass relevante politische Entscheidungen dokumentiert bleiben und bestehende Rechte auf Zugang zu amtlichen Unterlagen nicht dadurch ins Leere laufen, dass die gesuchte Kommunikation technisch bereits verschwunden ist.

Die Kritik beschränkt sich deshalb nicht auf die Europäische Bürgerbeauftragte. Auch das Europäische Parlament äußerte 2026 Bedenken gegen die Dokumentenregeln der Kommission und thematisierte ausdrücklich die automatische Löschung von Textnachrichten.

Zwei Digitalbaustellen, eine entscheidende Frage

Die TI 2.0 und der Streit um verschwindende Nachrichten der EU-Kommission sind voneinander unabhängige Vorgänge. Sie zeigen dennoch, wie stark öffentliche Institutionen inzwischen von Regeln abhängig sind, die tief in digitalen Systemen stecken.

Im deutschen Gesundheitswesen entscheidet die Architektur darüber, wie Ärzte, Kliniken und andere Einrichtungen künftig auf sensible Dienste zugreifen. Die Telematikinfrastruktur soll dafür schrittweise von ihrer bisherigen Hardwarelogik gelöst werden. PoPP und VSDM 2.0 zeigen, dass dieser Umbau bereits begonnen hat. Gleichzeitig bleiben die heutigen Konnektoren noch Teil des Systems – spätestens Ende 2030 soll ihre Zeit jedoch ablaufen.

In Brüssel liegt das Problem an einer anderen Stelle. Dort entscheidet eine technische Einstellung darüber, ob eine Nachricht nach einer bestimmten Zeit noch existiert. Sobald solche Kommunikation politisch oder verwaltungsrechtlich relevant wird, ist das keine bloße Komfortfunktion eines Messengers mehr. Dann geht es um Dokumentation und Transparenz.

Die entscheidenden Entwicklungen liegen deshalb noch vor beiden Institutionen. Bei der TI 2.0 muss sich zeigen, wie reibungslos die neue Sicherheits- und Zugangsarchitektur in den regulären Betrieb überführt werden kann. Die EU-Kommission wiederum steht vor der Frage, welche Konsequenzen sie aus den Empfehlungen der Bürgerbeauftragten und der Kritik an ihren Regeln für digitale Dokumente zieht.

Quellen

  1. TI 2.0 – Unser Weg in die ZukunftGematik
  2. Commission asked to retain text messages sent by heads of state and governmentEuropäische Bürgerbeauftragte
  3. Commission Decision (EU) 2024/3080EUR-Lex
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